Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Theodor Vischer >

Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 63
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
Schließen

Navigation:

An Uhland's Geist.

Ems 1871, als an der Wirthstafel ein Kellner aufwartete,
der Sonntags zwei Orden trug.

       

Wenn heut dein Geist herniederstiege
    In diese deine deutsche Welt,
Wie sie nach neuem heil'gem Kriege
    Ihr Haus gemauert und bestellt:
Hoch auf dem Giebel Preußens Krone,
    Der Bau ein erblich Kaiserthum, –
Du zögst in Falten zweifelsohne
    Die Stirn und schautest kaum dich um;

Dein Auge sänk' in seine Höhle,
    Ein Seufzer kündete dein Leid:
»O, von der Freiheit heil'gem Oele
    Ist solch ein Scheitel nicht geweiht!
O Tag, so bist du nicht gewesen,
    An den ich lange fromm geglaubt,
Tag, wo mein Volk sich würd' erlesen
    In freier Wahl sein Herrscherhaupt!« –

In Ehrfurcht sei von uns gebeten,
    Hieher in diesen heitern Saal
Zum Tisch der Lebenden zu treten,
    Du ernster Gast im Erdenthal!
Du pflegst das Volk nicht zu verachten,
    So wolle denn, von uns umringt,
Den schlanken jungen Mann betrachten,
    Der uns den Wein, die Schüsseln bringt.

Sieh hin, er trägt ein Kreuz von Eisen
    An einem schwarz und weißen Band;
Dir ist, was dieser Schmuck will heißen,
    Von alten Tagen wohl bekannt.
Doch kann er's nicht von damals haben,
    Als Erbe streicht man es nicht ein,
Es muß von diesem wackern Knaben
    Mit eignem Arm errungen sein.

Das zweite, das daneben funkelt
    Von buntem Schmelz und Goldeslicht,
Das feine Ritterkreuz verdunkelt
    Des schlichten Nachbars Ehre nicht:
Sein Landsherr hat's ihm angeheftet,
    Des Männerwerthes wohl bewußt.
Gib zu: hier ist dein Wort entkräftet
    Vom trüben Stern auf kalter Brust.

Wenn er, gefällig anzuschauen,
    Mit grünen Bohnen uns bedenkt:
Jüngst hat er mit gegoßnen blauen
    Aus heißem Rohr den Feind beschenkt.
Mit leichtem Griff befreit er eben
    Das Rebenblut aus seiner Haft:
So sachte nicht im Kampf um's Leben
    Entkorkte er den rothen Saft.

Da diente er bei andrem Schmause
    Dem fürchterlichen Schlachtengott
Im mörderischen Kugelsause
    Bei Marslatour und Gravelotte.
Mit seinem Volk in Wehr und Waffen
    Hat er im blutgestriemten Feld
Redlich am Reiche mitgeschaffen,
    Zugleich ein Kellner und ein Held. –

Es thaut auf deinem Angesichte;
    Dem Geist von höheren. Geschlecht,
Dem Genius der Weltgeschichte
    Beugt sich dein Trotz auf's alte Recht.
Noch ist nicht Alles rund beisammen,
    Auch uns gefällt's nicht allerwärts,
Doch seh' ich dir das Auge flammen
    Und klopfen hör' ich dir das Herz.

 << Kapitel 62  Kapitel 64 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.