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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 38
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Ein Tag in Sorrent.

                       

    Vom Ufer hieher an der Klippe Rand,
Wo an der wellenbenagten Wand
Aufrauscht mit Wut
Die gepeitschte Flut,
Hieher mit mir in behendem Sprunge
Schwinge dich, schlanker Schifferjunge!

    Das ist ein Toben, das ist ein Grollen!
Wie sie sich krümmen, wie sie rollen,
Wie sie schäumen,
Wie sie sich bäumen,
Wie sie donnern und schreien,
Heulen und klagen,
Stoßen und speien,
Hauen und schlagen,
Zu erobern endlich im Sturmesgraus
Der Erde uraltes, festes Haus!
Sie versuchen es schüttelnd und zausend
Von Jahrtausend zu Jahrtausend,
Und können nicht;
Sie laufen an und wetzen ihr Horn,
Doch es zerbricht. Drum schrecklicher Zorn
Stachelt sie immer
Mit Geächz und Gewimmer,
Mit Heulen und Fluchen,
Mit wahnsinnigem Spotte
Auf's Neue den Sturm zu versuchen.

    Wilder Bestien eine Rotte
Mit fletschenden Zähnen,
Mit fliegenden Mähnen,
Mit Hufen und Klauen
Glaub' ich zu schauen.
Dort stürzt ein Eber im Sprung heran,
Grunzend wetzt er den geifertriefenden Zahn.
Dort schwimmt ein Polype, mit scharfen Zangen
Umklammernd nimmt er ein Felsstück gefangen
Und will es zerbeißend erdrücken,

    Aber die Zangen brechen zu Stücken;
Aufgelöst in flockige, weiße,
Ineinandergezogene Kreise,
Fließt das Unthier zurück in's endlose Meer.

    Da tappt schwarz und schwer,
Brummend ein mürrischer Bär
Und umarmt mit den Tatzen in sicherem Griff
Ein Felsenriff
Und will es zerquetschen an zottiger Brust, und dumpf
Brüllt er, doch stumpf
Fallen die Tatzen herab, und hinaus
Zu den andern sinkt er in's Wogengebraus.

    Jetzt naht eine lange,
Spitzige, tückische Wasserschlange;
Auf dem Haupt eine silberne Kron' ihr sitzt,
Die von lauter schäumenden Perlen blitzt.
Geschlungen, geringelt
Leckt sie und züngelt
Hier und da, und da und dort,
Doch zurück und fort
Drängt sie mit dröhnendem, klapperndem Schall
Der unabsehliche Wogenschwall.

    Sieh da, in der Unthiere Troß
Ein weißes feuriges Roß!
Seine Mähne fleugt,
Es schlägt hinaus, es steigt,
Es wiehert und lacht;
Doch es zerkracht
An der Klippe, zackig und rauh,
Der edel gestaltvolle Gliederbau.
Aber als Löwe mit funkelndem Blick
Kehrt es zum Kampfe zurück;
Laut brüllt er auf, Doch mitten im Lauf
Hat er zerbrochen
Die mächtigen Knochen.
Dort zürnt, dort stößt ein mächtiger Stier,
Und ein Hirsch, ein herrliches Thier
Mit zwanzigend'gem Geweihe
Beschließt die Reihe.

    Doch nein, da kommt gestampft ein Gigant,
Ein großmächtiger Elephant,
Und mit unendlichem, schrecklichem Prall –
Wie der Boden zusammenschüttert!
Wie der Fels erschrickt und zittert!
Halte dich, Knabe, ein Fehltritt, ein Fall,
Und ich sehe dich niemals wieder –
Doch zerschellt, zerknallt sind des Ungethüms Glieder,
Und eine Riesensäule von Schaum,
Sein zerstäubter Körper, sucht Raum
Und findet ihn nicht, und hervor
Aus dem Geklüft und empor
Himmelan stürmt er,
Hoch, höher sich thürmt er –
Sieh, da ist er herübergeschossen
Und hat uns mit salzigem Naß übergossen,
Und fortgeschwungen
Seh' ich meines guten Jungen
Rothe, spitze
Neapolitanermütze
Schwimmen dort in der unwirklichen Flut. –
Muth, Muth!
Weine nicht, Paolo, eine andre,
Schönere kauf' ich dir; Mützen gibt's immer,
Doch so lang ich wandre,
Sah ich nimmer und nimmer
Ein Schauspiel, so göttlich groß!

    Aber zurück in den nassen Schoß,
Rückspeiend den Salztrunk, den sie getrunken,
Ist die bäumende, schäumende Säule gesunken.
In schweren Tropfen, wie nach Wetterschlägen
Ein klatschender, satter Gewitterregen,
Peitscht sie weit hinein die grünlichen Wogen.
Und das Roß mit des Halses zierlichem Bogen,
Und der grimmige Keiler, der mähnige Leu,
Und der Stier und der Hirsch mit dem reichen Geweih,
Der Polype mit gräulicher Zange,
Die gift'ge, gewundene Schlange,
Der tappende, brummende Bär,
Der Elephant, bergeschwer,
Wie sie nur heißen, die wüthenden alle,
Richten sich auf von dem schütternden Falle,
Und voll wüthender Reue
Ob dem Mislingen, auf's Neue
Beginnen den Sturm sie und wieder
Sinken geschlagen sie nieder,
Und fort und fort ohne End' und Ziel
Erzeugt sich das wilde, das herrliche Spiel.
Jetzt sind sie vermengt,
Ueberwälzen sich, eins an's andere gehängt,
In Klumpen zusammengeballt:
Du willst fassen eine Gestalt,
Und sie verschwindet im Schwalle,
Du suchst das Ganze: getrennt sind sie alle.

    Und was von schrecklichen Stimmen nur
Hat aufzubieten die ganze Natur,
Element und Kehle der Kreatur,
Ich höre sie alle
Verdoppelt im Halle:
Ein Brummen, ein Knurren, ein Brüllen,
Ein Zischen, ein Lachen, ein Schrillen,
Ein Gähnen, ein Knirschen, ein Pfeifen –
Nicht kann ich's mit Worten ergreifen!
Selbst des Schlachtengeschosses dumpfe Schläge
Hör' ich aus unterwühltem Wege,
Wo in zerfressener Felsen Bucht
Tief einbrandet der Wogen Wucht.
Hinweg! es vergeht mir Gehör und Blick!
Zu der Menschen traulicher Stätte zurück!
Mir kreiset das Haupt!
Ein Schwindel raubt
Mir die Besinnung! Du bist mir zu groß,
Du All, du unendlicher Kräfte Schoß!

    Komm, mein Paolo, komm an's Land,
Dort hinaus auf den weichen Sand
Herzhaft mit einem guten Sprunge!
Fasse mich an! Wohlauf, mein Junge! –
Da sind wir schon! Mußt blinzen, mein Sohn?
Kannst aus den Augen sehen kaum,
Weil hineingespritzt der salzige Schaum.

    Ich vergesse ihn nicht, wie er vor mir stand
Und ich das beißende Naß, den Sand,
Der mit dem Nasse sich lästig mischte,
Aus den Augen, den Locken ihm wischte.
Er war bildschön: so rührend gut,
Zufrieden meiner Pflege und Hut
Sah aus der langen Wimpern Kranz
Sein Auge mit seinem feuchten Glanz
Zu mir auf und, getrocknet bald,
Leuchtete aus der Locken Wald
Die bräunliche Stirn, die faltenfreie.
Daß unser Werk nun weiter gedeihe,
Brachte ich ihn auf seine Bitte
Hinüber zur nahen Fischerhütte,
Seinem Vaterhaus am Landungsstrand,
Wo ich heut morgen den Knaben fand
Mit Kameraden im Moraspiel
Und ihn, weil er so gut mir gefiel,
Erkor zum Führer und Cicerone,
Wiewohl er jeglicher Bildung ohne.
Seine Sonntagsjacke wollte er holen,
Die Mutter hatte es so befohlen.
Wie sie ihn sah, so ganz übergossen,
Wurde umfassender Wechsel beschlossen,
Sie zog auch Hosen und Hemd ihm aus,
Zerrissen, durchlöchert, es war ein Graus.
Ausgenommen waren die Socken,
Sie waren nicht naß und waren nicht trocken,
Denn es gab sie nicht. –
Jetzt wie ein Gesicht,
Ein erstandenes Wunder aus Griechenland,
Wie ein Erosbild von Praxiteles' Hand,
Stand lächelnd der nackte Knabe da.
Nicht schöner, nicht anmuthleuchtender sah
Einst Vater Zeus von Olympos' Höhen
Am Ida den Hirtenknaben stehen.

    Indessen die Mutter geschäftig wieder
Einhüllte den Bau der geschlanken Glieder,
Schrieb ich mir in mein Tagebuch
Die ersten Verse von diesem Versuch,
Dem unzulänglichen, arm bemühten,
Zu schildern des Meeres Toben und Wüten;
Schon hatte begonnen im Kopf die Musik.
Und sie sahen mit starrem, staunendem Blick,
Der Vater, die Mutter, der Sohn, die drei,
Daß ich der Schreibkunst mächtig sei.

    Der Knabe stand fertig und bereit,
Die Mütze fehlte zum festlichen Kleid.
Barfuß durfte man wohl ihn sehen,
Doch ohne Mütze durft' er nicht gehen.
Zu ersetzen vorerst den traurigen Schaden,
Gieng's in der Stadt zu einem Laden,
Wo von den Mützen aus rother Wolle
Eine Auswahl hieng, eine reiche, volle;
Ihr kennet sie: hoch, vorn überzuschlagen,
Die Phrygier haben sie so getragen.
Und ich kaufte ihm eine solide, feine,
Und wer war glücklicher als der Kleine?
Und wie aug-erfreuenden Anblick bot
Auf den dunklen Locken das helle Roth!

    Wie wir nun durch die Straßen wandern,
Drängten sich, einer um den andern,
Ciceroni heran, wie die Kletten zäh,
Und wollten nicht lassen und wollten nicht weichen,
Bis ich am Ende gewitterjäh,
Mit geschwungenem Stock, mit wuchtigen Streichen
In den zerstäubenden Haufen fuhr,
Laut ausrufend: der Eine nur,
Der kleine Paolo ganz allein
Soll heut in Sorrento mein Führer sein!

    Nach diesem luftreinigend starken Blitze
Trug Paolo stolzer die rothe Mütze
Und war mein Führer mit großem Ernst
Und zeigte mir eifrig dienstbereit,
Von aller Gelehrsamkeit fern und fernst,
Was er wußte von Sehenswürdigkeit.

    Zum Pranzo ließ ich uns Beiden decken,
Die Maccaroni ließ er sich schmecken,
Er aß mit entschiedener Magenkraft,
Denn er nährte für sie als treuer Sohn
Seiner gesammten Nation
Eine tiefe, romantische Leidenschaft.
Doch wie gelüstig er speiste, wie munter
Die Nudeln er mit der Gabel hob
Und in den Mund sich von oben schob,
Nichts Unanständiges lief mitunter,
Seine Sitte war rein und ohne Tadel,
Als wär' er gebürtig von altem Adel.

    Und Abends führt' ich ihn wieder nach Haus.
Das Meer war ruhig, der Sturm war aus.
Ein tiefes Schweigen war in den Lüften,
Durchwürzt von seinen Orangendüften.
Hinab war die Sonne, doch goldnes Licht –
Des Malers Pinsel erreicht es nicht –
War noch über die Welt ergossen,
Kam auf den sanften Wellen geflossen,
Sie schlugen nur leise an's Ufer an,
Fern sang ein Fischer in seinem Kahn.
Wir standen und sahen still hinaus
Bei den Klippen, wo wir im Sturmesgraus
Umgähnt gewesen vom nassen Grabe.
»Quanto è calmo!»sagte der Knabe.

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