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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 139
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Gesellschaft.

               

An einem Tische ganz allein
Saß ich im Wirthshaus bei meinem Wein.
In der Nebenstube war's nicht so leer,
Laut und lustig ging es da her.
Es schienen Männer in jüngeren Jahren,
Die wohl alle doch schon erfahren,
Was Leben heißt im Philistergeleis,
Und die sich verbunden zu fröhlichem Kreis,
Verschwundene Tage sich zu erneuen,
Der schönen Burschenzeit sich zu erfreuen.
Sie sangen die alten Studentenlieder –
Nach manchen Jahren hört' ich sie wieder –
Trinklieder, heiße, durstige,
Rauschige, tolle, hanswurstige,
Aber auch ernste, festlich hohe,
Lieder voll heiliger Gluth und Lohe,
Wie sie erbrausten mit Sturmeskraft
Einst in der Halle der Burschenschaft.
Seltsam, als wäre mir' s angethan,
Kam mich ein junges Gelüsten an,
Zu den muntern Zechern hineinzudringen
Und ohne viel Vorwort mitzusingen;
Doch schien es mir ein zu kecker Schritt,
Ich ließ es und summte nur leise mit.

Auf einmal war ich nicht mehr allein,
Auch nicht zu zweien und nicht zu dreien.
Mein Tisch war voll,
Besetzt bis zum letzten Zoll.
Wohlbekannte junge Gesichter
Lachten mich an beim Schein der Lichter,
Augen blitzten, Wangen glühten,
Stirnen glänzten, Lippen blühten,
Locken wallten,
Rufe schallten,
Gefülltes Trinkhorn machte die Runde,
Scherze flogen von Mund zu Munde,
Und begann dort drinnen ein neuer Sang,
So begann er auch hier, und mit hellerem Klang,
Ja es schien, als bleibe der andre Chor
Zurück und der unsrige singe vor.

Jetzt wurde das Lied noch angestimmt
Vom bemoosten Burschen, der Abschied nimmt,
Dem die Brüder noch geben das Geleit,
Da zu Ende der Jugend goldne Zeit;
Hat's mancher mit nassen Augen gesungen,
Wenn es im trauten Kreis erklungen.
Weicher und weicher klang die Weise,
Und von den Lippen nur noch leise
Flossen die Worte am Liedesschluß:
»Das letzte Glas, den letzten Kuß!
Ade, ade, ade!
Ja Scheiden und Meiden thut weh!«

Nun ward's still im Nebengemach,
Es verstummte der Lieder rauschender Bach.
Die Lichter drinnen löschte man aus,
Die Nachbarn Zecher gingen nach Haus.
Und wie es so still geworden war,
Verlor sich auch meiner Gesellen Schaar.
Es war Mitternacht. Sie schwanden dahin,
Wie Nebelgebilde sich verziehn,
Wie ein Wölkchen verschwimmt im Mondenschein,
Und am Tische saß ich wieder allein.

Da brach ich auf und gieng gelassen
Langsam heim durch die stillen Gassen
Und nannte mir zählend so im Gehen
Die Namen der Brüder, die ich gesehen,
Der guten Kameraden,
Die der Gesang zu mir geladen,
Der braven, der heitern, so frisch und roth –
Lebt keiner mehr, sind alle todt.

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