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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 151
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Ein Augenblick.

             

Um die alte Stadt auf der Promenade,
Dem bequemen, beliebten Pfade,
Den die Platanen beschatten und zieren,
Gieng ich am Sommerabend spazieren.
Ein Sonntag war's und ein Sonnentag,
Es wandelten Leute von allerhand Schlag,
Festlich geputzt, und alle dem Volke
Stand auf dem Gesicht keine einzige Wolke.

Da kam mir im goldenen Abendschein
Entgegen ein Kinderwägelein,
Ein nett geflochtnes, auf leichten Rädchen,
Es zog ein sauberes Ulmermädchen.
Mein Blick fiel just in's Gefährt hinein,
Da lag ein Knabe gebettet fein,
Kaum jährig etwa, sein Angesicht
Umwob ein Schimmer von Rosenlicht,
Als ruht' er in einem Rosenhag,
Denn in den Schatten, worin er lag,
Fiel erhellend ein Wiederschein
Vom farbigen Obdach im Wägelein,
Auch kam von außen der Glanz ergossen,
Denn ganz mit Licht war die Luft durchschossen;
Ja vom Kind auch schien es mir auszugehen,
Denn ein schöneres hab' ich noch nie gesehen;
Mau glaubte Herz und Auge zu laben
An einem von Raphael's Engelknaben,
Es schwamm wie ein Bild im erleuchteten Raum,
Wie ein Feenkind, wie ein seltener Traum.

Stillbeglückt sah es vor sich hinaus
In seinem fahrenden kleinen Haus,
In seiner Welt ein kleiner König,
Lächelte auch dazu ein wenig,
Als schwebten ihm an der Zukunft Thor
Schon die allerhand lustigen Streiche vor,
Die man verübt in den Tagen der Jugend,
Welche – man weiß ja – nicht hat viel Tugend;
Er schaute so hell aus den dunkeln Augen,
Als möcht' er nicht immer gar zu viel taugen.

Ich sah ihn an, ich blinzte und nickte,
Schmunzelnd. Der reizende Knabe blickte
Mich an und blinzte, schmunzelte, nickte.
Gelt du, es ist eben gar was Gutes
Um's Existiren, schmecken thut es?
Und ein bisl Spitzbüberei
Ist eben immer auch dabei?

Er hat es mir richtig im Auge gelesen,
Der Schelm, das kleine, kaum ahnende Wesen,
Er hat es verstanden und hat es bejaht,
Der liebliche Lebenskandidat.

Ich hätt' ihn mögen vor lauter Entzücken
Aus den Polstern heben, verküssen, verdrücken,
Doch ich sagte mir: laß es lieber gehen,
Es soll so bleiben, wie es geschehen,
Es soll bleiben ein Augenblick.

Fürbaß gieng ich, sah nicht zurück.
Ein alter Bekannter begegnete mir,
Er stellte mich, fragte: was ist's mit dir?
Es strahlt ja ordentlich dein Gesicht,
So heiter sah ich dich lange nicht;
Wart', ich merk's schon, du kommst vom Wein!
Ein guter muß es gewesen sein!
Ja, sagt' ich, er war nicht eben schlecht,
Noch Most, aber Ausstich, feurig und echt.

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