Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Theodor Vischer >

Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 153
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
Schließen

Navigation:

Marathon.

                 

    Stumpf hieng ich im Sattel, ein leises Fieber,
Frucht der Ritte, der tagelangen
Auf glühendem Fels, in feuchtschwülem Sumpfthal,
Rieselte durch die Glieder.
Weit voraus schon waren die Andern,
Der Reisegenoß und der dienende Führer.
Was mich umgab, ich sah es kaum,
Sah es mit Augen ohne Gedanken.
Auf einmal wiehert mein Pferd
Nach den entfernten Stallkameraden.

    Aufschrak ich.
»Allnächtlich vernimmt man
Auf dem Schlachtfeld von Marathon
Rossegewieher und Kampfgetöse« –
Das alte Wort des sagenkundigen,
Gläubigen Griechen, das ich vor Jahren
Hatte gelesen und halb vergessen,
Fuhr wie ein Blitz in die Seele mir.
Ferne sah ich den Hügel jetzt,
Des Denkmals rührenden Erdenrest,
Das die gefallnen Athener ehrte.
Drüber hinaus in silbernen Streifen
Blitzte das Meer auf.
Ich schaue rechts: dort und sie gestanden,
Dort auf den Höhen, die in gedehntem
Bogen nach mir sich herzieh'n.

    Zum Angriff blasen die Hörner.
In die Hüfte gestemmt die langen, starken,
Gefällten Speere schreiten sie vorwärts,
Mann an Mann, eng, fest wie Kettengelenke,
Die Höhen herunter, lautlos,
Langsam zuerst, dann schneller und schneller,
Zum Sturmschritt wird am Gefälle des Abhangs
Der gemessene, stramme Marsch.

    Drüben aber von linksher
Wälzt sich entgegen ein Wald von Völkern,
Rollender Wellen ein Ozean
Brauset heran mit Sturmesgebrüll,
Mißtönigem wüstem Kriegsgeschrei
In allen Zungen des Morgenlands,
In gellenden Lauten der schwarzen Söhne
Afrikanischer Gluthsandfläche. –
Sendet aus tiefer nächtlicher Pforte
Der Hades ein wimmelndes Larvenheer,
Wie man in grausigen Träumen es schaut?
Helme wie Lindwurmschweife gewunden,
Felle des Panthers, Felle des Löwen,
Bälge des Fuchses mit bauschigem Schweife,
Häute des Roßhaupts mit flatternder Mähne
Tragen auf Haupt und Schultern die fremden,
Wilden Gestalten.
Da genügt als Waffe nicht Schwert, nicht Lanze,
Nicht spitziger Dolch, nicht Pfeil und Bogen,
Da drohet die Keule mit eisernen Stacheln,
Die mähende Sichel, der packende Haken,
Stricke schwingen sie, lange Schlingen,
Zu haschen, zu fangen an Fuß und Nacken,
Beile erheben sie, Doppeläxte –
Wollt ihr, wie sie einst that,
Als sie den Gatten umschlang mit dem Garne
Und den entwaffneten Helden erschlug,
Wollt ihr Menschen wie Thiere des Waldes
In Schnurnetz verwickeln und vor die Stirne
Wie der Fleischer den Schlachtstier hauen?

    Es naht sich.
Ein Hagel von Pfeilen und Lanzen schwirrt
Und prasselt auf griechischem Helm und Schild,
Weithin hört man das Erz erklirren.
Tausende fehlen ihr Ziel, nicht alle;
Schon fällt aus dem Gliede der Eine und Andre,
Doch schnell, wo der Stahl eine Lücke gerissen,
Schließt die gegliederte Kette sich wieder.
Kette nicht, Mauer wär' es zu nennen,
Könnt' eine Mauer lebendig werden,
Wandeln und vorwärts rücken und drücken:
Wie sie mit unerbittlichem Zwange
Schöbe und drängte, was ihr begegnet,
Wie sie zermalmte, was nicht Platz macht,
Also, verkitteten Quadern gleich,
Aber mit Augen schauend, mit Händen
Tödtliche Waffe zum Stoß ausstreckend,
Also bewegt sich vorwärts, vorwärts
Die furchtbare Phalanx.
Seht, wie sie beben, seht, wie sie weichen!
Sie haben es nie geglaubt, noch gesehen,
Was geschlossene, mannszuchtfeste,
Vaterlandliebende,
Gesetzen folgsame, freie
Männer vermögen, und wäre zehnfach
Des pochenden Feindes Ueberzahl.

    Mit Peitschen hauen die grimmigen Vogte
Von rückwärts hinein in das Angstgetümmel,
In die bunten, zersprengten, zu Klumpen gerollten
Keuchenden, schlotternden Sklavenrotten;
Sie kreischen, sie ächzen unter den Hieben,
Aber sie fürchten die griechischen Speere
Mehr als der Geißel sausenden Schlag,
Kaum daß zitternd und hoffnungslos
Dieser und Jener die Waffe noch hebt,
Dem Feinde noch bietet die klopfende Brust.
Ja zum Spotte noch lassen sie Zeit:
Wie ernst und blutig das Werk auch sei,
Zu lachen geben die indischen langen
Weiberröcke, die hohen, spitzen
Umwickelten Hüte, die bunten Lappen,
Der ganze verrückte Barbarenaufputz,
Zu lachen dem Einfalt liebenden Griechen,
Den die Natur in der Wiege geadelt.

    Aber weh! o wehe!
Dort in der Mitte! Schau' hin!
Wie durch die berstende Wolkenwand
Der Blitz hervorschießt,
Mit einmal theilt sich, fährt auseinander
Der ebbende breite Hordenschwall
Und hervor aus der Spalte sprengt
Schuppengepanzerte Reiterschaar,
Auserkor'nes, gespartes Kernvolk,
Perser vom ächten arischen Stamme,
Edler an Zügen, edler an Gliedern
Als das gezwungene Sklavenblut.
Die Rüstungen blinken, die Lanzen funkeln,
Es wallen und wehen die vollen, langen
Mähnen und Schweife der feurigen Rosse,
Hell wiehert des Hauptmanns Vollbluthengst,
Wie Silber glänzend, nisäischer Weide
Rein gezüchteter nerviger Sproß.
Weh euch, ihr armen Braven! Für euch ist
Keine Hoffnung, auf Solches war't ihr
Nimmer gefaßt. Verdeckt als Nachhut
Hatte die eherne Schaar sich gesammelt,
Wider Vermuthen hatten die Schiffe
Mit sich geführt die stampfende Thierkraft,
Wider Vermuthen haben sich kühne
Geschwader des mächtigen Reiterschwarms
Ueber des Erdreichs seebespülten
Morschen Boden gewagt zum Angriff,
Wie ein Orkan aus heiterem Himmel
Auf den ungewarnten Piloten stürzt,
Wie auf den Rothwild jagenden Rüden
Aus der Aeste verbergendem Laub
Ein Panther herabspringt, also plötzlich
Kommt der Gewaltstoß über euch.

    Sie sind aneinander. Wildes Jauchzen,
Hastiger Nothruf, rasselnder Erzklang,
Hufegepolter, ein Mantel von Staub
Umwirbelt verhüllend das grausige Wirrsal.

    Der Staub ist verweht. – Da liegen sie,
Der attischen Jugend und Mannheit Blüthe!
Weite, von Lanzenspitzen gebohrte,
Vom Hiebe der krummen Schwerter geschlagene
Wunden klaffen, blühende Glieder
Sind von den Hufen der Rosse geknickt,
Leuchtende Augen sind gebrochen.
Nicht jammernder Aufschrei, aber ein Stöhnen
Steigt in die Lüfte aus mancher breiten
Herrlich gewölbten Jünglingsbrust.

    Schrecklicher Ares! Nimmer, so lange
Völker kriegten und kriegen werden,
Lag noch und wird je liegen am Boden,
Verblutend, verhauchend die männliche Seele,
So viel Schönheit.
Mir ist, als beugte sich weinend
Phidias über die Heldenleiber.

    Auf überschauendem Hügel steht
In schlichter Chlamys, die Arme gekreuzt,
Ruhig, bewegungslos,
Mit Augen des Adlers weitausblickend,
Wachend über das Ganze
Miltiades.
Jetzt bei dem Anblick
Fährt es ihm blutroth über die helle,
Denkende Stirn.
Die wenigen Reiter, Boten des Schlachtworts,
Stehen umher, mit pochenden Herzen
Befehl erharrend.

    Er befiehlt.
Wie Sturmwind jagen sie in das Feld,
Linkshin die Einen, rechtshin die Andern,
Hin wo die Flügel, dort der Platäer,
Hier der Athener siegende Kraft
Vorwärts gedrungen, wie Schnitter mähend,
Nicht rückschauend, ganz in die heiße
Arbeit versenket.
Schallende Rufe, mahnende Hörner
Schmettern in's Ohr dem trunkenen Sieger
Ein strackes: Halt!
Sie gehorchen, sie stehen, sie blicken
Rückwärts, sehen die Brüder liegen,
Seh'n die gewappneten Reiter wüthen,
Lassen ab vom Jagdwerk – allzuschwer nicht:
Gethan ist's; wer da noch lebt und athmet
In diesem Haufen gescheuchten Wildes,
Streckt nimmer zum Kampfe das zitternde Knie.
Sie sammeln die locker geword'nen Glieder,
Schreiten zurück in schleunigem Marsch,
Schwenken in zwei geordneten Säulen,
Umarmen den schuppigen Perserdrachen,
Der die Zähne noch weidet in attischem Blute.
Hier auf den Hügeln, die sich aus Todten,
Aus Verwundeten hoch schon geschichtet,
Rafft sich empor, was den Arm und die Waffe
Noch kann heben, und grüßet die Retter
Tiefaufathmend und tritt in die Reihen.

    Von würgendem, stachlichem Todesknoten
Sind sie umschnürt, die Siegesgewissen,
Roß um Roß und Reiter um Reiter
Röchelt am Boden, vom Speer durchstochen,
Mit Splitter der Lanze, mit Dolch, mit Faust
Ringt der Gestürzte noch wüthend fort.
Schnaubende Hengste, dem Stich entronnen,
Steigen, als ob sie Gespenster sähen,
Fliehen und reißen den Mann mit fort,
Die nächsten folgen, als spornte der Reiter,
Der doch sterbend im Sattel hängt
Und auf das Kreuz des geängsteten Thieres
Lummelnd mit lästigem Aufschlag hämmert.
Die noch aufrecht sind und noch kämpfen könnten
– Nicht zu wenige sind es, gewaltig
War sie gewesen, die Ueberzahl –:
Als gellte mit markverzehrendem Laute
Die Stimme des Pan, des dunkeln Gottes,
Wenden die Stirnen und suchen, in krausem
Geballtem Gewimmel sich stoßend und pressend,
Sich niederrennend den Weg in's Weite,
Hinüber zum Meer, zu den winkenden Schiffen.
Als jagte der Sturmwind tanzende Blätter,
Drängt der Verfolger hinter dem Schwarm her,
Bohrt ihn und drückt ihn in's schlammige Moor
Hinein zum Gewürm in die breite Lagune,
Die, nicht bedacht von dem spannenlangen
Sinne des Uebermuths, dort drüben
Lauernd am Fuße der Hügel hinzieht.
Glücklich noch Andre, die sich zur Rechten
Hin nach dem festeren Strande geworfen,
Wo sich die Segel, die rettenden, blähen.
Aber nach Feuer rufen die Dränger,
Schleudern die zündende Fackel hinüber
Zwischen die Maste, die Seile, die Bohlen,
Springen hinein in die salzige Meerfluth
Und mit dem Schwimmer ringet der Schwimmer,
Und mit dem letzten Athem der Lungen,
Sieben der Schiffe dem Sieger lassend,
Löst noch die Anker ein kleines, armes
Ueberbleibsel des stolzgeschwellten
Strotzenden Heeres.

    Jauchzen, unendliches Jauchzen schallt
Aus griechischen Kehlen in's Meer hinaus –
Kurz nur; in ernster, gehaltener Stille
Sammelt sich das geschmolzene Heer
Und betrachtet das fertige Werk
Und danket den Göttern.

    Nach den Verwundeten geht man suchen,
Die Todten hebt man vom blutigen Feld,
Um sie der Mutter Erde zu geben.
Viel erzählt der Eine dem Andern,
Was er gethan und gelitten habe
Am heißen Tage und wie er die Theuren
Habe fallen geseh'n, wie der Sohn vom Vater,
Der Vater vom Sohne, der Freund vom Freunde
Auf immer den kurzen Abschied nahm.

    Und durch die Reihen läuft eine Kunde,
Darob sie erstaunen, die müden Helden.
Seltsames ist von Männern gemeldet,
Die in der Mitte der Schlachtordnung
Standen, als sie durchbrochen war,
Als die Hülfe herbeikam, aber noch haarscharf
Auf der Messerschneide das Schicksal schwebte.
Da ward ein Mann gesehen,
Sagten sie,
Größer war er, als Menschen sind.
Bauernkleidung trug er am Leibe,
Eine Pflugschar führte er in der Faust,
Schlug in die enggekeilten Feinde
Weit ausholend mit Riesenstreichen,
Furchen riß er, breite und tiefe
Furchen dem dicht nachrieselnden Blut,
Und als geackert war die Hufe,
Als man ihn suchte, war er verschwunden.

    Und sie sagen, Theseus
Müss' es gewesen sein,
Niedergestiegen aus Geisterreihen,
Eingedenk des Tages der Hochzeit,
Wo er die Räuber, halb Mann, halb Roß,
Wo er die wilden Kentauren schlug,
Niedergestiegen aus Geisterreihen,
Weil er nicht wollte dulden,
Daß Barbaren sein Werk zerstampfen,
Saaten des Korns und Saaten der Sittigung.

 << Kapitel 152  Kapitel 154 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.