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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 61
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Krieg 1870–1871.

Zwei Brüder.

(Erich und Axel, Grafen von Taube,
gefallen in Champigny 2. Dezember 1870.)

I.

                 

Da liegen sie in offnen Särgen beide,
    Das Schwert zur Seite und den Lorbeerkranz;
Vom Wundenkrampf, vom letzten grimmen Leide
    Weiß nichts ihr Angesicht; zufrieden ganz,
Ganz friedlich sind die jugendlichen Züge,
Als sagten sie jedwedem, der sie früge:

Zusammen sind wir hoffnungsvoll erblühet,
    Zusammen griffen wir zur blanken Wehr
Für's Vaterland in tiefster Brust erglühet,
    Zusammen kämpften wir im Siegesheer,
Zusammen sind wir brüderlich gefallen,
Zusammen geh'n wir in die ew'gen Hallen.

Mir aber ist vor diesem Todtenbilde,
    Das wunderbar des Herzens Tiefen rührt,
Als würd' ich zu entlegenem Gefilde,
    In's ferne Griechenland vom Geist entführt,
Dorthin, in's enge Thor der Thermopylen,
Wo die Dreihundert einst zusammen fielen.

Die schlichte Schrift am Male dieser Todten:
    »Kommst, Wandrer, du nach Sparta, melde dort,
Daß du gehorsam, wie es uns geboten,
    Uns liegen hier gesehen,« – dieses Wort,
Ihr Todtenzüge, o, ihr stillen, lieben,
Mir ist, als läs' ich es in euch geschrieben.

 
II.

Ein Männerzug, fast endlos, kommt geschritten,
    Zwei Särgen folgend zu der dunkeln Gruft,
Voran das Haupt, das solchen Schlag erlitten.
    Die Glocken klagen in die graue Luft.
Es wallt das Volk, die Straßen sind zu enge,
Stumm vor dem Bilde steht die dichte Menge.

Das ist nicht Neugier, eitle Lust, zu schauen,
    Ist nicht ein Aufsehen, weil es Grafen sind,
O nein! von diesen thränenreichen Frauen
    Verliert in ihnen jede heut ihr Kind;
Hier ist kein Vater, der die theuren Erben
In diesem Söhnepaar nicht sähe sterben,

Kein Bruder, keine Schwester, die nicht weinen,
    Als ziemte ihnen euer Trauerkleid,
In diesem Schlag des Tods, in diesem einen,
    Faßt sich zusammen eines Volkes Leid,
Vereinigt strömen alle Thränen nieder,
Und Tausende sind Eines Hauses Glieder.

Wir haben nicht um Wenige zu klagen,
    In ganzen Schwaden sind sie hingemäht,
Und Mancher sank in reifem Mannestagen,
    Doch dieser Fall des Jünglingspaares steht
Ein Sinnbild da, für all den Schmerz errichtet,
Ein Trauerspiel, vom strengen Tod gedichtet.

Ja, dieser blut'ge Brüdertod verbündet
    Zu Einem Hause dieses ganze Land!
Und noch ein größres Haus ist ja gegründet:
    Die Nation umschlingt ein neues Band
Und diese Brüder, die vereint gefochten,
Sie haben mitgegründet, mitgeflochten.

So lange man in deutscher Stämme Mitten
    Dieß theure Land, dieß Schwabenland noch kennt,
So lang, im Baum des Lebens eingeschnitten,
    Die Weltgeschichte noch ein Deutschland nennt,
Wird man auch reden von den jungen Braven,
Die brüderlich den Heldenschlummer schlafen.

Und wenn aus diesem heil'gen Völkerkriege
    Die Kämpferschaaren einst zurückgekehrt,
Und wenn ein Künstler unsre blut'gen Siege
    Mit eines Denkmals hehren Formen ehrt,
Wenn, wie Athene's herrliches Gebilde,
Germania strahlet mit gehobnem Schilde,

Am Steine, drauf das hohe Weib wird stehen,
    Heb' er zwei Szenen aus dem Marmorgrund:
Hier sei ein blühend Brüderpaar zu sehen,
    Der eine küßt dem andern Stirn und Mund,
Der sterbend liegt; dann sehe man die Beiden,
Zum Tode wund im Tode selbst nicht scheiden.

O Elternpaar, du hast ein Gut verloren,
    Ein köstliches für diese Spanne Zeit,
Doch was für diese Spanne Zeit geboren,
    Es knüpfet nun dich an die Ewigkeit,
Denn eines ganzen Volkes ew'gem Leben
Eint euch, was ihr in Thränen hingegeben.

 
III.

Im stillen Haus, nachdem ihr sie begraben,
    Nachdem verschwunden des Geleites Schaar,
Da werdet ihr gefragt, gezweifelt haben,
    Ob es nicht besser, wünschenswerter war,
Sie wurden nie zur Freude euch geboren,
Als nun so früh mit Einem Schlag verloren!

Doch eine innre Stimme wird euch sagen:
    Geduldet sei des Schicksals schweres Joch!
Die theuren Häupter, die man hingetragen,
    Sie waren unser, waren unser doch!
Wie blickten wir in's Oede und in's Leere,
Wenn kinderlos vergangnes Leben wäre!

Sie bleiben unser. Willig hingegeben
    Der großen Zukunft ernstem Aufgebot,
Dem Wohl des Volks, worin wir sind und leben,
    Geweiht im Tode, sind sie uns nicht todt;
Dem Vaterland zwei Heldensöhne schenken:
Ja, Trost ist's, solchen Opfers zu gedenken.

Nie kann der Schmerz, er wird und soll nicht weichen,
    Doch reift er still, wird weich und licht und schön,
Denn sieh, dort schweben sie, die Brüderleichen,
    Lebend'ge Geister aus verklärten Höh'n,
Beweint, geehrt von eines Volkes Herzen,
Verewigt von so reinen, heil'gen Schmerzen.

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