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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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49. Kaisergedanken.

Es war fünf Tage später.

Eine Viertelstunde weit vor der Stadt Siena, an dem Wege, der gen Rom führt, an einem zur Erquickung der Wanderer angelegten Brunnen hatten sich zwei Männer gelagert, froh, wie es schien, der Rast unter den dichten Schatten der Platanen, welche den zum Ruhen einladenden Platz umgaben.

Der eine von ihnen, ein kleiner, ältlicher, verwachsener Mann, lag ausgestreckt auf dem harten, von kurzem Gras bedeckten Boden.

Er hatte seine beiden Ellbogen aufgestützt, ließ seine breiten Kinnbacken auf den Fäusten ruhen und starrte, anscheinend gedankenlos, das frisch sprudelnde Wasser an, welches aus einem aus Stein gehauenen Löwenmaul in den zum Trog verwendeten Sarkophag darunter niederrauschte.

Der andere war ein weißgekleideter Mönch, der lesend auf der Bank zur Seite des Brunnens saß.

Er hatte wohl der Wärme wegen die schwarze Kutte abgeworfen, die halb aus dem Tragkorb eines Esels heraushing, der still mit gesenktem Kopfe neben dem im Grase Ausgestreckten stand und nur Leben verriet durch den Pendelschlag seines Schweifes, mit dem er sich den über ihm summenden dichten Schwärm von Mücken abwehrte.

In den Tragkörben des Esels nahm man allerlei Habseligkeiten wahr, zu oberst einen Pack schwerer Bücher.

Der Mönch war versenkt in das kleine Buch, welches er in Händen hielt.

Das Buch des Kaisers Friedrich II. war niedergeschrieben von ihm um die Zeit des Konzils von Lyon, in den Tagen, wo Innocenz IV. mit nur 140 französischen und spanischen Bischöfen den Kaiser gebannt, seiner Krone verlustig erklärt, seines Reiches förmlich entsetzt und aus geistlicher Machtvollkommenheit der deutschen Nation ihr gesalbtes und gekröntes Haupt genommen hatte.

Es war der große Todesstoß für das alte germanische Reich gewesen.

Friedrich hatte die Könige und Fürsten aufgerufen zum Bezwingen dieser Hierarchie, welche mit offener Gewalttat die Weltherrschaft an sich riß.

Aber die Könige und Fürsten hatten ihn verlassen und beugten sich. Die Völker schmiegten sich dem Joche des Priestertums, und der verlassene Kaiser, der mit weitem Blicke in die Zukunft das Elend und das innerliche Verkommen sah, die in Deutschland eintreten mußten, wenn die »deutsche Individualität«, der Trieb sich zu zerklüften und zu trennen und nach tausend Richtungen auseinander zu streben, so die Weihe und Segnung der Kirche erhielt, die das einigende Band der Nation zerriß – der verlassene Kaiser konnte nichts tun, als mit den letzten Kräften mühsam sein Banner hochhalten, bis es aus der Hand des Sterbenden fiel – und dann sterbend den Ausdruck seiner eigenen inneren geistigen Befreiung dem vermachen, den die Zukunft ihn zu rächen senden würde.

Er dachte an das:

Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor.

Aber was er für ihn niedergeschrieben, waren weit weniger die Aussprüche eines Weisen, der in Abkehr von der Welt, in dem stillen Schachte seines Denkens Schätze sucht, als die praktischen Winke, Ratschläge und Warnungen eines Mannes, der in den Weltgeschäften aufgewachsen, zur Menschenklugheit erzogen war und gelernt hatte, mit dem Realen zu rechnen. »Die Menschen, wie sie sind«, hatte er geschrieben, »bedürfen noch einer überirdischen göttlichen Gewähr für das Gesetz, nach dem sie handeln sollen.

Die Autorität der Vernunft und des Gedankens wird immer nur die Weisen und Guten leiten, die Macht des Schönen nur über schöne Herzen sich erstrecken.

Die große Masse aber bedarf, damit das Gesetz ihr gelte, das Siegel des Wunders und die Unterschrift einer Hand, die aus den Wolken kam, darunter.

Streitet nicht darüber mit der Masse. Verschwendet eure Kraft nicht im Kampfe um ihre Dogmen.

Nicht den Priestern die Dogmen, nein, den Dogmen sollt ihr die Priester nehmen.

Auf diesem Wege allein werdet ihr die Geister allmählich sich befreien sehen.

Gott aber ist nicht des Menschen Diener, der Mensch nicht Gottes Sklave; wir sind des großen Vaters Söhne und zwischen Vater und Sohn braucht kein Priester sich zu stellen. Der Priester kennt das divide et impera und handelt danach. Da sich aber die Gottheit nicht von ihm wider die Menschen aufhetzen läßt, so jagt er den Menschen Schrecken vor der Gottheit ein.

Feuer erzeugt Wind. Mit der Feuerlohe der Schwärmerei mögt ihr einen Sturm erzeugen, aber die Stürme ziehen über der Menschen Häupter dahin, die Feuerlohe verglüht und was folgt, ist Stille und die alte Nacht.

Es ist leichter ein großes Ziel erreichen, als, wenn ihr's erreicht habt, bei ihm stehen zu bleiben. Zu jenem gehört Mut, zu diesem Selbstbeherrschung. Habt ihr ein Großes getan, so kommen die, welche Größeres von euch verlangen und heischen das, was jenseits eures Zieles liegt und für das eure Zeit nicht reif ist. Mit den Vorwürfen der Feigheit und Halbheit wollen sie euch spornen, das Unerreichbare zu erstreben, und dies Streben wird euch um das Erreichte bringen.

Darum steht fest bei eurer Erkenntnis. Nehmt den Menschen nicht ihren Glauben an den waltenden, allmächtigen Gott und seine reinste Erscheinung in Christus und an Christi Wort. Nehmt ihnen nicht den Glauben; der Glaube stellt die Blätter der Blume dar, deren Duft die Gottesliebe ist, die allein uns heiligt. Aber gebt den Menschen ein neues Priestertum, das, zu der die Menschenseele selber berufen. Schnallt nur ihrer Vernunft den Stachelgürtel des Wahnes ab, löst die Schraube des Widersinnigen, unter der ihr Geist verkrüppelte und ruft sie auf zur Besinnung, damit ihr Seelenleben nicht länger die Vergewaltigung und die Zwangsjacke um ihr Gemüt dulde ...«

Bruder Martin war bis zu dieser Stelle in dem Buche des ersten der Reformatoren, der hier in solchen einzelnen Gedanken neben einer Menge anderer Aussprüche, die er aus Schriften der Vorwelt und seiner Zeit entnommen, eine ganze Politik einer Reformation niedergelegt hatte, gekommen, als er aufschauend sich zwei Gestalten von der Stadt her nahen sah.

Ein junger Mann, eine Frauengestalt, denen ein Diener in einiger Entfernung folgte. Sie kamen näher; sie hatten schon die an der Quelle ruhende Gruppe ins Auge gefaßt, als Bruder Martin sie erkannte.

Er sprang auf und ging ihnen lebhaft entgegen.

»Graf Egino«, rief er erfreut aus, »und Ihr, hohe Frau, seid mir gegrüßt! Welche Freude, daß ich Euch wohlbehalten vor mir sehe!«

»Und dieselbe Freude haben wir Euch endlich in die gute Stadt Siena eingeleiten zu können«, sagte Egino, dem Landsmann die Hand schüttelnd. »Wir harrten dort in der Herberge seit zwei Tagen auf Euch, seit wir dort glücklich angekommen sind und den Herzog Alfonso haben seine Straße weiterziehen lassen.«

»Also Ihr kamt meinetwegen daher gewandert?« fiel Bruder Martin ein. »So kann ich Rom um des einen willen segnen, daß es mir einen edlen Freund mit heimgibt!«

Unterdes war Corradina einige Schritte vorgetreten und hatte den noch immer still auf dem Rasen liegenden Reisebegleiter Martins betrachtet.

Dieser wendete ihr sein Gesicht zu, stierte sie eine Weile an, dann sagte er:

»Ah, Ihr seid's! Ihr! Und den da kenn' ich auch!«

Nach einer Pause fuhr er flüsternd fort:

»Ich habe ihn hingemacht, ganz hin! Gut ist's nun doch, daß ich ihn hingemacht habe. Ist es nicht? Der Mönch da hat mich absolviert. Nun, wo die Irmgard tot ist, ist's gut, daß er sein Teil hat ... er hat sich nicht mehr gereckt, habt Ihr's nicht gesehen?«

Corradina schrak vor dem häßlichen Mann, der über nichts anderes als seinen Mord schien brüten zu können, zurück; Bruder Martin trat neben sie und sagte:

»Ihr kennt ihn ... er ist nun unser Reisegefährte; Ihr müßt ihn schon dazu annehmen, Gräfin, den armen Ohm Kraps!«

»O gewiß«, fiel sie ein »wir sind Euch dankbar, daß Ihr an ihn gedacht habt ...«

»Ich habe Irmgard auf dem Campo Santo bestatten helfen«, fuhr Martin fort, »und ihr Ohm ist mir dann wie willenlos gefolgt. Wir haben uns zusammen einen Esel gekauft und dann uns selbander auf die Wanderschaft gemacht ...«

»Dieser arme Mann ist mir wie ein Glück, das Ihr mir zuführt, Bruder Martin«, sagte Egino. »Welcher Trost für mich darin liegen muß, daß ich für seine Zukunft sorgen kann, das könnt Ihr mit mir fühlen!«

»Aber da ist ja auch Götz, Euer Getreuer«, rief jetzt Bruder Martin aus, den Diener, der Egino gefolgt war, anblickend.

»Den verdank' ich Callisto, dem braven Freunde. Er hat ihm ausgewirkt, die Stadt verlassen zu dürfen, und da Callistos Gärtner, den wir in Baccano fanden, wußte, daß wir uns nach Siena gewendet, hat er uns hier, dazu noch auf meinem gutem Rosse eingeholt.«

Sie hatten unterdes sich in den Schatten der Quelle begeben. Egino und Corradina setzten sich zum Rasten auf die Steinbank.

»So können wir denn wohlgemut morgen weiter ziehen«, sagte, vor ihnen stehenbleibend, Bruder Martin, »heim über die Alpen. Lassen wir eine teure Seele zurück, so getrösten wir uns, daß sie immer in unseren Gedanken lebt, und so bei uns bleibt und mit uns zieht. Das Glück Eurer Zukunft sollte sich nun einmal auf einem solchen Opfer aufbauen. Das ist das Gesetz des Lebens. Jedes Glück verlangt seinen Preis, den wir zahlen müssen, bald einen leichteren, bald einen schwereren. Das leichtere Gemüt kommt leichteren Kaufes davon, dem ernsteren und tieferen wird Schwereres abverlangt.«

»Es ist so«, versetzt« Egino »und Ihr, Bruder Martin, könnt das aus der Tiefe der eigenen Seele heraussprechen, denn auch Euch hat Rom ein Opfer abverlangt.«

»Ja, ein großes: den inneren Frieden, mit dem ich kam, die gläubige Einfalt meines deutschen Gemüts, und es hat mir dafür gegeben den Sturmdrang zum Kampfe für die Wahrheit und das reine Wort Gottes; ich kam in der leichten Kutte des Bettelmönchs und gehe heim belastet mit der schweren Rüstung eines Streiters Christi, Euer Buch in der Hand, hohe Frau, wie ein scharfes sieghaftes Schwert!«

Sie schwiegen.

Egino erhob sich dann.

»Gehen wir zurück, um uns zur Ausfahrt für morgen in der frühesten Frühe zu rüsten«, sagte er.

Aber Corradina legte ihre Hand auf die seine und unterbrach ihn, sich zu Bruder Martin wendend:

»Wißt Ihr, daß Ihr uns noch ein Versprechen zu lösen habt? Ihr wolltet unserem Verlöbnis die Weihe eines Priesters geben und habt es im Drang der Ereignisse unterlassen. Es ist ja Sitte, daß man auch die Verlöbnisse weiht und ich wünsche es, weil ich Eurem jungen Freund allein in sein Land folge...«

Bruder Martin sah sie eine Weile schweigend an. Dann antwortete er:

»Gott wohnt so gut unter dem Schattendach dieser Baumwipfel, wie in einer steinernen Kirche. Lasset Euch also gleich hier vor ihm einsegnen.«

Er legte ihre Hände zusammen und während beider Blicke sich ineinander senkten, setzte er wehmütig lächelnd hinzu:

»Seht, das ist die erste Tat des neuen Priestertums, welches wir der Welt geben wollen. Ich, der Mönch, kann weiter nichts als sie segnen, sie bezeugen. Und nun auf in die Heimat, gen Wittenberg!«

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