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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 128
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Amselruf.

                 

    Bravo, bravo, lieber Sänger,
Daß ich nach so langen, trüben,
In der Stubenluft versess'nen,
Klanglos öden Wintermonden
Endlich einmal deine Stimme,
Endlich einmal wieder höre!

    Immer gieng der volle, runde
Glockenton des Amselrufes
Ganz besonders mir zu Herzen.

    Horch! jetzt klingt es tief elegisch,
Weich, in wenigen Accorden!
Waldes-Echo scheint sich diesem
Hälschen einverleibt zu haben,
Um aus seinen Klängen selber
Ohne Wald hervorzuhallen.
Horch, jetzt klingt es schalkhaft närrisch,
Schelmenpfiffe, Kichern, Schnalzen,
Tonscherz, schnaderhüpfelartig,
Unterbricht die langgezognen,
Tiefgeholten Sehnsuchtlaute.

    Weiß schon, weiß schon, gutes Thierchen:
Willst dich melden, dich empfehlen
Deiner künftigen Geliebten,
Deiner Cidly, deiner Fanny,
Wie sich Klopstock einst so zärtlich
Seiner nur erst vorgestellten
Auserwählten hat empfohlen,
Die aus unbekannter Ferne
Doch auch ihn nicht minder innig
Schon im Voraus lieben mußte,
Wenn er in Alcäus' oder
Sappho's strengem Odenrhythmus
An sie hinsang und den Marmor
Der gemess'nen Form durchbebte
Mit der Wehmuth süßer Wonne.

    Eigen aber ist mir heute
Bei dem Vogelgruß zu Muthe,
Anders klingt er in mir wieder,
Als in meinen jungen Tagen,
Summend muß ich ihn begleiten
Mit den Worten: und so darf ich,
Und so darf ich denn noch einmal,
Darf die mir so lieben Töne
Jedenfalls noch dießmal hören.

    Mag man auch den Tod nicht fürchten,
Ach, es liegt ein trüber Schleier
Auf dem hellsten Frühlingstage,
Ach, es liegt ein trüber Dämpfer
Auf dem hellsten Vogelsange,
Wenn man weiß: nicht oft mehr werd' ich's
Sehen, darf's nicht oft mehr hören,
Ja, vielleicht ich seh' und hör' es
Diesesmal zum letztenmale.
Doch mein liebes Amselhähnchen,
Das du eben jetzt auf's Neue
Einen Jodler, einen Jauchzer
Hören lässest, wie die Bursche
Dort im Waldgebirg von Bregenz
Aus der starken Kehle Tiefen
In drei Tönen schwellen lassen,
Daß er fernhin wiederhalle, –
Glücklich sorgenfreies Wesen,
Das du offenbar nach meinen
Todgedanken gar nicht fragest,
Ich will gerne von dir lernen.
Du auch lebst wohl schwerlich länger,
Als von heut an ich noch lebe.
Doch was kümmert's dich? Dir ist es
Just so wohl bei deiner süßen
Sangesleistung, und die schwarze
Amselhenne, die im fernen
Busche schon verborgen lauschet,
Sie vernimmt dich just so gerne,
Und du weißt auch, daß das alte
Menschenkind, das horchend stehet,
Heute just so gern dich höret,
Als vor vielen tausend Jahren
Ein Aegypter, ein Assyrer,
Inder, Perser oder Meder
Oder Grieche oder Römer
Oder blonder deutscher Recke
Deinen Urur-Urur-Urur-
Ururururvetter hörte,
Als vor vielen tausend Jahren
Eine schwarze Amselhenne,
Amselcidly, Amselfanny
Ihren künft'gen Klopstock hörte,
Als nach vielen tausend Jahren
Einst der Enkel jener alten
Völker oder auch ein Sprößling
Neuer, jetzt erst halbgeborner
Oder ungeborner Völker,
Als nach vielen tausend Jahren
Aus noch ungelegten Eiern
Ausgeschlüpfte Amselhennen
Deinen auch noch ungelegten
Zukunftvetter hören werden.

    Woraus logisch für mich folget,
Daß man nach dem Vor- und Nachher,
Nach den tausend, tausend Jahren,
Nach dem: »vielleicht dießmal nur noch«
Ueberhaupt nicht fragen soll.

    Und so hör' ich deine Weisen,
Höre diese weichen Klagen,
Diese Schelmenliederstückchen,
Trinke dieses Ohrenlabsal
Deiner Wasserorgelklänge
Just so froh, als hätt' ich ihnen
In der Urzeit schon gelauschet,
Just so froh, als ob ich immer,
Immerdar sie hören dürfte.
Wer sich freuet, Jener oder
Dieser, wann sich Einer freuet
Und wie oft sich Einer freuet,
Bleibt sich völlig gleich; es freut sich
Eben jedesmal ein Jemand,
Und der Jemand bin für dießmal
Eben ich und darf mich freuen.
Ewigkeit besteht ja doch nur
Lediglich aus Augenblicken,
Schlägt in einen dieser vielen
Augenblicke denn ein heller
Amselruf herein, warum doch
Sollt' ich um die vielen andern
Augenblicke da mich grämen,
Wo ich nicht mehr bin und Andre
Dieses Wohllauts sich erfreuen,
Warum mich beschämen lassen
Von der heitern Vogelseele,
Die den Augenblick so lieblich
Füllet, formt und färbt und fesselt?

    Horch! es jauchzt und klaget wieder
Süß und innig! Horch, es trillert
Schelmisch wieder! Ei, das Thierchen
Mag sich wohl darob auch freuen,
Daß ich seine weise Lehre
Nun so gut verstanden habe.

    Nett wär's immerhin, gesteh' ich,
Wenn vor meinem letzten Hauche
Ich's noch einmal hören dürfte,
Diesen Ton noch einmal schlürfen.
Hört' ich ihn dann leiser, leiser,
Wie aus blauer Bergeshalde,
Wie bei Nacht im tiefen Walde,
Ganz verhallend, ganz von ferne:
Noch einmal so leicht und gerne
Würd' ich, von so manchen Wegen
Müde, dann auf's Ohr mich legen.

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