Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Levin Schücking >

Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080401
projectidfd73c209
Schließen

Navigation:

3. Der Glockengießer von Ulm

An einem Vormittag in den ersten Tagen des Maimonats jenes Jahres 1510 ritt ein stattlich gebauter, aber noch junger Mann unfern von Rom, an der Nordseite der Stadt, einen steinigen Pfad hinauf, der zwischen alten und zerbröckelnden Weinbergmauern hinführte.

Es war in der Gegend jenes kleinen gemauerten Tunnels, den man Arco Oscuro nennt.

Der Reiter trug einen schwarzen, mit dunkelroter Seide gefütterten Rock und an seinem schwarzen Samtbarett die lange weiße Straußenfeder links, was ihn als Ghibellinen erkennen ließ; denn was Guelfe war, trug sie rechts. Auf seiner Brust glänzte ein goldenes Kleinod, das von einer goldenen Kette niederhing; und da er zu jung schien, um eine solche Gnadenkette als einen fürstlichen Lohn für seine Verdienste im Krieg oder Frieden erlangt zu haben, so mußte er sie seiner hohen Geburt verdanken. In der weit über die Knöchel hinauf behandschuhten Rechten schwang er eine weiße Reitgerte und an seiner linken Seite nieder hing ein langes Rappier mit einem großen schützenden Korbe, dessen Bügel eine fein ziselierte Arbeit zeigte.

Der junge, etwa fünfundzwanzig Jahre zählende Mann war ein deutscher Fürstensohn. Er hieß Egino von Ortenburg; sein älterer Bruder war der regierende Graf in dem kleinen deutschen Reichslande, in welchem der junge Reiter daheim war, und er selbst nach Rom gesendet, um dort eine Angelegenheit seines Hauses zu betreiben.

Der Weg, den er auf seinem Spazierritte verfolgte, lief über den Kamm der Bodenerhebung, welche sein Pferd eben überschritt, weiter, um abwärts in ein freies Gelände auszumünden, in ein Stück der Campagna, durch das man in der Entfernung von fünf Minuten oder wenig mehr den jetzt wasserreichen und bis an seinen Uferrand vollgeschwellten Tiber erblickte. Doch eine gute Strecke noch bevor der Reiter den Fluß erreichte, kam er an jene unter hohen alten Bäumen liegende ummauerte Quelle, die von dem mineralhaltigen Wasser den Namen Aqua Acetosa führt.

Unter dem Schatten der Bäume an dieser Quelle traf er drei Wesen an, über die er lässig seine Blicke hinschweifen ließ, Blicke von jener flüchtigen Art, die sehen und doch nicht wahrnehmen. Schenken wir, während der junge Mann so teilnahmslos weiterreitet, dieser Gruppe die Aufmerksamkeit, die sie ihm nicht abzugewinnen vermag.

Sie befand sich jenseits einer niederen, etwa drei Fuß hohen Mauer, welche den Bering der Quelle umfaßte und bestand aus einem jungen Burschen, einem alten Mann und einem alten Esel.

Des alten Esels hätten wir zuerst erwähnen müssen. Denn dieses Mitglied der kleinen Familie trug einen Saumsattel und an jeder Seite desselben zwei große mit Habseligkeiten vollgepackte Körbe. Dem Bürdenträger aber, dem von allen Belasteten, dem Sorgenträger, dem Packesel in einer Familie sollte in jeglicher Weise der Vorrang gebühren.

Der alte Mann war wie der Esel klein und sehr häßlich. Obendrein war er sehr verwachsen. Er hatte eine Nase in seinem rotbraunen Gesicht, die den Ehrgeiz gehabt zu haben schien, an jeder Stelle eben so schnell anzukommen, wie der weit vorgewölbte Brusthöcker unter ihr ankam, und so war sie sehr, sehr weit in die Luft hinausgewachsen. Sie drückte, wenn sie anders echt und nicht, was man hätte denken können, von Pappe war, außerordentliche Tatkraft aus, und auch das vorgeschobene Kinn tat das; aber die kleinen graugrünen Augen zerstörten diesen Eindruck, sie hatten etwas außerordentlich Unstetes und Scheues, sie machten diesen Mann mit der Nußknackerfigur noch abschreckender.

Der junge Bursche hatte krauses blondes Haar, ein von Sonne und Staub gebräuntes oder mehr gelb gewordenes Gesicht, das vielleicht nur gewaschen zu werden brauchte, um es zu einem recht hübschen Knabenantlitz zu machen; wenn die ziemlich fein geschnittenen Züge auch unregelmäßig und ein wenig ineinandergedrückt, nicht in großen und einfachen Linien entwickelt waren. Er hatte das Haar sorgsam gescheitelt; dies und die auffallend sanften blauen Augen gaben ihm etwas Mädchenhaftes.

Als der Reiter an der Umfassungsmauer des Quells vorüberritt, hinter welcher die Gruppe sich befand, scheute sein Pferd – vielleicht vor der Häßlichkeit des Mannes; es machte einen Seitensprung und dabei fiel ein Gegenstand klirrend zu Boden.

Graf Egino beruhigte das Tier, indem er die Zügel verkürzte und es zusammennahm; dann, auf den Boden blickend und mit seiner Reitgerte darauf deutend, rief er in italienischer Sprache dem Jungen zu:

»Du da, komm und nimm mir das auf!«

Es war eine kleine länglich viereckige Silberplatte, auf die er hindeutete; sie war von dem mit solchen Plättchen belegten Zaume seines Pferdes abgesprungen und bei der heftigen Bewegung desselben fortgeschleudert worden.

Der junge Mensch sah ihn an, ohne sich zu rühren.

Der Reiter lenkte sein Pferd dicht an die Mauer und seine Gerte schwingend, rief er noch einmal:

»He, Schlingel, rühr' dich und heb mir das Stück Metall auf!«

»Ich will nicht!« sagte der Bursche, die Brauen zornig zusammenziehend und den Reiter vollständig ruhig anblickend.

Im selben Augenblicke fuhr die Reitgerte nieder – der Schlag war auf das Gesicht des Knaben gezielt; eine rasche Kopfbewegung desselben machte, daß er nur die linke Schulter traf.

Der Bucklige hatte bisher nur mit einer gewissen Apathie, den Kopf über seine Achsel gewendet, dem, was vorging, zugesehen; jetzt fuhr er mit der Plötzlichkeit einer Heuschrecke in die Höhe und schwang sich mit einer wunderbaren Behendigkeit auf den Rücken der Mauer; mit derselben Behendigkeit war eine furchtbar große und kräftige, auf der oberen Fläche dunkel behaarte Faust in die Zügel des Pferdes gefahren und hielt sie wie mit eisernem Griffe. Das Pferd setzte zum Steigen an; die Faust hielt es wie eine Klammer am Boden nieder; der Reiter aber sah mit einem offenbaren Erschrecken in das Gesicht des buckligen Wesens auf der Mauer vor ihm – dies durch Zorn und Rachedurst entstellte Gesicht hatte etwas von einem nicht menschlichen Ungeheuer, und eine übermenschliche Kraft schien ja auch in der Hand zu liegen, die sich nach dem Reiter ausstreckte, um ihn vom Pferde zu reißen.

Dies wäre wahrscheinlich auch geschehen, obwohl sich Egino zurückwarf und mit der Rechten nach seinem Degenkorb fuhr, wenn nicht der Knabe, seine rechte Hand auf die getroffene Schulter drückend, ausgerufen hätte:

»Laßt ihn, Ohm, laßt ihn, stellt kein Unglück an!«

Der Knabe rief dies in deutscher Sprache. Das erzürnte Ungetüm aber schien an einen willenlosen Gehorsam gegen den jungen Menschen gewöhnt; es ließ den Zügel fahren und lachte nun dem Reiter grinsend ins Gesicht, ein Lachen, das etwas Verrücktes hatte, wenn es nicht sagen sollte:

»Sieh, ich könnte dich erwürgen und zerbrechen, wenn ich wollte!« und nur die Freude über diese Überlegenheit an Kraft ausdrückte.

Graf Egino beruhigte sein Pferd.

Dann sagte er, ebenfalls in deutscher Sprache:

»Ihr seid Deutsche, Landsleute? Nun, dann tuts mir leid, daß ich Dich geschlagen habe, mein Junge, wie einen nichtsnutzigen römischen Ragazzo, für den ich Dich hielt. Du hättest mir aber auch mit ein wenig Freundlichkeit und sehr wenig Mühe die Last sparen können abzusteigen.«

»Das hätt' ich auch getan«, antwortete zu deutsch der junge Mensch, »hättet Ihr mich anständig darum gebeten. Jetzt freut's mich, daß ich's nicht getan, wenn Ihr auch ein Deutscher seid; denn Euer rohes Benehmen beweist, daß Ihr eine noch so geringe Gefälligkeit auch von Landsleuten nicht verdient.«

Egino sah den Knaben betroffen an; sein Auge glitt wie forschend über die schlanke weiche Gestalt im einfachen schwarzen Tuchrock. Dann antwortete er mit einem Tone gutmütigen Scheltens:

»Nun, nun, nichts für ungut; ist bei mir die Hand vorschnell, so ist's bei Dir die Zunge, Bursche. Schließen wir Frieden und machen's beide wieder gut, ich mit der Hand den Schlag, Du mit der Zunge Dein Schelten – da ist meine Hand!«

Er reichte, sich niederbeugend, dem Knaben die Rechte.

Dieser nahm sie und sagte versöhnt:

»Ich bin's zufrieden und will auch nächstens, wenn Ihr mich nur hübsch darum bittet, aufheben, was Ihr verloren habt....«

»Was ich verloren habe«, fiel Egino mit einem flüchtigen Lächeln ein, »von dem wirst Du wenig aufzuheben finden... man verliert mancherlei gute Dinge freilich auf dem Wege vom zwanzigsten zum dreißigsten Jahre, besonders wenn dieser Weg über Rom führt! Aber sind sie verloren, so sind sie nicht wiederzufinden.«

»Es wird doch weder Euer Kopf, noch Euer Herz, weder Euer Ruf, noch Euer Mut unter den Dingen sein, die Ihr verloren habt!«

»Zum Teufel«, sagte Egino, diesmal mit wahrer Überraschung in die sanften, sprechenden Augen des Knaben blickend, »Du hast wenigstens einen frühreifen Mutterwitz auf dem Wege aus Deutschland hieher nicht verloren. Es wundert mich nur, daß Du damit Dich hieher auf die Strümpfe gemacht hast ... der deutsche Mutterwitz und die deutsche Klugheit stehen hier nicht sehr im Preise, deutsche Dinge überhaupt nicht, es wäre denn das deutsche Geld.«

»Mit deutschem Gelde kommen wir eben auch!« versetzte der junge Mensch wie mit ruhigem Selbstbewußtsein.

»Mit deutschem Gelde?«

Der Bucklige, der unterdes von der Mauer niedergeglitten war, seine beiden Ellbogen darauf gestemmt hatte und auf diese den Kopf, um so mit einem stillen und zufriedenen Grinsen den Reiter an der andern Seite der Mauer anzustieren, fuhr jetzt plötzlich zu seinem jungen Begleiter herum.

»Irmgard!« rief er verweisend mit einer barschen, grollenden Stimme.

»Seid still, Ohm, ich weiß, was ich sage.«

»Irmgard?« rief der Reiter verwundert und gedehnt.

»So nenne ich mich«, sagte Irmgard offen.

»So nennst Du Dich«, entgegnete Egino lächelnd, »und ich, ich nenne mich einen Dummkopf, daß ich's nicht gleich sah, daß Du ein Mädchen bist; ich hätt's Dir an den Augen ansehen können. Nun tut's mir doppelt leid, daß ich Dich geschlagen habe.«

»Mir nicht.«

»Dir nicht? Weshalb nicht?«

»Weil es ein rohes Unrecht war, das Ihr beginget, und weil Ihr als ein ehrlicher deutscher Mann es nun gutzumachen suchen müßt. Und das ist just, was uns dienen kann, dem armen, dummen, häßlichen, lieben Ohm Kraps da und mir. Wir kommen schutzlos und allein – der Ohm hat's so gewollt – in dies fremde Land, unter fremde Menschen, die mir, je mehr ich von ihnen sehe, desto weniger gefallen; und da müssen wir den Himmel segnen, wenn wir jemanden finden, der uns nun raten und zu Hilfe kommen muß!«

Egino sah das junge Mädchen eine Weile schweigend an, dann schwang er sich aus dem Sattel, band sein Pferd an einen der nächsten Weidenbäume und nun setzte er sich auf die Mauer, verschlang die Arme auf der Brust, und während Irmgard sich von der inneren Seite her an die Mauer lehnte, sagte er:

»Du hast auch darin recht. Ich bin auch bereit Euch mit Hilfe und Rat beizustehen, wenn Ihr ihrer hier bedürft; freilich vermag ich selber nicht viel hier und bin ein Fremder, aber ich bin der Graf Egino von Ortenburg, kenne die Stadt, welche ihr betreten werdet, seit Wochen und jedenfalls habe ich mehr Freunde darin als Ihr. Also sprich, was kann ich für Euch tun?«

Irmgard schien durch die Mitteilung des jungen Mannes, daß er solch ein vornehmer Herr, durchaus nicht betroffen zu sein. Hatte sie es an seinem Wesen sogleich erkannt oder hatte die weite Wanderung sie davon entwöhnt sich über etwas verwundert zu zeigen – oder lag das in ihrem Charakter, der sich überhaupt durch ein eigentümlich gehaltenes und ruhiges Wesen aussprach? Sie antwortete nur:

»Wir sind nicht so vornehm. Wir sind aus Ulm daheim. Mein Ohm Kraps ist ein Glockengießer. Er ist sehr geschickt in seiner Kunst. Er kann auch Geschütze gießen, Schlangen, Falconette und andere Rohre. Und er hat viel Geld dabei verdient. Das hat er gespart und dann hat er noch eine Erbschaft dazu gemacht ...«

»Ja, ja eine Erbschaft!« sagte hier Ohm Kraps mit einem wunderbaren schlauen Lachen, das er noch still in sich hinein fortsetzte, als Irmgard schon längst weiter redete.

»Ich bin«, sagte sie, »eine Waise, des Ohms Schwestertochter. Er hat mich bei sich aufgenommen; als ich größer wurde, hab ich ihn gepflegt und seinen Haushalt besorgt. Dafür, war immer sein Reden, werde er mich in die Welt führen, sobald ich erwachsen sei. Er führte immer solch ein Gerede von Reisen und in die Welt gehen. Er mochte nicht in Ulm sein, es war ihm wie verleidet seit Jahren. Wenn die Glocken reisen, kann ich auch reisen, sagte er. Am Donnerstag in der letzten Karwoche sagte er: Heute nacht fliegen die Glocken, die ich gegossen habe, nach Rom, da tauft sie der Papst. Wenn das Frühjahr kommt, will ich auch nach Rom. Mich treibt es fort mit Gewalt.

Nichts hält mich mehr, Irmgard; ich will sehen, was die Glocken in der nächsten Karwoche in Rom machen. Du wirst mit mir gehen. Wir wollen einen Esel kaufen, einen Esel und einen Saumsattel mit zwei Tragkörben. Er wird unsere Sachen und mein Geld tragen. Mit dem Gelde will ich in Rom ein Herr werden, so gut wie der Stadtschreiber und der Syndikus von Ulm sind. Mit Geld kann man in Rom ein Herr werden und das will ich werden. Sie haben mich hier lange genug den krummen Silberdieb, den Speiteufel genannt; lange genug hat jeder, der mich sah, getan, als koste es ihm als Eintrittsgeld mich ansehen zu dürfen, einen Spaß; er müßt's mit einem neuen Witz- oder Spott- oder Schimpfwort auf meine Gestalt wett machen. Lange genug, Irmgard und ich hab's satt. Nun, da Du groß und erwachsen bist, will ich fort. Ich will ihnen keine Glocken mehr gießen. Die ich gegossen habe, reichen hin, um sie alle zu Grabe oder als arme Sünder zum Galgen zu läuten, wohin sie gehen mögen! Ich will ein Herr werden. In Rom. Da kann man's. Der Stadtpropst hat's mir gesagt. Man bekommt ein großes lateinisches Pergament darüber und einen Titel und eine blaue Schaube mit einem breiten silbernen Bord rund herum, oder auch eine rote mit einem goldenen, und dazu bekommt man jährlich so viel, daß man reichlich seine Lebsucht hat. Nicht wahr, Ohm, so habt Ihr gesagt?«

Ohm Kraps nickte vergnügt mit dem Kopfe.

»So habe ich gesagt«, antwortete er. »So war es, Irmgard. Ich will aber lieber die rote Schaube. Wenn mein Geld für die rote langt, so will ich lieber die rote.«

Egino schüttelte verwundert über die seltsamen Waller den Kopf.

»Und was wollt Ihr denn werden?« wendete er sich an den Glockengießer. »Präsident der Getreide-Kommission, Sekretär der Breven oder Inspektor der Maut; Assessor des Salzkollegiums, Türsteher, Jannicer, Abbreviator des Papstes ... Ihr könnt freilich das alles werden, falls Ihr ein so reicher Mann seid ... und Deutsche gibt es genug unter all diesen Leuten – aus aller Herren Länder sind sie und vorab Deutsche. Papst Julius hat eben begonnen hundert neue Schreiber des Archivs zu ernennen; genügt Euch so etwas, so habt Ihr nur siebenhundertfünfzig Scudi dem Thesaurar des Papstes zu zahlen ...«

»Siehst Du, Irmgard, siehst Du?« wendete sich mit dem ganzen Gesicht lachend Ohm Kraps an das junge Mädchen. »Just so hat's der Stadtpropst gesagt; er hat mich nicht belogen, wie Du immer glaubtest. Und ein treffliches Zeugnis über meine Kunst und meine gute Lebensart und meinen erbaulichen Wandel all mein Lebzeiten hat er mir mitgegeben und nun will ich damit zum ... Wie nanntet Ihr den Mann, Herr?«

»Den Thesaurar Sr. Heiligkeit ...«

»Thesaurar des Papstes gehen ... Zäume den Esel auf, Irmgard. Der Stadtpropst hat mich nicht belogen. Zäume den Esel auf, Kind, wir wollen nun weiter.«

»Dann will ich dem Stadtpropst Abbitte tun«, sagte Irmgard; »ich habe immer die Sorge gehabt, er habe Euch just so gut zum Besten, wie die ganze Stadt glaubte Euch zum Besten haben zu dürfen.«

Damit wendete sie sich, um den am Boden liegenden Zaum des Esels aufzunehmen und dem Tiere überzuwerfen.

Graf Egino hatte unterdes seine Augen von dem Ohm auf die Nichte und von dieser wieder auf den Ohm gleiten lassen. Jetzt folgten seine Blicke den ruhigen und anmutigen Bewegungen Irmgards und dabei sagte er:

»Aber Ihr habt nur erst die Hälfte Eurer Geschichte erzählt, und wenn ich hier in Rom Euer Freund und Berater sein soll, so muß ich sie doch ganz wissen. Habt Ihr um der Sicherheit auf der Wegfahrt willen dies Knabengewand angelegt, Irmgard?«

»Es war ja nicht anders tunlich«, versetzte sie, von der Beschäftigung mit dem Tiere sich halb zu ihm zurückwendend. »Wir mußten, um immer sichere Herberge zu finden, von Kloster zu Kloster ziehen; ein Mädchen hätten die frommen Väter, die uns Obdach und Mahlzeiten gewährten, in ihre Klausur nicht aufgenommen; und hätten wir deshalb um ein Nachtlager an ein Nonnenkloster geklopft, so würden die Nönnchen wohl ein großes Geschrei beim Anblicke dieses armen Ohms erhoben und ihn fortgewiesen haben, obwohl er doch gar nicht verführerisch aussieht. So mußte schon einer von uns sein Geschlecht wechseln, und da Ohm Kraps«, setzte Irmgard mit einem schelmischen Lächeln hinzu, »keine Naturanlage zeigte ein reputierliches Frauenbild zu werden, so mußte ich schon ein Knabe werden.«

»Und ein ganz hübscher dazu!« sagte Graf Egino, immer mehr von dieser Erscheinung angezogen, deren einfache Aufrichtigkeit und Offenheit etwas um so Gefallenderes für ihn hatte, je mehr sie in Kontrast standen mit dem ganzen Wesen der Welt, in der er seit Monden gelebt.

»Wollt Ihr jetzt wirklich aufbrechen?« fuhr er fort. »Drängt es den Ohm Kraps so sehr sich in der blauen oder roten Schaube zu sehen?«

»Ihr seht es«, antwortete Irmgard lächelnd. »Wir werden in die deutsche Wallfahrer-Herberge einkehren – die guten Mönche in Baccano, wo wir zur Nacht waren, haben uns die Lage beschrieben, und so werden wir wohl hinfinden; der Ohm Kraps findet überall Weg und Steg.«

»Wohl denn«, versetzte Graf Egino, »ich will dahin kommen nach Euch zu sehen. Und wenn Ihr meiner bedürft, findet Ihr mich im Albergo del Drago, in der Via della Mercede, an San Sivestro – könnt Ihr Euch das einprägen?«

»O ja ... Albergo del Drago – Via della Mercede, an San Silvestro«, wiederholte das Mädchen ... »ich finde mich schon hin, wenn uns etwas zustoßen sollte, was den Ohm und mich zwänge, um Rat zu Euch zu gehen. Auf dem Wege hieher haben wir zu welschen gelernt, der Ohm und ich, daß Ihr Eure Freude daran hättet, Graf Egon ...«

»Egino ... Graf Egino von Ortenburg ...«

»Graf Egino von Ortenburg ... und nun gehabt Euch wohl ... Euer Roß wird ungeduldig darüber, daß Ihr an uns geringe Leute so viel Zeit verwendet – es ist hochmütiger als sein Herr, scheint es!«

»Das ist leicht möglich, wenn der Herr ein so bescheidener Gesell«, lachte Graf Egino, reichte Irmgard noch einmal die Hand, nickte dem grinsenden Glockengießer zu und wendete sich sein Roß wieder zu besteigen.

Als er sich aufgeschwungen und weitergeritten, blickte er noch ein paarmal auf seine neuen Bekannten aus der Heimat zurück und sah, wie sie aufbrachen. Irmgard schritt vorauf, der Esel folgte, zuletzt kam mit wegwunden Füßen humpelnd Ohm Kraps. So zogen sie der ewigen Stadt zu.

»Ein paar seltsame Klienten, die ich mir da gewonnen habe«, sagte sich Graf Egino endlich »gewonnen durch einen Hieb meiner Reitgerte!«

»Wunderlich«, fuhr er dann, als sie aus seinem Gesichtskreise verschwunden waren, fort, »es ist mir seitdem zu Mute, als stände mir das Mädchen, diese aufrichtige Irmgard, dadurch bereits wie eine alte Bekannte nahe, als wäre seitdem zwischen meinem und ihrem Gemüt etwas, das uns näher verbände, das Band einer Verpflichtung gegen sie; oder gar das einer alten Freundschaft – oder ... nun, mag es sein, was es will, ich werde tun für sie, was ich kann. Dieser alte Glockengießer will sich einen Titel und das Recht in einem stattlichen Ehrenkleide umherzugehen, kaufen! Als ob ihm die Gassenbuben darum weniger: Ecco Pasquino nachrufen würden, wenn er auch zehnmal das Recht hat sich Signor Segretario oder Signor Abbreviatore nennen zu lassen!«

Daran, daß Ohm Kraps sich bald solch ein Recht gewinnen würde, zweifelte also auch Graf Egino nicht. Und in der Tat, es war damals in Rom unschwer zu erlangen.

Eine wunderliche Methode Staatsanlehen aufzunehmen, hatten die Päpste seit Sixtus IV. eingeführt. Unsere Staaten, wenn sie Geld bedürfen, geben Schuldverschreibungen mit Zinskoupons aus. Das kanonische Recht aber verbot es Zinsen zu nehmen und zu geben. Die Päpste gaben statt der Schuldverschreibung ein Pergament, das einen Titel, ein Amt mit allen seinen Privilegien verlieh. Das Gehalt repräsentierte den Zins der Ankaufsumme. So konnte man gegen Einzahlung einer bestimmten Anzahl Scudi nicht wie jetzt bloß der Gläubiger, sondern einer der unabsehbar zahllosen Beamten und Würdenträger des Staates werden.

Selbst solch eine Spottgeburt wie der Glockengießer von Ulm, vorausgesetzt, daß sein Edelmetall aus reinem Guß bestand, konnte zu diesen Ehren gelangen.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.