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Gutenberg > Friedrich Theodor Vischer >

Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 124
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Ischias.

Heldengedicht in drei verkehrten Gesängen,
einem lyrischen, einem dramatischen und einem epischen.

Dritter Gesang.

                 

    Der ewigen Stube zu entflieh'n,
Schleppt' ich mich nach dem Parke hin,
Nach rechts auf meinen Stab gestemmt,
Denn ach! im linken Beine klemmt
Und zwickt und zerrt und zuckt und blitzt,
Gräbt wie mit Messern scharfgespitzt,
Multiplizirtem Zahnweh gleich,
Der Dämon aus dem Höllenreich.
Wer ihn so schleichen sah, den Kranken,
Einen alten Spittelmann sah er wanken,
Die Menschengestalt verkrümmt, verbogen,
Verschrieben, verzeichnet, verkritzelt, verzogen.
Es wuchs mir die Pein vom erzwungenen Gehen,
All vierzig Schritt mußt' ich stille stehen,
Damit ihr Wüthen nur etwas verbrause,
Das Stechen und Bohren nur etwas versause.
Schon sprach in der Luft ein weicheres Regen,
Es gehe dem holden Mai entgegen,
Mir aber sprach in meinen Knochen
Noch nichts von des Jahres Honigwochen;
Acht Monde lang hatt' ich die Qual ertragen,
Zu hoffen mochte ich nicht mehr wagen.

    Im Parke wußte ich eine Bank,
Auf welcher ein Mann, so lahm und krank,
Vor Winden und Menschenschwarm geborgen
Ausruhen mag von seinen Sorgen.
Es ist ein heimlicher, stiller Raum,
Die Vögel singen in Busch und Baum.
Es war ein Stück Arbeit, ihn zu erreichen;
Mit Hinken und Schlurken, mit Zögern und Schleichen
Bracht' ich es fertig. Da war ich. Und jetzt –
O weh! Mein Plätzchen find' ich besetzt:
Breit sitzt auf der Ruhebank ein Weib
Von völligen Gliedern, stattlichem Leib,
Rothbackig; die dunkeln Augensterne
Besagen mit munterbewegtem Blick,
Sie lebe gerne.
Ihr zur Seite lag ein Gestrick;
Sie hielt einen großen Beutel, – ich kannte
Die Form, die man früher Ridicül nannte
Und griff mit rundlichen Fingern hinein
Und streute Futter den Vögelein;
Die flatterten rings von den Büschen auf
Und flogen herbei und kamen zu Hauf,
Alle in ihren feinen Monturen,
Aufschlägen, Litzen, Besätzen, Frisuren,
Und pickten und hackten mit Zirpsen und Schwatzen:
Die Maisen, die Finken, die Lerchen, die Spatzen,
Die Ammer, die Amsel, die Drossel, der Staar,
Rothkehlchen und Gimpel, Zaunkönig und Zeisig;
Sie scheuten nicht, kannten keine Gefahr,
Gebrauchten alle den Schnabel fleißig,
Ja holten die Körnlein gar noch, schau!
Aus der Hand der guten, behaglichen Frau.
Sie pfiff dazu
In guter Ruh',
Nicht eben laut, doch frank und frei,
Eine lustige Walzermelodei.

    Eine Weile noch blieb ich stehen,
Das vergnügliche Spiel mir anzusehen,
Es machte mir Spaß; doch nicht zu verwinden
War der Verdruß, belagert zu finden
Mein stilles Asyl, nach dem ich so heiß
Gestrebt in meines Angesichts Schweiß;
Ich wandte mich um, mit saurem Verzichten
Den müden Schritt wieder heim zu richten.

    Da rief mir die Frau mit kräftigem Ton:
»Ei, warum geht der Herr denn davon?
Es ist Platz für Zwei, nicht an Raum gebricht's,
Komm' Er nur her, es geschieht Ihm nichts!«

    Ich wußte nicht recht, was sollt' ich machen?
Es war zum Aergern, es war zum Lachen,
Daß das Weib so dreist war, einfach zu meinen,
Ich dürfe in solcher Gesellschaft erscheinen
Vor der feinen Welt und ihrem Klatsch,
Ihrem Gemunkel, Geflüster und Tratsch;
Sie gehörte ja doch – leicht war es erkannt –
Nicht eigentlich zu dem gebildeten Stand.
Doch ich war müd' und bedurfte der Ruh',
Und etwas Eigenes kam noch dazu:
Es schien mir doch Alles so sonderbar,
Daß mir ziemlich kurios zu Muthe war.
Gerade als müßt' ich; kurz, ich kam.
Nicht leicht war der Akt, als Platz ich nahm:
Es fuhr mir wie immer in's linke Bein
Ein Stich wie von glühendem Dolche hinein.
Dabei entfuhr mir ein leises Au! —
»Bist frank, mein Alterchen?« sagte die Frau.
»Was fehlt dir, arme creatura,
Ist die natura
Dir nicht amica
»»Ich habe ischiadica antica,««
Sagte ich, stutzend ob dem Latein,
Das wie erwartend zum Reim lud ein.
»Dafür,« erwiedert sie, »kann ich nichts,«
Doch mit Zügen des Angesichts
Und einem Ton, nicht so hell und frei,
Als ob sie ihrer ganz sicher sei.
Wie um zu verwischen das seltsame Wort,
Fuhr sie nun schnell in der Rede fort:
»Hast gedoktert, mein Söhnchen, wie? Sag' an!
Was hast du denn Alles dagegen gethan?«

    »»Zuerst, meine Beste, ward elektrisirt.
Mit dem konstanten Strom operirt –
Nur wenige Mal, ich hatte nicht Zeit,
Denn zu verreisen stand ich bereit.
Noch konnt' ich es wagen, der Schmerz war eben
Noch leidlich; ich dachte: es wird sich schon geben.
Ich verreiste. Stündlich wurde das Geh'n
Saurer. Ich kam nach Isar-Athen,
Dort gab mir ein guter Freund den Rath:

In's Moorbad sitze! Das ist probat!
Zum Bahnhof hinkt' ich, es galt den Versuch.
Unter manchem stillen Seufzer und Fluch
Kam ich an und dehnte verdrossen dumpf
Die Glieder im klebrigen Schlamm und Sumpf,
Saß gähnend im schmutzigen Zuber, im schnöden:
Wie schlichen die Tage, die trüben, öden!
Und was half das Dulden und Harren? Nichts!
Da lies – des erhabenen Heldengedichts
Tief elegischen ersten Gesang!
Erschrick nur nicht, er ist nicht lang!««

Erster Gesang

Im Moorbad.

                   

Sieht man die Sau, den Büffel
Voll Schmutz am ganzen Rumpf
Mit Grunzen und Geschnüffel
Sich wälzen in dem Sumpf,

So hält man ohne Zweifel
Sich schnell die Nase zu
Und denkt: »Hinweg! Pfui Teufel!
Wie ekelhaft bist du!«

Doch kommen andre Tage
Und anders klingt das Lied,
Wenn eine Höllenplage
Uns durch die Glieder zieht,

Wenn in das Kreuz uns blitzet
Der wilde Hexenschuß,
In die Gelenke sitzet
Der gichtisch böse Fluß,

Wenn sich die Ischiadik
In unsre Hüfte schleicht
Und keiner Diplomatik
Der armen Heilkunst weicht.

Wenn also uns durchmürbet
Des grimmen Leidens Bolz,
Wie schwindet da und stirbet
Des Menschen spröder Stolz!

Mit anderen Gefühlen
Sieht man im dichten Dreck
Die Sau, den Büffel wühlen,
Man denkt: das Ding hat Zweck!

Käm' es nicht appetitlich
Den guten Thierlein vor,
Sie schnauften so gemüthlich
Und grunzten nicht im Moor.

Einmal auf dieser Fährte,
Entsinnt man sich geschwind:
Geschaffen ist aus Erde
Ja doch das Menschenkind!

Stammt also nach der Bibel
Der Mensch vom Erdenklos,
So ist der Ruf nicht übel:
Zurück zum Erdenschoß!

Nach so viel harten Proben,
Die nichts als eitel Dunst,
Ist es ein Wink von oben:
Den Abschied gieb der Kunst!

Geh' hin! Entschlossen wende
Dich nun zur ächten Kur!
Der Dreck ist ja am Ende
Nichts anders, als Natur!

Die Bildung hat uns Allen
Des Siechthums Noth gebracht,
Drum lasse dir gefallen
Des Urstoffs alte Nacht!

Gefunden ist das Wahre!
Zum Henker die Arznei!
Entschließe dich und fahre
Keck in die Sauerei!

Tauch' in die klumpige Lauge,
Den dickzäh lehmigen Saft,
Aus Urwaldsmoder sauge
Des Erden-Centrums Kraft!

Wie fühlt sich in der Kufe
Der Mensch nun primitiv!
Die Schweins- und Büffelstufe,
Wie faßt er sie so tief!

Daß er nun dieß Verständniß
Des Thiergemüths besitzt,
Das mehrt ihm die Erkenntniß,
Wenn auch die Kur nichts nützt. –

Von Moorschlammschmutz umschlungen,
Zu dichten: das ist Kunst!
Und ist es nicht gesungen,
So ist es doch gegrunzt.

(Fortsetzung des dritten Gesangs.)

                   

    »Schnell hatte sie das Papier durchflogen,
Wobei sie merklich den Mund verzogen,
Dann gab sie mir mit verächtlichem Blick
Mein Poem zurück.
»Soll ich etwa Gefallen han
An dem ranzigen, zähen ironischen Thran?
Miserables muffiges Moordecoct!
Man sieht dich, wie du im Schlamm gehockt.
Bist du ein Freund der Ironie?«
»»Verzeihen Sie –««
So begann ich, wollte was Spitziges sagen,
Wie etwa: für solche Gewissensfragen
Sei es etwas zu früh.
Sie fiel mir in's Wort:
»Nur weiter, weiter! Fahre nur fort!«
»»Der Doctor auf meine Klagen sprach:
Mit elektrischem Eingriff helfen wir nach,
Und auf's Neue bot ich die Hüfte dar.
Thut eben auch nicht wohl fürwahr:
Es beißt, es prickelt, es fühlet sich
Wie Brennnesseljucken und Bienenstich.
Doch der Bienenstich war so wenig nutz,
Als im Zuber der Leim, der Papp, der Schmutz.
Ich sagte Ade! von Alt und Jung
Freundlich vertröstet auf Nachwirkung,
Ich verließ, und nicht mit Segenswort,
Den ungnädigen Gnadenort
Und schleppte zur nahen Hauptstadt wieder
Die durchmoorten, durchtorften, durchharzten Glieder
Und hinkte herum
Halblahm und krumm
Und harrte. –
Die Hoffnung narrte.
Ursprünglich hatte ich hingewollt,
Wo die Mandeln blühen, der Tiber rollt,
Hinüber nach Süden, über den Inn,
Ueber den Brenner stand mein Sinn.
Doch: nein!
Sagte der Brenner im Bein.
So bin ich denn noch ein paar Wochen
Als armer Wurm dort herumgekrochen,
Hab' wieder geharrt und endlich gedacht:
Zeit ist es, daß man ein Punktum macht!
Und westwärts gieng es, zurück, nach Haus
Und die lustige Reise war aus.««

    »Weiter,« sprach sie, »nur weiter! Und?«
»»Ja, da war nun mein armer Hund –««
Sie hatte zu ihrem »Weiter« gegähnt,
Kaum aber war der Hund erwähnt,
So wurde sie munter und warf hinein:
»Was ist's für einer? Groß oder klein?«
»»Feinhaariger Affenpinscher, – grau,
Die Farbe spielt fein hinüber in's Blau.««
»Muß nett sein, möchte ihn wohl auch seh'n;«
Nun, und der Pinscher? ich kann's verstehen –
»»In guter Pflege, Doch dumpf und träge
War er drei Monde zu Haus gehockt,
In allen Säften versumpft, verstockt,
Mir sagte so rührend sein Salutiren,
Ich sollt' ihn auch wieder spazieren führen –««
»Recht, recht! Und darum noch eine Kur
Versuchtest du an der spröden Natur –
Nun, begreiflich am Ende, verzeihlich –«

    »»Aber sehr langweilig.
Ich sollte nun Tag und Nacht mich plagen,
Einen Sack am linken Schenkel zu tragen:
Warm Wasser in Guttapercha-Behälter –
Unmöglich, beständig rutscht er, fällt er,
Wie man ihn gurten mag und knüpfen,
Und will nicht erlauben, das Bein zu lüpfen.
Fluchend schmiß ich den Plunder in's Eck;
Wollte doch nicht lassen vom Heilungszweck:
In's Wildbad schrieb ich und klagte
Dem dortigen Doctor und fragte,
Ob der warmen Quelle, der wunderreichen,
Nicht auch ischiadische Schmerzen weichen;
Ja, schreibt der Doctor, komm nur schnell!
Und ich placke mich hin, ich dummer Gesell,
Denn von allen Nestern der Erde fast
Ist keins wie ein Badeort mir verhaßt.««

    »Ja,« sagte sie, »da hast du nun Recht!
Man sollte wahrhaftig wohl bedenken,
Diesem thörichten Menschengeschlecht
Eines Heilquells göttliches Gut zu schenken.
Wie die Unschuld rein
Aus Urgestein
In Waldesnacht
Aus der Erde Schacht
Den Lebendigen allen zur Labe
Sprudelt die heilige Gabe.
Die Posaune gellt
In die weite Welt,
Und sie kommen in Schwärmen herangerumpelt,
In Kinderwagen, an Krücken gehumpelt,
Mit den Kranken Tausende ohne Schmerzen,
Doch vergiftet, verpestet im innersten Herzen,
Die Prasser, die Spieler, die Künstler im Schwindel,
Das ganze moderne Kulturgesindel,
Und zugleich mit den Gichten und Giften im Bein
Schleppt man die Gifte der Bildung ein,
Der Genußsucht, der Geldgier fiebernde Qual
In's stille Thal. –
Nun, und wie gieng's im Badverließ,
Im vergifteten Paradies?«

    »»Da lies!««
Und ich gab ihr den zweiten Hochgesang
Mit seinem dramatischen Gang und Drang.

Zweiter Gesang.

Im Wildbad.

Bresthafter Mensch schläft und träumt. Ihm erscheint

Achilles:

       

Ich komme aus der Ilias
Und habe keine Ischias.

 
Odysseus:

Ich komme aus der Odyssee,
Die Hüfte thut mir gar nicht weh.

 
Sigfried:

Sigfried bin ich, der deutsche Held,
Mein Fußgestell ist wohlbestellt.

 
Karl der Große:

Ich bin der König Karolus
Und habe keinen Hexenschuß.

Bresthafter Mensch:

    Jetzt hab' ich's genug! Himmelkreuzdonnerwetter! Helden wollt ihr sein? Lümmel seid ihr! Wartet, Flegel, ich schmeiß' euch meine Stiefel an den Kopf!

(Er greift unter die Bettlade, es auszuführen, schreit vor Schmerz auf und erwacht. – Schläft nach einiger Zeit wieder ein. Träumt, er sitze in der Quelle. Ihm erscheint:)

Graf Eberhard im Bart:
(Da der bresthafte Mensch aufstehen will:)

             

Bis unverzagt, nur ligen blib!
Von wunden ist wol krank din lib?

 
Bresthafter Mensch:

O, leider, nein! Ich sag' es frei,
Von vieler Sitz- und Schreiberei.

 
Graf Eberhard:

Wer bist du dan, Du siecher Man?

 
Bresthafter Mensch:

Professor bin ich zubenannt
Und dien' im Württembergerland.

 
Graf Eberhard:

Stat wol uf miner hohen Schuol
Ze Tubingen din Lêrer-Stuol?

 
Bresthafter Mensch:

Die meisten, besten Lebensjahr
Mein Mühen ihr gewidmet war.

 
Graf Eberhard:

Duz horo ich mit vröuden an,
Diewil ich sie gestiftet han.

    (setzt sich in's Wasser.)
Sag' an, warum bist du so bleich,
Tuont dir so wehe dine Gleich?

 
Bresthafter Mensch:

Das wohl auch; mehr noch bin ich wund
Vom Hohn aus alter Helden Mund,
Die stolz auf ihren starken Leib
Mein spotteten zum Zeitvertreib.

 
Graf Eberhard:

Sint liute, die es nit verstant,
Diewil sie nit studiret hant.
Min wunden sint zwar von dem swert,
Doch dine sint mir ouch geêrt.
Ruow uz in disem wazzerlin,
Sol dir wie mir gesegnet sin,
Ez ist ein brünnlin warm und mild
Gar frum für bresthaft menschenbild.

Plötzlich hört man Waffenlärm, Angstruf: »Die Schlegler kommen, stürmen schon zum Dorf herein!« Der bresthafte Mensch rafft sich auf, nimmt den Grafen auf die Schulter, trägt ihn keuchend ein Stück weit den nächsten Berg hinauf, bricht zusammen, meint Graf Eberhard noch sagen zu hören:

       

Vergelt dir got die triuwe din,
Din hüftknoch sol geheilet sin!

Er erwacht an starken Schmerzen, besinnt sich, daß er den Grafen und Herzog Eberhard im Traum verwechselt hat, und ruft: »Bei diesem Traumschnitzer, was kann da der Segen helfen!«

(Fortsetzung und Schluß des dritten Gesangs.)

                         

Sie schien auch daraus wenig zu machen,
Nur ein bischen mußte sie lachen.
»Das Altdeutsch mag ich, das hat noch Kraft
Und Leben und Mark und flüssigen Saft,
Auf euer Neudeutsch seid nicht stolz,
Es ist nur trocknes, gesägtes Holz.
Verglichen mit dem ironischen Thran
Geht das Ganze noch leidlich an,
Es ist um ein gutes Bröselein besser:
Uebrigens hat der Herr Professer
Den Schnitzer vom Grafen Eberhard
In verspäteter Geistesgegenwart
Am Schlusse vernäht mit Ach und Krach;
Es klappt nicht ganz, denn man merkt die Sach.«

    Bei dieser Kritik meines Dichterwerks
Dachte ich: Donner! das Weib hat Merks! –
»Professer,« sprach sie mit einem Ton,
Als habe sie ohne das Blatt auch schon
Meine Condition entdeckt,
Und zwar ohne besondern Respekt.

»Und für nichts wieder die ganze Schur?
Und es hieß: nach Hause, nach Hause nur?«

»»Es wiederholte sich wie ein Reim
Und der Krüppel schleppte sich wieder heim.
Ja schlimmer noch stand es, als zuvor,
Und doch fieng wieder ich Narr, ich Thor –««

    »Wieder das Schmieren und Salben an?«
»»Nicht gleich. Es erschien auf dem Feldzugsplan
Mit seinem Kolben, Pinsel und Draht
Auf's Neu' der elektrische Apparat;
Drei Wochen, um konsequenter zu sein,
Durchknisterte man das störrische Bein. –
Umsonst. – Da dachte der menschliche Witz:
Man probire ein Mittel, weniger spitz,
Man durchknete mit starker männlicher Faust
Die Muskel, worin der Nervschmerz haust!
Und es kam der Kneter und walkte und strich,
Und als nach Wochen der Schmerz nicht wich,
Meint' er, zum Kneten
Fehle das Beten –
Doch statt das Beten nun zu probiren,
Ach, da begann ich das Mediziniren,
Da gieng's an's Verschreiben und Rezipiren!
Wohlan, so hieß es, jetzt wirkt man von innen,
Das treibt den Satan von hinnen!
Jodkali, vorlängst schon angeraten,
Schien uns zu schwach für solche Thaten,
Schärfer dem Feind auf den Leib zu rucken,
Mußte ich Phosphorsäure schlucken,
Etlich Tropfen des Tags nahm ich wochenlang ein,
Doch nichts darnach fragte die Pein im Bein;
Mir schien es bereits, ich sollte auf Erden
Noch gar ein wandelndes Zündhölzchen werden.
Man beschloß, da auch dieß nichts wollte verfangen,
Episodisch nach dem Schmiertopf zu langen,
Nach Salben, Decocten, aus beizendem Saft,
Aus Pflanzen, aus mineralischer Kraft,
Die man hoffte Durch tüchtiges, emsiges Reiben
Bis hinein in das Mark des Nervs zu treiben:
Zuerst eine Mischung von Laudanum,
Coctum hyoscyami oleum

Und dazu als vermittelnden spiritus
Schmerzbannenden aether sulphuricus,
Was aber, wie sehr es auch brannte und biß,
Auf Wirkung gemüthlich hoffen ließ.
Nun rieth mir ein guter Bekannter,
Ein Leidensverwandter:
Sicherer wirke da nichts und schneller,
Als Doctor Airy's Pain-Expeller,
Und ich schmiert' als duldendes Lämmelein
Den amerikanischen Schwindel ein,
Doch wie ich auch hantirte und rieb,
Der Teufel im Nerv mir sitzen blieb.

    Jetzt tauchte nur auf eine alte Idee:
Es hatte mir droben am Bodensee
Noch im Herbst ein wackerer Doctorsmann
Als Mittel, das nothfalls heilen kann,
Gerathen in einem Colloquium
Kanthariden mit Collodium:
Mau müsse mit einem breiten Pinsel
Eine Art von langgestreckter Insel
Von der Hüfte über den Schenkel hin
Von dieser scharfen Latwerge ziehn;
Hat dieß den gehörigen Brand erzeugt,
So soll der Kranke sich ungebeugt
Einen zweiten solchen Streifen führen,
Und damit so lang continuiren,
Bis die ganze betreffende Hügelwelt
Nichts ist als ein einziges Wundenfeld.
Ich will es Euch, sprach er, nicht so empfehlen,
Als sei auf das Mittel immer zu zählen,
Doch ein Fall bezeugt, was es wirken kann:
Auf's Land hinaus rief mich ein kranker Mann;
Ich fand von der Ischias ihn gelähmt,
Kein Remedium hatte das Uebel gezähmt,
Er krümmte sich, ächzte vor Höllenqual
Und sehnte sich weg aus dem Jammerthal.
›Wollt Ihr das verzweifelte Mittel wagen?‹
››Nur her damit!‹‹ rief er ohne Zagen.
Es geschah. Vier Wochen nicht ganz voll
Gehen in's Land. Ein Rädergeroll
Hör' ich und schaue zum Fenster hinaus,
Da hält ein Wagen vor meinem Haus.
Wer springt aus der Kutsche? Wer flink und behend
Die Stiegen herauf? mein Patient.
››Herr Doctor, da bin ich! Bin frei und frank!
Und sag' Euch vieltausendmal Herzensdank!
Herr Doktor, mein Retter, ich bin genesen,
Aber eine Saukur ist es gewesen!‹‹««

    Die Frau erschrak im mindesten nicht
Vor des biederen Wortes Vollgewicht;
Sie schmunzelte, sie begann zu lachen,
Erst leise, dann immer heller und heller,
In kollernden Rucken schneller und schneller –
Es war ein Ton, ein waldfrisch ächter,
Als hört' man wilder Tauben Gelächter.
Die Vögel, durch mein Erscheinen scheue,
Gelockt von dem Ton erschienen auf's Neue.
Sie lachte und streute, streute und lachte,
Indessen ich schwere Skrupel mir machte,
Fortzuspinnen am faden Berichte
Meiner trübseligen Leidensgeschichte.

    »Nur weiter!« sagte sie, »mach' nur fort.«
»»Nun ja!«« versetz' ich, »»das gröbliche Wort,
Das der gediegene Landmann sprach,
Gieng doch wie ein grauses Gespenst mir nach
Und ich wagte es nicht auf so grimme Beschwerden.
Nun sollte doch aber gestiegen werden,
Gegriffen heroisch nach einem Unguent,
Das superlativisch beißt und brennt.
Man wählte das Oel aus Krotonkraut
Und verbrannte umsonst mir die arme Haut.«« –

»Und nun?
Was weiter thun?«
»»Nun versuchte man wieder, von innen
Den Rettungsweg zu gewinnen.
Auf stieg der Gedanke kühn und groß:
Den Teufel durch Beelzebub zu vertreiben,
Muß man Gift gegen Gift verschreiben,
Metallisches Gift aus der Berge Schoß
Gegen des Satans Geistergift!
Das muß wirken, wohlan, das trifft!
Und so nehm' ich denn jetzt mit Muth,
Hoffend, es thue gut,
In einem Löffelein
Per Tag sechs Tröpfelein
Arsenik ein. –««

    Stärker und stärker lachte das Weib,
Es schüttelte förmlich den rüstigen Leib
In Polterstößen, in rhythmischem Schwall,
Wie Trommelgedröhne, Trompetenschall,
Auf die Schenkel schlägt sie sich, daß es klatscht,
Ja im Lachrausch wird sie so frech und grob,
Daß sie jauchzend auch mir auf den Schenkel patscht,
– Den gesunden gottlob.

    Ueber der Schande
Stieg mir und brannte
Die flammende Röthe bis an's Ohr,
Bis zu des Stirnhaars Wurzeln empor;
Auf will ich fahren und zucke
Vor Schmerz bei dem mühsamen Rucke,
Und wie ich so schwebe, gestützt auf die Hand,
Halb Sitz, halb Stand,
Was muß ich sehen? Das schnöde Weib
Erdrosselt im Muthwill, zum Zeitvertreib,
Im Kitzel des Lachens, im Frevelmuth
Der niedlichen Vögelein bettelnde Brut,
Nur so in der Geschwindigkeit
Ist Daumen und Zeigefinger bereit,
Wenn so ein Thierchen vertraulich pickt,
Und das tonreiche Hälschen ist geknickt;
Da lagen im Sande, es war zum Weinen,
Noch zuckend ein Theil, die armen Kleinen.

    Ich konnte nicht schweigen, im tiefsten Baß
Sag' ich: »»Pfui! so gemein, wie graß!
So graß wie gemein!««
Nicht länger bei dieser Person zu sein,
Versucht' ich auf's Neue, rasch aufzustehen,
Was leider so schnell nicht konnte geschehen.

    Sie erhob sich und pflanzte sich vor mich hin,
Wobei sie mir seltsam größer schien
Als zuvor. Ihr Auge brannte
Auf mir, mich bannte
Der Blick. In die Hüften die Fäuste gestemmt
Stand sie und ich, bestürzt, beklemmt,
Setzte mich wieder. Sie schwieg eine Weile,
Im Innern wohl sammelnd ihre Pfeile,
Dann that sie den Mund auf und begann:

    »Armselige Menschlein, Weib und Mann,
Stellet euch nicht so, thut nicht so!
Wir kennen es, euer Ach und O!
Lügner vom Wirbel zur Zeh!
Da rufet ihr Au! Da rufet ihr Weh!
Wenn ein luftiges Vogelwesen
Von der Grundkraft Hand und strotzendem Besen
Schlechthin sein natürlich Schicksal befährt!
Raffinirte Bestien, die ihr zehrt
Von der gebundenen,
Geschundenen,
Um ihr bischen Glück betrogenen,
Gefesselten, ausgesogenen,
Der überlisteten Kreatur! –
Empfindsam ist die Kultur,
Thränen der Rührung läßt sie fließen,
Um das Mitleid süß zu genießen, –
Ja, ja! Empfindsam und grausam zugleich:
So steht's in eurem moralischen Reich! –
Ihr schwätzt vom Naiven,
Vom Primitiven,
Und tritt es herein,
So heißt es gemein.
Naturwüchsig heißt euer Modewort,
Und kommt die Natur, so stoßt ihr sie fort!
Das Naive – kokett muß es sein,
Dann leuchtet's euch ein.
Theater wird Alles.
Die Stürze des Wasserfalles
Müßt ihr bengalisch euch illuminiren,
Die Natur erst schminken und auffrisiren,
Dann stehen und gaffen
Die Gecken und Affen
Und klatschen und rufen: da capo! Heraus!
Als säßen die Laffen im Schauspielhaus.
Einsam sein
Mit der Natur allein:
Mit der keuschen, wilden, es macht euch Graus,
Einen Lebtag müßt ihr machen daraus,
Zu Hunderten drängt ihr euch herum
In Fratzenkleidern frech und dumm
Um das feierlich stille Heiligthum
Und belügt einander im lauten Gewühl,
Ihr habet Gefühl,
Und wallet im Schwarm zum »hôtel« zurück,
Gespannt auf des Koches Meisterstück,
Die Pastete, des Tisch-»menu Krone und Glanz,
Aus der Leber der krankgestopften Gans,
Denn eures Gefühles wahre Welt
Ist Magen und Geld.
Alles fälschet ihr, Milch, Brod, Wein
Und am Ende noch Wasser und Sonnenschein,
Ihr fälschet der Sprache goldenen Hort,
Verdrehet im Kerne das ehrliche Wort.
Ja selbst des Buchstabs bestimmter Laut,
Weil vor dem Klaren und Festen euch graut,
In seinem Bestande wird er gefälscht,
Von der schlüpfrigen, glitschigen Zunge verwälscht.«

    Hier hemmt sie auf einmal der Rede Lauf;
»Halt!« ruft sie, »gieb Acht, pass' auf!
Sag: Natur!«
Ich sagte Natur.
»Sag: Humor!«
Ich sagte: Humor.
»Das laß dir gut sein,«
Lenkt sie nun ein,
»Hättest den R-Laut du gebrochen
Und Natua, Humoa gesprochen,
Wie mit den grog- und punschverschmorten
Zungen die Städter in eurem Norden,
Sieh, Mensch, ich hatte dir, meiner Seele!
Zerdrückt wie den Vögeln die zwitschernde Kehle,
Du solltest auf grünen Lebensauen
Mich nie wieder schauen.
Und doch, das will ja noch wenig sagen;
Nach etwas anderem laß uns fragen:
Beichte mir, sprich!
Nicht trüge mich!
Sag' mir auf's Haar:
Bist du wahr?
Hast du nie den franken
Gedanken
Gefälscht, mit verlognen Worten gegleißt,
Die Sünde gegen den heiligen Geist
Nie begangen? Den Mund auf, sprich!
Oder ich zwinge dich!«

    Eigentlich wollte ich remonstriren,
Gegen die Drohung rebelliren,
Hätt' ihr auch gern es hingerieben,
Sie habe doch schrecklich übertrieben,
Allein in demselben Augenblick,
Da ich loszuschießen gedachte,
Spüre ich sachte
Ihre Hand geschoben an mein Genick
Und mir fiel ein, was im Franzenland
La toilette fatale ist benannt:
Der Henker tritt in's Gefängniß ein
Und führt dem Verbrecher sanft und fein
An den Nacken die Hand,
Zu fühlen, wie es bewandt
Mit den untern Haaren,
Ob das Messer bequemlich durch kann fahren,
Dann zieht er ein Scheerchen
Und schneidet die Härchen
Und verlangt kein douceur,
Der grause Friseur.

    Nicht an den Locken, nur am Gewand,
Packte mich jetzt des Weibes Hand,
Am kummetähnlichen Kragen,
Wie wir nach der Mode ihn tragen.
Was soll es? schrei' ich entsetzt –
Aber jetzt, o jetzt –
Sie beginnt mich zu heben,
Ich fühle mich schweben,
Wie an der Angel baumelt der Fisch,
Wie am Galgen als armer Wisch,
Als nichtiger Fetzen hängt in der Luft
Ein Mörder, ein Räuber, ein diebischer Schuft.
Nun geht es empor – wie macht sie's nur?
Sie war doch so groß nicht von Statur –
Höher und höher geht der Zug,
Der unerbetene bange Flug,
Bis hinan zur Höhe der Pappeln
Schweb' ich, was half mein Zappeln,
Mein wilder Fluch, mein wüthendes Schreien?
Ich beschloß, dem Schicksal stille zu sein,
Nur Eins noch rief ich: »»Ich beichte nicht,
Ob zehenmal auch das Genick mir bricht!««

    »Komm, Alterchen, komm an den See!
Da beichte mir, oder weh!«

Es ist in dem Park ein Wasserbecken,
Tief genug, um den Lahmen zu schrecken,
Den hülflosen Mann,
Der schmerzenhalber nicht schwimmen kann.
Sie macht Ernst, sie bewegt sich fort,
In wenig Minuten sind wir am Ort,
Sie streckt ihren Arm und hoch in der Luft
Schwebe ich über der nassen Gruft;
Ich hieng, den Rücken ihr zugewandt,
Sie dreht mich herum mit der Riesenhand
Und wie geblendet von magischem Licht
Schau' ich ihr jetzt in's Angesicht,
Schaue nieder
Ueber die mächtigen Glieder
Und wieder herauf zu Kinn und Mund,
Auf die Stirn, in des Auges gewölbtes Rund – –

    Das ist nicht mehr das vorige Weib
Mit dem behäbig rundlichen Leib,
Athene Promachos glaub' ich zu seh'n,
Wie sie hoch auf der Burg zu Athen,
Die strenge, kalte Jungfrau, die hehre,
Mit gezücktem Schild, mit gezücktem Speere
Wachsam und furchtbar blickend stand,
Zu schützen ihr theures attisches Land,
Daß vor dem ehernen Riesenbilde
Der Gothenkönig, der blutige, wilde,
Entsetzt zurückfuhr, als er hervor
Aus dem prächtigen Säulenthor,
Aus der Halle der Propyläen trat;
Eine Walküre sei ihm genaht,
Mochte er meinen, oder mit Grauen
Glaubt' er die Mutter Hertha zu schauen,
Gegen dunkle Thursen der Urweltzeit
Die Erdenkinder zu decken bereit. –
Und wieder, wie ich so schrecklich nah'
In's große, weitoffene Auge sah,
Stand Eine vor mir, die höchste von allen,
Wie sie einst in Palasteshallen
Als Marmorgebilde vor mir stand
Und mir die Seele mit Ehrfurcht band:
Kronions Gattin, an seiner Seite
Herrschend über des Weltalls Weite,
Ein Haupt von erschreckender Majestät,
Und doch von der Anmuth Flügel umweht.

    So jagten wie Stürme in einem Nu,
In kurzer Sekunden langem Lauf
Die Gedanken mir ab und zu;
Da thut sie die schwellenden Lippen auf
Und spricht in klangvoll tiefem Ton:
»Noch einmal frag' ich dich, Erdensohn:
Bist du immer wahr gewesen?«

    Am Ton, in den Augen konnt' ich ihr lesen:
Jetzt wird's Ernst. – Wie ein Hammer
Schlug es mir in des Herzens Kammer.
Ich stockte, noch immer sträubte sich doch
Der Trotz mir gegen das schmähliche Joch,
Aber er wich dem Schauer und Bangen,
Denn über die Stirn und die runden Wangen
Kam ihr ein grauer Schatten geflogen,
Ein böser, dämonischer Hauch gezogen,
Das ruhige Licht im großen, dunkeln
Sterne des Augs ward nächtliches Funkeln;
Die hohe Göttin war sie nicht mehr,
Gespenstisch schaute sie zu mir her –
Ihr kennet das schauerlich schöne Haupt,
Das man soeben versteinert glaubt
Und das uns selbst zu versteinern droht
Und das noch mitten im grausen Tod
Und neben der Bosheit zuckender Spur
Der Reiz gefallener edler Natur,
Der Adel der griechischen Form umhaucht,
Den Beschauer in banges Entzücken taucht,
Das Haupt, aus dessen Lockenringeln
Die Nattern züngeln –
Ihr wißt, wie es starrt aus der Marmorwand:
Die Medusa Rondanini genannt.

    In den Adern gefror mein Blut,
Hin war auch der letzte Rest von Muth,
In der Todesangst, im bleichen Graus
Stottert' ich kläglichen Tons heraus:
»»Ach ja, ach ja, ich hab' oft gelogen,
Als Knabe den strengen Lehrer betrogen,
Das harte Gesetz umschlichen mit List
Als mutwilliger Seminarist.««

    »Das will ich nicht wissen! Weiter im Text!«
»»So beicht' und bekenn' ich denn zunächst:
Wenn mich der schelmische Gott besessen,
Gott Amor, da hab' ich oft vergessen
Der Wahrhaftigkeit ernste Pflicht.
Gewissensskrupel macht' es mir nicht,
Gevattern, Müttern und Basen
Zu drehen wächserne Nasen,
Half bei so manchem diebischen Schritt
Die Geliebte doch selber mit.««
»Nun ja, das weiß man, die Heimlichkeit
Liebt Eros. Mach' fort! Nicht so lang und breit!«
»»In der Welt verdorbener, falscher Luft
Bin ich höflich gewesen manchem Schuft,
Hab' Manchem: ergebenster Diener gesagt,
Dem eine Kugel ich lieber gejagt
Durch die freche Stirn
In's schlaue Hirn.
Hab' manchen Brief unterschrieben:
In ganz vorzüglicher Hochachtung,
Und hätte doch lieber die Feder gewetzt,
An die Stelle des Hoch ein Ver gesetzt.««

    »Das ist die Welt, ihre Form und Art,
Worin ganz ächt sich Keiner bewahrt.
Springe nicht ab und beuge nicht aus,
Du glatte, schlüpfende Menschenmaus!
Du sollst mir sprechen, du weißt es,
Von Regionen des Geistes,
Von den Gebieten und den Stunden,
Wo man die Wahrheit unumwunden,
Ungeschminkt und nackt und scharf
Erwarten und verlangen darf.«
»»Ach Gott, ach ja, ich hab' oft geränkelt.
Phrasen gedreht, mit Worten geplänkelt,
Einen blauen Nebel oft vorgemacht,
Wenn ich sollte lehren
Und etwas erklären
Und hatt' es selber nicht klar gedacht.
Es macht eben gar so schwül und heiß,
Wenn man etwas selber nicht weiß
Und soll es doch sagen rund, profund,
Als spräche der Weisheit Prophetenmund.««

    »Das ist schon schlimmer,
Doch dieß auch noch immer
Läßt sich verzeih'n.
Nein! Nein!
Wissen will ich, ob du dem Wahren,
Wo du es selber mit klaren
Augen erkannt und wo man es voll
Und ganz erwarten darf und soll,
Ob du da in deinem ganzen Leben
Der Wahrheit hast die Ehre gegeben.«

    Bei den Worten spürte ich einen Ruck,
Von ihrem Arm einen Druck und Zuck,
Er fuhr mir vom Nacken durch alle Glieder,
In den Kopf hinauf, zu den Zehen nieder,
Auch krachten durch die Länge des Tragens
Bedenklich die Nähte des Kummetkragens, –
Was, wenn sie nicht extra mich fallen ließ,
Mir den nassen Tod ohnedas verhieß –
Doch wohl mir! Der Ruck gerieth mir zum Heil,
Er bewirkte sein richtig Gegentheil.
Er rüttelte, schüttelte mich zurecht,
Ich sagte zu mir: bin ich denn schlecht?
Auf die Ehre besann ich mich
Und fragte mich: bin ich nicht ich?
Ich kam zu mir, fand mich, in mir den Mann
Und gelüftet war der erdrückende Bann.
Gesammelt blickt' ich nach oben,
Dann schaut' ich ihr ruhig in's Gesicht
Und sagte gelassen: verlange nicht,
Daß ich mich selber solle loben.

    Und wie ich das einfache Wort gesprochen,
Schien der böse Geist in ihr gebrochen,
Freundlicher wurde der finstere Blick,
Die Röthe der Wangen kehrte zurück,
Die Falte des Zorns auf der Stirn verflog
Und die Winkel der vollen Lippen umzog
Ein Lächeln so sanft, wie ich selten es sah,
Ein stummes, zufriedengestelltes Ja.
Gleichzeitig glaubte ich zu entdecken,
Es weiche des Arms straffliniges Strecken,
Der eiserne, starre Zwang und Spann,
Sie zog mich rückwärts, sie begann
Mich niederzusenken auf's feste Land.
Zugleich auch sank sie selber, es schwand
Langsam, langsam ihr Riesenleib
Und sie wurde wieder das vorige Weib:
Dicklicht, auf Menschenart leibhaft, lebig,
Rothbackig, gemüthlich, bequem, behäbig.
Und wie ich soeben an ihrer Seite
Zum Boden vollends herniedergleite,
Mein ich zu spüren,
Daß unsere Hüften sich berühren,
Meine linke, die kranke, die leidende, arme,
Streift ihre rechte, die volle, die warme. –
Vom Nacken löste sich ihre Hand
Und auf den eigenen Füßen stand
Mit einem lauten, freudigen Ah!
Der Märtyrer endlich wieder da.

    Obwohl nun eigentlich offenbar
Hier ganz und gar nichts zu danken war,
Wollte ich dennoch ein Dankeswort
Stammeln. Aber das Weib war fort.
In die Luft zerflossen? Als Welle zergossen?
In's Gras, in's Laub, in der Stämme Schaft
Zerronnen als perlender, nährender Saft?
Gesunken hinab in der Erde Kern?
Gestiegen hinauf zu strahlen als Stern?
Wer konnt' es wissen? Vor Staunen stumm
Schaut' ich noch eine Weile mich um
Und gieng
Und hieng
Noch immer nach rechts, mich zu schonen beflissen,
Und meinte noch immer hinken zu müssen
Und merke doch nach und nach – Wie? Was?
Es geht ja, glaub' ich, auch ohne das!
Und als ich zu Haus nun angekommen,
Wo ich sonst so mählich die Stieg' erklommen,
So sprang ich in federleichtem Lauf
Wie ein Jüngling die Treppen hinauf.
Mit Hüpfen begrüßte mich frohen Lauts
Mein Hund, der arme Gefangne, der Schnauz,
Der immer so traurig sein Schwänzlein senkte,
Wenn ich zum Parke die Schritte lenkte:
Er wußte – es that in der Seel' ihm weh –,
Daß Hunde da haben kein Entrée.

    Ich schellte – wie sonst nicht – stärker und schneller –,
Die Schaffnerin kam. »Geh', hol' aus dem Keller
Ein Flasche herauf vom Achajawein!
Eine feurige muß es heute sein!«
Fragend sah sie mich an; zum Feste
War der Trank gespart für heitere Gäste.
»Geh' nur und hole mir unverweilt,
Ein Fest ist, denn wisse, ich bin geheilt!«

    Sie lief und brachte,
Ich aber dachte,
Indem ich schlürfte das köstliche Naß,
Der Tag ist des Festtrunks werth vor allen,
Uebrigens ist es doch kein Spaß,
In die Hand der lebend'gen Natur zu fallen.

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