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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 149
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Schicksal.

I.

           

Zu Freudenfesten zogen sie hinaus.
Zum Täufling geht es in dem Grafenhaus,
Den die beglückte Tochter hat geboren;
Die andere hat ein Brite sich erkoren:
Ein jugendlicher Herzog reicht die Hand
Der deutschen Braut im fluthumrauschten Land.
Rasch trägt die See das frohe Elternpaar
Zur hohen Feier an den Traualtar;
Volksjubel grüßt und neben ihrem Sohne,
In ihren Locken die Brillantenkrone,
Der Kinder Wohl im tiefbewegten Sinn,
Steht Englands Königin, Indiens Kaiserin.
Und fernher aus des Schwabenlandes Garten
Ist eine frohe Botschaft zu erwarten,
Denn dort begrüßt der Frühlingssonne Blick
Vielleicht schon heut ein neues Mutterglück;
Wär's auch kein Erbe, dem der Krone Pracht
Von Weitem schon in seine Wiege lacht,
Wer schaute nicht mit menschlich reiner Wonne
Ein neu Geschöpf am heitern Licht der Sonne? –
Ein Kreis von Festen! Traufest in der Mitte,
Und an das erste schließt sich schön das dritte!
            Drei Tage drauf –
Kaum reichte des Dampfrads schnellster Lauf –
Stehn sie an einem Grab. Im Abendschein
Senkt man die Mutter zu dem Kind hinein.

 
II.

               

Du schrittst zum Throne,
Dein wartete mit dem geliebten Gatten
In goldnen Baldachines Schatten
Die Krone.
Vermessen nicht giengst du dem Glanz entgegen;
Gut will ich sein, dem Land ein Segen,
Einfach und gut! gelobt die treue Brust. –
Und mitten in des Lenzes Hoffnungsluft
Erscheint das Schicksal, schreitet durch das Thor
Und hält dir eine Dornenkrone vor
Und spricht: gut willst du sein?
Schlag ein!
Erprob' es sogleich: stirb ergeben!
Verfallen ist dein junges Leben.
Sie nickt in Thränen, ihrer Theuren Schmerz,
Den eignen nicht, beklagt das brave Herz,
Sie nimmt vom Gatten, von dem holden Kind
Den schweren Abschied, schweigt und neigt gelind
Ihr sterbend Haupt. In sanftem Geisterglanz
Nun dornenlos, umleuchtet es der Kranz.

 
III.

                

Du weißt,
Was Mensch sein heißt,
Weißt, was ein Mensch erfahren kann,
Du schwergeprüfter Mann!
Du hast's gesehen in der weiten Welt,
Geseh'n im Schlachtsturm auf dem blut'gen Feld.
Man muß ihn kennen, all der Menschheit Schmerz;
Fest wird und mild ein richtig Mannesherz,
Das Mensch zu Mensch des Lebens Bild betrachtet.
Du hast es nie für einen Raub geachtet,
Nah an den Stufen eines Throns zu stehen,
Dein Aug blieb offen, rein und klar zu sehen,
Und wie du fühltest, ein erfreutes Land
Hat es an deiner Liebe Wahl erkannt.
Nun aber, nun – du sollst nicht blos gewahren,
Erfahren, in des Lebens Mark erfahren
Sollst du, was Mensch sein heißt!
Gebot der dunkle Weltengeist.
        Herab vom Himmel des Glücks gewettert,
        Zu Boden geschmettert,
        Hin auf ein Grab gegossen,
        In Thränen zerflossen,
        Das Herz aus dem Leib gerissen,
        Nicht fassen, nicht wissen,
        Was nun soll werden –:
        So kommt's auf Erden.
Nun kennst du ganz des Lebens dunklen Grund.
Du wirst erstehen aus dem finstern Schlund,
Denn du bist Mann, doch rein und ungeschwächt
Will heilig Weh sein heilig tiefes Recht.
Mitweint des Landes Herz und es empfindet
In dieser Schicksalswolke,
Wie tief das Unglück einen Fürsten bindet
Mit feigem Volke.
        Wir seh'n ein Bild,
        Ein Wesen mild
        Aus einem Grabe schweben,
        Dir das Geleit zu geben,
        Und wird dir die gefährliche Gewalt,
        So segnet dich die himmlische Gestalt.

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