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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 87
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Konfession.

I.

               

Wohl mir, daß ich, im altprotestantischen Lande geboren,
    Stärkende Ketzerluft durfte schon athmen als Kind!
Freilich es ist gesorgt, daß nicht in den Himmel die Bäume
    Wachsen; des Heidenthums wahrte noch Luther genug;
Augurn fehlen uns nicht; wenn dumm der Staat sie begünstigt,
    Schießt das Tyrannengelüst lustig und üppig in's Kraut,
Ja in Synedriumsgeist amtiren Söhne von Denkern,
    Daß sich der Vater im Grab wendete, könnt' er es seh'n.
Wahr ist auch, ein trockner Geruch, ein saurer, verhockter,
    Altgebackner umhaucht unserer Kirche Gestühl.
Aber stetig und stark durch Thüren und Fenster und Ritzen
    Streicht doch ein frischer Zug lebender Lüfte herein,
Und es erfreut mich doch, so gründlich verachtet zu sehen
    Fetisch und Heiligendienst, Dalai Lama in Rom,
Und ich vernehme ihn gern, den altsprichwörtlichen Ausruf –
    Schad wär's, käme er ab, hoffentlich bleibt er im Brauch,
Oefters hört man ihn noch, wenn Einer so recht desperat ist
    Und die verrückteste That wüthend für möglich erklärt –:
»Wetter! Da möchte man ja vor Zorn katholisch noch werden!«
    Ruft er und schlägt auf den Tisch, hat sich entlastet und lacht.

 
II.
Grund zur Toleranz.

War da ein freundlicher Herr, auch ließ sich viel mit ihm reden,
    Staat und Religion nahmen wir vor im Gespräch.
Ganz frei war er im Geist und gleich war's, ob an dem einen
    Oder am andern Altar er einst die Taufe empfieng;
Keinerlei Neugier spürt' ich, doch also lenkt' er die Rede,
    Daß er mich merklich zwang, endlich zu fragen danach.
Sind Sie katholisch? fragt' ich ihn denn, er lächelte, nickte,
    Ja, mit Verlaub, mein Herr, sagt er, so bin ich getauft;
Aber wissen's, da war ich halt noch ein winziges Kindlein,
    Armer gewickelter Wurm, konnte mich wehren noch nicht.

 
III.
Grund zur Intoleranz.

Bist du geärgert, Leser? Ich will's nicht hoffen, ich zählte
    Gar so von Herzen gern zu den Vernünftigen dich,
O zu dem lichten Kreis der denkenden Geistergemeinde,
    Wie sie im Klaren wohnt über dem Dunste der Welt.
Glieder von allerlei Volk umfaßt die vertraute Gesellschaft,
    Und nach dem Taufbuch wird Keiner von Keinem gefragt.
Kirchen gibt es da nicht, da gibt's nicht Religionen,
    Aber in heiligem Ernst waltet die Religion.
Doch so sanft sind sie nicht, die einverstandenen Geister,
    Als sie im weichen Gemüth sich der Empfindsame denkt;
Freilich, sie sind tolerant, doch je toleranter, um desto
    Mehr auch intolerant gegen die Intoleranz;
Herzlichen Mitleids voll dem Volke der armen Bethörten,
    Aber gründlichen Haß gegen die Pfleger des Wahns!
Denn sie hasset den Wahn, die Vernunft, sie muß ihn ja hassen,
    Muß ihn bekriegen wie Phöbus Apollo die Nacht.
Kennst du in Lessing nur den milden Dichter des Nathan,
    Bloß zur Hälfte fürwahr kennst du den herrlichen Mann.
Lies du den »Antigöze« und sieh ihn wettern und blitzen
    Gegen des Pfaffenthums päpstisches Ketzergericht.
Kennst du den heiligen Zorn auf Schillers leuchtender Stirne?
    Siehst du in seiner Faust blinken das schneidige Schwert?
Kennst du das Gorgohaupt, von dessen Betrachtung er herkommt,
    Unserer Leidenszeit blutiges, grasses Gespenst?
Dreißig Jahre des Kriegs mit jenen finsteren Mächten,
    Der das gesegnete Land endlich zur Wüste verkehrt!
Glaubst du, er senkte sein Schwert und bärg' es zahm in die Scheide,
    Schwebte er heute zu uns nieder in's irdische Thal,
Säh' er am Ambos steh'n die schwarzen Gesellen und eifrig
    Nägel, spitzig und lang, schmieden zum Sarge des Reichs?
Unseres deutschen Reichs, mit theurem Blute gekittet,
    Daß wir als Nation endlich mit Ehren besteh'n,
Ja mit Strömen des Bluts, wie einst es die Ahnen vergossen
    Für des Gewissens Recht gegen die Ketten des Wahns –
Glaubst du, er senkte sein Schwert? Er zückt' es blitzend und schlüge
    Hauend mit Geistermacht unter die Rotten des Feinds.
O, sie ruhen ja nicht, sie sorgen dafür, daß die grause
    Blut'ge Erinnerung nicht schlafe im Sarge der Zeit!
Könnten sie nur, sie würden den Holzstoß schichten noch heute
    Und die Opfer mit Lust sehen zu Asche verglüh'n.

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