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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 152
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Ein Kameradenfest.

             

Etlich und zwanzig Kameraden
    Begiengen ein heitres Fest,
Sie hatten einander geladen
    Von Süden, Nord, Ost und West.

Sie gedachten der Klosterhallen
    Im grünen, felsigen Thal,
Sie sahen sich wieder wallen
    In der Jugend Morgenstrahl.

Schon Manchem hatte die Locken
    Des Lebens Winter geraubt,
Schon Manchem die weißen Flocken
    Geschüttelt auf's ernste Haupt.

Die vergangenen Scherze wieder
    Brachten sie auf den Plan,
Sie sangen die alten Lieder
    Von Follen, von Arndt und Jahn.

Und einer der alten Knaben
    Zog ein Gedicht hervor
Und las es und wußte zu laben,
    Zu rühren den ganzen Chor.

Von allen Seiten sprangen
    Die lobenden Zecher zu Hauf:
»Bravo!« Die Gläser klangen,
    Man ließ ihn leben – »wohlauf!«

Dankend erhebt der Dichter
    Sein Glas mit freudigem Schwung,
Die Augen glänzen ihm lichter,
    Als wäre er wieder jung.

Und wie ihm der Kelch soeben
    In der Hand noch erklingt und blinkt,
»Hoch!« rief er, »die Jugend soll leben!«
    Da bricht er zusammen und sinkt.

Noch jubelte, trank und lachte
    Abseits manch heitrer Gesell,
Der nicht an Schreckliches dachte, –
    Es kam wie ein Blitz so schnell.

Er liegt uns zuckend im Arme,
    Noch sind seine Wangen roth,
Doch das Leben entflieht, das warme,
    Er röchelt, verblaßt, ist todt.

Er war der schönste gewesen
    In der blühenden Jugendschaar
Und im Antlitz war ihm zu lesen:
    Verständig und schlicht und wahr.

Sah man ihn ringen und springen
    Im rüstigen Wettverein,
Die schlanken Glieder ihn schwingen,
    Man glaubte in Sparta zu sein. –

Auf Kissen legt man ihn nieder,
    Man drückt ihm die Augen zu,
Rings stehen die stummen Brüder;
    Da liegt er in sanfter Ruh.

Es schwinden von Stirn und Munde
    Die Spuren von Qual und Krampf,
Keine Furche gibt noch Kunde
    Vom stürmischen Todeskampf.

Lächelnd scheint er zu sagen:
    Nichts weiß ich von eurem Schmerz,
Und wer da noch wollte klagen,
    Der zeigte kein männlich Herz.

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