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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
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7. In der Burg der Savelli.

Es war am folgenden Tage eine Stunde vor Ave Maria.

Der Rechtsgelehrte war pünktlich gewesen. Auf einem bescheidenen, aber wohlgenährten Klepper reitend, erschien er in der Via della Mercede, vor dem Albergo del Drago.

Graf Eginos Diener führte hier seines Herrn schönes deutsches Edelroß gesattelt und gezäumt bereits auf und ab.

Als Egino jetzt aus der Tür der Drachenherberge trat, gestiefelt, gewappnet mit dem langen Stoßdegen und eben die langen Handschuhe von sämischem Leder anziehend, rief ihm Signor Callisto entgegen:

»Eigentlich ist es sehr töricht von mir, daß ich mit einem solchen Zeugen wie Ihr aufziehe!«

»Weshalb, Signor Legista? Denkt Ihr nicht Ehre genug mit mir einlegen zu können?« antwortete Egino, sich in den Sattel schwingend.

»Nein,« versetzte der Rechtsgelehrte, sein Pferd in Bewegung setzend, während Egino an seine Seite ritt, – »just umgekehrt; Ihr seid ein zu stattlicher Mann mit Eurem stolzen und schönen deutschen Kopfe und Eurem Wesen, als wäret Ihr ein Prinz aus dem Blute der alten Gothenkönige, so ein Enkel Alarichs; und Euer Roß nun gar mit seiner glänzenden Zäumung ... Ihr laßt doch Euren Diener zu Hause?« unterbrach sich Callisto, wie besorgt sich umschauend.

»Ich lasse meinen trefflichen Götz zu Hause, wie immer,« antwortete Egino, »wo er sich mir nicht selber aufdrängt, weil er meint, ich werde ohne ihn überfallen, beraubt, von Banditen entführt werden, wie ein Kind, das die Zigeuner rauben. Übrigens ist er müde, da er meinen deutschen Landsleuten beigestanden hat aus ihrem Pilgerquartier zu ziehen – auf den Quirinal, wißt Ihr, zu jener Frau Giulietta, die Eure Donna uns empfohlen.«

»Nun, desto besser,« sagte Callisto. »Die Sache ist die, daß ich nicht wünsche, daß mein Zeuge den Leuten, mit denen wir zu tun haben, auffalle. Man braucht nicht Forschungen anzustellen, wer Ihr seid, ehe Ihr die Urkunde, die wir vollziehen sollen, mitunterschrieben habt.«

»Ihr scheint mir mit einem großen Mißtrauen an Euer Geschäft zu gehen, Signor Callisto. Wohin bringt Ihr mich eigentlich? Ist dies der Weg zum Monte Savello?«

»Ich bringe Euch nach Santa Sabina.«

»Auf dem Aventin? Das ist weit. Und was sollen wir im Kloster?«

»Wir reiten nicht zum Kloster von Santa Sabina, sondern zu dem daneben liegenden Hause der Savelli.«

»Aber die Savelli wohnen an der Montanara, in ihrem Palast auf dem Theater des Marcellus – auf Monte Savello, wie man's nennt.«

»In der Tat, und weil sie da wohnen, ist es seltsam, daß sie mich beschieden haben in ihre feste Burg, die einsam oben auf dem Aventin bei Santa Sabina liegt.«

»Zu einer Trauung?«

»Zu einer Trauung. Ihr müßt gestehen, daß der wohleingerichtete Wohnpalast für solch ein Familien-Ereignis fröhlicher Art ein bequemerer und besserer Schauplatz wäre.«

»Vielleicht,« fiel Egino ein, »ist in der Burg mehr Raum; vielleicht umschließt der alte Bau gerade die alte Hauskapelle, die seit der Väter Zeiten stets bei solchen Anlässen im Hause der Savelli gedient hat; oder es ist ein ähnlicher guter Grund, der sie dazu bestimmt!«

Callisto schüttelte den Kopf.

»Ich denke, Ihr werdet es selbst nicht mehr so harmlos nehmen, wenn ich Euch von der Braut und dem Bräutigam erzähle.«

»Nun so erzählt!«

»Die Braut ist ein Geschöpf, von deren Schönheit die, welche sie sahen, sich hingerissen zeigen. Ich sah sie nicht und kann also darüber nichts sagen. Aber ich weiß, daß sie eines alten und hohen, vielleicht gar aus irgendeinem Königsblut stammenden Geschlechts letzte Nachkommin ist. Sie stammt von den Corrados von Anticoli aus dem Sabinergebirge; die Corradina wird sie genannt und ihre Hand verfügt über ein stattliches Erbgut.«

»Und der Bräutigam?« fragte Egino.

»Der Bräutigam – das ists eben; der Bräutigam paßt zu ihr, wie ein Eber zu einer weißen Hindin. Nicht, als ob er noch viel vom Eber an sich hätte, leider nein; Luca Savelli ist durch sein ausschweifendes Leben erschöpft, morsch in allen Knochen; ein Gesell, wenn Ihr ihn seht, werdet Ihr sagen, er sieht aus wie mit der Giftjauche der Sünde getauft, die in dem großen Pfuhl, den man Rom nennt, zusammenläuft, und dann vom Teufel mit seinen schmutzigsten Brühen gewaschen. Er war der Freund des Cesare Borgia, bis Cesare Borgia ihn zu lasterhaft fand und ihn aus Rom fortjagte. Darauf hat er eine zeitlang mit einer Schar Banditen die Gegend von Nemi und Genzano tyrannisiert – und jetzt haben wir ihn hier, krank an der Perniciosa, gebrochen und durchfault, und Bräutigam der schönen Corradina. Was sagt Ihr dazu, Graf Egino?«

»Daß mich das arme Geschöpf in tiefer Seele dauert.«

»Ihr müßt nämlich noch wissen, daß die Herrin von Anticoli die Mündel des Herzogs von Ariccia ist. Ihr wißt, der Herzog von Ariccia ist das Haupt des Hauses Savelli.«

»Und er ist's, der seine Mündel zwingt dieses Scheusal von Luca Savelli zu heiraten?«

»Ich denke, so ist's!« entgegnete Callisto. »Luca Savelli ist sein zweiter Sohn. Der älteste, der Stammerbe, ist vermählt mit einer Colonna von Palliano. Ihr seht, für den ist gesorgt. Und für Luca, der sein väterliches Erbteil längst vertan hat, soll nun auch Fürsorge getroffen werden.«

»Ich hätte weit eher Lust die Braut, die geopfert werden soll, ihrem Oger zu entführen,« sagte Egino, »als, wie Ihr mich heißt die Hand zu dem Schmieden der Kette zu bieten, welche sie fesseln soll. Weshalb bietet Ihr die Hand dazu?«

»Ich? Bin ich nicht einmal der Notar und Rechtsbeistand des Hauses? Was hälfe es, wenn ich mich entzöge? Ein anderer wäre bald gefunden, der alles vollbrächte, was man verlangte. Aber Ihr könnt versichert sein, ich werde alles tun, was ich zum Schutze des armen Mädchens tun kann. In den Kontrakt, welchen mir der Herzog von Ariccia aufzusetzen geboten hat, habe ich anscheinend ganz harmlose Wendungen und Klauseln gebracht, die ihr doch das schönste Spiel gewähren, wenn sie einst vor einen Gerichtshof kommen und ein geschickter Advokat sie auszulegen hat. Ich werde die Augen offen halten; wenn die Corradina ein Wort fallen läßt, welches ihre mangelnde Einwilligung verrät, so wird es nicht auf den Boden fallen, und seht, just darum will ich als Zeugen mir nicht irgendeinen abhängigen Dienstmann oder Klienten der Savelli, einen von Signor Lucas Banditen gar, oder nur einen vielleicht bestechlichen, leicht einzuschüchternden Römer aufdrängen lassen – ich habe Euch gebeten mich zu begleiten.«

»Wahrhaftig, Ihr hättet niemanden bitten können, der bereitwilliger ist den Retter dieser bejammernswerten Corradina zu machen; und dem Luca Savelli seine morschen Knochen zu brechen!« rief Egino erregt aus.

»Ich hoffe, Ihr verliebt Euch nicht in sie, wie Ihr auf dem besten Wege zu sein scheint,« sagte lächelnd Callisto.

»Ihr müßt wenigstens einräumen, daß Ihr alles getan habt mich dazu zu verführen. Ich bin kein solcher Tor. Ich weiß, daß Colonna, Orsini, Savelli die größten Namen Eurer Geschichte sind und daß gar zwei Päpste, beide des Namens Honorius, diesem Hause Savelli angehörten. Ich kenne das von den Cosmaten kunstreich hergestellte Grabmal des Luca Savelli in Ara Celi.«

»Der Senator von Rom war, schon um 1266,« fiel Callisto ein; »doch geht ihr Stamm noch höher hinauf – jener Aventinus gar, der einen der Tiberhügel wider Aeneas verteidigte, war nach der Sage ein Saveller und der Hügel soll von ihm den Namen tragen. Sie sind Herren von Castell Savelli bei Albano, Grundherren von Albano und Ariccia, vielfach mit den Colonnas verbündet und Ghibellinen wie sie; sie sind des Heiligen Stuhles Erbmarschälle und Wächter der Conclaven, sie haben als solche ihren Gerichtshof, die Corte Savella – also haben wir es freilich mit Leuten von ziemlich anständiger Herkunft zu tun. Und nun, da wir aus Straßengewirre und Menschenstrom zu kommen beginnen, laßt uns unsere Pferde in Trab zu setzen, wir haben ein gut Stück Weges vor uns.«

In der Tat, es war ein weiter Weg; er führte über das alte Forum, am Palatin und dem Tal, welches einst den Circus Maximus umschloß, vorüber, und endlich den steilen Hang des Aventin hinauf. Zu ihrer Rechten hatten die beiden Reiter bald die mächtigen Substruktionen der Savellerburg und ihre Zinnenmauern, ihre Türme und Bastionen hoch darüber. Oben wandte sich der Weg rechts, südwärts; sie erreichten einen freien Platz, auf dem einige alte Zypressen standen; weiterhin erhob sich das Kloster Santa Sabina mit seiner Kirche, diesseits desselben lag dunkel, schwer und massig das Savellerhaus. Der freie, mit kurzem dürren Grase bedeckte Platz umgab es wie eine Art Glacis. Der Bau war im Stile jener Burgen, von denen uns der Venezianische Palast in Rom und der der Signoria oder der des Podestà in Florenz als Muster geblieben; ein fast aller Lichtöffnungen entbehrender Unterstock, ein hohes erstes Geschoß, darüber ein niederer Stock mit kleinen Fenstern, oben eine Reihe fester Zinnen; hie und da ein kleiner Erker; über das Ganze aus der Mitte emporragend ein vierkantiger, oben sich ausladender Turm mit Plattform hinter den schmaleren Zinnenzacken. Alles schwer und düster aufgebaut »alla saracenesca«, aus großen Quadern und kleinerem Ziegelwerk in schichtenweiser Abwechslung. Die Reiter ritten durch das offene Tor in die Burg ein und stiegen in dem Hofe ab, in welchem unten rundum eine Reihe schwerer Pfeiler die am oberen Stock entlang laufenden, von schönen antiken Marmorsäulen gebildeten Arkaden trug.

In dem bedeckten Pfeilergang unten und im Hofe trieb allerlei Volk sich um, das teils in Festkleidern, teils und zumeist in zerrissenem und verwildertem Zustande war und mit den langen wilden Haaren und Bärten, den Dolchen im Gürtel, den Bundschuhen, den Ziegenfellen, die als Gamaschen dienten, den mageren, sonnenverbrannten Gesichtern und tückischen Physiognomien nichts von dem an sich hatte, was eine zu einer friedlichen Hochzeitsfeier geladene Gesellschaft auszeichnet.

»Ihr habt recht, Signor Callisto,« sagte Egino, als sie einem der Burschen ihre Pferde übergeben hatten und nun sich dem Innern des Gebäudes zuwendeten, »Ihr habt recht diese Hochzeit ein wenig befremdlich zu finden, vorausgesetzt, daß dies die Hochzeitsgäste sind.«

»Wir werden die richtigen oben finden,« antwortete der Advokat. »Das Gesindel da sind die Banditen des Herzogs und die ärmeren Klienten des Hauses aus der Stadt – diese letzteren haben sich, wie Ihr gesehen haben werdet, zu Ehren des Tages in Festkleider geworfen.«

Auf der breiten, nach oben führenden Treppe fanden sich Diener die beiden Ankömmlinge in das große Zimmer mit dem Thronhimmel, der jedes römischen Fürsten Vorzimmer schmückt, zu geleiten, in welchem sich jedoch ebensowenig von den Gästen, welche Callisto zu sehen erwartet hatte, als draußen entdecken ließ.

Nur zwei Männer in der schwarzen Tracht von Hausbeamten gingen in dem Saale auf und ab, leise miteinander redend.

»Da wär' ich mit meinem Zeugen, Signor Antonio,« sagte Callisto zu dem einen, während er dem anderen zunickte: »kommen wir zur rechten Zeit, Signor Giovanni Battista?«

Die Männer verbeugten sich und Signor Antonio, der ältere, sagte:

»Es ist alles zur Trauung bereit, Signore Minucci, wir sollen Euch sofort zur Excellenza führen!«

Der andere hatte sich schon der nächsten Türe zugewendet und öffnete sie, um Callisto mit seinem Begleiter in einen kleineren Raum eintreten zu lassen.

Der Herzog von Ariccia saß in diesem Raume am Fenster in einem Lehnstuhl, ein kleiner magerer Mann, in dunkelgrünen Samt gekleidet, eine goldene Ordenskette auf der Brust; er hatte die Hände auf den Knauf des Degens, den er zwischen seinen Knien hielt, gelegt und stützte darauf das spitze, vorspringende Kinn. Das Gesicht war wie das eines Vogels – aber Egino fiel bei dieser gekrümmten Nase, diesen kleinen tief unter dichten schrägen Brauen liegenden Augen nicht der Adler ein – nur der Weih.

Ein jüngerer Mann in reicherer Tracht, die Arme über der Brust verschlungen, mit dem Rücken an die Fensterwand gelehnt, stand vor dem Herzog.

»Endlich, Signor Callisto, kommt Ihr!« sagte den Kopf erhebend der Herzog von Ariccia. »Wir warteten nur noch auf Euch.«

»Ich komme pünktlich, gnädiger Herr!«

»Wen bringt Ihr da?«

»Einen jungen Deutschen, der in Bologna Jura studiert hat und nun bei mir lernt, wie denn das Recht, von dem man ihm dort so viel gesprochen hat, in unserer Praxis eigentlich gemacht wird.«

Callisto zog ein mehrfach gefaltetes großes Pergament aus seiner Brusttasche hervor und überreichte es dem Herzog.

Dieser begann es aufmerksam, mit gerunzelter Stirn zu lesen – sein Sohn war hinter ihn getreten, und blickte ihm dabei über die Schulter. Die Dämmerung fing an sich bemerkbar zu machen – sie schien nach einer Weile dem alten Herrn das Lesen zu erschweren.

»Es wird dunkel,« bemerkte Callisto, »befehlt Ihr, gnädiger Herr, daß ich nach Licht rufe?«

»Nein, nein, laßt nur – ich sehe schon,« versetzte der Herzog, und dann, nachdem er zu Ende, sagte er zu seinem Sohne aufblickend:

»Ich denke, es ist alles, wie wir es wünschen, Livio?«

Livio Savelli nickte mit dem Kopfe.

»Es ist alles darin, was wir Signor Callisto angegeben haben, scheint mir,« sagte er dabei – »nur ein wenig aus der Sprache des gesunden Menschenverstandes in die des Rechts verdreht – ohne das wird es Signor Callisto nun einmal nicht tun!«

»So können wir hinübergehen und lassen die Unterschriften und dann die Trauung vollziehen,« sagte der Herzog, sich erhebend. »Signor Callisto, wißt Ihr, daß mein Sohn Luca sehr krank ist?«

»Ich wußte, daß er leidend ist, gnädiger Herr.«

»Leidend ..., nun ja, so leidend, daß es ihm schwer wird ein Glied zu rühren. Er hatte die Perniciosa, wißt Ihr; das Fieber ist nun gewichen, der heiße Puls ist stiller geworden, die wilden Träume sind zu Ende; aber Ihr wißt, solch ein Fieber, wenn es abzieht, läßt im Menschen eine große Mattigkeit und Kraftlosigkeit zurück und deshalb braucht es Euch nicht Wunder zu nehmen, Signor Callisto, wenn Ihr den Bräutigam bei der Trauung ein wenig apathisch erblickt.«

»So nimmt mich nur Wunder, gnädiger Herr, daß Ihr nicht seine Heilung abwartet, um ihn zu verheiraten,« sprach Callisto.

»Freilich, Signor Callisto, das ist ein sehr vernünftiger Rat, den Ihr da gebt. Nur schade, daß ihn die Corradina nicht hören will. Das Mädchen ist, wie Ihr wißt, seit Jahren ihm bestimmt, seit Jahren hat sie diese Verbindung in ihren bräutlichen Gefühlen ersehnt; der wilde Luca hat weniger Eile an den Tag gelegt; jetzt hat das arme Geschöpf sich an seinem Krankenbette geängstigt und um ihn gebangt; sie ist außer sich bei dem Gedanken, daß er sterben könne, bevor er ihr Gatte geworden, und so müssen wir ihr wohl den Willen tun sie mit ihm zu trauen; wenn er stirbt, will sie wenigstens den Trost haben seinen Namen zu tragen, seine Witwe zu sein. Was ist zu machen, wenn Frauen wollen?« schloß der Herzog seine Rede.

»Ihr werdet deshalb auch natürlich finden, daß wir die Trauung im engsten Kreise vollziehen,« fügte Livio Savelli hinzu. »Die Hochzeitsfeier kann später, wenn Luca genesen ist, stattfinden – heute hätten viel Gäste und ein lärmendes Fest sich nicht geschickt. Also kommt!«

Nach diesen Worten wendeten die beiden Savelli, Vater und Sohn, sich dem Ausgang des Gemaches zu – die bedeutungsvollen Blicke, welche Signor Callisto seinem Schüler zuwarf, entgingen ihnen deshalb ... Egino aber verstand sie nicht.

Sie traten in einen großen Raum, welcher wohl ehemals als Bankettsaal gedient haben mochte, jetzt aber, der Einrichtung beraubt und von der Dämmerung durchdunkelt, mit seinen verblichenen Wandmalereien sehr trist und öde aussah; am Ende des Raumes wurde von innen von einem Diener, der die Schritte der Nahenden gehört haben mußte, eine Tür geöffnet und die vier Männer standen gleich darauf in einem großen Wohngemach von eigentümlicher Einrichtung.

Links hatte der Raum zwei hohe Fenster, die auf den freien Platz und den Rücken des Aventin hinausgingen. Die Wand rechts, den Fenstern gegenüber, lief nur bis etwa zur Mitte des Raumes. Dann sprang sie im rechten Winkel zurück, so daß man dort in einen anschließenden zweiten und tiefen Raum blickte, in dessen Hintergrund ein hohes Himmelbett stand und in dem mehrere Schichten von Teppichen den Boden bedeckten.

Gepolsterte Lehnstühle und Vorhänge vor den Fenstern und Flaschen mit Heiltränken auf den Tischen ließen erraten, daß dieser Raum für die Pflege eines Leidenden bestimmt sei.

Der Tür gegenüber, durch welche die Savelli und unsere Freunde eingetreten, führte eine breite Treppe von etwa acht oder neun Stufen in einen ferneren Raum, der um ein halbes Stockwerk höher lag; man sah im Hintergrunde desselben einen Altar, auf welchem zwei Kerzen brannten und auf dessen Stufen zwei Mönche, die weiße Röchel über ihren Kutten trugen, knieten; der erhöhte Raum mußte die Hauskapelle sein, die Mönche dem benachbarten Kloster Santa Sabina angehören; sie trugen das Dominikanerhabit.

Eginos Auge überflog mit raschem Blick das alles, um dann an zwei Gruppen von Personen haften zu bleiben, welche das Gemach, in dem er sich befand, belebten.

Die erste bestand aus zwei Frauen in stattlichen Roben von schweren faltigen Stoffen, die eine bereits bejahrt, die andere mit einem schönen edelgeschnittenen Gesichte, etwa dreißig alt, im Übergang zu jener Derbheit der Gestalt und stattlicher Fülle, welche den Römerinnen oft so früh schon die Anmut ihrer Jugendblüte rauben.

Sie saßen, sich leise zusammen unterhaltend, auf den Steinbänken in der Fensternische einander gegenüber und erhoben sich jetzt beim Eintritt der Männer.

Im Hintergrunde des Gemachs, dem Eingang in das Krankenzimmer nahe, stand ein Tisch; hinter demselben in einem Armstuhl ruhte lässig, den Kopf auf die Brust gesenkt, den rechten Arm auf den Tisch gelegt, ein Mann in einem Wams von dunkelrotem Samt, einen mit einer Perlenschnur umschlungenen Hut vom selben Stoffe auf dem Kopfe, so daß seine Züge völlig beschattet waren; auch erhob er, als die Männer eintraten, das gesenkte Haupt nicht, er blieb regungslos und wie völlig ohne Teilnahme.

Zu seiner Linken, den rechten Arm auf die Lehne des Sessels gestützt, stand eine große hochgewachsene Frauengestalt; sie war in weiße langhinflutende Seide gekleidet, ein Kranz von Orangenblüten ruhte auf ihrem Haupte über dem reichen dunkelblonden, ganz frei über die Schultern hinfließenden Haar. Ein großer freier Blick unter den sich ruhig emporschlagenden Lidern her begegnet den Eintretenden – haftete auf keinem, nur auf Egino eine kurze Weile, und wendete sich dann auf – den stillen Bräutigam.

Egino öffnete beim Anblick dieser Gestalt die Lippen, als ob er einen Ausruf der Überraschung, des Staunens unterdrückte.

Er hatte in all seinem Leben solch ein Mädchen, solch ein Weib nicht gesehen, solch ein hinreißendes Weib. Es war ein Weib und war wie die Gestalt einer Göttin. Sie konnte, so schien ihm, diesen Brautkranz nicht für einen Mann, für einen Sterblichen tragen; es war unmöglich, daß diese Gestalt etwas gemein hatte mit dem morschen, halbtoten Menschen neben ihr, um dessen gebrochene Glieder die Falten seiner Kleider schlotterten – nein, nein, der Kranz auf ihrem goldenen Haar, auf diesem stolzen Haupte war wie ein Kranz ihrer Vermählung mit etwas unendlich Hohem, Schönem, Überirdischem!

Was die Schönheit ihrer Züge für Egino noch zauberhafter machte, war die große Weiche, das Unbestimmte, Verklärte, welches ihnen die Dämmerung gab. Ein schönes Gesicht, das in der Dämmerung vor uns auftaucht, erhält dadurch den gefährlichsten Zauber. Egino erfuhr es in diesem Augenblicke, der Zauber ergriff ihn mit einer Gewalt, als ob er ihn von dieser Stunde an nie mehr loslassen werde – er stand wie an den Boden gewurzelt, seine Arme hatten sich leise, unmerklich gehoben, wie sie sich heben, wenn etwas Plötzliches uns ergreift, wenn am dunkeln Himmel plötzlich ein Meteor vor uns aufflammt.

Der Herzog von Ariccia war zum Tische getreten; er stand vor ihm, so daß er zwischen dem Rechtsgelehrten und dem kranken Bräutigam zu stehen kam. Livio näherte sich auf der anderen Seite seinem Bruder.

»Hier ist der Ehepakt, auf den wir warteten«, sagte der Herzog, das Pergament auf den Tisch breitend; »setzt Eure Namen darunter, meine Kinder – Du zuerst, Luca, und dann Corradina und wir anderen; und dann zur Kapelle – beeilen wir alles, damit die Anstrengung und Aufregung für Luca abgekürzt werde, so viel es möglich ist – Livio, hilf Deinem Bruder bei der Unterschrift, seine Hand ist schwach.«

Livio hatte bereits das Pergament sachte unter seines Bruders Arm geschoben und nahm nun eine Rohrfeder, die er mit Tinte füllte und dem Kranken zwischen die Finger schob, und dann nahm er dessen Hand und half ihm die Worte: Luca Savelli schreiben.

Er gab die Feder der Braut. Langsam, gemessen, ruhig nahm diese sie in Empfang und schrieb. Der Herzog folgte, dann Livio, dann die zwei schwarz gekleideten Männer in der Tracht höherer Hausbeamten, die Callisto im Vorsaal als Sor Antonio und Giovan-Battista begrüßt hatte und die während des vorigen leise aus dem Krankenzimmer herbeigekommen waren. Auch sie unterschrieben, dann bückten sich beide zu dem Stuhle des Kranken, hoben ihn auf und trugen ihn der Treppe zu, die Stufen empor und in die Kapelle. Mit eigentümlichen Blicken hatte dem allen Callisto zugeschaut – jetzt sich zu Egino wendend, sagte er flüsternd:

»Es scheint fast, unsere Unterschrift wird nicht verlangt, so – drängen wir uns nicht damit auf – ich schreibe ohnehin nicht gern – ins Dunkle!«

Es war – man weiß, wie rasch im Süden die Nacht der Dämmerung folgt – so dunkel geworden, daß das Schreiben in der Tat fast schon schwierig wurde – Egino aber sah mit einem Blick auf das Pergament, mit wie kräftigen festen Zügen, neben dem fast unleserlichen Luca Savelli und über den erregt, unruhig gekritzelten Worten: Geronimo Savelli d'Ariccia, der Name: Corradina, Contessa d'Anticoli stand.

Die Anwesenden hatten sich schon sämtlich die Treppe hinauf in die Kapelle begeben; sie umstanden rings wie eine Wache den Stuhl des Kranken, neben dem auf einem Kissen die Braut auf der ersten Stufe des Altars kniete.

Der eine der beiden Mönche stand, den Rücken dem Altar zugewendet, vor ihnen, ein offenes Buch in der Hand. Der andere als sein Gehilfe seitwärts hinter ihm.

Durch die zwei niederen Fenster links quoll nur noch ein sparsames Licht auf die ganze seltsame Gruppe: den Kranken in seinem Stuhl, das neben ihm kniende Weib in ihrem leuchtenden Weiß und mit dem freiflutenden Haar; die um eine Stufe erhöhten Mönche und die reich gekleideten Männer und Frauen umher.

Callisto war in die Kapelle rasch hinaufgeschritten – Egino, wie von einem Zauber gezogen, langsam gefolgt.

Wie ein Traum war ihm das ganze Bild, auf dem starr seine Augen lagen, während er unbeweglich auf der obersten Stufe der Treppe, welche zugleich die Schwelle der Kapelle war, stand. Einen Augenblick zuckte er zusammen; es war, als er ein Ja aussprechen hörte, das Ja eines Mannes, nicht laut, nicht kräftig, aber vernehmlich und rasch hervorgestoßen; ein anderes Ja, rein und fest von einer klaren Frauenstimme gesprochen, folgte.

Und dann wendete sich der Mönch, wobei der Kerzenschein sein mageres markiertes Gesicht erhellte; er wandte sich zum Altare, um die Ringe zu nehmen, und wandte sich zurück, und darauf folgte wieder Gemurmel des Mönchs und Bewegungen seiner Hand, als ob er segnete und Hände zusammenfüge und wieder segnete, und dann ...

Egino fühlte eine Hand auf seinem Arm.

Es war die Callistos.

»Ich bitt' Euch, seht Euch genau den Bräutigam an, wenn er an Euch vorübergetragen wird«, raunte der Advokat.

Egino wendete ihm langsam den Kopf zu, als ob er ihn nicht verstanden.

Nur noch wenige Augenblicke, dann war alles zu Ende; die Gruppe vor dem Altar öffnete sich, die zwei schwarz gekleideten Männer hoben den Stuhl mit dem Kranken empor und trugen ihn an Egino vorüber zur Kapelle hinaus. Die Vermählte folgte dicht hinter ihm. Egino dachte an Callistos Ermahnung nicht, er sah nur sie. Sie schritt an ihm vorüber in stolzer aufrechter Haltung, mit starren Zügen, wie ein Marmorbild, das schreitet; so ging sie die Treppe hinab. Während sie niederstieg, sah Egino von seiner höheren Stelle auf den Orangenblütenkranz und das goldene Haar hinab; es war ihm, als ob die Gestalt vor ihm versinke, als ob sie hinabstiege, hinabgezogen werde in Nacht und Dunkel, in die Nacht ihres Schicksals.

Und dann verschwand alles. Der kleine Zug wendete sich, am Fuße der Treppe in dem Gemache unten angekommen, nach links, dem Krankenzimmer zu – die Falten der Schleppengewänder der zwei zuletzt schreitenden Frauen, wie sie um die Mauerecke an der Treppe unten verschwanden, waren das letzte, was Egino erblickte.

Nur der Herzog von Ariccia war am Altare zurückgeblieben. Er sprach dort flüsternd mit dem einen der Mönche. Jetzt kam er mit raschem Schritte dem Rechtsmanne nach, der seinen Arm in den Eginos legend mit diesem ebenfalls die Treppe hinabschritt.

»Signor Legista«, sagte er, »nun, da alles Nötige vollzogen, folgt mir in meine Gemächer drüben – ich denke, Ihr nehmt eine kleine Entschädigung für das fehlende Hochzeitsbankett an und leert mit mir einen Becher Montefiascone auf das Wohl der jungen Leute, Ihr und Euer »Schüler« da!«

»Nein, Herr, das tu' ich nicht, wenn Ihr's nicht ungnädig nehmen wollt.«

»Und weshalb nicht, Signore Minucci?« fragte der Herzog, den Kopf aufwerfend.

»Als kluger Jurist nicht!« versetzte Callisto mit leichtem Ton. »Nähm' ich heut' die Entschädigung, so wäre ich abgefunden am Tage des Hochzeitsbanketts und auf das will ich mein Recht nicht verscherzen, und mir alle Ansprüche vorbehalten, daß Ihr's nur wißt!«

Der Herzog zwang sich zu einem kurzen Lachen.

»In der Tat, Ihr seid ein Mann der Vorsicht – aber wenn ich Euch nun beruhige und gelobe – seht, da kommt Livio zurück, er wird uns Bescheid tun und auch die Mönche, sobald sie ihr Priestergewand abgelegt haben – also folgt mir ...«

Callisto fühlte einen heftigen Druck vom Arme Eginos auf dem seinen.

»Entschuldigt uns in der Tat«, antwortete deshalb der Rechtsgelehrte – »Ihr wißt, ich wohne fern, vor der Porta del Popolo; es wird Nacht und die Nacht ist niemands Freund, oder besser, sie hat in Rom zu viele Freunde – drum zürnt uns nicht, wenn wir ...«

»Laß sie ziehen, unsere Rechtsleute«, fiel hier Livio ein, »Du siehst, Vater, sie fürchten, daß, während mein armer Bruder noch so schwach und hinfällig ist, sie schlechte Zechgenossen für einen Abendtrunk an uns haben würden – es mag lustigere Gesellschaft geben, die sie erwartet also bona sera, Ihr Herren!«

Der Herzog bestand nun auch nicht weiter. Er reichte Callisto die Hand, nickte kalt Egino einen Gruß zu und mit den Worten: »Wohl denn, Livio mag recht haben, gehabt Euch wohl, Signor Callisto, und habt fürs erste Dank!« wendete er sich ab und dem Raume des Kranken zu.

Livio begleitete Callisto und Egino bis an die Tür des Gemachs.

Als sie sich draußen allein sahen, schritten beide durch die Vorzimmer mit einer Hast wie ein paar Verfolgte, Fliehende.

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