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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
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46. Am Lager Irmgards.

Bruder Martin war auf dem Heimwege aus Callistos Villa um die Mittagsstunde an seinem Kloster angekommen. Er war eingetreten um mit seinen Ordensgenossen sein Mahl einzunehmen; dabei hatte er dem Prior in kurzen Worten von seinem Besuche bei Padre Anselmo berichtet, just so wie er ihm früher von seiner Audienz bei Papst Julius II. berichtet, in kurzen Worten und gerade das, was er für die Auffassungskraft des ehrlichen, aber gänzlich bildungslosen Mannes für hinreichend hielt.

Er hatte sich von Anfang an diesen römischen Ordensbrüdern, die ihm so gründlich mißfielen, ferngehalten. Er verleugnete vor ihnen, daß er sich im Italienischen auszudrücken verstand und sprach nur Latein mit ihnen. Sie liebten diese Art der Unterhaltung nicht und ließen ihn allein.

Nach dem Mahl war er in seine Zelle gegangen dort zu ruhen während der heißen Mittagsstunde, obwohl es wider seine deutsche Natur war um diese Tagesstunde wie die anderen Mönche zu schlafen. Die Begier sich in das kleine Buch zu vertiefen, welches ihm Corradina gegeben, war außerdem viel zu mächtig in ihm, um nicht fürs erste alles andere darüber zu vergessen. Er warf sich in seiner Zelle damit auf sein Lager und las darin, las, daß sein Kopf erglühte, seine Pulse in den Schläfen hämmerten, daß er Welt und Zeit um sich vergaß.

Endlich sprang Luther auf, er mußte Luft schöpfen, er mußte Atem holen und sich aus dem Wirbelsturm von Gedanken reißen, die ihm durchs Hirn gingen, die ihm tief ins innerste Gemüt griffen und bald wie eine furchtbare erstickende Last auf die Seele warfen, bald wieder wie ein flammendes Feuer in ihm anfachten, wie einen Drang zu Donnerworten, zu Kampf, zu Tat, zum Bluten und zum Sterben für die Tat. Seine ganze Kämpfernatur war durch dies Buch aufs Mutigste entfacht. Und hätte Innocenz IV., der Verderber der Hohenstaufen, selber in diesem Augenblicke vor ihm gestanden, er hätte sich Mannes genug gefühlt ihn wie Sankt Michael niederzuringen.

Er hatte nach einem Wort geseufzt, nach einem rettenden Wort für die Menschheit, die ihm wie durch einen bösen Zauber vom Pfade der Wahrheit in den Wahn verlockt erschien. Und nun war es in ihm, als lag' nicht ein, nein, ein ganzer Strom von Worten auf seinen Lippen und in seinem Herzen; als braucht' er nur hinauszutreten in die Welt, auf die nächste Kanzel, in jede Versammlung von Männern, und da auszurufen, was in ihm loderte, um dies arme Tier Menschheit, das am Boden lag und sich nicht rührte, weil man ihm einen Kreidestrich über den Hals gemacht hatte, zu befreien und ihm klarzumachen, daß, was es binde, nur ein Kreidestrich sei. War es denn möglich, daß dieser Zauber, der ja gar kein Zauber war, der nicht in der Zauberkraft des Unterdrückers, sondern in der Blindheit des Unterdrückten bestand, sich nicht löste, wenn er dem Blinden die Augen öffnete, wenn er die Formel der Beschwörung sprach, wie dieses Buch da sie ihn lehrte, wenn er sein schlummerndes Deutschland weckte?

Das Herz bis zum Überströmen erfüllt, das Haupt schwindelnd von all diesen Gedanken, verließ Luther das Kloster.

Hätte es ihn auch nicht unwiderstehlich hinaus ins Freie getrieben aus seiner engen Zelle, er hätte nicht vergessen, was er zugesagt: den Weg zum Quirinal, zum Krankenbett Irmgards zu machen.

Er schritt nun rasch und energisch dahin auf dem kürzesten Wege.

Als er dem Palazzo Colonna nahekam, sah er in der Vorhalle des dicht daneben liegenden uralten Baues des Papstes Pelagius, der Kirche zu den heiligen Aposteln, eine Schar Bewaffneter, die ihre Hellebarden und Büchsen an die Wand gelehnt hatten, Morra spielten und, über einen antiken Sarkophag gebeugt, Würfel darauf warfen. Sie hatten sich offenbar da häuslich eingerichtet. Bruder Martin konnte sich deuten, wozu sie da waren; Padre Anselmo hatte es ihm ja erklärt: im Palazzo Colonna wohnte der Herzog von Ferrara... so wurde also in der Tat schon der Ausgang des Palastes gehütet!

Bruder Martin schritt weiter, den Hügel hinauf. Er erreichte das Gärtchen und das Haus Frau Giuliettas; die Tür war verschlossen. Als er anpochte, öffnete die Witwe selbst; sie streckte den Kopf, in dessen Mienen Erschrecken und Aufregung zu lesen waren, durch die Türspalte; dann, beim Anblick des deutschen Mönchs beruhigt, öffnete sie die Tür weiter und flüsterte:

»Ihr seid es, Frate! Ihr kommt in ein Trauerhaus, tretet rasch ein.«

Sie verschloß eilig hinter ihm die Tür wieder.

Bruder Martin sah, in die Küche eintretend, durch die offene Tür in Beppos Kammer und sah Beppo darin stehen. Er bot einen seltsamen Anblick dar; er stand, mit der einen Hand auf die Rücklehne eines Stuhles sich stützend und zu Boden starrend, mit von Schmerz zusammengezogenen Zügen, wie unbeweglich; dabei hatte er ein langes Rappier mit schwerem Korb in seiner andern Hand, und ein eiserner Helm lag auf dem Stuhle, auf dessen Lehne er sich stützte.

»Was habt Ihr, Mutter Giulietta?« fragte Bruder Martin. »Das sieht ja aus, als müßte Euer Sohn in Wehr und Waffen in den Krieg hinausziehen und Ihr jammert darüber – solch ein Gesicht macht Ihr! Ist dem so? Oder was ist denn sonst geschehen?«

»Still, still«, flüsterte Frau Giulietta zurück, »es darf es niemand erfahren: die Klienten der Colonna sind im Geheimen aufgeboten – der arme Junge, nun muß er doch hinaus, so treu er auch bei mir aushalten wollte, und das just heute, wo ich ihn so nötig habe und wo er so zerschlagen und verzweifelt ist um des Todes des armen Mädchens willen, das nun so kalt und still da drinnen liegt...«

»Irmgard ist tot?« rief Bruder Martin erschrocken und erschüttert aus.

»Freilich ist sie tot, sie ist um die Mittagsstunde gestorben; wäret Ihr nur früher gekommen, so hätte sie Euch doch beichten und die heilige Wegzehrung wohl auch noch von Euch empfangen können, so aber ist sie ohne Beichte und Sakramente dahingefahren – sie wollte ja nichts davon hören, daß ich aus Sant Apostoli den Kurate herbeihole, und Beppo stand ihr bei, und der Zio, der litt es auch nicht, der schrie zornig, der Kurate, wenn ich ihn hole, würde ihn verraten und verkaufen, und so steht denn nun die arme Seele da in der Kammer drinnen über der Erde, und was aus ihr wird in unseres Heilands Himmel da oben, wenn sie hinkommt ohne Sakrament und Ölung und Absolution der Sünden, das weiß Gott allein, der mit mir nicht darüber ins Gericht gehen wird, denn ich bin unschuldig daran!«

Beppo war während dieses Redestromes seiner Mutter längst vorgetreten und hatte stumm die Tür zu Irmgards Kammer vor Bruder Martin geöffnet.

Dieser trat leise ein.

Er sah Irmgards Leiche auf dem Bette liegen. Die wachsbleichen Züge des jungen Mädchens schienen ihm unendlich verschönt. Es war, als ob die ganze reiche und edle, engelhafte Seele vor dem Scheiden in diese Züge getreten und diesem schlummernden Antlitze seinen rührenden und eigentümlich ergreifenden Ausdruck gegeben habe.

»War sie so schön?« fragte Bruder Martin sich erstaunt, die Träne fühlend, die in seine Wimper trat. »Wie schön doch die Menschenseele ist! Die reine Menschenseele!«

Er wischte das feuchte Naß aus seinem Auge und blickte auf Ohm Kraps. Dieser saß auf seinem Stuhl neben dem Bette, stierte auf den Boden und murmelte unverständliche Worte zwischen den Zähnen; er schien wie von Sinnen.

Bruder Martin setzte sich auf einen Schemel in die Fensternische. Er stützte den Kopf auf die Hand und sah so in die Züge der Toten.

Der Anblick dieses Antlitzes hatte etwas Überwältigendes für ihn.

»Wie ist die Menschenseele so schön! Und wie unendlich traurig ist ihr Los! So traurig, daß ihr das Beste der Tod gibt!«

Von diesem Gedanken kam er nicht los.

Aber es streifte sein Blick nach einer Weile das weiße Marmorbild an der Wand drüben; er kehrte dann zu der Toten zurück und von ihr zu dem Marmorbilde. Es war seltsam, in diesem Augenblick war ihm, als bekäme das Marmorbild eine Sprache und eine Bedeutung, die es früher nicht für ihn gehabt hatte, und als ob ihm das wachsbleiche Antlitz der Toten diese Bedeutung erschließe. War es nicht das gleiche Wesen, der gleiche geistige Ausdruck, der aus beiden sprach? Etwas vom edelsten Menschentum, von durch Schmerz geläutertem und nun in seiner hohen Reinheit und Schönheit sich bewußt gewordenen Werte; etwas von einer Seelenfreude, die über einer großen Trauer lag, wie ein weißer Lilienkelch über einer dunklen Flut, ein silbernes Mondlicht über einem tiefen Schattentale? Das blutige, gepeinigte Christus-Antlitz drüben an der Wand, über dem dunkle Sprüche murmelnden wunderlichen und verwachsenen Manne, hatte für Martin etwas Kaltes, Befremdendes bekommen; es blickte fremd auf diese Leiche, während das schöne Menschenantlitz der Göttin auf eine Schicksalsschwester zu schauen schien.

Martin ward sich dessen, was er empfand, nicht recht bewußt. Es lag etwas Beängstigendes, Verwirrendes für ihn darin; vielleicht so beängstigend, als wenn ihm in diesem Augenblicke der wiedererwachende Zweifel zugeflüstert hätte: sieh, das Menschenwesen bedarf deines theologischen Gottes da an der Wand nicht, wenn es sich seiner ganzen Reinheit und unsündigen Schönheit nur bewußt wird und in ihr seine Erlösung sieht, wozu frommt ihm dann Theologie!

Wäre aber der Meister Santi in diesem Augenblicke eingetreten, er hätte wohl nicht so triumphierend auf die Richtung der Blicke Irmgards gedeutet und ihn damit besiegen wollen.

Diese Blicke waren jetzt ja auch kalt, starr und erloschen. Sie war hinübergegangen in die ewige Ruhe, in das selige Jenseits, sie war bei Gott. Konnte es anders sein? Sie war nicht gestorben im Glauben an die Kirche. Nicht versehen mit dem Seelgeräte, ohne Sakrament und Ölung, wie Frau Giulietta geklagt. Aber sie hatte ihren Bruder im Geiste, ihren Christus geliebt und war gestorben in einer Tat der Liebe. Sollte Gott diese reine Seele von sich stoßen, weil sie zu ihm kam ohne Priesterwerke; konnte der ewige unendliche Geist sich von ihr wenden, weil auf der Stirn der Leiche nicht ein wenig Fettigkeit von einem Öle glänzte, das ein Mönch da aufgetragen? Es war eine schreckliche, eine entsetzliche Vorstellung, ein grenzenloser Wahnsinn, eine schaurige Gotteslästerung ...

Martin fuhr empor, es schüttelte ihn an allen Gliedern, dieser furchtbare Wahn, daß die Gnade, die Liebe des großen Weltenschöpfers, des Allerbarmers, des Vaters der Welt bestimmt werde durch solch nichtiges äußeres Tun und Werke!

Er küßte Irmgards kalte Stirn und dann eilte er davon; er war zu bewegt, um anders als mit einem Händedruck von Frau Giulietta und Beppo Abschied zu nehmen, der eben still in sich versunken zusah, wie seine Mutter ein altes ledernes Reiterwams für ihn vom Staub reinigte.

»Ich komme wieder, ich komme wieder, um Euch wegen der Bestattung, und wegen des alten Mannes beizustehen, jetzt laßt mich, ein anderes drängt mich«, sagte er, während er sich selber den Riegel der Tür aufriß und durch sie ins Freie eilte.

Bei einer ihm teuer gewordenen Toten sitzen und in die stille Wehmut, in die weiche Trauer um sie sich versenken, durfte er das noch? Nein, wenn er der Mission gehorchte, deren Ruf er in sich fühlte, so war die Zeit für ihn vorüber. Auch er mußte dann sprechen können: »Laß die Toten ihre Toten begraben!« Das ist ein schwer Geheiß! Du sollst dein Gemüt opfern an die Tat. Du sollst ihretwegen tausend Bande der Liebe, die zurückhaltend dich umklammern, zerreißen. Du sollst die Sorge der Liebe nicht mehr üben, nicht mehr dich mühen dürfen um den kleinen Kreis, der dich mit Zärtlichkeit umgibt. Du sollst auf dir selber ruhen und ganz sein mit und in dir selber. Du sollst mit dreifachem Erz gepanzert sein und mit dem eisernen Egoismus des Helden das große unerbittliche Wort sprechen: Laßt die Toten ihre Toten begraben...

Als er durch die Umzäunung des Gärtchens trat, stieß er auf einen Mönch, der an dem Zaun entlang geschlichen kam und auf ihn zutrat. Er war im schwarzweißen Habit des heiligen Dominikus, ein hagerer Mensch mit einem olivenfarbigen Gesichte und schmalen blinzelnden Augen.

»Eh, Frate Agostino«, flüsterte er, »hört doch, hört! Das ist doch Frau Giuliettas Haus, der Witwe, ist es nicht? Was tatet Ihr dort? Wohnen zwei Deutsche dort, ein älterer verwachsener Mann und ein Mädchen, das als Bursch verkleidet im Hospizio dell' Anima ankam? Wohnen sie in der Tat dort? Ihr könnt mir's sagen; ich bin aus Santa Minerva und das Sant Ufficio will es wissen, ob...«

»Wenn das Sant Ufficio das Mädchen sucht«, antwortete Bruder Martin barsch, »so kommt es zu spät, das Mädchen ist tot.«

»Tot? Ah – es ist tot! Ist es wirklich tot? Dann wird der Alte Seelenmessen für sie lesen lassen. Der Alte hat Geld mitgebracht. Hat er sie schon bestellt? Habt Ihr sie alle uns vorweggenommen? Ihr Augustiner? Überall stößt man auf Euch! Als ob sie in Santa Minerva nicht besser und wirksamer gelesen würden als...«

Martin wendete ihm den Rücken. Er hastete, aus der Nähe dieses Menschen wegzukommen. Wie aus einer Pest-Atmosphäre drängte es ihn fortzukommen. Als ob ihn darin die Perniciosa ergreifen müsse, mit welcher ihm die Alte mit dem Esel gedroht. Die Perniciosa des ätzenden zerstörenden Giftes, das er damals auf dem Wege über die öde Höhe in seinem Gebein gefühlt.

Auch davor mußte Luther jetzt fliehen. Er mußte ganz sein und ungeteilt in sich selber. Er durfte sich nicht mehr anbellen lassen von dem Hunde des Zweifels, der ihn aus dem olivengelben Gesichte des Dominikaners anfletschte. So ein Meßpfaff war imstande ihn zurückzustürzen in die Verzweiflung des Unglaubens, in den Zweifel an allem. Und auch dawider mußte ein dreifaches Erz um seine Brust liegen. Mußte er sein Gemüt umschnüren können, daß es nicht zu Empfindungen überquelle, die ihn erweichen und lähmten, so mußte er auch sein Denken und Grübeln beschränken können. Mußte er sprechen können: Laß die Toten ihre Toten begraben, so mußte er auch sprechen können: Laß die Denker ihre einsamen Pfade wandeln. Schau ihnen nicht nach, ob ihre Schritte sie in Nacht und Dunkel führen, oder ob auf morgenrotübergossene Bergeshöhen; ob sie, zu eisumstarrten Gipfeln klimmend, in irgend einen schwindelerregenden Abgrund stürzen, oder auf der höchsten Höhe den Flammenwagen des Elias finden, der sie zum Himmel emporträgt! Ihr Weg war nicht der seine. Er mußte alles von sich abtun, was seine Tatkraft brechen konnte. Er mußte sich an seinen Christus klammern und ihn, den die Kirche erschlagen, lebend der Welt zurückgeben; den bekannten Gottmenschen, den bekannten Christus, wie die Bibel ihn gab, nicht wie zweifelndes Denken ihn zu einem Phantom verflüchtigte.

Das nächste, was Bruder Martin zu tun oblag, war jetzt hinausgehen zum Hause Callistos, um die Nachricht vom Tode Irmgards dorthin zu bringen. Er durfte nicht säumen es Egino und Corradina kund zu tun, damit sie nicht mehr den Gang in die Stadt anzutreten brauchten, der ihnen so verhängnisvoll werden konnte.

Darum schritt er auf dem kürzesten Wege wieder der Porta del Popolo zu. Als er ihr näher kam, nahm er wahr, daß ein stärkerer Haufe bewaffneten Volkes unter dem Torbogen lungerte und auf den Steinbänken an den Seiten saß als gewöhnlich. War auch das um des Herzogs von Ferrara willen? Sicherlich, und ihn, den armen Mönch, konnte es nicht berühren. Er ging ruhig in den Schwarm hinein.

Da streckte ihm ein Schweizersoldat die Partisane entgegen.

»Wohin, Mönchlein? Du kommst nicht hinaus!« sagte er.

»Ist das Befehl?« fragte Bruder Martin auf deutsch. »Wozu, weshalb?«

Der Schweizer nahm die Partisane auf seine Schulter zurück und weniger barsch, als er die vaterländischen Laute vernahm, antwortete er:

»Es ist Befehl und deshalb troll Dich. Es darf herein, wer da will, aber niemand darf hinaus.«

»Auch ein harmloser Mönch wie ich nicht?«

»Nein, geh!«

»Ist's um des Herzogs von Ferrara willen? Ihr seht doch, Landsmann, daß ich der Herzog nicht bin – und in meiner Kutte trag ich ihn auch nicht!«

»Was welscht der Mönch da? Ist's deutsch?« sagte hier ein banditenmäßig aussehender graubärtiger Kerl mit einem langen Messer im Gürtel. »Vielleicht steckt unter seiner Kutte der Bursche, den wir suchen... komm einmal heran, Frate tedesco, und laß Dir unter die Augen sehen...«

Der Mann streckte den Arm aus, um ihn auf die Schulter Bruder Martins zu legen; dieser fuhr zurück und der Schweizersoldat rief dazwischen:

»Geh, Lanfranco, laß ihn! Er ist ein deutscher Landsmann und mag frei gehen, woher er gekommen...«

Bruder Martin fand es geraten sich rasch aus dem Haufen zurückzuziehen und ihm aus den Augen zu kommen.

Aber nun, was beginnen? Wie Egino warnen? Gewiß waren die anderen benachbarten Tore ebenso gehütet.

So gab er sein Vorhaben auf. Müden Schrittes einherwandelnd, das Herz von Sorge bedrückt, gelangte er bis an die Thermen des Diocletian, deren Ruinen sich damals noch bis an die Stelle, wo heute der Mosesbrunnen der Aqua Felice rauscht, vorstreckten.

Dort begegnete ihm ein Mann, der langsam an ihm vorüberging, in einen Mantel gehüllt, den Hut mit niedergeschlagenem Rande tief ins Gesicht gezogen.

Zum Erkennen der beschatteten Züge war es zu dunkel. Aber die Gestalt, der Gang mahnten Bruder Martin so sehr an Signor Callisto, daß er stehen blieb und sich nach ihm umsah.

Auch der Mann war stehen geblieben sich nach dem Mönch umzuschauen. Jetzt kam er heran und diesem dicht ins Auge schauend, sagte er:

»Eh, Bruder Martin, Ihr seid es?«

Es war die Stimme Callistos.

»Ich bin es... und ich treffe Euch hier, Signor Callisto? Was ist geschehen, was führt Euch in Nacht und Dunkel in diese verlassene Gegend?«

»Das ist leicht erklärt, guter Frate. Ich habe mich, wie wir Älteren der stürmischen Jugend gegenüber am Ende immer müssen, in unseres jungen Freundes Verlangen gefügt, und nach dem, was ich einmal getan, nun auch in allem weiter geholfen, damit er und Corradina sicher davon und aus Rom fortkommen. Die nötigsten Bedürfnisse für beide sind auf meinen Klepper gepackt und mein Gärtner ist damit abgeschickt nach Baccano hinaus; da soll er auf sie in einer stillen, abseits gelegenen Herberge warten. Sie verkleiden sich beide; ich habe noch gesehen, wie meine Ottavia der Gräfin Corradina dabei behilflich war sie in das stattlichste Mädchen aus dem Volke zu verwandeln. Dann bin ich, da die Dämmerung nahte, aufgebrochen und gemächlich hierher vorausgeschritten. Wenn sie von Irmgard kommen, werden sie sich hieherwenden, wir treffen uns hier; ich führe sie alsdann durch das nächste Tor ins Freie und auf Umwegen, so weit es nötig ist...«

»Ihr führt sie durch das nächste Tor, Signor Callisto? Mein Gott, so wißt Ihr nicht...«

»Daß die Tore stärker als sonst besetzt sind? Gewiß habe ich es wahrgenommen, als ich kam; aber was soll's? Es sind die Schweizer des Papstes; es gilt dem Herzog Alfonso von Ferrara...«

»Nein, es gilt allen!«

»Allen?«

»So sicher, daß Ihr vergeblich suchtet wieder hinauszukommen, um die Nacht unter Eurem eigenen Dache zuzubringen!«

»Ah... wie wißt Ihr's?«

»Hab ich's doch selber versucht hinauszugehen, und bin zurückgejagt!«

»Das ist ein böser, ein furchtbar böser Querstrich. Dann liegt unser Fluchtplan am Boden. Was dann beginnen?« rief Callisto aus.

»Ich zermartere mein Hirn mit dieser Frage seit mehr als einer Stunde!«

»Der unselige Egino mit seinem deutschen Starrsinn!« sagte der Rechtsgelehrte.

»Scheltet ihn nicht. Er hatte recht mit seinem Verlangen. Das Traurigste dabei ist nur, daß er sich nun ganz umsonst in diese heillose Gefahr und Lage begibt, denn bei Irmgard kommt er zu spät. Sie ist tot.«

»Tot?«

»Sie ist heute um die Mittagsstunde gestorben.«

»Dann ist's ja just, als ob ein böser Dämon über dem armen jungen Manne walte!«

»In der Tat, so ist es; wie ein wahrer Hohn des Schicksals!« antwortete Bruder Martin.

»Was beginnen wir ihnen beizustehen?«

»Ich weiß jetzt nur eines zu raten. Eilen wir zum Hause der Frau Giulietta. Dort finden wir ihn vielleicht und beraten, wohin wir ihn und die Gräfin bringen, bis diese unglückliche Sperre der Tore aufhört.«

»Ja, ja«, rief Callisto aus, »eilen wir dahin, eilen wir augenblicklich dahin!«

Sie gingen rasch beide durch die Dunkelheit davon. Callisto schritt vorauf, Bruder Martin müden Fußes ihm nach.

Der Weg war nicht allzu weit. Sie sahen bereits die dunklen Umrisse der Constantins-Thermen vor sich auftauchen, als sie plötzlich Hufschlag und Waffengerassel vernahmen. Ein Reitertrupp sprengte heran; sie hatten kaum Zeit sich zur Seite zu werfen. Als sie dann hastig weiter eilten, nahmen sie einen noch stärkeren Trupp, ein Durcheinander von Menschen und Rossen und lautes Waffengeräusch wahr.

Ehe wir uns anschicken es zu erklären, wenden wir uns zu Egino und Corradina zurück.

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