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Gutenberg > Friedrich Theodor Vischer >

Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 155
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Oedipus.

                               

Habt Nachsicht, Manen des Sophokles,
Vergebt mir, daß ich euch nachgestammelt.

I.

                     

Schon graute der Abend. Rauh und kalt
Durch düsteres Felsthal stürmte der Wind.
Unheimlich war es; mildere Lüfte
Erwartet in Hellas des Nordens Sohn.
Wir kamen von Thebä, hatten die öde
Stätte gesehen, wo Kadmos' Burg stand,
Hatten in Daulis lange gerastet,
Harrend, ob wir im Buschwerk nicht
Philomele's Klage vernähmen,

Aber es täuschte der kühle Maitag.
Wir ritten fest in die Mäntel gehüllt
Und schwiegen. Auf einmal hält
Mein Reisegenosse sein Saumpferd an.
Hier war es, ruft er, hier ist die Triodos,
Der Kreuzweg, wo er's gethan, der Arme!
Erbleicht im Gedächtniß war sie mir,
Die verhängnißvolle felsige Stelle,
Die im herzerschütternden Trauerspiel
Kenntlich der große Dichter zeichnet.
Geborsten in Urzeit ist das Gestein,
Drei enge Gassen blieben dem Wandrer. –
Wir standen und schauten.
Die Rossebesitzer, die Wächter in Waffen,
Der sorgliche Diener begriffen nicht,
Was da zu sehen sei und zu staunen.
Wir hatten Eile. Nach Delphi hinauf
Gieng die Reise, das hohe Gebirgsdorf
Arachowa sollten wir heut noch erreichen,
Um morgen im hellen Sonnenlichte
Zu steh'n, wo Apollon's heiliges Haus
Marmorschimmernd empor einst ragte.
Bedenklich war der nächtliche Ritt,
Grausame Räuber schweiften im Umkreis;
Die Wächter mahnten, wir aber weilten
Und schauten.
Hier ist es geschehen, du Mitleidswerther,
Geschlagner des Schicksals, Oedipus!
Wir wandern die Pfade, die du betratest;
Aufwärts, von wannen herab du zogst,
Führt uns der finstere, wilde Weg.

    Hinweg und weiter! Nacht ist's geworden.
Ueber Geröll und Steingesplitter,
Durch Rinnen und Risse zerfallner Straße
Blind mit den Hufen tastend und suchend,
Keuchend klimmen die müden Thiere
Hinauf an der Schlucht, wo dumpfaufrauschend
Der schäumende Pleistos rennt in die Tiefe.
Und durch die Seele gieng mir im Dunkel
Bild um Bild;
Geister schwebten, trübe Begleiter
Mir zur Seite, sahen mit großen,
Traurigen Augen mir in's Auge.
Dann schien mir auf einmal, es theile sich
Der Mantel der Nacht und Tag sei um mich,
Fürchterlich heller, greller Tag.

    Es war ein Tag, vor des Kadmos Burg,
Dem Sitze des Königs Oedipus,
Um des Apollon heil'gen Altar
Standen versammelt Greise von Thebä,
Männer und Knaben,
Zweige des Oelbaums in den Händen;
Aufseufzend zu dem verehrten Herrscher
Fragten sie ihn, ob er Rath nicht wisse,
Er, der beste der Menschen.
Mähende Seuche, raffende Fieber,
Ausgekocht in der Lüfte Gluthhauch,
Sind über Thebä's Fluren und Straßen,
Heerden und Menschen hereingebrochen.
Wer das Räthsel der Sphinx gelöst,
Wer so väterlich um uns sorgt,
Wird Abwehr finden auch dieser Noth,
Glauben die guten, vertrauenden Herzen.
Thränen vergießend um all' das Elend
Hat er bereits den Schwäher Kreon,
Seiner Gattin Jokaste Bruder,
Zu des mythischen Gottes erhabnem Haus
In Delphi droben hinaufgesandt
Und hofft und wartet auf lösendes Wort.

    Der kommt und berichtet den dunklen Spruch:
Ein Frevler lebt in des Landes Schoß,
Blutschuld lastet auf seinem Haupt,
Gemordet hat er den König Laios,
Verbannet ihn oder tödtet ihn,
Vertilgt den Frevel, und mit der Schuld
Schwindet die Strafe, die gottgesandte. –
Laios, Jokaste's erster Gatte,
War gefallen durch Räuberhand,
Verborgen waren die Thäter geblieben,
Erbleicht in der Menschen Gedächtniß war
Der Gemordete schon vor dem neuen, hellen
Herrschergestirn des Oedipus.

    Eifrig, zu folgen dem heil'gen Gebot,
Verkündigt der König: wer von dem Mörder
Weiß, der säume nicht, mir's zu sagen,
Dank empfängt er und reichen Lohn.
Wer da weiß und hehlt, den treffe der Bann,
Ihm verschließe sich jede Thüre,
Der Altäre und Tempel heiliger Dienst
Sei ihm versperrt als einem Befleckten!
Treu dem Gotte will ich als treuer
Mitstreiter wirken, suchen und richten,
Will für den Todten als Rächer stehen,
Als wär' er mein eigener Vater gewesen.
Dem Thäter aber, noch eh' er gefunden,
Fluch' ich, ein Leben voll schnöder Qual
Reibe den schnöden Verbrecher auf!
Und nährt' ich ihn selber ohne mein Wissen
Als Hausgenossen an meinen. Herd,
So treffe mich selber alles Leid,
Das ich dem Schuldigen angewünscht!

    Die Suche beginnt.
Den blinden Seher Tiresias
Beruft der König auf Kreon's Rath.
Licht soll er schaffen, der ohne Augen
Geistig schaut in Höhen und Tiefen.
Ungern kommt er, traurig und trüb
Senkt er das Haupt mit den weißen Locken,
Bittet: entlaß mich! Er will nicht reden,
Räth und ermahnt, nicht weiter zu spüren.
Jäh ist des Königs feurig Gemüth,
Argwohn faßt er, mit heftigen Worten
Fährt er ihn an und zeiht ihn verborgner
Mitschuld. Offenes Schreckenswort
Entringt sich des Greises Lippen jetzt,
Des beleidigten, arg verkannten:
Du bist der Mörder und mehr noch künd' ich:
Mit Blindheit geschlagen pflegest du
Naturentheiligend schnöden Bund.
Wie Jener es hört, das Undenkbare,
Empört sich die Galle, verstört sich der Sinn,
Unrecht begeht der Brave, Gerechte:
So am Geist wie am Leibe blind
Schilt er den augenlosen Greis
Und in Einem Athem gibt er ihm Schuld,
Mit Kreon, welcher als Ränkeschmied
Nach der Königskrone die Hand ausstrecke,
Steh' er in schleichendem Diebesbund.

    Genug ist's. Jetzo spricht der Seher:
So wisse, weil du mich Blinden gehöhnt:
Ein Blinder, den Weg mit dem Stab vortastend,
Ein Bettler, ein fluchbeladner Verbannter,
Bruder der eigenen Kinder,
Mörder des Vaters wirst du wandern
Hinaus in die Fremde!

    Kaum so nur, wie es uns grauen mag,
Wenn wir ein Schreckenswort anhören,
Das einem Andern verkündigt wird,
Graut es dem Oedipus. Rein von Schuld
Weiß er sich ja, der empörten Unschuld
Kochender Ingrimm füllet die Brust.
Kreon erscheint, den häßlichen Argwohn
Sprudelt er drohend gegen ihn aus. –
Wer den bewährten Freund verstößt,
Der thut Gleiches, sagt der Gekränkte,
Als stieß' er das eigene Leben aus;
Zu Grunde geh'n, ein verfluchter Mann,
Soll ich, wenn du mich wahr bezichtigst.
Aus den Gemächern tritt Jokaste,
Mahnt mit dem Volk den erbosten König,
Daß er des Bruders hohe Betheurung
Scheuend in Frieden ihn entlasse.
Er thut es, doch unmild, immer noch zürnend,
Klaget der Gattin, wie ihn der Seher
Auf Kreons Geheiß – so glaubt er noch immer –
Des gräulichen Mordes beschuldigt habe.
Sei sorglos, tröstet sie jetzt des Gatten
Wildaufwogendes Herz; nimm's leicht!
Spruch der Seher bekümmre dich nicht!
Kein sterbliches Wesen schaut in die Zukunft.
Ein Wort entlaste dich aller Angst:
Priester Apollo's irrthumbefangen,
Haben dem Laios einst verkündigt,
Ihm sei blutiger Tod beschieden
Durch des eigenen Sohnes Hand
Zur Strafe für alte Jugendschuld,
Am Freunde verübten Knabenraub.
Dem Kindlein, das ich nach Jahren ihm
Geboren, ließ er die Knöchel durchstechen,
Mit Gerten fesseln und übergab es
Einem Sklaven, im Waldgebirge
Des rauhen Kithäron es auszusetzen.
Durch andere Hand ist Laios gefallen,
Räuber, fremde, noch unerforschte,
Haben ihn überfallen, erschlagen
Am dreigespaltenen Kreuzweg –
Warum erbleichst du? Warum, mein Gatte,
Zuckst du und sinken die Züge dir ein?

    »Nenne das Land mir, wo es geschehen.«
Im Phokerland, wo von Daulis her
Nach Delphi gewendet die Straße führt;
Wegen der Sphinx den Gott zu befragen,
Die im Fleische von Thebäs Söhnen
Wüthete, war er dahin gereist.
»Wie war sein Ausseh'n?«
Ergrauende Locken, hohe Gestalt,
Die Züge den deinen ähnlich.
»Seine Begleiter, wie viele waren's?«
Vier und Einer davon entkam.
»Wo ist dieser Eine, lebt er im Haus noch?«
Er weilte bei uns, doch als du kamest,
Als du König von Thebä wurdest,
Ergriff er die Hand mir und bat mich innig,
Zur Hut der Heerden ihn fortzusenden
Ferne vom Anblick dieser Stadt.
»Kann man ihn rufen und schnell?« –
Warum so dringend? – Und Oedipus,
Mit bebenden Lippen erzählt er jetzt,
Was er bis dahin hat verschwiegen,
Was er im Glücke so gern vergessen,
Was ihm am Kreuzweg widerfahren.

    Laß mich die Last des Berichts, du armes,
Vom Blitze durchzucktes Menschenkind,
Von der stockenden Zunge dir nehmen!

    Ein fröhlicher Knabe wuchs er auf
In des reichen Korinthos' ragender Burg.
König Polybos und seine Gattin
Merope waren ihm Vater und Mutter.
Zum Jüngling geworden muß er ein böses
Wort vernehmen aus Spöttermund,
Zweifel zündend, ob sie es seien,
Die er als Eltern liebte und ehrte.
Da verläßt er die fürstlichen Hallen,
Nach Delphi zum wissenden Gott hinauf
Pilgert er, dumpfen Druck im Herzen,
Und fragt ihn um Licht.
Und es ergehet das grause Wort:
Tödten wirst du den Vater,
Wirst die Mutter zur Gattin haben
Und Kinder zeugen, des eigenen Vaters
Brüder und Schwestern.

    Fort und hinaus in die weite Welt,
Zu meiden, was auch zu denken nur
Entsetzlich ist!
Als trieben Gespenster, macht er sich auf,
Wandert und wandert, es senkt sich der Pfad,
Dumpf toset der Pleistos neben ihm,
Ueber die Blöcke zerriss'ner Felsen
Sucht er schäumend, springend und stürzend
Hinunter den dunkeln Weg zum Abgrund.
Tief in Gedanken horchet der Jüngling
Und schreitet abwärts weiter und weiter.
Er ist unten. Er stehet still
Sinnend, wohin er sich wenden solle,
Und schlägt sich linkwärts.
Hat kein warnender Geist dich leise
An der Schulter berührt und rechtwärts
Dir mit winkendem Finger gezeigt,
Wo am Ufer des Pleistos hin
Der Weg dich führte zur hellen Meerbucht,
Hinweg, hinaus in's Offne, in's Weite,
Wo die blaue See in die Ferne lockt?

    Gefahren kommt mit Dienergeleite
Ein stolzer Herr von großer Gestalt,
In dunkeln Locken das erste Grau;
Der Lenker der Rosse, wie er den schlichten
Wandrer im engen Felsweg sieht,
Haut mit geschwungener Geißel nach ihm,
Der Jüngling erwidert den rohen Schlag,
Jetzt auf den Scheitel fällt ihm ein Hieb,
Vom Wagen herab mit dem Stachelstabe
Heftig geführt vom Uebermuthe
Des Ungeduldigen, der da gebietet.
Aufbraust im Entehrten der Jugend Zorn,
Aus dem Wagen stößt er den barschen Thäter,
Rücklings stürzt der Getroffne herab,
Rafft sich empor und fällt mit den Dienern
Wüthend über den Fremden her.
Da gilt's Nothwehr.
Heldenmäßig an Gliederbau
Siegt er im wilden Handgemenge,
Erschlägt bis auf Einen, der entflieht,
Den Herrn und die Diener
Und wandert weiter nach Daulis hin.

    Hat es den düstern Muth dir gereizt,
Als du die Kunde da vernahmest
Von dem geflügelten Ungeheuer
Im nahen Thebä, wie es die Kühnen,
Die sich verwegen, sein Räthsel zu rathen,
Und es zu lösen nicht vermögen,
Zerreiße mit seinen Löwenklauen
Und als blutigen Zoll verschlinge?
Hast du gedacht: ich wag' es darauf!?
Was ist verloren, wenn ich's verliere,
Dieses gespenstische, schwüle Leben?

    Er kommt nach Thebä.
Dort in der alten Burg des Kadmos
An des ermordeten Königs Statt
Waltet Kreon in schweren Sorgen.
Räuber, so hatte der Flüchtling gesagt,
Waren es, die den Laios erschlugen.
Nach der Bande zu forschen, zu fahnden,
Gönnt nicht Athem der Drang der Zeit;
Auf die Ferse dem Schrecken tritt der Schrecken,
Des Kreon eigner geliebter Sohn
Ist Opfer geworden des Ungethüms.
Verkündigt hat er in all der Noth:
Wer sich stellt, das Räthsel zu lösen
Der menschenopferschlingenden Sphinx,
Und es erräth, soll haben zum Lohne
Der Witwe Jokaste fürstliche Hand
Und mit ihr die Krone des todten Königs.
Der Fremdling wagt es.
Hellen Geistes, gedankenschnell
Löset er leicht die dunkle Frage,
In den Abgrund stürzt sich der geisterhafte
Zwitter aus Jungfrau, Vogel und Löwe.
Hochgefeiert wird der Erretter,
In der Hand einen Kranz von Myrthen und Lorbeer,
Tritt ihm entgegen das hohe Weib,
Jener edlen Gestalten eine,
Welche dem herbstlichen Reif der Jahre
Trotzen in Frische gediegener Kraft.
Vom Jauchzen des Volkes hallen die Straßen,
Die Halden der Berge rings um die Stadt;
Die Gespenster weichen ihm von der Seele,
Schnell reift an der Sonne der ernsten Pflicht
Der junge Geist, er herrschet gewaltig,
Mild und strenge, gerecht und weise.
Ebenen Flusses gleitet das Leben
Und ein blühendes Töchterpaar
Und ein kräftiges Paar von Söhnen
Entsprosset dem glücklichen Ehebund. –

    Und nun steht er und hat es erfahren,
Und nun weiß er, wer es gewesen,
Der im gekreuzten Felsweg dort
Den König Laios hat erschlagen
Und wer Laios ihm gewesen,
Und weiß auch, wer seine Gattin ist.
Und nun steht er und hat es erzählt,
Was er bis dahin hatte verschwiegen,
Weil es entschlummert war im Geiste,
Eingewiegt von den Tagen des Glücks.

    O Hoffnung, aus wie festem Garne
Ist gewunden dein Ankertau!
Ein dünnes Fädchen, es hält noch fest,
Wenn nichts mehr zu halten ist und zu retten.

    Sind's Räuber gewesen, und viele, nicht Einer,
Die den Laios erschlugen, so sind zwei Thaten,
Zwei Stellen des Wegs zu unterscheiden;
Einen Andern hat seine Hand getroffen
An andrem Kreuzweg. Gewiß auch ist doch,
So meint Jokaste, daß Laios' Kind
Schon längst verschmachtet ist in der Wildniß.
Eins nur nach des Orakels Spruch
Kann noch drohen: daß er dereinst noch
Polybos, seinen Erzeuger, tödte.
Nach dem Hirten ist ausgeschickt,
Dem Mann, der entfloh'n am Tage des Kampfes.

    Ewigkeiten sind die Minuten,

Bis er erscheint, der furchtbare Zeuge.
Die Herzen klopfen. Oedipus ringet,
Sich zu täuschen, als wüßte er nicht,
Was ihm oft schon Gedanken gemacht:
Daß er Narben, bedenkliche Zeichen,
An den Knöcheln der Füße trägt.
Zurück in der Seele dunkeln Schacht
Drängt er gewaltsam die alte Frage,
Woher das seltsame Merkmal stamme.
Auf Jokaste's Busen liegt es schwer,
Daß es so schwer liegt auf des Gatten
Pochender Brust. Mit Kränzen kommt sie,
Am Altare sie aufzuhängen,
Weihrauch-Opfer zündet sie an,
Ob die frommen Geschenke wohl
Versöhnen möchten des Gottes Zorn.
Was versuchst du nicht, armes Erdenkind,
Unter der Wolke des Schicksals bebend! –

    Schritte vernimmt man; doch nicht der Hirte,
Ein Anderer ist's, von Korinthos' Hofburg
Kommt ein Bote mit hellem Glückwunsch,
Bringt erlösende, festliche Kunde:
Gestorben ist Polybos, herrschen soll,
Von dem wählenden Volk erkoren,
Oedipus dort im isthmischen Land.

    Aufathmen die schwer beklemmten Gemüther.
Wohl mir! o, wohl mir, ich bin frei!
Wahr ist's, sie wissen nichts dort oben
Am pythischen Herde, die wirren Seher!
Zum Hades hinunter hat Polybos
Mit sich des Gottes Fluchwort genommen!
Frohlockt des Königs entlastetes Herz;
Nur ein scheuer Gedanke beschleicht es noch
Und er gesteht ihn dem fragenden Mann:
Die Mutter lebt und ihm ist geweissagt,
Daß er sie werde zur Gattin nehmen.

    Jetzt, wo doppelter Königskrone
Goldener Glanz sein Haupt soll schmücken,
Jetzt naht es –
Grundlos besorgst du, beruhigt der Bote,
Nicht des Polybos, nicht der Merope
Sohn bist du, der Zeuge bin ich.
Ich selber hab' in Kythärons Waldschlucht,
Ein Hirte damals, von einem Hirten,
Knecht des Laios, dich empfangen,
Ein wimmerndes Kind mit durchstochnen Füßen;
In die Arme des Königs Polybos,
Des Kinderlosen, legt' ich das Knäblein,
Er nahm dich an's Herz und nannte sein Kind dich.
Dir mögen die Fußgelenke bezeugen,
Daß du der gerettete Findling bist.

    Kennt Einer den Mann, der zu jener Zeit
Des Laios Heerden im Waldgebirg
Gehütet hat? So fragt Oedipus.
Derselbe Mann ist's, berichtet das Volk,
Der dem Tod entkam, als Laios fiel,
Der die Stadt verließ, nachdem du erschienen,
Die Sphinx vernichtet, den Thron bestiegen,
Der als Hirte jetzt wieder dient,
Derselbe, den du vorhin beschieden,
Eh' von Korinthos der Bote kam.

    Forsche nicht weiter! mahnt mit Beben
Jokaste, mögest du nie erfahren,
Wer du bist!
Und da er beharrt auf seinem Willen,
Eilt sie mit Wehruf über den Armen
Zum Letzten entschlossen in den Palast.

    Noch nicht löst sich, gelockert längst,
Der Blindheit Binde vom Aug' des Königs;
Er wähnet und sieht auf das Eine nur hin:
Es komme zu Tag, daß er niedrig geboren,
Daß er der Sohn eines Hirten sei,
Jokaste fürchte sich vor der Schmach,
Und mit dem Muthe des braven Mannes
Will er es auf sich nehmen und tragen.

    Man hat ihn gefunden, er kommt, der Hirte,
Ein Greis schon wie der Korinthische Bote.
Der Bote erkennt ihn und er den Boten,
Der neben ihm einst die Heerden geweidet.
Gedenkst du, fragt ihn der alte Nachbar,
Daß du vor Jahren ein neugebornes
Kind im Gebirge mir übergeben?
Der Hirte zögert und zittert.
Oedipus, herrisch noch immer, droht:
Auf den Rücken laß ich die Hände dir schnüren!
Jetzt gesteht er: »Ich hab's gethan.«
»»Und wessen Kindlein ist es gewesen?««
Er stockt. Mit dem Tode droht der König.
»Ich bin daran, zu sprechen ein Schreckenswort.«
»»Und ich, es zu hören, doch hören muß ich's!««
»Es sei! Die Königin selber war's,
Die mir den Knaben übergab,
Hinaus in die Wildniß sollt' ich ihn legen,
Dem Hunger oder dem Wolf zur Beute.«
»»Die eigene Mutter?««
»Erschreckt durch grausigen Götterspruch,
Der Eltern Verderben werde das Kind sein.«
»»Warum dem Greis hier gabst du das Knäblein?««
»Es erbarmte mich.«
»»Warst du dabei, als Laios fiel?««
»Ja.«
»»Sind's Räuber gewesen, die ihn erschlugen?««
»Ich log aus Scham, daß Viele von Einem
Sollten bezwungen sein. Den Besieger
Erkannt' ich in dir, als du kamst nach Thebä.
Warst du das Kind, von dem wir sprechen,
Bist du zum Elend wahrlich gezeugt.«

    Heraus ist's, die Binde vor seinen Augen
Fällt.
Was er gethan in jener Stunde,
Als er hinab von Delphi floh,
Dem Netze des Schicksals zu entrinnen,
Das ist es, was ihn hineingeführt.

    »»Wehe mir, weh! O Sonnenlicht,
Zum letzten Mal seh' ich heute dich!
Ich stamme von wem ich nicht gesollt,
Ich verkehrte mit wem ich nicht gedurft
Und begieng am Vater den Gräuelmord!««

    Er verschwindet in des Palastes Pforte,
Tobt drinnen umher wie vom Wahnsinn gepeitscht,
Schreit nach dem Unweib, fordert ein Schwert,
Die Diener weigern, er reißt aus den Angeln
Die geschlossene Thüre des Schlafgemachs,
Findet erdrosselt von eigener Hand
Die Gattin Mutter, zerrt von der Brust ihr
Die goldene Spange, gräbt sich die Dorne
Bohrend hinein in die Augensterne
Und ruft: seid blind! Ihr habt, als ihr sahet,
Nicht gesehen und was auf der Welt nun
Könntet ihr Süßes je noch sehen!

    Man führt ihn heraus, ein Knabe lenkt ihn,
Sein Volk soll ihn schauen, er hat es gewollt.
Ein dunkler Blutstrom schießt aus den Augen,
Die noch soeben helle geleuchtet,
Geistesmächtigen, scharfen Blicks.

    Und jetzt stiegen empor zum Himmel
Jammerrufe, Laute des Wehs,
So furchtbaren Tons, so markdurchbohrend,
Worte der Sprache nennen ihn nicht.
Viel Wehklagen, Stöhnen und Seufzer
Vernimmt das eherne Himmelsgewölbe,
Denn viel leiden die verwundbaren Sterblichen.
Hat wohl je auf dem Erdenrund
Jammers Aufschrei, so grundtief
Aus verzweifelnder Seele geholt,
Ausgepreßt von Uebelsgebirgslast
So ganz unerträglicher Art
An die ewige Kuppel gepocht,
Wie dieses Blinden: Wehe! Wehe!
Dieß Wehe, Weh! aus des Volkes Mund?
Parnassosberge, felsige Häupter,
Die ihr umstandet, steinerne Zeugen,
Die Bühne des Jammers, ich wundre mich,
Daß ihr nicht wanktet, daß nicht die Stöße
Des grausen Schalls und des Wiederhalls
Zu Staub zerrieben das Korn des Granits.
Ja Mancher, der dem unsel'gen Mann
Vorrücken gewollt die zornige Wallung
Und zeigen, wie nun unter dem Fluche,
Den er gewälzt auf den dunkeln Thäter,
Erdrückt er selber liege und seufze:
Mancher, der also Hartes gedacht,
Muß nun weinen.

    Die Klage wird stiller, zu Red' und Antwort
Sammeln sich die zerrissenen Geister.
»Wohlgethan hast du dennoch nicht,
Besser nicht sein, als lebend blind!«
Milden Tones erhebt den Vorwurf
Im Kreise des Volks ein bedachter Greis.
Nicht also sprich! erwiedert der Arme;
Im Hades selber mit welchen Augen
Hätt' ich den Vater, hätt' ich die Mutter
Nach solchen Thaten noch angeblickt!
Der Kinder Blüthe, die Thürme der Stadt,
Die Straßen, die Tempel, die Götterbilder
Könnt' ich mich sehnen noch einmal zu seh'n,
Dürft' ich mit Augen des Reinen sie seh'n,
Nimmer! Für mich wär's besser, ich könnte
Einen Damm, einen Wall rings um mich zieh'n,
Jeglichen Sinnes Pforte verschließen,
Um einsam zu sein, ganz einsam.
Hinaus mit mir in die Ferne, die Oede!
Stoßt mich hinab in des Meeres Tiefe,
Daß kein Auge mich fürder sehe!

    So ruft er, aber noch nicht zu Ende
Sind seine Leiden, bittere Hefe
Ist noch im Kelch.

    Kreon erscheint, nicht zürnend mehr,
Willfährig im Einen, doch hart im Andern.
Zwei Bitten noch hat der verlorene Mann:
Flugs banne mich fort aus diesem Land,
In des Kithäron waldige Schluchten
Laß mich führen; die grausame Wiege,
Die mich bewahrt hat, statt mich zu tödten,
Werde mein Sarg. Doch meine Kinder, –
Nicht um die Söhne ist mir bange,
Sie werden sich bahnen ihren Weg –
Die Töchter aber, in deine Hut
Befehle ich sie, o schirme die Theuren!
Und thu' mir die Liebe, bring' sie mir her,
Laß mich noch einmal sie umarmen!

    »Es sei dir gewährt.« Er führt sie herbei,
Sie kommen schluchzend, nach ihren Häuptern
Tastet der Vater, zieht an die Brust sie
Und beweinet das Loos der Waisen
Und wünschet, freundlicher möge ihnen
Das Leben werden, als ihm es ward,
Und küßt sie herzlich und läßt sich mit Handschlag
Von Kreon geloben, daß er ein zweiter
Vater wolle den Armen sein.

    Nun möcht' er scheiden und muß noch erfahren,
Daß nicht frei ist ein blinder Mann.
Kreon befiehlt: es ist genug!
Auf nun und geh' in's Haus hinein!
Die Gottheit muß ich noch erst befragen,
Was es werden solle mit dir!
Folgen muß er; aber die Töchter,
Bittet der Blinde, möcht' er ihm lassen.
Zu viel nicht wolle! lautet die Antwort,
Vergiß nicht, daß es dir nicht zum Heile
Auf des Lebens Bahnen gedient hat,
Wenn du des Herzens Wunsch erreichtest!

    Und wie er zurückwankt in das Haus
Ohne die Töchter und wie sie ihm nachschauen,
Tritt Einer hervor aus der Bürger Reihen,
Ein Mann, nicht jung mehr, die ersten Falten
Hatten sich auf die Stirn geprägt;
Er war von allen geliebt und geehrt,
Weil er gut war und weil er in tiefer
Seele des Lebens Ernst bedachte;
Der spricht: Ihr Bewohner von Thebä, sehet,
Dieß ist Oedipus,
Der das Räthsel der Sphinx entwirrt hat,
Der da geherrscht hat groß und gewaltig,
Den wir Alle selig gepriesen,
Den wir Alle beneidet haben!
Darum der Erdensöhne keinen
Rühme du glücklich, eh' er von schwerem
Wetterschlage des Schicksals frei
Zum letzten Ziele gelangt ist.

 
II.

    Welch' liebliche Flur ist's, die wir betreten?
Graubläulich schimmert des Oelwalds Grün,
Platanen bieten ein schattiges Dach;
Stuten waiden auf saftigem Rasen,
Wiehernde Füllen springen umher,
Ein munteres Flüßchen kommt gezogen,
Plaudernd grüßt es die durstigen Matten,
Schmückt sie mit blitzendem Silberband,
Erquickt sie mit frischen, reinen Wassern
Und nähret Blumen, goldenen Krokos,
Veilchen und Rosen und Anemone's
Purpurkelche und weiß vorglänzend
Persephone's und Demeter's Liebling,
Die Blume Narkissos. Emsige Bienen
Schwärmen umher und suchen und sammeln,
Wie leises Läuten tönt ihr Gesumm.
Aber an Ulmen und jungen Pappeln
Schlingt sich hinaus und senkt die blauen,
Schwellenden Trauben zwischen die breiten,
Schöngeschnittenen Blätter herab
Des Dionysos köstliche Gabe.
Im Dunkel der Myrten und Lorbeerbüsche
Klagt in langgezogenen Tönen
Und vergißt in schmetterndem Jauchzen
Philomele den tiefen Schmerz.
In lichtdurchdrungenem Aether schwimmt
Die selige Welt. Von Weitem schauen
Schlank ansteigende Berge herein,
Warmgoldig leuchtend, fern und ferner
Verschwebend in tiefem, duftigem Blau.

    Er sieht sie nicht, die liebliche Flur,
Der Greis, der dort aus des Waldes Schatten
Am Bettelstabe sich herbewegt.
Er ist blind. Eine Jungfrau leitet
Mit zärtlicher Sorge seinen Schritt.
Er ist müd, er ist lang gewandert.
Auf ein Felsstück setzt sie ihn nieder
Und schmiegt sich an ihn und küßt sein Haupt.
Da ruht er nun aus. Ein leichter Wind
Spielt mit den wilden, ungepflegten
Grauen Locken. In Lumpen gehüllt
Ist die gebrochene Heldengestalt.
Ein goldener Thron war einst ihr Sitz.

    Ihr kennt ihn. Der Adel seiner Züge
Leuchtet noch jetzt aus den Furchen hervor,
Es sind die Züge des Oedipus.

    Bis dahin? Mußt' es bis dahin kommen?
Noch immer nicht, auch damals nicht
Ist ausgetrunken der Leidenskelch?

    Als er den jähen Tod sich wünschte,
Niemand that ihm den Liebesdienst.
Und über ihn kam mit breitem Flügel
Die Zeit und langsam sang sie ihm
Das nüchterne, harte Lied in's Ohr:
Im ersten, tobenden Sturm der Seele
Hast du dich allzuschwer bestraft!
Und ihm zählte der schleichende Tag,
Die bleierne Stunde pünktlich auf,
Was Alles befaßt sei in dem Worte:
Blind sein.
Wie ein anderer Sohn des Staubes
Erfährt er im Kleinen des Lebens Noth
Und wäre zufrieden, da er ja doch noch
Lebt, gemächlich leben zu dürfen
In des Hauses wohnlichem Schutz,
Und in der Töchter, von Kreon selbst
Wieder gegönnter sorglicher Pflege,
An der Gewohnheit steter Hand
Zu lernen, wie er sich tragen lasse,
Des zerrissenen Daseins armer Rest.

    Das wird ihm nicht. In unserer Mitte
Soll nicht weilen der Fluchbeladne!
Rufen gehässige Angstgemüther,
Werben im Volke, schaffen sich Anhang,
Gewinnen Kreon, gewinnen zuletzt
Die unnatürlichen Söhne selbst,
Und vertrieben wird er, verbannt,
Hinausgestoßen in's Unbekannte,
In die weite und doch verschloss'ne Welt.
Aber treu sind die Töchter geblieben.
Zur blühenden Jungfrau schon erstarkt,
Kraft in den Gliedern, Muth in der Seele,
Schreitet Antigone mit dem Vater
Aus dem schirmenden Heimathhaus.
Auf der Schwelle, in heißen Thränen,
Steht Ismene, die zarte Schwester;
Hoffend, daß sie ihm Tröstliches noch
Erwirken und fernhin melden könne,
Sagt sie mit innigem Tochterkuß
Lebewohl und blickt noch lange
Den Scheidenden nach.

    Regenschauer und Sonnenbrand,
In wilden Wäldern Räubergefahr,
Pein der Ermattung, hartes Lager
Hat mit dem Vater das Kind getheilt,
Mit ihm gehungert und für ihn
Gebettelt.

    Es glimme, so wollt' es ihr oftmals scheinen,
Ein geheimes Licht in des Greisen Seele,
Welches nach einem Ziel ihn weise,
Nicht deutlich und dennoch Quelle von Trost.
In der Erinnrung war ihr geblieben,
Daß in den Tagen vor dem Scheiden
Ein bejahrter Bürger, ein treubewährter,
Geheimnisvoll zu dem Vater eintrat
Und daß klarer als sonst die Stirne,
Heller die Stimme des Blinden war,
Als er hinweggieng. Jener war es, –
Sie wußte es nicht, – der Mitleidsvolle,
Welcher das Wort vom Menschenschicksal
Dem Volke von Thebä zugerufen
Am schrecklichen Tag, als Oedipus
Trostlos zurück nach der Pforte wankte.
Philophron war der Brave genannt.
Als Bote des Trostes, ahnte sie,
Mußte er nun gekommen sein.

    Wo sind wir? fragt auf dem Felsblock sitzend
Der blinde Greis. In der Ferne dort
Ragt eine Burg, Athene's Feste
Glaub' ich zu sehen, spricht die Tochter.

    Ein Landmann kommt, der Blinde befragt ihn,
In welchem Gaue des attischen Landes
Er sich befinde. »Bevor ich erwiedre,
Hebe dich weg von diesem Sitz!
Betreten hast du heiligen Boden,
Unnahbar ist er, den furchtbar ernsten
Göttinnen eigen, die unsrem Lande
Gnädig sind, den Eumeniden.«

    »»So weich' ich nimmer von dieser Stätte!
Sag' mir, wie heißt der Gau?«« – »Kolonos
Ist er genannt.« – »»Und wer beherrschet
Dieß Land?«« – »Er nennt sich Theseus.« –
»»Thu' mir die Liebe, ruf' ihn herbei,
Ich muß ihn sprechen.«« – Der Mann von Kolonos
Betrachtet gerührt den armen Alten;
Zuerst die heimischen Bürger zu fragen,
Ob der Fremde am heiligen Ort
Verweilen dürfe, geht er hinweg.
Wohl mir! ruft mit erhobenen Armen,
Mit gefalteten Händen Oedipus,
Wohl mir! Wohl mir! es ist erreicht,
Das ersehnte Ziel, hier darf ich sterben.
O grollet mir nicht, ihr hehren, strengen
Nächtlichen Wesen! in eurem Haine
Hat mir Apollons Stimme verheißen
Rettende Zuflucht und des langen,
Schweren Lebens Ende, den Tod.
Zeichen, so hat der Gott gesprochen,
Blitz und Donner, Beben der Erde
Werden vorangehn und bezeugen,
Daß der Höchste sein Jawort gebe,
Zeus, der Herrscher in Himmelshöhen.
Segen und Heil auch ist verkündigt
Dem gastlichen Lande, das dem Müden
Ein Grab in seinen Markungen schenkt.
O gönnet mir bald, den Lichtgott ehrend,
Begnügt mit des Leidens gehäuftem Maß,
Furchtbare Töchter der alten Nacht,
Der Stunden letzte! Und du, gepries'ne
Stadt der Pallas Athene, schaue
Mitleidsvoll auf dieß entstellte
Gebilde, das meinen Namen trägt!

    Nicht länger säumet der Vater nun,
Der Tochter auf ihre schweigende Frage
Licht zu geben: es war Philophron,
Ihm verdank' ich die hohe Kunde;
Als man beschloß, mich auszutreiben,
Sammelt er still die Treugebliebnen,
Führt sie vereint hinauf nach Delphi.
Flehend wirft er sich dort zu Füßen
Dem Gott als Sprecher der frommen Wallfahrt,
Und es ergieng der milde Spruch,
Den er geheim wie lindernd Oel
Auf die wunde Seele mir goß.

    Der zweifelnde Landmann kommt zurück
Und bringt Kolonische Bürger herbei.
Wie sehr sie der blinde Greis erbarmt,
Sie heißen ihn weichen vom streng versagten
Heil'gen Bezirk, den ungeweihet
Kein sterblich Wesen betreten darf.
Benachbarten Hügels felsigen Gipfel
Soll er besteigen und dort weilen.
Auf Antigone's Arm gestützt
Seufzend verläßt er die Ruhestätte,
Erklimmt den Hügel und steht dort oben
Den Männern vor Augen; deutlich hebt sich
Von einer silbernen Wolke Grund
An der Jungfrau Seite sein düst'res Bild.
»Wer bist du? Sprich!« Er möchte schweigen,
Sie fragen und fragen, und aus der Seele
Ringt sich, als zöge man unerbittlich
Aus tiefer Wunde ein scharfgezahntes
Rostiges Schwert, das herbe Geständniß.
Grauen und Angst verdrängt das Mitleid
Aus der entsetzten Hörer Seelen.
»Hebe dich fort! Aus unsern Grenzen
Fliehe mit deines Fluches Last!«
Herzlich fleht für den Augenlosen
Die weinende Tochter. Jedoch er selber
Besinnt sich auf sich und nicht mit schwacher
Greisenstimme, mit Manneston
Ruft er: scheuet des Schicksals Macht!
Heilig sollte das Unglück sein!
Fraget euch selbst, ob Jeder nicht
Befahren könnte, was ich befuhr!
Heilig sollten die Häupter sein,
Welche ein Gott hat ausersehen
Und gezeichnet und hingestellt
Hoch als Bilder des Menschenlooses,
Daß man sehe, daß man erkenne,
Was dem Menschen begegnen kann!

    Tief in die Herzen dringt sein Wort
Und sie willfahren seiner Bitte,
Daß man warte, bis Theseus kommt,
Er soll ihn vernehmen und soll entscheiden.

    Man wartet. Antigone schaut hinaus
In die Ferne und sieht ein Weib sich nah'n
Auf Rosses Rücken, das Haupt bedeckt
Mit breitrandigem Schattenhut.
»Was seh' ich? Darf ich den Augen trau'n?
Ismene, die Theure! schon seh' ich sie lächeln!
Sie ist es, die Schwester, die lang entbehrte!«
Sie kommt und liegt in des Vaters Armen,
In der Schwester Armen und weint vor Freude.
Bescheiden tritt zu den froh Vereinten
Der treue Geleitsmann, der sie geführt,
Philophron. Innig, wie sie ihm danken,
Dankt er den Göttern, daß sie zum Ziele
Gelangt ist, die mühvoll suchende Fahrt.

    Kurz ist die Freude. Traurige Botschaft
Hat sie zu bringen. Der ältere Sohn,
Polyneikes, hatte den Thron bestiegen.
Eteokles, der herrschaftgierige Bruder,
Hat ihn verdrängt. Der Beraubte weilt
In Argos drüben und wirbt sich Freunde
Und rüstet Krieg, sein Recht zu erkämpfen,
Bruderkrieg. – Zur Quelle des Lichts
Nach Delphi sandte man Opferboten
Im Drang und Dunkel der schweren Zeit –
»Und, o Vater, der jüngste Spruch
Des hohen Gottes, er hat verheißen:
Segen soll er dem Lande bringen,
Wo er im Tode ruhen darf,
Dein müder Leib. Und jetzo will man
Dich wieder haben und holen will dich
Kreon und will dich heimwärts führen;
Doch an der Grenze nur sollst du wohnen,
Nicht in Kadmos' Burg und Bezirk,
Weil im Leben dich Fluch umgibt.«

    Neues, schneidendes Leid gesellt sich
Zu der willkomm'nen Bestätigung
Des tröstlichen Lichtes, dessen Bote
Einst der treue Philophron war.
Verbannt, vertrieben, am Bettelstab,
Und nun gesucht! Im Leben verabscheut
Und dann im Tode der rechte Mann!
Zu des Waldes Thieren hinausgestoßen,
Und nun reißen sie sich um ihn!
Als gefangenen seltenen Vogel
Will man ihn hegen, dessen Gefieder,
Wenn er verendet, Nutzen bringt.
Und dem Sträubenden wird mit Gewalt
Kreon, der schonungslose, drohen!

    Der sehnsuchtsvoll erwartete Hort,
Er kommt, er ist da, vor dem Flüchtling steht
Theseus. Könnt' er ihn seh'n, der Blinde,
Schauen würd' er, wie mild und hell
Unter des Helden behelmtem Haupt,
Der die Räuber, die Ungeheuer bezwungen,
Sitte, Gesetz und Recht gegründet,
Die Augen blicken; er würde fühlen:
In diesen Zügen, auf diesen Lippen
Wohnt Menschlichkeit.

    Aber die Stimme kann er vernehmen,
Den herzlichen Ton, womit er spricht:
Du bist Laios' Sohn, ich weiß es,
Die dunkeln Höhlen der Augen schon
Bezeugen es mir. Sei unverzagt,
Sage mir frei, um was du bittest;
Es soll dir gewährt sein, vermag ich's irgend,
Was du auch wünschest. Ich hab's erfahren
Im eigenen Leben, was Fremdsein heißt,
Drum keinem Fremdling weigre ich Hilfe,
Ich bin ja Mensch.

    »Ich komme zu dir, für diesen Leib,
Den welken, keinem Auge willkommenen,
Um Zuflucht und um ein Grab zu bitten.
Nicht fruchtlos wird die Gewährung sein:
Hoher Lohn ist der guten That,
Dem gastlichen Tugendwerk verheißen,
Heil und Segen bringt sie dem Lande,
Im Kriegskampf rühmlichen Waffensieg.«
»»Das Unglück acht' ich auch ohne Lohn,««
Spricht Theseus, »»doch was dem Lande frommt,
Muß mir heiliger Antrieb sein.
Du hast mein Wort, ich verlasse dich nicht.««
»Ich vertraue dir; eidlichen Schwur
Erbitt' ich nicht.« – »»Du gewännest mehr nicht,
Als mein schlichtes Wort dir sagt.««
»Die Drohung von Thebä macht mich zittern.«
»»Ich fürchte sie nicht, sie wagen es nimmer,
Mein Name allein schon schreckt sie zurück.««

    Dießmal zu sicher baut er darauf,
Der gewaltige Theseus. – Opferdienst
Ruft ihn; den Gott Poseidon feiert,
Des feurigen Rosses Schöpfer und Zähmer,
Den Schützer der waidenreichen Flur,
Die Gemeinde Kolonos, hoch ist das Fest,
Der König des Landes darf nicht fehlen,
Er drückt dem besorgten Oedipus
Die Hand und scheidet auf kurze Zeit.

    Kaum ist er hinweg, so hört man Schritte
Und der gefürchtete Kreon kommt.
Mit sanften Worten, mit Heuchelrede
Beginnt er, des Mitleids rührende Töne
Bietet er auf; Gesandter sei er
Des tiefbedauernden Volks von Thebä,
Als naher Verwandter auserwählt,
Weil er als solcher besonders innig
Mitfühlen müsse des Königs Loos.
Ueberreden, rathen und bitten:
Dahin laute sein Auftrag nur.
Auch Antigone's Schicksal sei ja
Nur zu beklagen, die Jungfrau sei doch
Starken Entbehrungen und Gefahren
Als weibliches Wesen ausgesetzt;
Um ihretwillen allein schon sei es
Räthlich und Pflicht, der trauten Heimath
Schützendes Obdach wieder zu suchen.

    Das alte Feuer, es lodert auf
Im Ungetäuschten, die schönen Worte
Entlarvt er mit der geraden Wahrheit,
Die spätnachhinkende Gleißnergüte
Verschmäht er, die Falle, die schlaugestellte,
Stößt er hinweg und heißt ihn gehen,
Den lockenden Jäger, der sie gestellt.

    Kreon erhitzt sich, des Herzens böse
Meinung, sie bricht ihm nackt heraus.
Kein Mitleid wohnet in seiner Brust,
Er verachtet den Alten, den Bettelarmen,
Nicht hat er verziehen die alte Schuld,
Die schwergebüßte, und nie bedacht,
Was über den Menschen kommen kann:
Nicht Unglück nur, nicht wirkliche, klare
Verschuldung blos, nein, geisterhaftes
Zwielicht, daß er sich lebenslang
Entsetzliche Schuld vorrücken muß,
Quelle von unnennbarem Leiden,
Schuld, die zugleich auch nicht Schuld ist,
Zubereitet und hingelegt
Unter die Füße auf den Weg,
Als hätten Dämonen sich verschworen,
Mit höllischem Zauber den leeren Zufall
Zur Schlinge, zum heimlichen Netz zu bilden.
Solches Gespinnst, er versteht es nicht,
Denn er gehört zu den Selbstgerechten,
Die da meinen, weil sie ja selber
Ordentlich immer durchgekommen,
Haben sie Götterlohn verdient;
Er gehört zu den weisen Meistern,
Die nicht weiter, als Schwarz und Weiß
Unterscheiden und kein Helldunkel
Kennen und keine finstern Tiefen,
Worin des forschenden Denkers Senkblei
Den Dienst verweigert, so daß er schweigt
Und Eines beschließt: Verzeihung, Mitleid!
Und er gehört auch zu den Beglückten,
Die mit dem Räthsel sich nie geplagt,
Wie es komme, daß kein Mensch jemals
Schuldlos wandelt und Schuld doch Schuld bleibt.

    Unbarmherzig rückt er dem Blinden
Die alten grausen Thaten vor,
Nimmer, so ruft er mit harter Stimme,
Nimmer könne die Stadt Athen,
Wo auf des Ares heiligem Hügel
Zu Gerichte die ernsten Greise sitzen,
In ihrer Nähe die gröbsten Frevler,
Blutschänder und Vatermörder dulden.

    Frei und ganz, wie es nie gelungen
In des Elends langen, lähmenden Jahren,
Freier und heller als vorhin noch,
Als er die scheuen Bürger mahnte
An des Unglücks Heiligkeit,
Hebt sich empor aus Zweifels Wirren,
Verstörendem Wirbel des Ja und Nein
Die gefolterte Seele des Oedipus.
»Schuldfrei bin ich, schuldig ist nur,
Wer mit Wissen und Wollen Uebles gethan.
Des Vaters Geist selbst, könnt' er zum Lichte
Wiederkehren, er spräche mich frei.
Wer zum Schritt nur den Fuß erhebt
Und niedersetzt, zertritt auch Leben,
Und wär' es das Leben des Wurmes nur,
Der gerne wie jedes Geschöpf doch lebt.
Handle: du wirst auch schaden und fehlen.
Bin ich schuldig, es trifft mich nur
Die menschliche Schuld, die allgemeine,
Vertheilt an alle Geschlechter und Zeiten,
Die in des Daseins erdiger Wurzel
Den tiefen, dunkeln Grund hat.
Blind ist der Mensch; ist Blindheit Schuld.
So hab' ich sie selbst genug bestraft,
Als ich die Blindheit strafte mit Blendung,
Und habe genug durch euch gelitten,
Selbstsüchtige, mitleidlose Seelen!
Aber ich hoffe, sie sind mir gnädig,
Die strengen Wesen im Schlund der Erde,
Und haben dem Dulden ein Ziel beschlossen
Und werden vor deiner Faust mich hüten.
Dir aber und denen, die dich senden,
Dem Volke von Thebä, das ich beherrscht
Und wie ein Vater geliebet habe,
Den Söhnen, die sich im Bruderkrieg
Zerfleischen wollen, euch allen droht,
Die ihr mich grausam vertrieben habt
Und grausam zurück nun zwingen wollt,
Euch droht, ich fürcht' es, ich wünsch' es nicht,
Von den hehren Rächerinnen der Schuld
Unabsehliches Strafgericht.«

    Wir wollen es sehen, ob sie dich schützen,
Ruft der Gereizte und giebt ein Zeichen.
Im Dunkel des Waldes lauert schon
Bewaffnete Mannschaft, stark an Zahl;
Aus Thebä hat er sie mitgeführt
In's nicht gewärtige Nachbarland.
Sie stürzen hervor und reißen die Töchter
Vom Vater hinweg; die erschrocknen Bürger
Wehren mit nackten Armen umsonst;
An Hilfe gebricht's, beim Feste draußen
Weilt der Gemeinde rüstige Männerschaar;
Sie sind Bejahrte, die Kraft versagt,
Und nichts vermag der treue Philophron,
Auch er ein Bejahrter; das Schwert entreißt ihm,
Das rasch gezückte, der starke Feind.
Hilflos wehklagend muß es der Vater
Dulden, daß man die Kinder ihm
Hinwegschleppt, ja der Verlaßne selbst
Fühlt am Arme sich schon gepackt
Und glaubt sich in Thebä schon zu sehen,
Von nickenden Köpfen begrüßt, begafft.

    Es brennt die Gefahr, des böotischen Landes
Grenze ist nah, dort werden die Räuber
Die köstliche Beute, des Segens Bürgschaft,
Bald in gesicherter Obhut bergen.

    Gelähmt vom Gefühle der Ohnmacht stehen
Die kolonischen Bürger, steht Philophron,
Wehmuthvoll thatlose Betrachter,
Wie man dem Armen das letzte Gut
Der späten Tage, die letzte Stütze
Hinwegrafft und zum schrecklichen Schluß
Die Hand der Gewalt an ihn selber legt,
Und Philophron, müde von so viel
Dunkeln Schlägen des Menschenschicksals,
Haucht in die Lüfte das trübe Wort:

    Ist es an dem und steht es also
Um das Leben der Menschenkinder,
Kann man so schuldlos schuldig werden,
Häuft sich für Schuld, die nicht Schuld ist,
So unerträglich des Leidens Maß,
Toben die Stürme, toben die Wogen
So wuthgrimmig von allen Seiten,
So sag' ich: der Wünsche größter ist,
Nicht geboren zu sein
Oder dahinzugehen bald,
Woher du gekommen.
So lange die Jugend grünt und blüht
Leichten, thörichten Sinnes voll,
Wer lebt ohne Bekümmerniß?
Keuchende Hetze der Leidenschaft,
Mord und Hader, Aufruhr, Kriegskampf,
Neid und Haß sind deine Gefährten,
Und am düsteren Ende naht
Das Alter, trostlos öd, an Freunden
Verarmt, der Mitwelt fremd,
Wenn's gut noch geht, leicht aber zuletzt noch
Weh ans Weh zu Bergen gethürmt.

    Da klirrt's im Gebüsch, da schimmert ein Helm,
Eine gewaltige Stimme befiehlt
Ruh' und Frieden, und leuchtend tritt,
Als schwebte ein Gott vom Himmel nieder,
Theseus in den geängsteten Kreis.
Ihm hatte mitten im Opferfest
Plötzliche Ahnung gepocht an's Herz,
Es war, als triebe ein Geist ihn fort,
Von fernher hat er den Lärm des Streits,
Die klagenden Rufe schon vernommen.
Er fragt, man berichtet, was da geschehen,
Was noch Wilderes jetzt im Werk ist,
Mit dürftigem Vorwand mühet sich
Kreon, die schlechte That zu begründen.
Eilende Boten sendet der König
Zur Festversammlung, die Männer dort
Sollen im Nu die Rosse besteigen,
Dem Kreon gebeut er: fort mit mir!
Du sollst selber den Weg uns zeigen,
Auf dem sie geflohen, die Mädchenräuber,
Und mit verhängten Zügeln sollen
Die rettenden reisigen Jäger sprengen!
Und den Erbleichten mit sich zwingend
Eilt er den eilenden Boten nach.

    Zu Zeus empor, dem Herrscher des Alls,
Zu Pallas Athene, zum hohen, schlanken
Waidmann Phöbos und seiner Schwester,
Der windschnellfüßigen Artemis
Steigen Gebete aus tiefer Brust,
Von bebenden Lippen in der bangen
Zeit des Wartens, deren Minuten
Aeonen gleich der zitternde Vater,
Der Zeugen klopfende Herzen zählen.

    Und siehe! Die Jungfrau'n an der Hand,
Mit strahlenden Augen, hochbeglückt
Von dem Glück, das er bringen kann,
Die Wangen geröthet von der Freude,
Als ehrlicher Mann sein Wort zu halten,
Steht Theseus vor dem tiefauf-
Athmenden Greis und legt ihm die Kinder
In die Arme, die sehnlich ausgestreckten.
Innig umschlungen ruhen sie
An seiner Brust. So ganz unselig,
Ruft er, da ich mein Liebstes halte,
Kann mein Ende nun nicht mehr werden,
Und bittet die Götter, daß sie dem Lande,
Das sie noch ehret und edle Milde
Pflegt und Treu' und Wahrhaftigkeit,
Alles schenken, was er ihm wünscht,
Und greift nach des Retters Hand und freut sich,
Daß er sie noch berühren darf,
Und möchte das Haupt ihm dankend küssen
Und waget es kaum, doch Theseus drückt ihm
Herzlich die Hand und nimmt den Helm ab
Und beut ihm das Haupt zum Kusse hin.

    Horch! ein mächtiger Donnerschlag!
In Schrecken und Ehrfurcht schweigen Alle,
Aber der Greis spricht hell und fest:
Die Stimme des Donnergottes ruft,
Es ist Zeit, ich bin bereit!
Und er beginnt aus der Töchter Armen
Sanft und langsam sich zu lösen.
Wieder ein Blitz und Donnerschlag,
Die Erde bebet, die Hörer beben.
Ein dritter Schlag, in Gewitternacht
Liegt begraben die Welt umher.

    Aber ein inneres Licht geht auf
In Oedipus' Geist. Er schaut die Stelle
Im Dunkel des Eumenidenhains,
Wo zu sterben ihm nun gegönnt ist,
Als hätte er Augen, sie zu sehen.
Für Pilger, die ihn betreten wollen,
Ist ein reinigend Bad bereit
Am Saume des Hains, wohin des Kephissos
Lebendige Wasser geleitet sind;
Bekränzte Krüge zu Opferspenden
Stehen dabei, nicht ungeweiht
Soll irdischer Leib dem Geheimniß nahen.
»Dorthin geht und beschickt mir neues
Gewand und lasset es dort mich finden,«
Sagt er den Töchtern. Sie folgen traurig.

    Während er wartet, springt von der Seele
Auch die Binde der Zeit entzwei,
Auch in die Zukunft kann er schauen:
Was sie bezeugen, was sie verbürgen,
Die Blitze, die rollenden Donnerschläge,
Er ahnt es nicht nur, es ist ein Wissen;
Vor dem geöffneten innern Auge
Breitet sich lichthell aufgeschlagen
Das Bild der Blüthe des attischen Landes,
Das ihn beherbergt, das ihn beschützt
Und sein heiliges Grab umhegt.
Auf blutiger Wahlstatt wird gerungen,
Auf schäumenden Wogen drängt sich krachend,
Blitzend von Waffen Kiel an Kiel,
Helden kämpfen für Weib und Kind,
Für der Götter geweihte Stätten,
Barbarischen Feindes Stolz und Pracht
Liegt und schwimmt in Trümmern umher.
Neues Leben entsproßt dem Boden,
Der mit so theurem Blut getränkt ist,
Marmorne Hallen steigen empor,
Göttergebilde von Künstlerhand,
Majestätisch und anmuthvoll,
Schauen hernieder auf ihr Volk,
Am prangenden Fest in heitrem Wettstreit
Tummeln sich um den Siegerkranz
Jünglinge, schön und schlank und gewandt
Wie Hermes selbst, ihr göttliches Vorbild.
Der Lyra melodische Töne tragen
Begeisterter Dichter Hochgesang.
Masken sieht er auf hoher Bühne
Wandeln, des Lebens ernsten Sinn
Spiegeln sie ab vor staunenden Augen,
Tausend und aber tausend Herzen
Klopfen und beben, und ach! sein eignes
Trübes, beweintes Ebenbild
Glaubt er zu schauen wie im Traum.
Aber ein Friede wehet ihn an,
Wie er im Schatten naher Platanen
Stille Gestalten gehen sieht,
Sinnende Männer, tief in Gedanken,
Welche der Weisheit göttlichen Samen
In die empfänglichen, reinen Seelen
Ringsum horchender Jünger streu'n.
Wer ist das Haupt mit der hohen Stirn?
Mit Blicken der Andacht hängen die jungen
Augen an ihm, von hohen Dingen,
Von der Seele Geburt aus himmlischer Lichtwelt
Spricht er, und wie sie ewigen Urbilds,
Das sie geschaut vor aller Zeit,
Mitten im Staubkleid sich erinnre,
Wie sie vom Schein sich lernend befreie
Und mit dem Wesen Eines werde.
Oedipus kennt ihn nicht, doch dünkt ihm,
Er höre den Namen Plato nennen.

Das Bad ist gerüstet; der Greis vernimmt's,
Nickt und dankt mit verklärten Zügen,
Steht auf und schickt zum Gehen sich an.
Man will ihn führen, jegliche Hilfe
Lehnet er ab und bittet freundlich,
Daß sie nach kurzer Zeit ihn suchen,
Zu empfangen sein Lebewohl,
Und schreitet hinweg mit sicheren Tritten
Wie in den Jahren der vollen Kraft,
Als ihm die Augen den Weg noch zeigten.

    Schweren, erwartungsvollen Herzens
Haben die Töchter, die Freunde geharrt:
Wie sie sich nähern, steht er vor ihnen
Fest und aufrecht,
Ein weißer Mantel wallt in großen
Falten von seiner Schulter herab,
Hoch und frei auf nervigem Nacken,
Nicht gesenkt mehr trägt er das Haupt,
Die Brust ist gewölbt, nichts Müdes und Schlaffes
Ist an der ganzen Gestalt zu sehen.

    Ein Dröhnen tönt aus dem Erdenschoß,
Die Töchter beben, umfassen schluchzend
Des Vaters Kniee, an seine Brust
Hebt er sie auf und die Stimme beherrschend,
Die ihm vor Wehmuth brechen will,
Sagt er: von heut an, arme Kinder,
Habt ihr keinen Vater mehr!
Die Klage verhaucht in tiefen Seufzern,
Das letzte Haben genießen sie stumm
Verflochten, als könnte sie niemand scheiden.

    Da hören sie rufen eine Stimme:
Oedipus, komm', nicht länger zögre!
Keine Zunge benennt's, kein Wort besagt es,
Wie wunderbar der Laut erklang,
Wie hocherhaben und doch wie huldreich;
Ruft es von oben? ruft es von unten?
Ruft es von draußen? Von hier? Von dort?
Kein menschliches Ohr kann hören, woher,
Zu eng sind die Sinne für solchen Laut.

    Eines hat er auf Erden noch,
Der willige Aufgebotne, zu thun.
Mit andrem Vertrauen, als zur Zeit,
Da er sie Kreon anbefahl,
Uebergiebt er die Töchter nun
Dem treuen Theseus, innig bittend,
Daß er ein zweiter Vater sei
Den Armen, bald nun ganz Verwaisten;
Und Theseus, nicht zu schwören gewohnt,
Dießmal in dieser Schicksalsstunde
Gelobt er Treue mit hohem Eid.
Und Philophron, der alte Freund,
Giebt sich als seines Willens Werkzeug,
Als stetiger Pfleger in seinen Dienst,
Um nimmer die Einsamen zu verlassen.
»Ihr müßt jetzt scheiden, ihr dürft nicht folgen!
Ertraget es, Kinder, mit starkem Sinn!
Du nur, Theseus, Haupt des Landes,
Darin ich für immer ruhen soll,
Du, von den Göttern auserkoren,
Mir die letzte Liebe zu thun,
Darfst des Kommenden Zeuge sein.«

    Der letzte Kuß, die letzte Umarmung –
Der Töchter Trost, den treuen Philophron
Noch einmal dankbar an's Herz gedrückt,
Und das schwere Scheiden, es ist vollbracht.

    Im heiligen Oelwald ist ein Schlund,
Dem rauhen Rande hat Menschenkunst
Die Form der ehernen Schwelle gegeben,
Aber zum Eintritt ladet sie nicht,
In unergründliche Tiefen führt
Die nächtliche Kluft, die Schwelle des Hades
Ist die Stufe von Erz benannt.
Dort wohnen in unerforschtem Dunkel
Die ernsten Wesen, die Rächerinnen,
Versöhnt und gnädig dem frommen Volke
Seit dem Tag des Orestesgerichts
Und mild gesonnen, zu furchtbar nicht,
Nicht in's Grenzenlose zu strafen
Entschuldbare und bereute Schuld:
Herrlicher Gaben sind sie mächtig,
Sie können martern, sie können segnen.

    Dorthin wendet sich Oedipus.
Noch ist kein Wanken an ihm zu sehen,
Vorwärts geht er mit jenen Schritten,
Wie er als König einst gegangen
An heiligen Tagen, wenn er zum Opfer
Voran dem festlichen Zuge schritt.
Doch hört man die festen Tritte nicht,
Es ist, als schwebt' er, leise wehen
Des weißen Mantels bewegte Falten;
Es ist, als ob er dem Geisterreich,
Dem seligen, jetzt schon angehörte,
Den heiligen Schatten, die nicht leben,
Doch in der Geisterwelt ewigen Hallen
Ewig licht und lebendig sind.

    Ihm an der Seite zu bleiben scheut sich
Der Heldenkönig von Attika,
Kürzeren Schrittes folgt er stumm
Der ehrfurchtwerthen Erscheinung nach.

    Gehorsam ferne weilen die Drei,
Vom Haine die Häupter abgewendet,
Von unnennbarer Bewegung zitternd,
Bis sie die Zeit gekommen glauben,
Zu nahen und in das dämmernde Dickicht
Durch die verwachs'nen Aeste die scheuen,
Bangen Blicke hineinzusenden.

    Vorgebeugt, vorstreckend das Haupt,
Mit den Händen die Augen sich deckend
Sehen sie Theseus stehen, geblendet,
Ueberwältigt von nie geseh'nem,
Fremdem, unaussprechlichem Licht.
Und wie es verblaßt und langsam schwindet,
Sinkt er mit ausgebreiteten Armen
Nieder, als wollt' er den Boden fassen,
Und betet.
Was er gesehen, er hat es keiner
Seele gesagt, und wollt' er es sagen,
Er könnt' es nicht.
Aber die laut wehklagenden Töchter
Tröstet er herzlich. Sünde ja wär' es,
Sprach er, fort und fort zu bejammern
Den Vater, der zu den Schatten stieg
Freudig, dem seligen Ende zu.

    Feierlich sinkt die Sonne hinab,
Purpurgluth ist ausgegossen
Ueber die Höhen, über die Flächen,
Ueber die Wasser, über die Lande.
Sie löst sich gemildert in zartes, feines
Rosenroth, die graulichen Wipfel
Des Eumenidenhains erblühen
Wie von warmem himmlischem Gruße
Verklärt; ein sanftes Flüstern geht
Durch das Gezweig, der einzige Laut ist's,
Den man vernimmt. Ein stiller Friede
Breitet sich über Berg und Thal.
In lichtdurchdrungenem Aether schwimmt
Die selige Welt.

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