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Lyrische Gänge

Friedrich Theodor Vischer: Lyrische Gänge - Kapitel 114
Quellenangabe
typepoem
booktitleLyrische Gänge
authorFriedrich Theodor Fischer
year1888
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleLyrische Gänge
pages387-394
created20030129
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1888
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Einhart's Wanderschicksal.

November 1878.

           

Auch einer, der's erfahren,
    Der's gründlich hat erkannt,
Wie man mit Dichterwaaren
    Umspringt im deutschen Land.

Du sehntest dich nach Seelen
    Und zogst vertrauend aus,
Sie werden dir nicht fehlen,
    Und giengst von Haus zu Haus.

Du fandest Leder, Leder,
    Wo sonst die Seele sitzt,
Fandst ohne Kopf die Feder
    Zum Stiche schon gespitzt.

Die Feder? Nein, der Besen,
    Aus Reisig, dick und schwer,
Wischt, eh' man nur gelesen,
    Breit über dich daher.

Man greift zum Abwischlumpen
    Und packt dich an dem Schopf
Und schlägt den wüsten, plumpen
    Dir platschend um den Kopf.

»Was ist denn das für Einer?
    So Einen mag man nicht!
Hat von uns allen keiner
    Doch so ein fremd Gesicht.

»Weg mit der Zunft der Narren,
    Fort mit der Käuze Zunft!
Wir wollen keine Sparren,
    Wir lieben die Vernunft.

»Ein ordentlicher Dichter,
    Der ist kein solcher Thor,
Von unserem Gelichter
    Führt er uns Leute vor.

»Du machst uns einen Grusel,
    Denn sieh, du denkst zu viel!
Ein angenehmer Dusel
    Ist Dichters Werk und Ziel.

»Auch bist du uns zu gröblich,
    Decenz vermißt man da,
Uns zog zum Anstand löblich
    Mama und auch Papa.«

So pocht an tausend Pforten
    Umsonst das arme Buch,
Da trägt zum grauen Norden
    Es hin des Schicksals Fluch.

Dort an des Reiches Sitze,
    Im Geistrevier der Spree,
Dort, wo der Bildung Spitze,
    Wie gieng dir's da, o weh!

Eine Gansschaar kam gestiegen
    In langem Schwesterreih'n,
Am Wege sah dich liegen
    Ein trippelnd Gänselein,

Goldgelb, flaumweich wie Butter;
    Es knuspert dran herum
Und spürt kein Gänsefutter
    Und piepst: »Das Ding ist dumm!

»Es wird mir schlimm! Potz Wetter!
    Schon stellt ein Drang sich ein!«
Es richtet auf die Blätter
    Sein wuslich Schwätzerlein,

Schußfertig läßt es fallen
    Ein grasgrün Klitterlein. –
Zwei Herrn vorüberwallen
    Und rufen: »Ei! wie fein!«

Sie greifen nach dem Drecklein
    Und wickeln's in ein Blatt
Und reichen es als Schlecklein
    Der lieben Reichshauptstadt.

Blaustrumpf und Blaustrumpfritter
    Macht sich darüber her
Und all' und jeden Zwitter
    Beglückt der haugoût sehr.

Man schnupft, man klatscht immense:
    Man ruft: Wie riecht das schön!
Wie k . . . . n doch die Gänse
    Geistreich in Spree-Athen!

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