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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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41. Ein Monolog des Mönchs

Als Bruder Martin die Pforte seines Klosters wieder erreicht und Einlaß gefunden hatte, schlich er still und geräuschlos in seine Zelle; er wollte von niemand gehört, von niemand wahrgenommen werden, er wollte nicht müßigen Fragen begegnen, auf die er hätte Antwort geben müssen. Er schloß die Tür seiner Zelle und warf sich in den Sessel an seinem Fenster.

Das volle runde Antlitz des Mondes blickte herein.

Die Hände im Schoß faltend, atmete Luther mehrmals tief auf, dann stützte er die Schläfe auf seine Hand und zum Monde emporschauend murmelte er:

»In welche Welt gießt diese runde Scheibe dort ihr sanftes Friedenslicht! O mein Gott, in welche Welt!

Welche Menschen! Sie haben das hohe milde Himmelslicht, die glitzernden Sterne dort, die in ewig zuckender Bewegung flackern, als sprächen sie in ängstlicher Aufregung den Menschen zu gut zu sein; und sie haben das Seelenlicht, das aus der reinen Lehre des Evangeliums strahlt! Und doch leben sie im Dunkel und handeln wie Räuber und Mörder!

In die reinsprudelnde Quelle der Lehre des Heilandes haben sie das tote Aas ihrer Satzungen geworfen und kein reiner Mund mag mehr aus diesem Wasser trinken. Um des Glaubens willen mauern sie einander ein und morden und brennen.«

Martin sank ermattet in sich zusammen. Niemals war ihm mit so erschütternder Gewalt der klaffende Widerstreit vor Augen getreten, der zwischen der Welt von damals, wie sie war, und der Welt, wie sie der »Lehre« nach sein sollte, bestand; zwischen der ruchlosen Verachtung des inneren Gehaltes der Lehre, der frechen Unbekümmertheit um ihre moralischen Vorschriften und der gewalttätigen Grausamkeit, womit man ihre äußere Herrschaft, ihre Formen, das Gerüst ihrer Hierarchie verteidigte.

Er sah vor sich die Gestalt dieses Papstes stehen, der ihn zur Tür hinausgewiesen und ihm und der Menschheit das Denken verboten. Und neben dem Papst Padre Geronimo, den Gedanken-Scharfrichter; und fern hinter beiden, wie ein weites Blachfeld, auf dem die Sünden und Leidenschaften der Menschen, die nicht denken sollten, sich in einem wüsten Chaos tummelten.

Der böse bittere Zweifel, der ihn schon einmal so giftig angebellt, kam schmerzlicher, stachelnder zurück. Es war ein wahres Elend, das er über den innerlich verstörten armen Mönch brachte. Er hatte gezweifelt an dem Prinzip des ganzen Systems, an der Tatsache einer Ursündhaftigkeit der Menschennatur. Jetzt faßte ihn der Zweifel an der Kraft der ganzen Theologie, an der Fähigkeit derselben die Menschen überhaupt zur Güte und zur Reinheit zu führen. In seiner Erschütterung und Empörung hätte er diese Theologie, diese Scholastik mit einem Fußtritt von sich stoßen können, er hätte sie fassen, schütteln und ihr zudonnern mögen: Nun gib mir Rechenschaft über dein Ziehkind, die Menschheit, wohin hast du es gebracht? Bist du, du nicht selber die Schlange, von der du ewig redest, die es unselig und elend machte, die Schlange, die der Herr verdammte auf dem Bauche zu kriechen und Staub zu fressen? Ja auf dem Bauche kriechst du, dem Bauche lebst du und statt Manna frißt du Staub, schwarze Natter!

Armseliges, bejammernswertes Menschenvolk! Du »Volk von Königen und Priestern«, zu dem der Herr dich machen wollte, wie bist du unter die Füße getreten! Geht der arme Mensch zu seiner Hütte hinaus, um seine Nahrung zu suchen und will ein Getier des Feldes erlegen, so kommt der Grundherr und sagt: Fort, das Wild ist mein! Will er einen Fisch aus den Gewässern fangen, so spricht ein anderer: Fort, das Gewässer ist mein! Will er ein Stück Holz aus dem Walde holen sich zu erwärmen, so kommt wieder ein anderer, der spricht: Fort, denn mir gehört der Wald! Findet es unter dem Boden seiner Hütte eine Ader edlen Erzes, das ihm hälfe, wieder ist der Grundherr da und herrscht ihm zu: Rühr' es nicht an, es ist mein; mein ist der Boden, auf dem du stehst, mein der Schatz unter deinen Füßen, mein der Vogel, der über deinem Haupte durch die Lüfte dahinfliegt. Und will der arme Mensch dann mit seiner Not und seinem Elend sich zu seinem Christus flüchten, dann kommt Frau Theologia, die Schlange, dann kommt die Kirche und spricht: Das Haus Christi ist mein; mein sind die Wohnungen im Hause des Vaters, mein sind alle Gnaden des Herrn, und willst du davon, so kauf' sie von mir! Du hast auf Erden nichts, es sei denn, du kauftest es von deinem Herrn; du hast im Himmel nichts, es sei denn, du kauftest es von mir! Ich habe die Schlüssel zum Himmel. Du kommst nicht hinein, so du nicht viel Geld gibst für Messen, Opfer, Ablaß und all' meine Ware!

Und bäumt sich dann endlich des armen Mannes Seele auf wider diese Ordnung der Welt und beginnt er sich in seinen Gedanken zu fragen nach all' diesem gewaltigen Recht, so ruft ihm die Frau Theologia zu: Halt inne, dein Gehirn ist mein, wie dein Acker deines Grundherrn, dein Wald deines Fürsten ist! Wenn du mit deinem Hirn denkst, mit deinem Verstande Schlüsse ziehst, so frevelst du an meinem Eigentum, und läßt der Grundherr dich auf den wilden Hirsch schmieden, so du wilderst, ich lasse dich verbrennen, so du denkst!

Barmherziger Gott, der Menschheit Los ist entsetzlich geworden!

Freilich nicht für sie, für diese Preti, die blasphemieren, während sie die Messe sagen, für diese Großen, die da treiben, was sie wollen, für diese Kardinäle wie Rafaelo; sie leben in Freude und Wollust und wissen dennoch in den Himmel zu kommen! Der Himmel ist für sie ein großes, ewig dauerndes Fest. Er ist ihnen ein großer Mummenschanz, der Himmel; um zugelassen zu werden, braucht man nur im Maskengewand zu kommen: man zieht ein Priestergewand an oder läßt sich in einem Mönchshabit begraben ...dann läßt Petrus sie ein.«

Bruder Martin schlug in heller Verzweiflung die Hände vors Gesicht; er stöhnte auf wie im tiefsten, zermalmendsten Schmerz. Es war ihm, als stürze die Welt über ihm ein.

Dann stand er auf und begann in seiner Zelle auf- und abzuwandeln.

»Es ist eine große und schwere Sache«, begann er nach langer Pause wieder »die Wahrheit zu finden. Aber der barmherzige Gott wird mir beistehen, wenn ich sie suche, suche, und sollt' es bis ans Ende meines Lebens sein! Das aber leuchtete heute mir klar in die Seele: mit diesem Credo kann die Menschheit nicht edel und gut und selig werden. Und bei diesem Credo hatte Herr Tommaso Inghirami, der Bischof von Ragusa, recht, als er sprach: die Religion habe keinen Einfluß auf die Sitten und der Menschen Charakter und Handeln«.

In solchen Gedanken schritt der deutsche Mönch in seiner Zelle auf und nieder. Er nahm nicht wahr, wie tiefer und tiefer die Nacht herabsank, er hörte nicht, wie bald fern, bald nah, bald in diesem, bald in jenem Kloster die Glocken geläutet wurden zur Mette und nächtlichen Hora. Die Ermüdung zwang ihn endlich sich auf sein hartes Lager zu werfen; ein fieberhafter Halbschlummer, aus dem er von Zeit zu Zeit emporschreckte, führte traumhafte Bilder an ihm vorüber. Er sah die Alte mit dem Esel, die ihn mit der Perniciosa bedroht; sie saß jetzt im Walde und hatte den blutigen Kopf eines Knaben in ihren Schoß genommen, einen Kopf mit schwarzdunkeln, grauenhaft anzusehenden Augenhöhlen; über dem Walde erhob sich ein hoher reicher Palast und darin dehnten sich weite stattliche Räume; in deren einem stand der dornengekrönte Christus des Bildes, auf das Irmgard geschaut hatte, in ganzer Gestalt, an sein Kreuz gelehnt; er folgte mit seinen schmerzlichen Blicken und mit leisem Wenden des Kopfes einem weinenden Mädchen, das durch die Gemächer eilte, aber das Mädchen sah ihn nicht und lief vorüber.

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