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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 30
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Hinaus.

Perugia.

I.

                     

Dieß linde Säuseln in der Luft,
    Was will es mir wohl sagen?
Auf Berg und Thal der blaue Duft,
    Wohin will er mich tragen?

Die Villen im Olivenwald,
    Die Höhen sanft geschwungen,
Die Mauer braun und Völkeralt,
    Von Epheu rings umschlungen,

Des Volkes fremde Art und Tracht,
    Der schwarzen Augen Funkeln,
Der Sprache Klang, des Schlosses Pracht,
    Wo rings Cypressen dunkeln!

Am Hügel dort schwingt sich empor
    Ein altergrauer Bogen;
Als Sieger ist durch dieses Thor
    Octavius gezogen.

Dort jene hohe Innenwand,
    Für ew'ge Zeit errichtet,
Von rühriger Etrusker Hand
    Aus Felsen aufgeschichtet,

Der düstern Lukumonen Sitz,
    Gepflanzt auf Bergeshöhen,
Er konnte nicht dem Siegerblitz
    Des Römers widerstehen.

Nach jenen Bergen schau' dich um:
    Fern hinter Eichenforsten
Sah man das alte Clusium
    Stolz wie ein Adler horsten.

Dort wird in unterird'scher Nacht
    Von längst verklungnem Leben,
Das oben einst im Licht gelacht,
    Das Grab dir Kunde geben.

Gebannt in seiner Kammer Hut
    Von dunkeln Geisterboten,
Auf seiner Cista schweigend ruht
    Das Marmorbild des Todten.

Da ist kein Kerker aufgethan,
    Er trifft die theure Waffe,
Den Krug, die Schale wieder an,
    Den Ring und die Agraffe.

Von muntern Farben glänzt die Wand
    Noch heut beim Licht der Kerzen,
Die Tänzerin klatscht in die Hand
    Und flinke Gaukler scherzen.

Nach Hirsch und Reh im hellen Saus
    Siehst du den Waidmann jagen,
Noch steht im schmucken Todtenhaus
    Der schlankgebaute Wagen.

Doch oben siehst du Burg und Feld
    Von Wehr und Waffen strotzen,
Nichts darf so groß sein in der Welt,
    Etrurien zu trotzen.

Hinunter an der Tiber Strom
    Zieht aus den wald'gen Hügeln
Porsenna, um das stolze Rom
    Mit Heeresmacht zu zügeln.

Da recket Scävola die Hand
    Getrost in Feuerflammen,
Steht Cocles fest wie eine Wand,
    Die Brücke kracht zusammen.

Der Tusker steht von Scham gebeugt
    Vor solcher Männer Wiege
Und Roma's Adler steigt und steigt
    Empor von Sieg zu Siege.

Steh' sinnend still! Was du erblickst
    Hier unter deinen Tritten,
Wohin du nur die Blicke schickst,
    Ist Land, wo Helden stritten.

Dieß linde Säuseln in der Luft,
    Was will es mir wohl sagen?
Auf Berg und Thal der blaue Duft,
    Wohin will er mich tragen?

Im tiefsten Kerne mahnt es mich
    Nach so viel kranken Stunden,
Die Seele drängt und reget sich,
    Sie will, sie will gesunden.

Sonst, wenn ich so im Nebelland
    Zu Haus im Düstern weilte,
Wenn sich die graue Wolkenwand
    Monatelang nicht theilte,

Da sank ich trüb in mich hinein
    Und grub im dunkeln Schachte,
Bis ich als Grund von allem Sein
    Das nicht'ge Nichts erbrachte.

Jetzt klingt es anders, da so rein
    Die klaren Lüfte hauchen,
Jetzt, wo aus jedem Mauerstein
    So mächt'ge Bilder tauchen.

Schau' hin! Schau' hin! spricht Herz und Mund,
    Im tiefen, blauen Schoße,
In jener fernen Berge Grund
    Liegt Rom, die ewig große!

 
II.

Die zweimal große, die den Tod
    Unsterblich überlebet
Und wie verklärt im Abendroth
    Ob ihrem Grabe schwebet!

Dich, alte Roma, seh' ich schon
    An deiner Größe kranken
Und ahnungsschwer vom Völkerthron
    Hinab in's Schicksal wanken.

Es wälzet dunkel sich heran
    Fernher aus grauem Norden,
Es fluten wie ein Ozean
    Wildfremder Völker Horden.

Sie stürzen deine Tempel um,
    Palast und Halle flammen,
Die Götterbilder sinken stumm
    In Trümmerschutt zusammen.

Sie hieß das Weltgericht im Zorn
    Dumpfbrausend sich ergießen,
Es soll in den verdorbnen Born
    Ein frischer Blutquell fließen.

Wie wild die blauen Augen noch
    Von Jugendfeuer sprühen,
Ein Geist der Treu' und Stille doch
    Wird keimen und erblühen.

Von Osten strahlt ein neuer Stern
    Herüber auf die Trümmer,
In des gefunden Volkes Kern
    Senkt er den lichten Schimmer.

Und sieh! Es ist zum zweiten Mal
    Italia geboren
Und hat für einen Heldenstahl
    Den Hirtenstab erkoren.

Versetze dich mit Herz und Sinn
    In dieß vertiefte Leben,
Vergiß die Flecken, die darin
    Von niedrem Stoffe kleben!

Tritt hier in's heil'ge Dunkel ein,
    In steilgewölbte Hallen,
Sieh den geheimnißvollen Schein
    Durch bunte Gläser fallen!

Betrachte dir Altar und Wand
    Und laß dich kindlich rühren,
Laß in des Glaubens Märchenland
    Dich gerne träumend führen!

Bei einer Krippe siehest du
    Ein himmlisch Mädchen sitzen,
Es sieht ein Stern von oben zu
    Durch morschen Daches Ritzen.

Und Hirten um die Jungfrau mild
    In trunkner Andacht knieen,
Und ferne nach des Sternes Bild
    Siehst Könige du ziehen.

Sie hält ein Kind an ihrer Brust
    Mit rührender Gebärde,
Voll Unschuld, Scham und Mutterlust
    Blickt sinnend sie zur Erde.

Es ist ihr Kind und ist es nicht,
    Sie sagt es sich mit Bangen!
Indeß die Mutterliebe spricht:
    Ich darf es traut umfangen.

Das Wunder über Wunder groß,
    Sie kann es ja nicht fassen,
Daß nieder in den ird'schen Schoß
    Die Gottheit sich gelassen.

Doch ach, schau' hin! Dort hängt ihr Sohn
    An's Marterkreuz geschlagen!
Als mein' und deiner Sünden Lohn
    Hat er die Pein getragen.

Die Mutter blickt zum Kreuz empor,
    Ein dreifach Schwert im Herzen,
Es steht um sie der Freunde Chor
    In unsagbaren Schmerzen.

Doch aus der Grabeshöhle Nacht
    Hat er sich aufgeschwungen,
Wo ist, o Hölle, deine Macht?
    Dein Stachel ist bezwungen!

Nun sieh am theuren Muttergrab
    Die Jünger sich vereinen,
Sie, die der Welt den Heiland gab,
    Wie Waisen zu beweinen!

Man hebt den Stein von ihrer Gruft:
    Sieh die Erstaunten stehen!
Da hauchen Blumen süßen Duft,
    Sie selbst ist nicht zu sehen.

Blick auf! Dort oben schwebt sie schon
    In seligem Entzücken,
Schon darf sie den erhöhten Sohn
    In goldnem Licht erblicken.

An seiner Seite wird sie sein,
    Er reicht vom ew'gen Throne
Umringt von holden Engelreih'n
    Ihr sanft die Himmelskrone.

Welch Herz voll keuscher Innigkeit
    Hat diese Welt entfaltet
Und schüchtern in der Anmuth Kleid
    Den heil'gen Kern gestaltet?

Komm, Perugino, reich' die Hand,
    Herzguter alter Meister!
Es grüßen hier im welschen Land
    Vertraut sich unsre Geister.

Doch seh' ich an der Schulter dir
    Den größern Schüler stehen,
Ich fühle schon ganz nahe mir
    Des hohen Geistes Wehen.

Es dränget mich, es rufet mich,
    Das Auge will mir thauen,
Ich werd', o Sohn der Schönheit, dich,
    Darf, Raphael, dich schauen.

Hinab nach Rom! Hinab nach Rom,
    Hin nach den sieben Hügeln,
Zur Wunderstadt am Tiberstrom
    Hinab auf Schwalbenflügeln!

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