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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidfd73c209
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38. Der wache Hund.

Es war ein öder Weg, durch eine wenig bebaute trümmerhafte Gegend Roms, den Bruder Martin einschlug, über die Höhe, auf der einst die alte Sabinerstadt Quirium und Roms ältestes Kapitol sich erhob.

Es standen an diesem Wege einzelne ärmliche, zum Teil mit Canna bedeckte Häuser, vereinzelt liegende Kirchen mit Klosterbauten daneben, Ruinen alter Baronaltürme, dunkelmassige gebrochene Bogenbauten aus dem Altertum, Berge von Schutt und Verfall überragend; dazwischen Ackerfelder, auf denen nach der Urväter Sitte und Regel, wie sie schon Virgil geschildert, drei oder vier Arten von Frucht demselben Boden zumal abgewonnen wurden.

Die Gegend war menschenleer, und so konnte Bruder Martin, ohne durch Begegnende gestört zu werden, sich in die gährenden Gedanken versenken, die ihn, ohne daß er es selber wahrnahm, bald in eilendem Schritt dahinstürmen, bald ihn, wie festgebannt an den Grund, stillstehen ließen, das Auge matt auf irgend einen Punkt des Panoramas zu seiner linken, der ewigen Stadt da unter ihm, richtend, einen Punkt, den er doch nicht wahrnahm.

Was hatte er erlebt an diesem Tage!

Der Papst hatte ihn mit seinem, sein ganzes Herz erfüllenden Gemütsleben zurückgestoßen. Er hatte gesehen, wie von da oben aus der »heilige Geist« die Kirche regierte!

Er hatte durch das, was ihm von Irmgards Ohm gebeichtet worden, einen Blick in das Dunkel geworfen, worin die Waffen lagen, mit denen der »heilige Geist« seine Regierung verteidigte und behauptete. Das Bild der Kapelle der Murati stand vor ihm und ließ das Blut in seinen Adern erstarren. Er hatte an diesem Tage die höchste Höhe und die unterste Tiefe erblickt.

Und während er nun dahinschritt, in seinem Innersten durchwühlt und von dem Sturm in ihm wie gehetzt und gepeitscht zu irgend einem starken, gewalttätigen Tun, zu irgend einer Tat, die ihn aus seiner Not rette, war es ihm, als liefe ein Etwas neben ihm her, ein böser Geist, ein tückisches, höhnendes Tier, das ihn anbellte wie jener wache Hund des Dichters:


Auf seines Herzens tiefstem Grund
Sitzt auch dem gläubigsten Gesellen
Der Zweifel als ein wacher Hund
Den Nazarener anzubellen.

Der herzzernagende Zweifel war es, der neben der Gestalt des unglücklichen, über die Höhen Roms dahinschreitenden deutschen Mönchs herlief. Er heftete sich an ihn wie der verlängerte Schatten, den die über dem Vatikan niedergehende Sonne auf den dürren harten Grasboden neben ihm warf, ein riesiges Bild von dem schwarzen Mann in der Kutte, mit den im Windzuge zurückflatternden Enden des Gewandes auf den Boden zeichnend.

Hätte er Teufel bannen können, wie Papst Julius ihm zugetraut, er hätte seine mächtigsten Exorzismen wider diesen Teufel geschleudert. Er konnte es nicht.

Der Hund bellte fort und fort.

»Es gibt keine Urschuld!« sagte sein Gebell. »Er ist nicht wahr, der Satz von der Ursünde. Und auf dem ruht alles. Mit ihm fällt alles. Was trieb diesen wirren, halb bewußtlosen alten Mann mit solch einer Seelenangst mir zu beichten, daß er einen Menschen gemordet? Daß er der Mörder des Savelli sei? Was anderes, als weil auch die verhüllteste Menschennatur etwas Urgutes ist, die es drängt, das Schlechte von sich abzutun und von sich fortzuschleudern und von ihm geheilt zu werden wie von einem Geschwüre?«

Hätte er Beppos Geständnis gegen Frau Giulietta gehört, Luther würde hinzugesetzt haben: Was drängt diesen jungen Mann eine Schuld, die er sich vorwirft, durch eine Pein, durch Angst und Not, die er über sich nimmt, zu sühnen? Was ist ihm diese Pein anders, als die bittere Medizin, die er schlürfen will wider das Schlechte, das in seine gute Natur gekommen? Das Schlechte, die Schuld ist nur der fremde böse Stoff, der Eiter, der in Schmerz und Pein herausschwären soll. Der Mensch ist gut, ist urgut, nicht ursündig. Das Gewissen ist die Nabelschnur, mit der er mit dem urmütterlichen Guten zusammenhängt. Das Gefühl aus einem Urguten zu stammen, ein Stück davon zu sein, gibt ihm den Glauben. Glauben ist die Empfindung des die Welt lenkenden Guten. Der Wahn von der Erbsünde schafft den Wahn vom Teufel. Das Böse ist nur eine Erkrankung des Guten. Eine Krankheit, wie ein Fieber eine Krankheit ist. Was ist ein Fieber? Ist es ein Wesen? Nein. Es ist nichts Dauerndes, nichts Wesenhaftes. Nein, nein, die Saiten der Menschenseele haben einen schönen und lauteren Klang, wenn sie auch verstimmt werden können. Verstimmung, nicht Stimmung ist das Böse. Kälte ist nur Mangel an Wärme. Das Böse ist nur Mangel an Güte. Darum fragt nicht: wie kam das Böse in die Welt? Durch eine Schlange? Torheit! Hängt doch nicht wie Moses Eure ekelhafte Schlange um das Kreuz. Die Schlange, die Ihr um das Kreuz gewunden, das ist Euer Lug und Trug. Das Kreuz!! Es mahnt an den freiwilligen Tod dessen, der der Menschheit Leid auf sich nehmen wollte, und aus dessen Zügen jetzt eben die kranke Irmgard Trost schöpft! An ihn, der gesegnet sei, denn er war stärker als wir alle. Wenn wir an all den Jammer des armen Menschenvolkes denken, so faßt uns ein Drang ein Stück all dieses Leids rings um uns her auf uns zu nehmen. Wir möchten den Nacken vor dem Schicksal beugen und ihm zurufen: Bürde mir einen Teil mit auf, ich will den armseligen anderen tragen helfen; gib meines Bruders Kummer für einen Tag mir, laß ihn für diesen einen Tag sich freuen!

Das liegt in der Menschennatur. Ist die Menschennatur schlecht?

Ist eine Erbsünde in dieser Irmgard, die nicht klagt und getrost ist, weil sie ihr Leben opfert für den, dessen Leben und Glück sie durch das Opfer erkauft glaubt?

Ist es ein ursündiges Wesen, das aus ihren Augen auf das Bild Christi wie auf das eines Mannes blickt, der ihr Gott, aber auch ihr Bruder im Schmerz ist?

So bellte der Hund, der neben dem Mönch über den Abhang des pincianischen Berges lief. Ein ketzerischer Hund, ein Tier wie der Pudel des Faust – aber sicherlich war des »Pudels Kern« ein anderer. Doch quälte sein Gebell den armen Mönch unsagbar. Da er sich wie gebrochen fühlte und seiner Brust das Atemholen schwer wurde, ließ er sich auf einem mit kurzem Gras bedeckten Anger, der zwischen zwei bebauten Grundstücken verlassen dalag, nieder. Er wischte die Stirn mit seinem Tuche ab und dann stützte er das breite Kinn auf den auf sein heraufgezogenes Knie gestemmten Arm.

Mit düster zusammengezogenen Brauen blickte er so auf die ewige Stadt und zum Vatikan hinüber, der sich mit seiner stolzen und festen Masse dunkel an den Horizont zeichnete, weil die Sonne schon jenseits desselben stand.

Da drüben in dem Vatikan malte dieser Meister Rafael seine Bilder dem Papste an die Wand. Schöne, unsündige Menschenbilder, wie sie Plato geschaut als die zu Körpern gewordenen Gedanken Gottes.

Hatte dieser Rafael nicht recht? Bruder Martin begann ihn zu verstehen... aber dann, wenn er recht hatte, dann stürzte alles, alle Theologie und alle Scholastik gänzlich über den Haufen. Die Menschheit war eine Nachtwandlerin gewesen seit so viel Jahrhunderten!

Nach einer Weile kam eine Alte, die einen Esel vor sich hertrieb, des Weges.

Sie blieb vor dem Mönch stehen und fragte: »Eh Frate, wollt Ihr die Perniciosa bekommen?« Bruder Martin schaute auf. »Was soll ich bekommen?« »Wißt Ihr nicht, daß, wer hier so auf dem Boden sitzt, das Fieber, die Perniciosa, bekommt?« »Die Perniciosa«, versetzte Bruder Martin, bitter lächelnd, »gewiß, gewiß, ich weiß es, sie ergreift hier des Menschen Gebein, und ich glaube, sie schüttelt schon das meine...«

Er stand auf und schritt weiter seinem Kloster zu.

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