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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 32
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Albano.

           

Es war nicht heiter, als ich endlich stand
Auf der Albanerberge hohem Rücken,
Es riß der Sturm die Pinien fast zu Stücken,
Schwer kreisten Wolken um die Felsenwand.

Tiefbrütend nagt an seines Kessel Damm
Albano's See, der alte Feuertiegel,
Unheimlich malt in seinem düstern Spiegel
Der Monte Cavo den betagten Kamm.

Am Ufer ob der schaumerregten Flut
Schießen verscheucht, mit zweifelndem Gefieder
Zwei Möven kläglich wimmernd auf und nieder,
Als klagten sie um jüngst geraubte Brut.

Fern flimmt das Meer durch Wetterwolkensaum,
Dumpf drohend brennt in schwefelgelber Helle,
Gemischt mit Stahlblau, die gereizte Welle,
Und zuckend blitzt der wilden Brandung Schaum.

Rings will kein freundlich Menschenbild sich nah'n,
Nur hie und da mit einer Stirn voll Tücke,
Vermummt im Mantel, Messer in dem Blicke,
Tritt ein Albaner ohne Gruß heran.

Sonst wenn ein Fremdling in die Berge geht
Dem Lenz entgegen, lacht die Erd' in Farben,
Der Himmel grüßt mit vollen Strahlengarben
Den Balsamduft, der durch die Lande weht.

In Myrtenbüschen schlägt die Nachtigall,
Des Berges braune Töchter zu erregen,
Daß sie im Tanze glühend sich bewegen,
Tönt Castagnetten- und Tamburo-Schall.

Das sonn'ge Bild, es bleibt ihm eingedrückt,
Am deutschen Herd in winterlicher Stunde
Erzählet er, indeß mit offnem Munde
Staunend das Kind, die Gattin nach ihm blickt.

Spät wird vielleicht am grünen Wanderstab
Ein Kindeskind in diese Berge wallen,
Ihm wird im Ohr noch wie ein Märchen hallen
Des Ahnen Wort – er ruhet längst im Grab.

Mir aber rief mein alter Unstern: Nein!
Sang mir das Lied mit giftgeschärften Zungen,
Das er mir an der Wiege schon gesungen,
Das alte Lied: du sollst nicht glücklich sein!

Und bei der Lüfte Geisterton erwacht,
Bäumt ein Gespenst, das mein Verderben suchet,
Ein dunkler Zorngeist, der dem Leben fluchet,
Den Drachenhals in meiner Seele Nacht.

In Klosterhöhlen ward es ausgeheckt,
Genährt im Gitter eines engen Lebens,
Gereizt vom Stachel fehlgeschlagnen Strebens,
Vom Schicksalshohn, vom Zweifel aufgeschreckt.

Heraus aus mir! Und wenn du widerstrebst,
Ich schleudre dich, scheuseliges Gerippe,
An jenes Abhangs wildgezackte Klippe,
Daß du zerfetzt wie dort die Wolke klebst!

Und trotzest du, dort auf die See hinaus,
Wohin mich bald die Wanderschritte bringen,
Schlepp' ich dich noch, dort will ich mit dir ringen
In Sturmes Pfeifen, in der Wogen Graus!

Dort pack' ich dich, mir selbst sei es gelobt!
Dort stoß' ich zu des Abgrunds Misgestalten,
Grünäugiger Larven Brut, den schlimmen, alten
Nächtlichen Dämon, der im Busen tobt!

Ich aber strebe frei und fröhlich fort,
Durch blaue Inseln schwebend hingetragen,
Schon seh' ich fern Athene's Tempel ragen
Und grüße jauchzend von des Schiffes Bord.

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