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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5. Irmgard.

Eine Stunde vor Ave Maria ging Egino zur Herberge der deutschen Wallfahrer, die unfern der Piazza Navona in einer engen und schmutzigen Gasse lag, da, wo sich später das Hospital der Deutschen erhob; damals stand erst die aus Beisteuern der Deutschen und Niederländer auferbaute Nationalkirche Santa Maria del Anima, die, im Jubiläumsjahre 1500 begonnen, sich jetzt ihrer Vollendung nahte. Daneben lag die Herberge. Egino hatte in diesem alten vielstöckigen Gebäude lange zu suchen, Treppen zu ersteigen, dunkle Korridore zu durchtappen, bis er in eine große aber dunkle, mit dem einzigen Fenster auf eine schmale Gasse hinausgehende Kammer gelangte, in welcher von seinen drei neuen Bekannten von Aqua Acetosa zwei, Irmgard und Ohm Kraps, unterdessen richtig eine Unterkunft gefunden hatten.

Ohm Kraps saß am Fenster; er hatte auf einem schmalen Tischlein eine strohumflochtene Flasche hellen Orvietoweines und einen Teller mit Schnitten eines hellgelben Anisbrotes daneben vor sich, und auf seinem grotesken Antlitz lag der Ausdruck unsäglichen Behagens und Genusses.

Das Fenster hatte Ohm Kraps trotz der warmen Luft geschlossen; er blickte durch die kleinen Glasscheiben die Fronte des Hauses jenseits der engen Gasse an; hatte er doch seine Freude an diesen Glasscheiben, durch die er wie ein vornehmer Mann hinaussah.

Irmgard hatte ihre Knabenkleider noch nicht abgelegt.

»Es ist gütig von Euch, Graf Egino, daß Ihr wirklich schon heute kommt nach uns zu sehen«, sagte sie ihm entgegentretend. »Ihr findet uns aufgehoben, so gut wir's erwarten konnten, und Ohm Kraps ist sehr zufrieden, daß wir am Ziele sind. Er hat einen Wein hier im Hause gefunden, von dem er behauptet, wenn er auch sein Leben ein Glockengießer bleiben müsse und man auch niemals etwas Besseres aus ihm machen wolle – das Getränk verlohne schon drum nach Rom gepilgert zu sein.«

»Und Ihr«, fragte Egino, »Ihr habt in den ersten Stunden so viel von Roms Herrlichkeit zu schauen gehabt, daß Ihr nicht Zeit gefunden Euch in ein Mädchen zu verwandeln?«

»Es ist fast so«, versetzte Irmgard, Egino einen Stuhl zum Fenster tragend. »Ich bin eine Weile durch die Stadt gewandert, um meine Schaulust zu befriedigen.«

»Allein?«

»Allein. Ohm Kraps war zu ermüdet. Mir war's unerträglich, nachdem wir wochenlang gewandert, gewandert Tag für Tag, ohne Rast talauf, talab, nun plötzlich still in dieser Kammer sitzen und die Stunden verträumen zu sollen ... mir war's wie der geläuteten Glocke, die sich langsam ausschwingt und nicht plötzlich stille stehen kann.«

»Und nun wie in einer geläuteten Glocke summt in Euch wohl der Lärm und der Rumor der volkreichen Stadt nach und der Kopf schwirrt Euch von Allem, was Ihr gesehen?«

»Volkreich ist die Stadt genug und ein buntes Gedränge auf den Gassen – daheim ist's beim Mummenschanz und Fastnachtsspiel nicht viel ärger. Landvolk hab' ich gesehen in vielfarbiger Tracht und schöne stattliche Weiber mit Goldschmuck in den Ohren und um den Hals, aber mit zerrissenen Röcken, schmutzige Kinder an der Hand führend; vielerlei Mönchvolk und Klerisei in verschiedenen Habiten, als ob sie's ausprobieren müßten, welcher Schnitt und welche Farbe dem lieben Gott am meisten nach seinem Geschmack oder für die Frömmigkeit am gedeihlichsten; auch Kardinäle, die waren ganz rot und saßen auf stattlichen Rossen und hatten bewaffnete Trabanten neben sich schreiten, wüste Kerle, Landsknechte mit Büchsen auf den Schultern und langen klirrenden Schwertern. Einem Zug begegnete ich, vor dem bin ich davongelaufen, es waren zwei lange Reihen von Männern in hellblauen Leinwandkitteln mit Kapuzen, die über den Kopf gestülpt waren und bis auf die Brust niederhingen – es waren Löcher für die Augen ausgeschnitten, durch die sie blickten ... das erschreckte mich, ich kann Euch nicht sagen wie ... sie sahen aus wie die Miselsüchtigen, die daheim vor unserer Stadt um das Siechenhaus schleichen ... so schauerlich! Weshalb vermummen sie sich so?«

»Es sind Bruderschaften«, versetzte Egino, »sie machen gemeinschaftliche Bußfahrten oder begleiten Leichenbestattungen, Hinrichtungen oder das heilige Bambino, das Christkindlein, wenn es zum Wundertun zu Kranken gebracht wird ...«

»Und einmal«, fiel Irmgard ein, »begegnete ich einem Trupp Soldaten, die umringten einen langen Zug von vielen Jochen Büffelochsen, welche große schwere Geschütze auf wuchtigen Rädern daherschleppten ... Da ist mir ein Gedanke gekommen, Graf Egino, wißt Ihr mir's zu erklären? Wenn unser Heiliger Vater nun einmal Geschütze, Soldaten, Land und Untertanen haben soll, weshalb beherrscht er dann nicht die ganze christliche Welt? Ein solcher unfehlbarer Mann muß es doch besser wie alle Könige verstehen, und weshalb jagt man nicht die dummen, fehlbaren Könige fort, um nur ihm zu gehorchen?«

»Ihr habt Recht, Irmgard«, antwortete Egino lachend, »er braucht's ja nur als Glaubenssatz auszusprechen. Aber ich fürchte, die Fürsten der christlichen Welt würden an dies Dogma nicht glauben. Die Menschen sind nun einmal so, sie geben den Dogmen sehr gerne ihren Verstand, ihre bessere Einsicht und ihren Mutterwitz preis, aber nicht ihren Vorteil oder ein einträglich Stück Land.«

»Mag sein, und es ist unsere Sache nicht es zu entscheiden«, versetzte Irmgard, die, während sie sprach, sich mit den Armen auf die Lehne des Stuhles gestützt hatte, auf dem Ohm Kraps saß, und so mit ruhigen Blicken Egino, der neben dem Tische des Ohms Platz genommen, anschaute ... »obwohl«, fuhr sie scherzend fort, »es ein gutes Ding für den Ohm und seine Kunst wäre, denn die Glocken würden im Preise steigen!«

»Das würden sie«, erwiderte Egino. »Aber nun erzählt mir weiter, was Ihr gesehen. Wart Ihr im Sankt Peter, saht Ihr sonst irgend ein schönes und großes Monument der Vergangenheit ... wißt Ihr, daß ich Euch gar lau und kühl für den ersten in Rom verbrachten Tag finde?«

»Tut Ihr das? Ihr mögt Recht haben und ich bin wohl einfältig, daß ich mich nicht über all' solche Dinge mehr verwundern kann. Ich glaube, es ist all mein Leben lang mein Fehler gewesen, daß keine rechte Freude in mich eingehen will, wenn ich Dinge sehe, über die gescheitere Menschen oft in großen Jubel ausbrechen, daß sie so etwas mit Augen sehen. Ohm Kraps sagt, ich wäre die rechte Frau gewesen für den starken Michel, der das Fürchten lernen wollte ... doch fürchten kann ich mich schon, aber verwundern nicht ... ich denke, wenn ich mich über etwas verwundern sollte, müßte ich bei Sonne, Mond und Sternen, bei den Bergen und dem blauen Himmel, der darüber ausgespannt ist, anfangen, und nicht bei Menschenwerken. Wo sollte ich da aber ein Ende finden?«

»Menschenwerk also, wenn es auch schön und groß ist, macht Euer Herz nicht höher schlagen?« fragte Egino.

Irmgard schüttelte den Kopf.

»Ich bin zu dumm, um urteilen zu können, ob es schön und groß ist. Mein Herz schlägt nur höher, wenn ich von etwas recht Bravem und Gutem höre, das ein Mensch getan. Und am höchsten und fröhlichsten, wenn ich sehe, daß ich es diesem garstigen, bösen, alten Ohm Kraps so recht behaglich und wohnlich in seinen vier Wänden gemacht; wenn ich denke, wie garstig und herzlos die Menschen oft gegen ihn waren, wie er so mutterseelenallein in der Welt und keiner sein Freund ist und kein Ding ihm eine rechte Freude gibt; und wenn ich dann für ihn sorge und sehe, wie er ein Wohlbehagen hat und wie es ihm wie ein Lächeln von Glück über die alten, häßlichen, schwarzbraunen Züge läuft, dann schlägt mir das Herz wohl höher – nicht wahr, alter Ohm«, fuhr sie lächelnd und sich über ihn beugend und ihre Schläfe auf den grauen struppigen Scheitel des mit dem Lächeln eines Idioten dasitzenden kleinen Ungeheuers legend, fort – »das ist doch das beste Glück, wenn wir daheim in stiller Zufriedenheit sitzen!«

Egino sah sie wohl ein wenig gerührt, aber mehr noch verwundert an – es war doch so himmelweit von seiner Art zu empfinden entfernt, so kleinherzig, so beschränkt ... und doch war etwas darin, weshalb er es nicht zu verdammen wagte, etwas, das – Donna Ottavia hätte es nur zu hören brauchen, sie hätte ihm vielleicht darin eine neue Art von Poesie gezeigt! »Aber nun«, hob Irmgard wieder an, »hab' ich schon zu lange von mir geredet, und wenn es nicht gar zu kühn ist, möchte ich sagen, es sei nun an Euch, Graf Egino, Euren Landsleuten ein wenig zu erzählen, was Euch nach Rom führt, wer die Eurigen daheim sind, ob Ihr lange hier zu bleiben gedenkt, ob Ihr vielleicht wohl gar vorhabt als ein jüngerer Sohn Eures Hauses Euch der Kirche zu widmen und ...«

»Mich der Kirche zu widmen«, unterbrach sie kopfschüttelnd Egino, »wahrhaftig, das ist meine Absicht nicht; ich bin nicht dazu auferzogen. In Bologna habe ich drei Jahre lang die Rechte studiert, mit vielen anderen vom deutschen Adel; aber während sie über die Alpen heimzogen, hat ein älterer regierender Bruder mich hierher gen Rom gesendet, um hier einen großen und verwickelten Prozeß zu betreiben, der an der Rota Romana angebracht ist, dem höchsten Gerichtshof der Christenheit, wenn Ihr je in Eurem Leben davon gehört habt ...«

Irmgard schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte sie. »Und um was handelt es sich bei diesem Prozeß?«

»Um einen Streit mit dem Augustiner-Orden über allerlei Recht an einem den Mönchen vermachten Gut, das beim Belfried von Ortenburg zu Lehn geht.«

»Mit einem Orden? Und da hofft Ihr hier in Rom zu gewinnen?«

»Weshalb nicht? Wir glauben das Recht für uns zu haben, das ist immerhin etwas ...«

»Nicht viel!« schaltete hier, sein Gesicht verziehend, Onkel Kraps ein, der sehr aufmerksam dem Gespräch zugehört und dabei bald Irmgard, bald den jungen Grafen angeblickt hatte. »Wenn die Mönche, die Euer Widerpart sind, sehen, daß Ihr ein Recht habt, räuchern sie's Euch aus dem Prozeß schon mit ihrem Weihrauch hinaus ...«

»Der Weihrauch tut nicht alles. Der eine der heiligen drei Könige brachte Weihrauch, der andere Myrrhen und der dritte Gold zur Krippe. Ich denke nicht, daß Sankt Joseph den Letzten am ungnädigsten angeschaut hat.«

»Ja, ja, Gold ... wenn Ihr denn dessen zur Genüge habt«, nickte grinsend Ohm Kraps ... »es ist seiner sonst in deutschen Fürstentaschen nicht zu viel!«

»Ohm Kraps!« fiel Irmgard erschrocken ein.

»Laßt ihn reden, er sagt ja die Wahrheit«, unterbrach Egino sie. »Aber wo es sein muß, da findet sich's eben auch. Es ist das, Gottlob, nicht meine, sondern meines Bruders Sorge. Und dazu kommt, daß unsere Gegner einen billig denkenden, gelehrten und gar einsichtigen Mann hiehergesendet haben.«

»Einen Ordensmann, der hier Euer Widerpart ist?« fragte Irmgard.

»Einen Ordensmann«, antwortete Egino, »einen noch jungen Mönch; er ist aus dem Kloster zu Wittenberg und heißt Bruder Martin.«

»Und eines gelehrten und einsichtigen Widerparts freut Ihr Euch?« »Sicherlich, denn es ist eine ehrliche deutsche Seele, die immer nur mit offenem Visir handeln wird, und von der ich mich keiner welschen Tücke zu versehen habe. Ich werde, denk' ich, mit ihm schon handelseins werden. Und nun gehabt Euch wohl. Ich hab' ja gesehen, daß Ihr fürs erste wohl aufgehoben seid. Und wenn Ohm Kraps Hindernisse und Schwierigkeiten findet sein gutes deutsches Geld für eine blaue oder rote Amtsschaube loszuwerden, so kommt zu mir, ich führe ihn dann, wenn alles andere nichts fruchtet, zu eben jenem meinen Widerpart, dem Bruder Martin. Er wird dann helfen müssen und es können, denn seines Ordens ist immer der Sakristan der päpstlichen Kapelle, womit die Seelsorge im Vatikan verbunden ist – da haben wir die ersprießlichste Anknüpfung ...«

»Und Ihr glaubt, auf Euren Wunsch würde dieser Bruder, Euer Widerpart, geneigt sein ...«

»Just weil ich sein Widerpart bin«, fiel lächelnd Graf Egino ein. »Er ist ein evangelischer Mann, der das »liebet eure Feinde« begriffen; Ihr solltet nur erst sehen, wie vertraute und herzliche »Feinde« wir sind! Nun aber behüt' Euch Gott, Euch beide; laßt den Ohm nicht zu viel trinken, seine deutsche Arglosigkeit könnte sonst von dem hellgelben italienischen Stoff da in Schaden gebracht werden – er ist nicht so harmlos wie er aussieht. Was wäre auch harmlos in diesem schönen Sonnenlande! Merkt Euch's auch Ihr, Irmgard!«

Er nickte Ohm Kraps mit dem Kopfe zu, reichte Irmgard die Hand und schritt mit den klirrenden Sporen laut und rasch über den Steinflur der Kammer davon.

Irmgard stand lange und horchte, wie dieser feste und ritterliche Schritt draußen auf dem Gang verklang.

»Was stehst Du so und horchst, Irmgard?« fragte Ohm Kraps, zu ihr aufschauend. »Das ist ein Narr. Gutmütig, aber ein Narr! Er redet, wie er denkt. Er lobt seinen Widerpart, den Mönch, der ihn anführen wird. Er hat Dich mit der Peitsche geschlagen und gebahrt sich nun freundschaftlich! So, meint er, sei's gut! Er ist ein Narr, Irmgard.«

Irmgard sah ihren Ohm an, mit einer Miene, worauf sich eine große Betroffenheit zeigte.

»Ist das Euer Ernst?« rief sie aus.

»Denkst Du anders? Kannst Du's vergessen?«

Sie schwieg.

»Vergessen?« antwortete sie dann nach einer langen Pause wie aus tiefem Sinnen auffahrend. »Nein! Ich glaube nicht, daß ein Mädchen so etwas vergißt. Aber ich meine das Nichtvergessen anders als Ihr, Ohm!«

Damit ging sie in eine Nebenkammer, um endlich ihre Knabenkleider abzulegen, die sie jetzt plötzlich wie in ungeduldiger Heftigkeit von sich warf.

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