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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 150
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Der alte Todtengräber.

       

Er grub ein Grab mit müder Hand,
Fast wollte die Kraft versagen.
Für wen? Das war ihm unbekannt
Er pflegte nicht mehr zu fragen.

Er murrte nicht, es sei zu schwer,
Er summte gemach und leise –
Das helle Singen gieng nicht mehr –
Eine alte Liederweise.

Ein Lied von Liebeslust und Leid,
Es hatt' ihn stets erfreuet,
Denn seiner Jugend Munterkeit,
Sie hat ihn nie gereuet.

Bald wird die Arbeit fertig sein –
Da sind ihm die Sinne geschwunden,
Er sinkt und fällt in das Grab hinein,
Da hat man ihn todt gefunden.

Sein friedlich Antlitz, Aug' und Mund,
Erschien so unbeweget,
Als hätt' er in den kühlen Grund
Sich wie in's Bett geleget.

Auch etwas Schalkheit schien dabei,
Die Lippen zu umspielen,
Und auf den Raub, so tadelfrei
Begangen, hinzuzielen.

Man hob ihn still und sacht' heraus,
Als ob er sanft nur schliefe,
Man grub am dunklen Erdenhaus
Noch bis zur rechten Tiefe.

Sein Todtenhemde mußt' er nun
Und seinen Sarg noch haben,
Dann durft' er in dem Grabe ruh'n,
Das er sich selbst gegraben.

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