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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080401
projectidfd73c209
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8. Dem Tode getraut.

Unten im Hofe angekommen, schwangen sich die beiden Männer ebenso hastig auf ihre Pferde. Schweigend verließen sie die Burg der Saveller.

Draußen drängte Signor Callisto sein Tier dicht an das Eginos und flüsterte mit einer Stimme, in welcher die Aufregung bebte:

»Habt Ihr es wahrgenommen?«

»Wahrgenommen? Was wahrgenommen?« rief der Deutsche mit einem barschen Tone und stürmisch aus. »Bei Gott, ich habe wahrgenommen, was hinreicht, um mich verrückt zu machen. Ich bin von Sinnen gekommen dabei, ich habe mich selbst nicht mehr; es ist mir, als hätte eine böse Gewalt, ein wilder Dämon meine Seele um und um gekehrt – ich möchte aufschreien, ich möchte weinen, ich möchte jemanden töten, am liebsten alles, was Savelli heißt – ich bin nicht mehr ich selbst, ich bin an dieses Mädchen, an dies wunderbare Weib wie verloren, wie an sie gezaubert, nicht bloß mit meinen Gedanken, nein mit meinem ganzen Sinne, mit jeder Muskelfaser, jeder Fiber, jedem Herzschlag, jedem Blutstropfen ... Callisto, Callisto, was habt Ihr an mir getan und über mich gebracht, daß Ihr mich dies Frauenbild schauen ließet, dies Bild, das mich nun besitzt, sich nachreißt, in seine Nacht und in sein entsetzliches Elend zieht!«

Callisto blickte erschrocken auf den wie in Heller Verzweiflung diese Worte hervorstoßenden jungen Mann.

»Gott steh uns bei!« sagte er – »Ihr redet verstörtes Zeug in mich hinein, und meine Seele ist, der Himmel weiß es, verstört genug! Ihr seid durch die Schönheit dieser »Braut« bezaubert, hingerissen, in Leidenschaft geraten? Zum Teufel, Ihr werdet kein Tor sein! Ihr werdet es zu überwinden wissen ...«

»Dazu müßt' ich den Willen haben es zu überwinden. Und ich habe, das schwöre ich Euch beim Blute Christi, nur den einen Willen mir dies Weib zu erobern, sie loszureißen von dem elenden, siechen, armen Hund von Bräutigam, der kein Glied rühren konnte .. ich morde diesen Luca Savelli, ich morde seine ganze Sippe, wenn ich durch Blut ...«

»Halt, halt, Graf Egino«, rief Callisto aus, »redet keinen Wahnwitz und vor allem verschwört dem Teufel Eure Seele nicht, wenn nur der Teufel Vorteil davon hat. Ihr könnt dies Weib durch einen Mord nicht freimachen –«

»Und weshalb nicht?«

»Weil sie nicht mit einem Lebenden, den Ihr aus dem Wege zu räumen hättet, getraut ist ...«

»Was heißt das?«

»Wo hattet Ihr Eure Augen?«

»Meine Augen? Meine Augen ruhten auf ihr; hätte ich hundert gehabt, ich hätte nur sie gesehen ..«

»Und lagen sie keinen Moment auf dem – Bräutigam?«

»Nur lange genug, um zu sehen, daß sie einer jammervollen Gliederpuppe getraut wurde ...«

»Einer Gliederpuppe? Nein, einer Leiche, Graf Egino! Die Corradina wurde, man könnte sagen, dem Tode vermählt!«

»Dem Tode?!«

»Ja, Graf Luca Savelli war tot.«

»Tot!« schrie Egino laut auf.

»Ihr wart blind, daß Ihr es nicht saht!«

»Gerechter Jesus!«

»Ich erkannte es sehr bald«, fuhr Callisto fort, »trotz dem, was sie taten es vor uns zu verdecken. Luca Savelli war tot.«

»Aber ums Himmelswillen, wozu...«

»Fiel es Euch denn nicht schon auf«, sprach Callisto, ohne auf diesen Ausruf zu hören, weiter, »daß der Herzog geflissentlich das Licht bereits im ersten Zimmer, in dem wir ihn fanden, fern hielt? Obwohl es dunkel wurde? Die ganze Handlung war in die Stunde der Dämmerung verlegt. Auch auf dem Altar brannten nur zwei dürftige Kerzen. Daß ich Euch mitbrachte, einen Fremden, mochte störend genug erscheinen, aber sie hatten das Gewissen nicht rein genug, um einen Einwand zu wagen – und keinen Vorwand! Saht Ihr nicht, wie sie stets den Toten umstanden, damit unsere Blicke nicht auf ihm ruhen sollten?«

»Und das »Ja«, das er sprach?«

»War Livios – habt keinen Zweifel. Ich kenne die Stimme!«

Egino war sprachlos geworden vor Erstaunen.

»Aber die Zeugen, die unterschrieben, der Mönch, der traute –« rief er dann nach einer Pause.

»Gott«, fiel Callisto achselzuckend ein, »ein Herzog von Ariccia findet Werkzeuge zu allem!«

»Und Ihr, Ihr selbst, Callisto, um der ewigen Gerechtigkeit willen, weshalb zerrisset Ihr Euer falsches und lügnerisches Dokument nicht und schleudertet die Stücke nicht diesen entsetzlichen Menschen ins Angesicht; weshalb sagtet Ihr mir nicht, nicht mit einer Silbe, was Ihr wahrnahmt? Ich hätte mich lieber in Stücke reißen lassen, als diesem Frevel schweigend zuzuschauen ...«

»Dankt Gott, daß ich schwieg. Was hätte Reden genützt? Es waren Leute genug da unten unter den Arkaden und im Hofe, um uns unschädlich zu machen; ich sah Lanfranco mit seinen Söhnen drunter, einen der schlimmsten Gurgelabschneider aus dem Gebirge. Freut Euch, daß wir sicher auf dem Heimwege sind und wieder im Sattel unserer Gäule. Ihr könntet, im Vorbeigehen gesagt, dem Euren ein wenig mehr die Zügel kürzen auf diesem sich steil abwärts senkenden Wege; wären wir weniger ruhige Zuschauer geblieben, so schritten diese selben Gäule jetzt wohl unter einem Paar geknebelter Männer ostwärts den Bergen und irgendeiner stillen, einsam liegenden Burg der Saveller zu.«

»Und wenn auch, dies himmlische Weib wäre gerettet worden, es wär' nicht das Entsetzliche geschehen, sie wäre nicht dem Tode vermählt worden!«

»Wißt Ihr das so gewiß ...? Und war es nicht an ihr zunächst zu reden, konnte sie nicht das entscheidende Nein sprechen? Wißt Ihr, ob nicht alles mit ihrer Einwilligung geschah? Ob sie nicht stolz darauf ist nun den Namen dieses toten Luca tragen zu dürfen? Wahrhaftig, sie sah ganz danach aus, als ob sie mit voller Freiheit sich zu diesem verruchten Spiele hergegeben; ihre Brauen waren fest zusammengezogen, ihre Lippen zitterten nicht ...«

»O, das ist unmöglich! Wie ließe solche Jugend, Schönheit und Lebensfülle sich dem Tode antrauen, freiwillig an einen Toten schmieden? Nein, nein, das Entsetzen und die Verzweiflung hatten sie versteinert!«

»Es ist möglich«, versetzte Signor Callisto Minucci sinnend, »es ist möglich. Wer weiß es! Fürs erste ist das wenigstens sicher, daß wir nach einigen Tagen die Anzeige erhalten werden, Graf Luca sei soeben seiner Krankheit erlegen, und daß Rom das Schauspiel der Bestattung eines Savellers in dem alten Erbbegräbnis in Ara Celi haben wird ... man wird artig genug sein mich dazu zu laden; wollt Ihr mich dann wieder begleiten, Graf Egino, so werde ich Euch auch dazu abholen wie heute.«

»Ich könnt' Euch hassen, Callisto, wegen der Ruhe, womit Ihr alles dies sagt«, entgegnete zornig Egino. »Hat es nicht auch Euch das Herz im Leibe umgewendet, hat ...«

Der Rechtsgelehrte zuckte noch einmal die Achseln.

»Blickt um Euch, Graf Egino; es ist sehr dunkel geworden, aber Ihr erkennt dort rechts noch den Palatinischen Hügel und die Trümmer der Cäsarenschlösser; dort vor uns die Höhe ist das Capitol. Ihr seid in Rom und verwundert Euch über etwas, Ihr habt nicht verlernt über Menschen und ihre Taten zu erstaunen?«

»Ihr müßt«, fuhr er, als Egino nicht antwortete, fort, »Ihr müßt weiser werden und lernen, daß in einer Welt, deren geistiger Aufbau zur letzten Grundlage das Mirakel hat, alles möglich wird. In jener hochliegenden Kammer, worin wir dieser Trauung beiwohnten, hat einst der heilige Dominicus als Gast des Papstes Honorius geschlafen; deshalb haben sie sie zu ihrer Hauskapelle gemacht. Weshalb sich entsetzen, wenn an dem Altare eines solchen Mannes das Lebendige dem Toten geopfert wird! Was mit dem Mirakel beginnt, muß mit dem Wahnsinn enden.«

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