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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 143
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Das Banket.

               

Die Diener eilen hin und her,
    Sie tragen auf zum Feste,
Die Tafel prangt von Silber schwer,
    Wo bleiben nur die Gäste?

Und eh' ich wart' in Ewigkeit,
    Schreit wild der Herr vom Hause,
So seien alle Teufel heut
    Geladen zu dem Schmause!

Da glänzt im Hofe Fackelschein,
    Da scharrt es auf dem Gange,
Geputzte Herren treten ein
    Mit hellem Sporenklange.

Willkomm, ihr Herrn, so spricht der Graf,
    Lang seid ihr ausgeblieben,
Nun aber sei mit Trinken brav
    Und Schmaus die Zeit vertrieben!

Die Gäste nicken wunderlich
    Mit schmunzelndem Gesichte,
Sie räuspern sich, verbeugen sich
    Im Kerzenflimmerlichte.

Des Grafen Knie sein Kind umflicht,
    Hängt sich an ihn mit Bangen:
»Ach, siehst du denn die Krallen nicht,
    Die spitzigen, die langen?«

Der Graf nach ihren Fingern sieht –
    »Hilf, Herr, im Himmel droben!«
Graf, Gräfin und Gesinde stiebt,
    Wie Spreu im Wind zerstoben.

Im Saal erschallt ein Jubelschrei,
    Sie setzen sich zum Schmause,
Es quackt, es schnarrt: »Juchhei! Juchhei!
    Nun sind wir Herrn im Hause!«

Wie tobt das wilde Höllenpack
    Mit Springen und mit Singen!
Die Fidel kreischt, der Dudelsack,
    Man hört die Gläser klingen.

Sie füllen sich den Höllenbauch,
    Sie grunzen, bellen, mauen,
Man sah sie aus den Fenstern auch
    Mit langen Rüsseln schauen.

Die Gräfin lauschet in die Höh',
    Es gellt ihr in die Ohren,
Sie sieht umher: »O weh, o weh!
    Mein Kind, mein Kind verloren!

Vergessen blieb mein armes Kind
    Dort oben in dem Saale!«
Ein treuer Diener läuft geschwind
    Hinauf zum Teufelsmahle.

Er höret auf der Treppe schon
    Ein Näseln und ein Meckern,
Sie treiben mit dem Kinde Hohn,
    Sie schnäbeln und sie schäkern.

Der Eine reicht's dem andern dar,
    Es auf dem Arm zu schaukeln,
Sie zupfen es am blonden Haar,
    Sie tänzeln und sie gaukeln.

Der Diener ohne Furcht und Schreck
    Steht mitten in dem Schwarme,
Ergreift das Kind und reißt es keck
    Aus eines Teufels Arme.

Gieb her das Kind, so schreit er laut,
    In Jesu Christi Namen!
Das Kindlein munter um sich schaut
    Und leise sagt es: Amen!

Von oben glänzt ein heller Strahl,
    Die Gäste sind verschwunden,
Der Diener steht im leeren Saal,
    Den Arm um's Kind gewunden.

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