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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 154
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Mykene.

                           

Habt Nachsicht, Manen des Aeschylos,
Vergebt mir, daß ich euch nachgestammelt.

                     

    Auf altersgrauer, halbverfallener
Cisterne Brüstung saß ein großer Geier
Regungslos.
Plötzlich schoß er hinab
Und eine Schlange fest in den Krallen,
Taucht' er im Nu wieder auf
Und schwang mit seiner Beute sich hinweg.
Sie wand und krümmte sich
In ihrer Haft und dunkel hoben
Die Ringelwindungen des langen Thiers
Vom lichtvoll blauen Himmelsgrund sich ab.

    Und mit den Ringeln kamen mir
Die Schlangenhaarigen,
Die Erinnyen in den Sinn,
Und ich besann mich, wo ich war.
Mykene's Burgthor mit den Säulenhaltern,
Den Pantherthieren, stand
In Mittagssonnengluth
Mir gegenüber.

    Und aus dem Thor seh' ich stürzen
Eine Gestalt,
Einen Jüngling, todbleich, mit stieren,
Weitaufgeriss'nen Augen,
Ein blutiges Schwert in der Hand,
Das er weitweg schleudert,
Und hinter ihm eine dunkle Meute,
Wie Hunde bellend, Fluchlied heulend
Gräßliche Weiber,
Riesengroße,
Blutblickende,
Schlangenlockige,
Fackelnschwingende,
Schlangenbündel wie Geißeln schwingende.
Sie peitschen los auf den Fliehenden,
Keuchenden, Athemlosen,
Hart an den Fersen ihm
Wie Tiger dem stöhnenden Edelhirsch.

    Willst nicht auch du noch, lechzendes Pantherpaar,
Herunterfahren vom Marmorblock,
In Katzensprüngen, mit Katzenschrei
Dich zu dem wilden Hussa gesellen?

    Hin und hinwegsaust
Ueber Stock und Stein
Die wüthende Hetzjagd,
Fern und ferner verhallt der Jagdlärm.

    Wohin? Wohin entschwunden?
Dorthin, dorthin, zum Isthmus hin,
Fort über Berg und Thal,
Hin zu Parnassos' Berggeländen,
Hinauf, hinauf zu ihm,
Dem delphischen Apollon,
Zu ihm, der dich's geheißen,
Der es gesprochen:
Den Vater zu rächen, morde die Mutter! –
Todmatt, leichengleich
Seh' ich dich liegen am heil'gen Altar,
Seufzergebrochene Bitte stammelnd.
Entschlummert liegen die Schwarzen umher,
Ermüdet sie selbst von der rasenden Jagd.
Kurz ist die Frist nur, aus stygischer Pforte
Steigt der gemordeten Mutter Schatten
Und wecket und hetzet die Hetzerinnen
Von Neuem an's mitleidlose Geschäft.
Aber hervor wie ein Lichtstrahl tritt
Der Pythonsieger
Und mit Götterscheltwort,
Gewittersturzschmetterndem, scheucht er
Von seines Heiligthums reiner Schwelle
Die Töchter der Nacht,
Die Ausgeburten des Abgrunds.
Dich aber heißt er
Im Schutze des Götterboten,
Des Seelengeleitmanns,
Des füßebeflügelten Hermes
Wandern zur heiligen Burg hinüber,
Wo sie wohnet in Marmorhallen,
Die hehre Jungfrau,
Zeus' Tochter, Athene.
Richten, verheißet er, richten
Wird sie und schlichten.

    Werdender Hoffnung glimmet ein Funken
In der Seele, der müdgehetzten,
Er rafft sich empor und wandert weiter.
Und Gesang vernimmt er,
Herniedertönend von heiligen Gipfeln,
Parnassosgipfeln,
Himmlische Weisen,
Dichterchöre begleitenden,
Ewigen Einklangs vollen,
Seligen Musengesang.
Zu Boden blickt er,
Auf seine Rechte blickt er,
Die blutbefleckte;
»Für mich nicht, für mich nicht!
Für mich das Geheul des Drachen,
Der da drüben hauset im nächtlichen Hohl,
Wie meine wildaufzuckende Seele
Wohnt in der dunkeln Kammer der Brust!«

    Abwärts geht es, zur Rechten rauschet,
Durch zackige Schluchten die Gasse sich reißend,
Der Pleistos herauf und singt ihm
Zu den trüben Gedanken sein dumpfes Lied.

    Und einen Schatten glaubt er zu sehen,
Voraus ihm schreitend gesenkten Hauptes,
Sinnend, brütend
Ueber ein dunkles Orakelwort.
O, er weiß, wer es ist,
Weiß, was der soll erfahren
Alsobald, drunten im Thal:
Nichtwissend wird er den Vater erschlagen.

    Und hinter dem Mörder des Vaters
Geht bang und scheu
Und weinend doch um den Schicksalsbruder
Der Muttermörder.

    Greise sitzen auf heiligem
Hügel des Ares
An der Akropolis Abhang,
Silberbärtige,
Zu Richtern berufen
Von Pallas Athene.

    Gesprochen haben
Die Klägerinnen, haben gefordert
Urrecht, hochheiliges,
Daß nicht straflos bleibe
Grauser Mord, Muttermord.

    Gesprochen hat
Der hohe Anwalt, Latona's Sohn,
Hat gefordert
Urrecht, hochheiliges,
Daß nicht straflos bleibe
Grauser Mord, Gattenmord.
Und wäre die Strafe auch neue Schuld:
Er wolle, so sprach er,
Den Mann, der da handelt.

    Und gesprochen hat
Nicht kläglichen Tones,
Aber stockend und arm an Worten
Der hoffende, bangende,
Rache erleidende
Rächer des Vaters.

    Stumm sitzen die Greise,
Die Häupter wiegend in schwerem Sinnen.
Erfolgen soll Wahlspruch.
In eherner Urne sammelt der Aelteste
Das vernichtende Schuldig! in schwarzen Steinen,
In weißen das rettende Schuldfrei!

    Er zählt und gleich ist die Zahl.
Erloschenen Blickes, erdfahl steht
Orestes im Kreise.
Lieber hinunter, so spricht sein Auge,
Hinunter zum Ahnherrn, zu Tantalos,
Als hängend schweben im Hohlen, im Leeren,
Gerichtet und nicht gerichtet,
Ein Schemen, ein Unding, lebendiges Nichts!

    Rathlos starren die Richter in's Leere,
Grimmig blicken die nächtlichen,
Noch nicht satten Verfolgerinnen
Und murren und schütteln das Schlangenhaupt;
Todstill schweigen die Lüfte.
Er aber, der nie Beirrte,
Phöbos, der ewig Lichte,
Ruhig schaut er empor, und siehe!
Blitzgleich,
Wie sie aus Jovis Haupt hervorschoß,
Schwebt von der heiligen Burg hernieder
Sie selbst, des Gerichtes göttliche Gründerin,
Pallas Athene.
Schon steht sie inmitten des ernsten Kreises,
Gelassen steht sie, leicht hängt ihr am Arme
Der blinkende Schild und gesenkt ist die Spitze
Des oft gezückten furchtbaren Speers.
Sie tritt an die Urne und hebet die Rechte
Und zu den weißen gleitet ein weißer
Loosstein hinab und sie spricht die Worte:
Denn ich will nicht, daß krank und verstört
Bleib' eine Mannesseele,
Welche tauget und wirken kann,
Wär' sie auch schuldig und wär' auch
Weibes Leben ihr Opfer.

    Nicht frohlocket Orestes.
Vor der Göttin beugt er die Kniee,
Legt auf die Brust die gekreuzten Arme
Und schaut hinauf in das himmlisch kühle,
Bläulich graue, leuchtende, große
Auge der Jungfrau,
Und sein Auge, das fieberschwüle,
In seine Höhle zurückgesunkene,
Mit dem erloschenen, trüben Blick,
Kläret sich langsam.

    Heulend klagen die Rachegeister,
Aber zu ihnen spricht die Erhabne:
Rechtlos darum sollt ihr nicht sein,
Schuldstrafende Wesen!
Verehrung genießet, heilige Scheue!
Im nahen Hain, im schattigen, lieblichen,
Dort, wo geheimnißvoll
Ein Schlund klafft,
Dort im Schoße der Erde
Sei Nachtliebenden euch
Die Stätte bereit und Dienst des Altars
Und frommer Andacht jeglicher Zoll,
Der göttlichen Mächten gebühret.
Eumeniden, die Wohlgesinnten,
Die Gnädigen lasset fortan euch nennen.
Spüret die Schuld aus, strafet sie streng,
Nicht strenger und länger nicht,
Als sie verdient. Auch Fülle des Wohles
Auszuspenden ist euch gegeben,
Wo man euch ehrt und euer Walten;
Gönnt sie dem theuren attischen Lande!

    Festlich geleitet zieh'n die Besänftigten
Hinweg nach der schauerumwehten Kluft.
Sie aber schwebt hinauf, empor,
Hin wo im heiteren Aetherlicht
Schimmert ihr heiliges Tempelhaus.

    Wie im Traume, so sah ich's,
An der alten Cisterne noch sitzend.
Auf stund ich, trat unter das Löwenthor,
Gieng vorwärts und sah mich um.
Aus Trümmerhaufen erwuchs nur
Der Atriden Palast.

    Kostbare Teppiche, purpurne Tempelzier
Sind gebreitet vom Thor zu der Treppe.
Auf der obersten Stufe erscheint Klytämnestra.
Mit schönredendem Gruß empfängt sie
Den Völkerfürsten, Trojas Besieger,
Der gezogen kommt hoch zu Wagen,
Müde des Krieges, froh der ersehnten
Endlichen Heimkehr.
Er stutzet und scheut sich,
Zu betreten die Prachtgewebe,
Thronender Götter geheiligten Hausschmuck.
Doch weicht er der Bitte des falschen Weibes,
Steigt vom Wagen in dunkler Ahnung,
Schreitet dahin und hinauf und tritt
Ueber die Schwelle.
Ihm folget Kassandra, die Seherin,
Die Kriegsgefangne, geehret vom Sieger,
Tödtlich gehaßt von der scheelen Fürstin.
Nicht dunkel ahnend, hell wissend wohin,
Schicksal verkündend, Erfüllung des alten
Götterfluches, Rache durch Sohnes Hand,
Klaglos gefaßt
Tritt sie hinein in's gewisse Grab. –

    Aufstöhnen hört man
Zweimal.
Stille wird's.
Heraus vor des Volkes Augen,
Des todesbangen,
Stolz aufgerichtet,
Die Mordaxt über der Schulter haltend,
Auf der Stirn einen Flecken Bluts,
Tritt sie, die Schlächterin,
Und rühmt sich der That.

    Uralter Fluch ist's, der sich vollziehet,
Tantalos hat ihn geweckt, der Ahnherr,
Grausere That auf grause häufend
Haben Berge von Schuld gethürmt
Thyestes und Atreus
Und am Altar am Strande von Aulis
Hat Agamemnon, Atreus' Sohn,
Die Gattin täuschend das Kind geopfert.
Und empört in der Seele Tiefen
Hat sie Aegisthos sich ergeben,
Mit ihm des Gatten Mord beschossen
Und selber die blut'ge That vollführt.

    Du Armer, du hast es getragen,
Dieses Gebirge von Schuld und Fluch,
Hast erfüllet im Muttermord,
Hast vollendet im gräßlichen Jagen,
Der Rachegeister gehetztes Wild,
Hast vollendet am bangen Gerichtstag
Den weitausschreitenden Schicksalsgang.
Aber entlastet, gesühnt, genesen
Durftest du lang noch und kräftig walten,
Herrschen in Ehren als Fürst Mykene's.

    Wo sind sie, die Räume? Ein Trümmerhaufen.
Wo sind sie, die Gräber? Wo schläft Agamemnon?
Unter der Kuppel, die einsam dort,
Geheimnißvoll aus dem Schutte ragt?
Und er, der Dulder, der Letzte des Stammes,
Der Schicksalsvollender,
Wo er wohl ausruht?
Aber ein Etwas sprach mir im Herzen:
Frage nicht, suche nicht!
Die weite Welt
Ist seine Wiege und ist sein Grab.

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