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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 89
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Tragische Geschichte von einer Cigarrenschachtel.

Mit Anhängen.

             

Am Hafen von Hamburg stand ich einmal,
Besah mir der Schiffe gedrängte Zahl;
Kolosse ragten im Wald hervor,
Staunend sah ich daran empor,
Besonders erschien ich mir fast wie ein Zwerg
Genüber einem hölzernen Berg,
Neben dem die andern, die auch nicht klein,
Einschrumpften zu ärmlichen Hügelein.
Es war im gewaltigen Bau kein Regen,
Doch sah ich im Geist ihn schon sich bewegen,
Auf that sich vor mir die große Bahn,
Der unermeßliche Ozean,
Darauf er gefaßt stand ohne Zagen,
Der stolze Schwimmer, die Fahrt zu wagen.
Ich sah ihn schweben durch blaue Luft
Geruhig über der schwarzen Gruft,
Ich sah ihn ringen mit Sturmes Wuth,
Mit der grimmigen, schäumenden Wogenflut,
Und ich sah hervor aus der schrecklichen Schlacht
Als Sieger ihn gehen in seiner Pracht.

    Wie ich nun so stand in Gedanken
Und mein Aug' an den stolzen Flanken,
Den Masten hinaufstieg und langsam wieder
Ueber die hohen, breiten Glieder
Herunterlief und das Wasser streifte,
Das den ruhenden Kiel umschweifte,
Da kam spielend auf grünlicher Welle,
Spazierenrutschend mit mäßiger Schnelle,
Sichtbarlich spottend jeglicher Schwere,
Eine baufällige, brüchige, leere
Cigarrenschachtel herangetänzelt,
Leichtfertig zierlich herangeschwänzelt.
Sie rudert grad, sie rudert krumm,
Dreht wirbelnd sich im Kreis herum,
Treibt wieder vorwärts; mit Verdruß
Sieht sie den Riesen, ein Entschluß
Zuckt in ihr auf, der windige Wurm
Schickt sich zum Angriff auf den Thurm,
Läuft an und pufft: »Klipp, klapp, klapp, klipp!
Da hast du ein's am Mammuthsripp!«
– Wupp dich! – »Au! Hart!
Aber wart nur, wart!
Nur zu neuem Anlauf hüpf' ich zurück,
Versuche noch einmal kühn mein Glück!«
Noch einmal wagt es der freche Tropf,
Rennt an mit dem Schädel, dem leeren Kopf:
Wupp dich! O weh!
Ade!
Zerschellt
Ist der flotte Held,
Unbrauchbar selbst für Trödelkram und Schacher
Schwimmen die Splitter ringsumher. –
Da fiel nun so von ungefähr
Mir Goethe ein und seine Widersacher.

 
Anhang 1.   Unterschied.

       

»Und du selber,
Vor Misgunst Gelber?
Hast's ja nicht besser getrieben,
Hast an ihm dich gerieben,
An dem Herrlichen, Großen
Den Kopf dir zerstoßen.«

– Du Dämischer
Und doch Hämischer,
Der mit trübem Kopfe
Mengt in Einem Topfe
Des Neides häßliche Triebe
Und die erzürnte Liebe!

 
Anhang 2.   Götzendienst.

                       

Kritik ist keine Sichel,
    Zu mähen kurz und klein,
Aber Verehrungsmichel
    Kann man doch auch nicht sein.
Michel und seine Vetter,
Sie brauchen Götter.
Sei groß nach Möglichkeit
In deinen Schranken,
Sie werden nicht danken,
Verlangen ein Götterkleid,
Wollen betend verehren
Und stets vermehren,
Daß sie nirgends und nie
Sich könne leeren,
Die Mythologie.

    Es ist recht so
Und ist auch schlecht so.
Alle Phantasmen
Dienen der Kunst
Und sind auch Miasmen,
Giftführender Dunst,
Veredeln, bessern, erhöhn
Und gleichen dem lauen Föhn,
Der so süß und so schmeichelnd lacht
Und dafür mit Gewitterschlägen,
Mit peitschendem Sturm und stürzendem Regen
Die unbarmherzige Rechnung macht.
Als folgte auf Harfengetön
Wuthgeheul wild und gräßlich;
Ja, da ist häßlich schön,
Und schön ist häßlich.
Verliebte verehren,
Verklären
Mit Recht und Fug,
Wo herzlich Achten wäre genug;
Daß die Andern es auch so halten,
Todte erheben zu Göttergestalten,
Das führt uns Genien in das Leben,
Mit denen wir hoch und höher schweben.
Das erzeugt uns Drachen
Mit fletschendem Rachen.
Mit seinen freundlichen Menschenzügen
Will ihnen Jesus nicht genügen,
Ein Gottessohn muß er sein:
Und in höllischem Flammenschein
Müssen, weil sie's nicht glauben können,
Tausende, aber Tausende brennen.
Unter der Folter in Henkershänden
Vor Schmerzen brüllend ihr Leben enden,
Denn der limbus
Infantium

Braucht Nimbus
Und Götterthum.

 
Anhang 3.   Ohne.

                 

Wir haben keinen
Lieben Vater im Himmel.
Sei mit dir im Reinen!
Man muß aushalten im Weltgetümmel
Auch ohne das.
Was ich Alles las
Bei gläubigen Philosophen,
Lockt keinen Hund vom Ofen.
Wär' Einer droben in Wolkenhöh'n
Und würde das Schauspiel mitanseh'n,
Wie mitleidslos, wie teuflisch wild
Thier gegen Thier und Menschenbild,
Mensch gegen Thier und Menschenbild
Wüthet mit Zahn, mit Gift und Stahl,
Mit ausgesonnener Folterqual,
Sein Vaterherz würd' es nicht ertragen,
Mit Donnerkeilen würd' er drein schlagen,
Mit tausend heiligen Donnerwettern
Würd' er die Henkerknechte zerschmettern.

    Meint ihr, er werde in anderen Welten
Hintennach Bös und Gut vergelten,
Ein grausam hingemordetes Leben
Zur Vergütung in seinen Himmel heben?
O, wenn sie erwachten in anderen Fluren,
Die zu Tod gemarterten Kreaturen:
»Ich danke!« würden sie sagen,
»Möcht' es nicht noch einmal wagen.
Es ist überstanden. Es ist geschehen.
Schließ' mir die Augen, mag nichts mehr sehen.
Leben ist Leben. Wo irgend Leben,
Wird es auch eine Natur wieder geben
Und in der Natur ist kein Erbarmen.
Da werden auch wieder Menschen sein,
Die könnten wie dazumal mich umarmen –
O, leg' in's Grab mich wieder hinein!«
Wer aber lebt, muß es klar sich sagen:
Durch dieß Leben sich durchzuschlagen,
Das will ein Stück Rohheit.
Wohl dir, wenn du das hast erfahren
Und kannst dir dennoch retten und wahren
Der Seele Hoheit.
In Seelen, die das Leben aufhalten
Und Mitleid üben und menschlich walten,
Mit vereinten Waffen
Wirken und schaffen
Trotz Hohn und Spott,
            Da ist Gott.

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