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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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44. Der letzte Tropfen.

Bruder Martin, der, von Callisto geführt, eintrat, war in äußerster Erregung.

Er warf sich auf einen Sessel, wischte die Stirn und, auf Egino und Corradina blickend, sagte er:

»Ihr wollt auf und davon, Graf Egino – Ihr müßt's, wie mir Signor Callisto sagt? Nun, Gott geleite Eure Flucht!«

»Ich werde dabei nicht allein sein, Bruder Martin«, erwiderte Egino, ihm in seiner Freude beide Hände schüttelnd. »Seht hier meine Braut, sie wird mich begleiten, Ihr sollt uns vorher einsegnen. Callisto wird Euch sagen, daß Ihr es dürft...«

»Oho«, rief Bruder Martin aus, »Euch einsegnen? Ich? Ich soll segnen – heute? Doch, so sei's darum – ich will segnen, obwohl ich herkam, wie Bileam zu fluchen ... ja, zu fluchen ... obwohl ich ein Priester bin und ein Diener des Segens und Friedens ... Das Herz preßt es mir ab, wenn ich nicht einen herzhaften Fluch schleudern könnte auf dies ganze Babel und das Tier, das auf seinen sieben Hügeln sitzt!«

»Und was ist Euch begegnet, was bringt Euch so in den Harnisch, Bruder Martin?«

»Ich will es Euch sagen, was mich in den Harnisch bringt, Graf Egino: Rom bringt mich in den Harnisch! Dies verruchte Rom, das unser christliches Leben getötet hat und die freien Geschöpfe Gottes zu blödsinnigen Gebetmühlen machen will, wie sie in Tibet oder in der Mandschurei haben, wie Marco Polo – oder ist's der Martin Behaim – das beschreibt! Diese Inquisitoren im scharlachnen Kardinalsrock, für die das Rot die rechte Farbe ist, denn nehmt nur das Gewand und windet es und es tropft das Blut eines Zeugen der Wahrheit heraus. Dieser Papst bringt mich in den Harnisch, denn er ist nicht ein Apostel der Liebe, ein Hort der Wahrheit, sondern ein falscher Räuber...«

»Was hat Euch unser Heiliger Vater getan, daß Ihr so zornig wider ihn auffahrt?« fiel Callisto lächelnd, aber durch den leidenschaftlichen Ausdruck des deutschen Mönchs betroffen ein, dessen Rede er mehr erriet, als verstand.

»Hört es!« versetzte Luther. »Ihr mögt wissen, daß ich des Lebens hier satt und überdrüssig geworden. Ich hatte meinen Entschluß gefaßt. Der Teufel fing mit mir in meinem Herzen solch eine Disputation an, daß er mir angst machte vor mir selber. Und da sagt' ich mir: Fliehe von hinnen, armer Schelm Martinus, so lange es Zeit ist und ehe denn du Schaden gelitten an deiner Seele. Haben sie Christum in der Welt ertötet und werden sie's dahin bringen, daß die Kirchen leer, die Altäre verlassen stehen, daß das Glockenläuten erstirbt und die Herzen abfallen vom Glauben, so leid's nicht, daß sie den Tempel in dir selber abbrechen oder verwüsten und veröden; leid's nicht, daß sie die Flammen auf dem Altar deines Herzens ausblasen; leid's nicht, daß sie die Glocken, die dir im Gemüte tönen und klingen, stumm machen. Halt du fest an deinem Gott, deinem Christo und am Glauben an sein Wort. Geh von hinnen, ehe der Zweifel mächtig wird in deiner Seele und der Teufel Gewalt über dich bekommt und in dich fährt. Eile von hinnen, schüttle den Staub Roms von deinen Füßen und nimm den Pilgerstab zur Hand, an dem du hergekommen. So sprach ich zu mir. Und somit also ging ich zu meinem Prior, daß ich ihm meine Vollmacht übertrüge, die mir unsere Kongregation in Sachsen anvertraut – Ihr wißt, wegen des Prozesses wider Euch Grafen von Ortenburg, an der Rota dahier. Auch ist der Prior willig dessen sich sogleich anzunehmen, aber er mahnt mich zuerst zum Vater Anselmo zu gehen und Abschied von ihm zu nehmen. Freilich, Vater Anselmo ist ein mächtiger Mann und steht hoch in unserem Orden und er ist gütig und von bester Gesinnung gegen mich gewesen, wie Ihr es ja selber wißt und sähet, Graf Egino. Also zum Vatikan muß ich schreiten – noch einmal! Ich ging und ging mit schwerem Schritt, als ob ein Etwas mir den Fuß hemme, der noch einmal diesen Pfad betrat. Und als ich oben ankomme, nimmt mich Vater Anselmo gütig auf und hört an, was ich spreche; aber sein Antlitz ist verdüstert und was ich rede, hört er nur halb und zuletzt sagt er:

»Der Heilige Vater hat Euch scharf angelassen unlängst, Bruder Martinus, aber Ihr hattet es Euch selber eingebrockt, weil Ihr spitzfindige Dinge vor ihn brachtet, die er nicht liebt; und dann lag ihm auch der Handel mit diesem Herzog von Ferrara im Sinn, der, fürcht' ich, noch eine üble Wendung für den Heiligen Stuhl und unser armes Italien nimmt...«

»Der Handel mit dem Herzog von Ferrara?« frag' ich darauf. »Ich höre, ehrwürdiger Vater, daß dieser Handel im schönsten Frieden beigelegt, daß der Heilige Vater dem Fabriccio Colonna zugesagt, es solle der Herzog Frieden haben und der Bann von ihm genommen werden, falls er komme und um Verzeihung bitte und der Kirche Lehenshoheit über Ferrara anerkenne. Da nun das alles geschehen ...«

»Das ist geschehen«, fällt Vater Anselmus ein, »aber wißt Ihr vom anderen nichts? Der Heilige Vater kann mit solch glimpflichem Austrag des langen Haders nicht zufrieden sein; er hat Alfonso von Ferrara eröffnen lassen, daß er sein Herzogtum der Kirche abtreten müsse. Der Herzog hat sich zornig geweigert; der Heilige Vater aber wird ihn nicht ziehen lassen, bevor er sich unterworfen. Der Palast der Colonna, in dem der Herzog wohnt, wird von Bewaffneten bewacht, alle Tore werden mit starker Mannschaft besetzt werden, der Herzog wird nicht frei werden, bevor er gehorcht. Aber dann, was wird geschehen? Der König von Frankreich ist sein alter Verbündeter. Wird er nicht ein Gebot der Ehre darin finden Alfonso beizustehen? Der Heilige Vater mag so zornig werden wie er will, ich bleibe dabei, wir werden die Franzosen wieder in Italien haben, ehe zwei oder drei Monate vergehen!«

So spricht mit verdüsterter sorglicher Miene Vater Anselmus, und ich, ich starre dem Mann ins Gesicht, als ob der Blitz vor mir eingeschlagen.

»Bei allen heiligen Nothelfern«, ruf ich aus, »das ist ein verruchtes Tun; ein Wort ist ein Wort und ein Mann ein Mann, und auch Papst Julius...«

»Vater Anselmus aber schneidet mir hastig das Wort ab; auch seh' ich, daß meine Worte bei ihm verloren sein würden, ihm liegt nur der König von Frankreich und seine reisigen Völker und seine Schweizer-Regimenter und wie die Republik Venedig sich zu der Sache stellen werde, im Sinn, nicht aber Treue und Glauben und Wort; das alles drückt sein Gewissen nicht. Und der Mann ist des Heiligen Vaters Beichtvater! Und so geh' ich von dannen. Nun aber bitt ich Euch, Graf Egino, ist dies zu ertragen? Handelt so ein ehrlicher Mann? Ist's nicht gehandelt, wie ein Räuber und Schelm handelt? Mit freundlicher Zusage und sichrem Geleit ist der Herzog hergelockt worden und nun will man ihn plündern und ausziehen bis aufs Hemd in diesem wälschen Fuchsloch, dieser Burg Malepartus! Und das will der Vater der Christenheit, der Hort der Lehre sein? Ist's nicht genug, daß sie uns statt des lebendigen Herzensglaubens einen toten Werkglauben gegeben? Nun soll die Welt auch noch ein anderes Recht von ihnen empfangen? Stehen Euch nicht die Gedanken still dabei in Eurem Hirn? Freilich, das wollen sie eben! Wie auf Josuas Befehl die Sonne am Himmel, sollen auf des Papstes Befehl der Welt die Gedanken stille, stehen! Signor Callisto, Ihr, der Ihr ein Rechtsmann seid, wie macht Ihr's nun mit Eurem Hirn, daß solch Tun hineingeht? Schafft Euch ein anderes an, denn das, so Gott Euch gegeben, paßt dem Heiligen Vater nicht. Schafft Euch ein anderes an!«

»Ich werde mich hüten, Fra Martino«, antwortete Signor Callisto, ruhig lächelnd auf den erhitzten Mönch niederblickend; »mein Hirn ist mir just recht, denn es sagt mir, daß, wenn der Heilige Vater ein weltlicher Herr und Fürst ist, er auch handeln muß, wie es der kluge Florentiner Staatsschreiber, Signor Niccolo Macchiavelli, den weltlichen Fürsten vorschreibt ... Das eine folgt aus dem anderen, sagt mir mein Hirn. Und sodann sagt es: Ihr habt unrecht, Fra Martino, mit Eurem Eifer gegen die Preti, wie Ihr sie findet und wie sie draußen bei Euch nicht viel besser sein werden. Oder sind sie besser? Denn seht, der Mensch schafft sich seinen Gott nach seinem Ebenbilde, der Wilde seinen Fetisch, der Hebräer seinen gallichten Jehovah und der Grieche seinen Zeus, und so schafft er sich auch seine Priester, die zum Bilde seines Gottes passen. Das Volk will sie eben so, und was auch immer sie treiben, sie werden's nicht dahin bringen, daß sie des Volksgottes unwürdig erscheinen. Unsere Ketzergerichte haben viel arme Menschen verbrannt, gefoltert und verschmachten lassen. Aber was habt Ihr wider sie, da ihr Gott in seiner Hölle ihrer Millionen in Ewigkeit brennen läßt?«

»Ja, da eben liegts!« sagte Bruder Martin, »es ist Wahrheit in dem, was Ihr sprecht. Sie sehen nicht den wahren Gott, der einzig Liebe und Erbarmung, sondern nur den alten Zürner. Christus, der sanfte, milde, ist ihnen der erste Ketzer. Darum haben sie ihn getötet.«

»Bruder Martin«, fiel hier Egino, dessen Gedanken in diesem Augenblick eine so ganz andere Richtung als die der zwei Männer hatten, »wollt Ihr unser Verlöbnis einsegnen?«

»Gewiß will ich«, entgegnete Bruder Martin. »Wie ich Euch sagte, ich will Euch segnen wie alle, die eines guten Willens und eines reinen Herzens sind, aber ich will fluchen denen, die das Reich Gottes auf Erden verderben; ich will heimziehen in mein armes deutsches Vaterland und zwischen diese meine reinen, ehrlichen Hände will ich meinen Kopf nehmen und Tag und Nacht sinnen, wie ich's beginne der Wahrheit Zeugnis zu geben, daß die Welt auf die Wahrheit lauscht ...«

»Bruder Martin«, sagte hier Corradina vor ihn tretend und die Hand auf seine Schulter legend, während sie ihm wie forschend ins Auge blickte, »Ihr, ehrlicher Bruder, vielleicht bedarfs so vielen Sinnens darüber nicht mehr! Vielleicht ist von einem Größeren als wir alle sind, der Weg gefunden und vorgezeichnet, auf dem das Volk zur Wahrheit geleitet werden kann. Aber ihn zu wandeln ist schwer. Prometheus holte Feuer vom Himmel und ward an den Atlas geschmiedet dafür. Ihr wollt mehr tun; Ihr wollt der Welt eine erloschene Sonne anzünden. Glaubt Ihr, Ihr könntet es ungestraft?«

»Nein. Aber ich bange nicht vor der Strafe, denn ich weiß, daß, wenn sie mich verbrennen, wie den Girolamo Savonarola und wie den Huß von Hussinez und wie Hieronymus von Prag und wie Arnold von Brescia und wie so viele andere, sie wohl Qualm machen, aber eine entzündete Sonne nicht verdunkeln und wieder löschen können.«

»Doch«, fuhr Corradina fort, »wenn Ihr die Feinde nicht fürchtet, die Euch erstehen werden, zahlreich wie das Heer des Pharao wider Moses, werdet Ihr nie den Feind fürchten, der in Euch selbst erstehen wird?«

»Welchen Feind meint Ihr damit?«

»Den, welcher in jedem Menschen aufwacht, der auf neuen Wegen zu einem neuen, großen, noch unerreichten Ziele wandelt; den Zweifel an Euch selbst.«

»Nein«, versetzte Luther fest und bestimmt. »Ich kann leiden, grübeln und mich durchwühlen lassen und tief unselig dabei sein, bis ich mit mir selber eins geworden über ein Ding. Dann aber halt ich's fest in steter Treue. So bin ich, ein Rechtsmann ursprünglich, in den Orden gekommen, trotz Sturm und Wetter, trotz Vater und Mutter. Der Zwiespalt hat nicht Macht über meine Natur. Ich weiß, daß, was je in mir reden würde wider das Licht, nur die Stimme der Finsternis sein könnte.«

»Und wird nicht eine schlimmere Stimme die des Gemütes sein, die Euch zuraunt nicht die Hand zu legen an das Altgeheiligte, nicht den frommen Trost zu nehmen der gläubigen Seele, nicht die Reliquie zu zerbrechen, aus der einfältiger frommer Sinn seine Zuversicht schöpft, nicht das geweihte Wasser zu verschütten, aus dem einst eine segnende Priesterhand Hoffnung und Vertrauen auf das Haupt Eurer betenden Mutter sprengte? Wird das alles Euch nicht hindern und hemmen auf Eurem Wege?«

»Nein«, sagte Luther fest, »denn die Zeit, wo aus dem Weihwassersprengen der Menschheit Segen quoll, ist vorüber. Wir sind Männer geworden und nur aus der Wahrheit noch kann uns frommer Sinn und Zuversicht, Hoffnung und Vertrauen kommen.«

»Wohl denn«, antwortete Corradina, »ich vertraue Eurem Wort und Euren leuchtenden Augen, daß Ihr fest seid in diesem Bekenntnis. Und so will ich in Eure Hand das Erbe meines Ahnen, des großen Friedrich geben. Möge Eure Hand die Gedankensaat des edelsten Kaisers ausstreuen; die Welt von heute ist ein Boden, der vorbereitet, sie aufzunehmen! Möge Gott sie gedeihen lassen zu schöner Frucht. Ihr aber werdet dann der Wohltäter der Menschen sein und mit dem Staufen-Erbe der Staufen Untergang an ihrer Verderberin, der Kirche, rächen!«

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