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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
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37. Das Christusbild und das Haupt der Göttin.

Nachdem Frau Giulietta Bruder Martin in das Zimmer der Kranken geführt hatte, war sie zurückgegangen, zu Beppo zurück. Sie fand ihn mitten im Gartenpfade stehen. Er hatte ein Blatt von einem Strauche gerissen und zerkaute es und blickte in Gedanken verloren zu Boden. Als seine Mutter die Hand auf seine Schulter legte, schrak er heftig zusammen.

»Ach Madre!« rief er tief aufatmend aus.

»Willst Du nun sprechen, was dies alles bedeutet«, sagte Frau Giulietta in großem Eifer und doch mit gedämpfter Stimme, »Werde ich jetzt erfahren, wie es zusammenhängt, daß Du das arme Mädchen mitten in der Nacht zu Tode verwundet ins Haus bringst? Und weshalb dieser Pasquino, dieser Weinschlauch von Zio sich geberdet, als sei er verrückt geworden; und weshalb jener große schwarzgekleidete Mann zu Dir kam, der eben davon ging, und weshalb ich das Haus so ängstlich verschlossen halten soll, und weshalb Du mich auf mein Fragen über das alles mit lauter Ausflüchten und wirren Ausrufen abspeisest, als sei ich ein Kind und ohne Recht zu wissen..«

»Cara mia Madre«, stieß Beppo, die zusammengeschlagenen Hände auf ihre Schulter legend und sie mit Tränen in den Augen anblickend, hervor, »ich will Dir ja alles gestehen, alles, alles, welch ein Dummkopf, welch ein Sommaro, welch ein hirnloser Tor ich war! O mein Gott, hätt' ich jetzt, jetzt wo dieser Sor Antonio da war, und mir einen Todesschrecken in die Glieder jagte, nicht Dich, um es Dir zu gestehen und zu beichten, es bräche mir das Herz ab...«

»Nun so sprich, so sprich, was geschehen ist... wo Du mit den Fremden in der vorigen Nacht warst...«

»Wo wir waren, Mutter? Du hast gehört, daß Livio Savelli in dieser Nacht ermordet und daß seine Schwägerin Contessa Corradina entflohen ist...«

»Santo corpo, Ihr werdet ihn doch nicht ermordet haben...«

»Wer weiß es... Mutter, wer weiß es... Beim Himmel, es ist nicht unmöglich!«

»Nicht unmöglich, daß Ihr, daß Du ...« schrie entsetzt Frau Giulietta auf und ergriff mit zitternder Hand den Arm ihres Sohnes, wie um sich daran aufrecht zu halten bei ihrem Schreck.

Beppo führte sie zu dem Sitze unter der Platane und dem Maulbeerbaume. Dort ließ er sich neben ihr nieder, und seinen Arm um ihre Schulter legend und wie vernichtet zu Boden starrend, flüsterte er:

»Sieh, dies ist alles, was ich Dir erzählen kann: Das junge Mädchen hörte von mir, daß wir Ausgrabungen gemacht und einen Zugang zu den unterirdischen Räumen unter dem Kloster von Santa Sabina gefunden, da wo sie, die Dominikusmönche, wie man sagt ihre Kerker haben und die Murati schmachten. Nun wollte sie da hinein ...«

»Da hinein?« rief Giulietta mit dem äußersten Erstaunen aus. »Unmöglich!«

»Es ist so, Mutter. Sie wollte da hinein.«

»Aber, Santa Madre, wozu, weshalb?«

»Sie wollte die Murati sehen.«

»Die Murati sehen – sie, die Deutsche?«

»Sie wollte es ... sie wollte es durchaus!«

»Die Murati des Sant Uffizio sehen!« wiederholte Frau Giulietta, unfähig, sich von ihrem Erstaunen zu erholen.

»Sie hatte ihren Kopf darauf gesetzt!«

»Aber sagtest Du ihr nicht, daß das Sant Uffizio eine heilige Sache, daß ...«

»Ich sagte ihr alles, aber sie bat und bat, und ich, ich war solch ein Tor, solch ein kläglicher Tor, daß ich ihr versprach ihr den Weg zu zeigen.«

»Und Du tatest das, tatest das wirklich?«

»Ich tat es. Ich verschaffte mir eine der großen Laternen, die wir bei den Ausgrabungen gebrauchen. Gegen drei Uhr nach Ave Maria gingen wir, eine Stunde vor Mitternacht. Du schliefst fest und merktest nicht, wie wir uns davonstahlen.«

Frau Giulietta schlug mit einem: »O Iddio!« die Hände zusammen.

»Wir gingen zum Aventin; da, wo links von der Marmorata der Schutt am Fuß der Felsen liegt, weißt Du, da ist ein alter nicht mehr gebrauchter Weinkeller: durch den gelangt man in die Gewölbe, die unter dem Kloster sind. Ein Gang, der verschüttet war, führt empor, und diesen Gang hatten wir in den vorigen Tagen geöffnet; Meister Santi hatte es befohlen: und durch diesen Gang führte ich sie, und dann durch ein durchgeschlagenes Gewölbe hinauf in einen großen Raum, groß, wüst und dunkel; und am Ende dieses Raumes in einer Ecke ist eine alte eiserne Gittertür, durch die man weiter und vielleicht in die Kerker, vielleicht in das Kloster selbst kommt. Da blieb ich zurück, Mutter ... glaub es mir, ich blieb zurück, ich hatte solche Angst vor dem Sakrilegio ...«

»Weiter, erzähl weiter!« rief Giulietta dazwischen.

»Ich sah, wie der deutsche Zio an der eisernen Gittertür rüttelte, wie er ein Stück Eisen hervorzog und aus dem alten Mauerwerk die Klammer brach, worin der Riegel stak, ich glaub', er hätte es mit seinen bloßen Fingern vermocht, denn dieser verwachsene verschrumpfte Mann hat die Kraft eines Stieres ... ich glaube, er nimmt einen Büffel auf den krummen Rücken. Er brach die Klammer aus, wie wenn sie in faulem Holz gesessen, und dann gingen sie beide, er und das junge Mädchen, durch die Tür und nahmen die Laterne mit und ließen mich im Dunkeln zurück; ich sah, wie sie in einen Gang schlichen, weiter und weiter, wie dunkle Schatten glitten sie dahin; das Licht in der Laterne zog über die schwarzen Mauern des Ganges neben ihnen her, immer kleiner und schwächer. Endlich verschwanden sie ganz. Alles war nun still, war Nacht um mich her; ich hörte mein Herz klopfen, ich hörte Staub rieseln, ich hörte meine ängstlichen Atemzüge – das war alles. Und dann plötzlich Stimmen, Stimmen, aber ganz aus der Ferne; ich erschrak furchtbar, Ihr könnt es Euch denken; ich wollte ihnen nach, aber vorwärts tappend, stieß ich mit der Stirn wider die offene, in den Raum, worin ich harrte, hineinstehende Eisentür. Das machte mich besonnener, ich sah auch bald das Licht der Laterne wieder schimmern und dann ein helleres Licht wie von einer Fackel aufglühen. Es kam näher und näher; die Schatten waren wieder da, zwei, drei Schatten; der eine Schatten so breit und groß, was konnte es sein? Sie eilten und hasteten auf mich zu – Gott, Mutter, wie ich erschrak, als ich sah, daß der große Schatten nichts war, als der krumme Zio, der das junge Mädchen auf seinen Armen trug, und wie tot, wie tot für immer war sie, das Haupt zurückfallend wie das einer Leiche!«

»Santissima Vergine«, rief Frau Giulietta aus, ... »und die anderen Schatten?«

»Kannt' ich sie?« sagte Beppo. »Eine hohe, schöne, stolze Frau und ein schöner, aber bleicher junger Mann, der schwach und wankend einherging und den die Dame führte, der sich ganz auf sie stützte, so ...«

Beppo legte seinen linken Arm um den Nacken und auf die linke Schulter seiner Mutter.

»So gingen sie, und als sie mich sahen, winkten sie mir mit der Hand und murmelten: »Fort, fort, Beppo.« Das sagte der Zio und hielt mir die Laterne zu, daß ich sie tragen sollte, aber die Dame gab mir auch die Fackel, und so nahm ich beide und wir eilten weiter, durch die Öffnung in dem Boden auf die darunter liegenden Schutthaufen springend, und durch den Gang und endlich ins Freie; und draußen in der frischen Nachtluft erholte sich die Deutsche von ihrer Ohnmacht und flüsterte mit den anderen und wollte auf eigenen Füßen gehen, aber der Zio litt es nicht und hielt sie in seinen Armen. Sie redeten in ihrer deutschen Sprache miteinander und dann schritt der Zio vorwärts mit seiner Last und trug sie hieher. Ich schritt vorauf, den Weg zeigend. Ich hatte nur noch die Laterne; die Fackel hatte ich fortgeschleudert in den Tiber, und so kamen wir zurück, der Zio das Mädchen tragend und ich atemlos vorauf eilend.«

»Und der Herr und die Donna?«

»Sie waren fort, als wir ankamen verschwunden in der Nacht; der Herr und die Donna mußten einen andern Weg eingeschlagen haben, an einer Stelle, wo sie zurückbleiben konnten, ohne daß ich es wahrnahm. Sie waren schon fort, als wir über das Campo Vaccino schritten; da blickte ich nach ihnen um und sah sie nicht mehr.«

»Und wer, ich bitte Dich, waren sie, woher kamen sie, wer hat das junge Mädchen so auf den Tod verwundet und was hat Livio Savelli damit zu schaffen und wer hat ihn ermordet und ...«

»Mutter, ich habe Dir alles, alles gesagt, was ich weiß, aber der Mann, der eben von mir ging, sagte ...«

»Wer war er?«

»Er nannte sich Antonio, des ermordeten Livio Savelli Leibdiener. Er sagte, die Schwägerin seines Herrn sei entflohen und zugleich aus dem Kloster der Dominikaner ein deutscher Graf, der Contessa Corradinas Geliebter sei, und sie müßten die Mörder sein, und alles, was dem Hause Savelli angehöre, forsche und spähe nach ihnen und bewache Weg und Steg, und wir, die wir die Klienten des Hauses Colonna seien, müßten ihnen beistehen; und Sor Marcello, der Maëstro die Casa drüben im Palazzo Colonna habe ihm gesagt, er solle im Vorbeigehen auch mich in Kenntnis setzen und mir in seinem, Marcellos, Namen auftragen zu helfen, daß die Flüchtigen entdeckt würden; und wie mich das nun bestürzt gemacht hat, kann ich Dir gar nicht sagen!«

»O wir armen, armen Menschen«, rief Frau Giulietta aus, in welches Unglück sind wir geraten durch diese Deutschen und durch Deine Torheit, Beppo!«

»Ja, durch meine Torheit!« sagte Beppo, dem die Tränen in die Augen traten.

»Wird man nicht spüren, forschen, suchen, bis alles in dieser entsetzlichen dunklen Geschichte so klar vor Augen liegt wie der helle Tag; bis man weiß, daß Du den Führer dieser Menschen machtest, bis man Dich ergreifen und ... o mein Gott, mein Gott!« stöhnte Frau Giulietta, die vor Schreck und Entsetzen nicht weiter reden konnte, sondern in einen Strom von Tränen ausbrach.

Beppo faltete seine Hände, hielt sie zwischen seinen Knien und auf den Boden starrend, sagte er:

»Das alles sag' ich mir selbst, Mutter. O, wenn ich nur etwas tun könnte es wieder gutzumachen, nur irgend etwas, womit ich mich selbst so recht grausam für meine hirnlose Dummheit strafte!«

»Denk an nichts Weiteres, als daß Du Dich rettest«, schluchzte Frau Giulietta. »Du mußt fliehen, Beppo, Du mußt augenblicklich fliehen, Du mußt fern, fern von hier sein, wenn sie den Zusammenhang dieser Sache erfahren und dann der Bargello und Häscher kommen Dich gefangen zu nehmen.«

»Und wenn sie dann Dich nehmen, wenn sie Dich als die Mitwisserin, die Mitschuldige vor das Gericht schleppten? Nein, Mutter, ich fliehe nicht. Ich werde Dich in keinem Falle verlassen, Mutter.«

»Du mußt, Beppo ...«

»Sprich nicht weiter davon. Ich kann nur das eine tun, um meine Torheiten zu büßen ... nur das eine: trotz meiner Angst bei Dir aushalten, dableiben, um Dich zu schützen, um sagen zu können: ich will euch alles bekennen, was ich weiß, aber laßt meine Mutter ungekränkt, denn sie, sie weiß nicht darum. Ich will die Angst auf mich nehmen, um deinetwillen, Mutter. Es ist das Einzige, was ich tun kann, um meine Schuld zu sühnen, das Einzige! Sprich nicht weiter davon, ich bleibe bei Dir, Mutter.«

Frau Giulietta fand Beppo unerschütterlich darin, auch als sie ihm zuredete, wenn er denn Rom nicht verlassen wolle, so solle er bleiben, aber sich in eines der zahlreichen Asyle flüchten, zu denen Verbrecher ihre Zuflucht nahmen, in eine der Kirchen oder ein Kloster oder in den Hof eines Kardinals ...

»Das wäre töricht«, sagte er, »denn dadurch verriete ich ja mich selbst, noch ehe sie einen Argwohn wider mich haben, und verriete mit mir auch das arme deutsche Mädchen ...«

»Das arme deutsche Mädchen! So sprichst Du von diesen abscheulichen Deutschen, die Dich verführt haben, und denkst mehr an sie als an die Seelenangst Deiner Mutter«, schluchzte Frau Giulietta.

Lautes Sprechen und helles Lachen drang in diesem Augenblicke von draußen her in den stillen Gartenwinkel, in dem Frau Giulietta und ihr Sohn in so tiefer Trübsal saßen. Beppo sprang auf und trat aus dem Gebüsch an die niedere Umzäunung, um zu sehen, wer komme; er erblickte einen ganzen Schwarm von jungen Leuten, etwa zwanzig, die vorüberschritten. Vorauf ging ein schöner und feingebauter junger Mann mit langem, ein wenig vorgebeugtem Halse und blasser, gleichmäßig olivenfarbiger Haut. Er war in schwarzen Samt gekleidet mit einem dunkelgrünen Überwurf, über dem eine goldene Kette die Brust schmückte, während vom schwarzen Barett eine lange weiße Feder zurückflatterte. Ein anderer ähnlich gekleideter junger Mann, nur ohne Kette, trug in der Hand dem ersteren den mit einem feinen goldenen Gehänge umschlungenen Degen nach.

Beppo machte eine tiefe Verbeugung, als der Schwarm, der ganz aussah, als ob irgendein Fürst mit seinem Gefolge daherkomme, ihm gegenüber war. Der junge Mann an der Spitze blickte ihn an, und ihn erkennend wandte er sich und schritt dem Zaune zu, hinter dem Beppo stand, indem er fröhlich ausrief:

»Ei, ist das nicht Beppo, mein fleißiger Arbeiter? Wohnst Du hier, Beppo?«

Beppo verneigte sich noch einmal, leicht errötend, und antwortete:

»So ist es, Meister Santi.«

»Und dies ist Dein Häuschen und dies hier Dein Garten? Seht, seht, wie klug dieser Beppo sich angebaut hat. Laß mich in Deinen Garten und auch Dein Haus will ich sehen, Beppo. Kommt her, Ihr Giovini, wir wollen Beppo unsere Aufwartung machen, statt dem großen Alfonso von Ferrara und dem mächtigen Fabricio Colonna drüben; die werden uns entraten können, die stolzen Herren, aber Beppo ist ein wackerer Junge und freut sich, wenn wir ihn besuchen. Tust Du nicht, Beppo?«

»Es lebe Beppo und sein Häuschen!« riefen die anderen, die Schüler und Kunstgenossen, in übermütiger Laune und immer bereit auf ihres jungen Meisters Einfälle einzugehen.

Rafael war in das Gärtchen getreten, zu dessen Eingang innerhalb des Zaunes mit abgerissener Mütze Beppo getreten. Jetzt erst nahm Rafael des armen Burschen tief niedergeschlagene Miene wahr.

»Eh, wackerer Beppo, was hast Du? Haben wir Dich so erschreckt mit unserem lärmenden Einbruch?«

»Es ist nicht das, nicht das, edler Meister«, stammelte Beppo, »nur daß ich Euch in dieser Stunde nicht in mein Haus führen kann, weil ... weil ...«

»Hat er eben seinen Schatz drin verborgen, den er uns nicht sehen lassen will, dieser Schelm von Beppo?« rief zum Gelächter der anderen der mit dem Degen.

»Weil eine Kranke im Hause ist«, stieß Beppo gepreßt und flüsternd hervor.

»Das ist etwas anderes«, sagte Rafael, und die Schüler zurückweisend, fuhr er fort:

»Wer ist sie? Eine Schwester? Deine Mutter? Armer Beppo!«

»Nicht eine Angehörige ... es ist eine Fremde, die bei uns zur Miete wohnt.«

»Eine Fremde? Und doch siehst Du so verstört und gepeinigt aus? Kann ich etwas tun, Beppo? Ist ein Beistand nötig? Du kannst offen zu mir reden, Du weißt, ich helfe gern ...«

Beppo sah gerührt in die Züge des Meisters, die mit so edlem Ausdruck einen so warmen Hilfseifer aussprachen; er war versucht ihm sofort seinen ganzen Jammer anzuvertrauen, als sich eben die Tür des Haustors öffnete und Bruder Martin herauskommend auf die Schwelle trat.

»Ach, ist's so schlimm, Ihr habt schon zum Priester gesendet?« sagte Rafael mit einem Blick auf ihn; und dann den Mönch erkennend, ging er mit einem: »Wie, Ihr seid's? Ihr hier?« zu ihm heran.

Bruder Martin war, die Gesellschaft junger Männer erblickend, auf der Türschwelle stehen geblieben; sein Auge leuchtete auf, als er Rafael Santi erkannte und ohne ein Wort zu sagen, winkte er ihm lebhaft mit der Hand und schritt in das Haus zurück, aus dem er getreten und dessen Tür noch offen geblieben.

Rafael folgte ihm. Er ging ihm nach durch die Tür, die Bruder Martin rechts leise öffnete, in Irmgards Gemach, den hellen, freundlichen Raum. Was Rafael beim Eintreten zunächst auffiel, war das weiße Marmorbild, das auf einem kunstlos aus Holz gefertigten Piedestal an der Wand links aufgestellt war; er erkannte eine sehr gute Kopie des schönen Hauptes der Juno, das man heute die Juno Ludovisi nennt; ein talentvoller junger Mensch, Beppos Freund, hatte sie diesem zum Aufheben anvertraut, da er in seine Heimat nach Ceprano gereist war. Ihr gegenüber, an der entgegengesetzten Wand der großen Kammer, auf dem Bette mit schlichten Vorhängen von grüner Serge, die zurückgeschlagen waren, erkannte er Irmgard, die Züge von starker Fieberglut gerötet, die Augen groß mit einem matten, teilnahmlosen Blick auf die Eintretenden gerichtet. Zu Füßen des Bettes saß Ohm Kraps, wieder in sich zusammengesunken, den Boden anstarrend, die Lippen bewegend, ohne jedoch ein verständliches Wort vorzubringen.

Rafael trat an das Bett. »Ihr seid es, die hier so schlimm daniederliegt«, sagte er voll Teilnahme ihre Hand erfassend. »Armes Kind, so weit von Eurem Lande! Habt Ihr denn auch gute Pflege und alles, dessen Ihr bedürft?«

»Meine Mutter pflegt sie«, flüsterte hier Beppo, der den beiden Männern nach ins Gemach getreten war ... »wir tun alles Mögliche, Meister; auch haben wir den Messer Arranghi, der ein geschickter Chirurg und zuverlässiger Freund ist, hier gehabt ...«

Irmgard nickte Beppo wie dankbar mit dem Kopfe zu und lächelte schmerzlich dabei, als ob sie sagen wolle: bei einem Arzte ist keine Hilfe für mich; dann glitt ihr Blick von den vor ihr Bett getretenen Männern fort und richtete sich auf die Wand vor ihr, dahin, wo über dem Kopfe des Ohms das Gemälde in dem alten Rahmen hing, der bleiche Christuskopf mit der Dornenkrone, ein altes kunstloses Bild aus der Zeit Massaccios.

Ihre Augen nahmen etwas unbeschreiblich Mildes, Inniges, Seelenhaftes an, wie sie sich von den Anwesenden ab auf das Bild richteten.

Rafael betrachtete sie noch eine Weile mit gerührter Teilnahme; jedoch, da sie ihren Blick ihm nicht wieder zuwendete, nicht sprach und die Anwesenden zu vergessen schien, kehrte er sich ab und dem Fenster zu, durch das man das Gärtchen überblickte und, am Eingange zu demselben, die Schar der harrenden Begleiter des Meisters wahrnahm.

»Wozu habt Ihr mich hergeführt, Bruder Martin?« flüsterte er hier dem deutschen Mönche zu. »Kann ich hier von Nutzen sein, so sagt es!«

»Seht, worauf sie blickt!« entgegnete Martin ebenso leise.

»Auf den Ecce Homo!« versetzte Rafael; »was soll's?«

Martin antwortete nicht. Er nahm ihn an der Hand und führte ihn zu dem Gemache und zu dem kleinen Hause hinaus.

Erst als sie wieder im Garten waren, sagte er:

»Ich habe aus dieser Kammer den Kopf voll Gedanken zurückgebracht, und als ich Euch erblickte, da winkte ich Euch herbei, um Euch etwas zu zeigen, das auch Euch zu denken geben könne. Das arme junge Geschöpf da drinnen hat ein großes Herz und eine tiefempfindende Seele; es ist ein volles und reines Menschengemüt in ihr! Sie ist in der vorigen Nacht in ein seltsames Abenteuer geraten und dabei verwundet worden, so daß sie schwerlich mit dem Leben davon kommen wird. Sie wenigstens glaubt, daß sie sterben werde. Und nun, Meister Santi, habt Ihr den Blick ihres sich verklärenden Auges verfolgt? Sah sie das Meisterwerk heidnischer Kunst in ihrer Kammer, den herrlich aus Marmor gehauenen Kopf einer Göttin an, oder das christliche Bild, von dem Ihr am besten wissen werdet, daß es wohl nur recht schwach und stümperhaft gemalt ist? Wem flog ihre Seele zu, woran hing sich ihr trostbedürftiges Herz, und wo fand sie Trost?«

»Ihr denkt an unsern letzten Streit und glaubt, Ihr hättet mich nun überwunden durch den handgreiflichen Beweis, daß der Menschenseele im Schmerz nur die Kunst, die dem Glauben dient, fromme ...«

»Und habe ich es nicht?«

»Nein; eine griechische Jungfrau würde sterbend gewiß nicht den blutigen Kopf eines gequälten Menschen, sondern das schöne Haupt der Göttermutter angeblickt haben!«

»Würde es ihr den Trost gegeben haben, den das arme Mädchen aus dem Antlitz des Erlösers sog und der aus Irmgards Blicken wiederleuchtete?«

»Es kommt alles«, sagte Rafael, ohne die Frage zu beantworten, »auf die Vorstellungen und die Gedanken an, welche wir gelehrt worden sind mit den Bildern zu verbinden. Werfen wir alles von uns ab, so bleibt als Wahrheit doch, daß der Kopf der Juno schön, das Dulderhaupt des ersten Christen tiefrührend ist. Es blickt aus beiden etwas Reines, Großes, Menschliches in seiner edelsten Erscheinung. Das eine schaut von der Höhe der Schönheit auf uns nieder, das andere aus der Tiefe des Gemüts zu uns auf; das eine bezwingt uns durch die Form, das andere durch den Geist, der jenseits irdischer Schönheit steht.«

»Steht nicht der Geist hoch über der Form?«

»Streiten wir nicht drum! Streben wir nur die Form des einen und den Geist des andern zu vereinen; stellen wir die volle, aber reine Formenschönheit der Erde unverkürzt und unverschleiert aber im Lichte der himmlischen Gedanken dar, mitten in die Himmelswolken hinein!«

Bruder Martin nickte.

»Wohl, wohl«, versetzte er, »mit diesem Eurem Worte will ich denn zufrieden sein und wollen auch wir unsere zwistigen Meinungen vereinen, denn ich sehe, mehr erreiche ich doch nicht bei Euch!«

»Und nun sagt mir«, fuhr Rafael fort, »bei welchem Abenteuer ist dies Mädchen ...«

»Ich darf es nicht!« fiel Bruder Martin ein. »Es ist ein Beichtgeheimnis. Des Mädchens Oheim hat es mir gebeichtet; dieser verwirrte und halb tierische Mensch hatte kein größeres Verlangen, als was geschehen beichten zu können ...«

»Dann verzeiht«, unterbrach ihn Rafael, »meine Frage, und gehabt Euch wohl Fra Martino. Meine Zeit drängt. Ihr kennt mein Haus und den Weg zu mir, falls Ihr für Eure deutschen Freunde des Beistandes bedürft ... Gute Nacht denn, und auch Dir, Beppo, gute Nacht!«

Beppo hatte sich in respektvoller Entfernung auf der Schwelle gehalten. Er kam jetzt, um den Meister durch den Garten zu geleiten. Auch Bruder Martin ging; er ging durchströmt von seinen Gedanken, erregt wie kaum je in seinem Leben, ein Gefühl in Kopf und Brust, als wenn sie ihm zerspringen wollten.

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