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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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31. In der Kapelle der Murati.

Das Licht schimmerte aus dieser Kapelle. Wir haben dort Livio, auf Corradinas Rückkehr harrend, auf der Stufe des Altars sitzend gelassen. Die Minuten waren ihm langsam verronnen. Es hatte begonnen ihn zu frösteln in dem dumpfen feuchtkühlen Raum; ein Schauer zog durch seine Glieder. Auf die Nischen vor ihm starrend, fühlte er seine Blicke von ihnen nach und nach wie gefesselt durch etwas unaussprechlich Unheimliches. Da in der dämmerigen Tiefe dieser Nischen, hinter den halb niedergebrochenen Mauern, durch welche dieselben unten geschlossen waren – bewegten sich da nicht Schatten, Schatten von etwas Lebendem, langsam sich Aufrichtendem und wieder Zusammensinkendem; so, als ob diese Nischen noch ihre Bewohner hätten, noch ihre Opfer; als ob noch im Todeskampf zuckende Wesen da in den dunklen Vertiefungen der Wände wären?

Es war dumm und einfältig es zu sehen, da es ja nur die Wirkung der leisen Bewegung der Öllampe auf dem Altar war, die da still, von Zeit zu Zeit knisternd, in der schweren Luft den Kampf ums Dasein führte; es war dumm so auf etwas, das gar nicht da war, zu starren, und doch graute Livio dabei.

Er hörte auch wieder wie ein Atmen. Töricht! Als ob Gestalten, die nicht da waren, atmen könnten. Und dann ein Knirschen, wie wenn leise eine Sohle auf den Boden gedrückt wird. War etwas Lebendiges in diesen Gewölben? Nein! Nichts! Nichts als die lautlosen Schatten waren da, die Livios Blick anzogen und von denen er ihn gewaltsam abzog.

Er faßte nach seinem Gürtel und zog den Dolch hervor, der an zwei silbernen Kettchen von dem Gürtel herabhing. Der Griff war rund und ziseliert, die Klinge dreischneidig. Livio probierte die Spitze auf dem Nagel des Daumens seiner linken Hand. Doch es war zu düster in dem Raume, um sehen zu können, wie tief die Spitze einritzte; Livio legte die Waffe zwischen seine Knie auf die Altarstufe unter sich, zog die Knie herauf und verbarg das Gesicht in den Händen, um nicht mehr hinüber in die Nischen blicken zu müssen.

»Sie bleibt lange«, flüsterte er dabei. »Vielleicht ist er tot; vielleicht hat Alessio mich belügen lassen; vielleicht wars genug an meinem ersten Stoße und des zweiten bedarf es nicht mehr. Dann aber, wie sie nach Castell Savello schaffen?«

Eine Weile saß Livio so da; mehrere Minuten lang, in denen ihn die Aufgabe, wie Corradina nach seiner Burg bei Albano zu locken sei, wenn Egino an seiner Wunde gestorben, beschäftigen mochte. Da hörte er abermals atmen.

Ein starkes, nicht mehr zu verkennendes, fast schnaubendes Aufatmen – dicht vor sich.

Livio fuhr mit dem Kopf in die Höhe und seine weit aufgerissenen Augen nahmen etwas wahr, das ihn mit einem ganz grenzenlosen Schrecken erfüllte.

Sein Herzschlag hörte auf; seine Augen quollen aus ihren Höhlen, indem sie diesen Gegenstand, der dicht vor ihm aus dem Boden aufgewachsen war, anstarrten.

Da – unmittelbar vor ihm – von allem, was die Öllampe hinter Livio an Licht spenden konnte, grell beleuchtet – stand eine Gestalt, ein Mensch, wenn es nicht eine häßliche Ausgeburt der Nacht, ein Teufel war – ein unaussprechlich häßlicher, grinsender Kopf mit wüstem, tief in die niedere Stirn gewachsenem grauen Haar, mit einer Nase, wie eine Maske sie hat, darunter ein Höcker, und rechts und links von demselben niederhängend zwei lange Arme, lang, als ob sie den Boden berühren könnten...

Es war furchtbar – in dieser Umgebung, in dieser Plötzlichkeit vor Livio dastehend, in diesem roten Scheine des kümmerlichen Öllichtes war es eine Überraschung, die einen Mann von schwächeren Nerven, wie die Livios, von Sinnen bringen konnte.

Der Mensch oder der Geist oder Teufel, was es nun war, grinste; unter dicken wulstigen Lippen blickten lange große Zähne hervor. Er schien dennoch nicht in feindlicher Absicht so lautlos vor Livio getreten, und wenn er den Arm erhoben, so war es vielleicht, weil er Livio schlafend geglaubt und ihn wecken wollte. Aber Livios Schrecken ließ nicht zu solche Beobachtungen zu machen. In demselben Augenblicke, wo sein im ersten Moment stillstehendes Herz das Blut, das plötzlich zu ihm zurückgekehrt, wieder mit gewaltsamen Schlägen zu bewegen begann, folgte er dem Instinkt der Furcht, der Selbsterhaltung; er griff nach dem Dolch zwischen seinen Knien und die Klinge blitzte im Schein der Lampe, sie ritzte schon die Wange der Schreckensgestalt da vor ihm, als ebenso schnell eine mächtige Faust sich um seine Kehle legte, mit einem Griffe, wie eine eiserne Klammer, und ein langer Arm sich so weit streckte, daß Livio mit seinem Dolche nur noch in der Luft umherfahren, seinen Gegner aber nicht mehr erreichen konnte.

»Nun stich zu!« grollte es dumpf aus der Brust des Ungetüms, während Livios Ringen sich zu befreien nur die Wirkung hatte, daß die erwürgende Faust sich mit verdoppelter Kraft um seine Kehle krampfte.

Und in diesem Augenblick war eine andere, eine zweite Gestalt da, neben der ersten, sich zwischen sie und Livio werfend. Livio nahm sie wahr und seine mit dem Dolch umherfahrende Hand stach nach ihr und traf auf sie; das noch fühlte er; aber dann wurde es schwach vor seinen Augen; er konnte nicht mehr unterscheiden, wer oder was dieser zweite vermeintliche Gegner war, er konnte nicht mehr hören, wie eine Stimme flehentlich flüsterte:

»Laßt los, laßt ihn los, um Gott, Ihr erdrosselt ihn, Ohm!«

»Wenn ich ihn loslasse, so ruft er um Hilfe und ruft die Mönche herbei, die uns verbrennen werden«, stieß Ohm Kraps zwischen den Zähnen hervor. »Ich mach ihn kalt, den Hund, der nach mir gestochen hat!«

Irmgard wollte eine Anstrengung machen ihres Ohms grausame Hand von Livios Hals zu reißen, aber sie fühlte sich in diesem Augenblick plötzlich kraftlos werden ... dazu einen heftigen Schmerz zwischen Brust und Schulter – sie sank zurück, an dem Ohm niedergleitend. So sank sie auf die oberste Altarstufe.

»Du stichst nun nicht wieder!« sagte, ohne auf sie zu achten, Ohm Kraps mit einem über sein Gesicht zuckenden Grinsen des Triumphes über seine furchtbare Kraft. »Du stichst nicht wieder; da lieg nun mitsamt Deinem Messer!«

Er warf Livio, der sich nicht mehr rührte, der Länge nach auf den Boden.

»O, mein Gott«, flüsterte Irmgard, mühsam sprechend... »Ohm, Ohm, was habt Ihr getan! Ihr habt ihn erwürgt ... und ich konnte nicht helfen ... mir wird so schwach ... wir müssen fort, fort! Helft mir aufstehen und dann fort!«

»Bist Du getroffen?« sagte Ohm Kraps, sich zu Irmgard niederbeugend, um sie zu umfassen und aufzurichten.

»Getroffen ... hier!«

Irmgard deutete mit der linken Hand nach ihrer rechten Brust und raffte sich auf.

»Kommt nur, kommt«, fuhr sie fort; »wenn nur die Laterne nicht ausgegangen ist ... ich ließ sie aus Schrecken zu Boden fallen, als ich sah, was Ihr tatet ...«

Ohm Kraps umfaßte Irmgard, um sie fortzuführen, als plötzlich eine helleres Licht in die Kapelle fiel, leise eilende Schritte zugleich mit dem lauten Knistern einer brennenden Harzfackel hörbar wurden... Doppelschritte, wie von Zweien, die nahten.

»Man kommt, fort, fort!« hauchte Irmgard, einen Schritt vorwärts stürzend.

Dann aber fiel sie gebrochen in sich zusammen.

Ohm Kraps war eben im Begriff sie wie ein Kind in seine Arme zu nehmen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte.

Den Kopf wendend, blickte er in ein bleiches Mannesgesicht mit fieberhaft leuchtenden Augen, die ihn anblitzten, ein Gesicht, das er kannte... Daneben ein anderes, das einer ihm fremden Frau.

»Graf Egino«, hauchte Irmgard in diesem Augenblick, »o, Graf Egino... Ihr... Ihr gerettet!«

Über des Ohms Antlitz glitt ein eigentümliches Grinsen wie des Trutzes und zugleich der Beschämung. Als ob Eginos plötzliche Erscheinung das einfachste und erklärlichste Ding von der Welt sei, deutete er auf die Leiche Livios und hauchte mehr als er sprach schweratmend die Worte hervor:

»Ich Hab ihn kalt gemacht! Er hat sie gestochen!«

Ohm Kraps hatte offenbar in diesem Augenblicke nur für die eine Tatsache, daß er einen Menschen erwürgt, Sinn und Gedanken, nur den einen Drang seine Tat zu rechtfertigen, wie ein ertapptes Kind. Egino aber starrte mit entsetzten Blicken auf ihn, auf Irmgard, die in des Ohms sie jetzt aufnehmenden Armen zusammenbrach, auf die Leiche Livios, auf den Raum umher, und mit schwacher Stimme stammelte er:

»Welch ein Traum ist dies, welch ein Traum!« »Es ist kein Traum, was Ihr seht«, flüsterte eine Stimme, die Stimme der Frauengestalt, die, in einer Hand eine Fackel tragend, mit der andern Hand Eginos Oberarm umspannend, neben ihm stand. »Die Leiche ist Livios. Wer sind diese Menschen?« setzte sie hastig hinzu.

»Meine besten Freunde«, sagte Egino, noch immer auf die Gruppe starrend, als traue er seinen Sinnen nicht.

»Graf Egino, kommt, kommt und folgt uns!« stieß Irmgard mühsam hervor, indem sie die Augen schloß und ihr Haupt bewußtlos auf die Schulter ihres Oheims fallen ließ.

Ohm Kraps schritt davon, in einer Richtung, welche derjenigen gerade entgegengesetzt war, aus der vorher Corradina mit Livio gekommen; er trug Irmgard wie ein Kind auf dem linken Arm, mit dem rechten hob er im Gehen eine am Boden liegende Laterne auf; sie brannte noch und ließ jetzt die dunkle Gangöffnung in der Kapellenmauer gewahren, auf welche Ohm Kraps mit seiner Last, die Laterne hoch erhebend, zuschritt.

»Folgen wir, folgen wir, fliehen wir mit ihnen!« rief Egino, einige Schritte mit wankendem Fuße vorwärts machend.

»Mit ihnen?« sagte Corradina... »Ja, ja, fliehen wir mit ihnen, was sonst bleibt uns übrig! Kommt, kommt, stützt Euch mehr auf mich, legt Euren Arm auf meine Schulter, kommt!«

Sie führte, trug ihn fast; ihr rechter Arm hatte ihn umschlungen, seine linke Hand ruhte auf ihrer linken Schulter, mit der linken Hand trug sie die Fackel. »Wir müssen mit ihnen«, sagte sie, »und sehen, ob da ein Ausgang in die Freiheit ist. Ich darf nicht zurück, woher ich gekommen. Wir würden als Livios Mörder gelten. Ich würde es, da Ihr zu schwach seid einen Menschen zu ermorden. Sie würden uns beide auf dem Fleck töten!«

»Und jenen«, versetzte Egino hastig, »dürft Ihr kühn Euer Schicksal anvertrauen.«

»Ich muß es! Also vorwärts! Gott wird uns schützen!«

Sie verschwanden in dem schmalen Gange, durch den der gelbe grelle Lichtschein ihrer Fackel vor ihnen her flackerte.

In die Kapelle zog die alte Stille und Dämmerung wieder ein, mit der das Lämpchen auf dem Altare kämpfte.

So verfloß eine geraume Zeit, bis von der Seite der Burg her Schritte und Stimmen laut wurden... es war der Herzog und seine Begleiter.

Antonio kam zuerst.

Antonio war der einzige, der durch Fra Alessio eine gewisse Kunde der Räumlichkeiten besaß und nach dessen Beschreibung auch seinen Herrn darin hatte einweihen können.

Die übrigen folgten dem Herzog; alle vier hatten bald die Kapelle erreicht, wo das Öllämpchen auf dem Altare brannte. Jetzt ergoß sich das helle Fackellicht in den dämmerigen Raum der Kapelle der Murati.

»Santissima Madonna!« rief Antonio aus, den leblosen Körper seines Herrn erblickend.

Der Herzog stand im nächsten Augenblick neben ihm.

»Der Herr, der Herr, er ist ermordet!« rief Antonio.

Schon hatte der Herzog sich zu ihm niedergebeugt und ihn an der Schulter gefaßt, wie um ihn aufzuheben, dann schnellte er wieder empor. Mit einem Schrei, der eigentümlich unheimlich, erschütternd, in der grauenhaften Kapelle verzitterte, rief er:

»Iddio! Livio! Er ist tot, er ist tot!«

Antonio leuchtete mit seiner Fackel in das fahle, verzerrte Gesicht mit der vorstehenden Zunge, den vorquellenden, weit offenen Augen.

»Er ist erwürgt, erdrosselt!« rief Antonio.

Der Herzog schlug die Hände zusammen, fuhr damit an seine Schläfen, wie um den Kopf zu halten, daß er nicht zerspringe von all den schrecklichen Gedanken, die ihm durchs Hirn fuhren, rang die Hände wieder und stammelte:

»O Gott, wer hat ihn mir getötet, wer hat mein Kind getötet!«

»Povero Signore!« sagte Antonio, neben der Leiche seines Herrn niederknieend und in einen Strom von Tränen ausbrechend.

»Wo ist der Mörder, daß ich ihn zerfleische, daß ich ihn tausend Tode sterben lasse!« rief der Herzog plötzlich in einem Wutausbruch, die geballten Fäuste hoch über seinem Kopfe erhebend.

»Der Mörder«, stieß Giovan-Battista, nach Atem ringend hervor, »wo wird er sein? Da oben!«

»Wo da oben?« fuhr ihn der Herzog an.

»Eh, weiß ich's? Aber das sieht doch ein Kind ein! Die Mönche haben den armen Herrn Livio bei seinem Sakrilegio in die Kerker der Inquisition zu dringen, ertappt und ihn dafür erdrosselt. Die Contessa Corradina, als weniger schuldig, mögen sie da oben hinaufgeschleppt und da irgendwo eingesperrt haben.«

»Unmöglich!« rief der Herzog. »Wie sollten sie es gewagt haben? Und doch, wie kann es anders gewesen, wie könnt' es sonst geschehen sein? O Antonio, Giovan-Battista, lauft, schafft mir Waffen her, weckt meine Leute, wir wollen diese Mönche in ihren Betten überfallen, wir wollen sie totschlagen, alle bis auf den letzten, wir wollen das Kloster niederbrennen, wir wollen Pulver in die Gewölbe schaffen und alles, was darüber steht, dem Teufel in den Rachen sprengen.«

Der Maurer zupfte unterdessen, während der Herzog fortfuhr, schäumenden Mundes sich in Drohungen wider die vermeintlichen Mörder seines Sohnes zu ergehen, den neben der Leiche knieenden Antonio am Ärmel.

»Sor Antonio«, sagte er »seht einmal!«

Antonio stand auf und folgte ihm.

Der Maurer, der sich während des vorigen in der Kapelle umgeschaut hatte, führte ihn zu der Öffnung in der runden Wand, durch welche vorhin Egino und die übrigen sich gerettet. Er wies auf eine am Boden liegende Harzschlacke, die noch qualmte, die offenbar von einer Fackel niedergeträufelt war.

»Corpo della Madonna«, sagte Antonio, »hier ist noch ein Weg, der nicht nach oben ins Kloster, der vielleicht ins Freie führt.

Er ging mit dem Maurer weiter in den Gang hinein. Die Fackel am Boden haltend, fand er von Zeit zu Zeit mehrere solcher Schlacken.

Der Herzog und Giovan-Battista folgten den Verschwindenden nach.

»Wohin wollt Ihr, wohin führt dieser Gang?« rief der Herzog Antonio an.

»Erforschen wir es«, antwortete dieser; »wir finden Harzschlacken und Fußspuren. Es sind mehrere Menschen vor kurzer Zeit durch diesen Gang gekommen, Exzellenza!«

Es war nicht zu bezweifeln, was Antonio sagte. Der Boden des Ganges war felsig, aber hier und da eine kleine Strecke weit zeigte er einen weicheren, modrigen, wie aus Jahrhunderte alten Staubschichten gebildeten Grund und hier auch frische, aber verworrene Fußspuren.

Die Männer drangen vorwärts; sie kamen, nachdem sie vielleicht sechzig Schritte weit gegangen, ans Ende des Ganges. Eine alte, rostige, eiserne Gittertür, aus starken Stangen geschmiedet, stand offen; sie stand in einen weiten dunklen Raum hinein, offenbar aufgesprengt, denn die Klammer, worin der Riegel eingegriffen, war, wohl mit irgend einem starken Instrument, zur Seite gebogen und halb aus der alten Mauer gehoben.

Antonio hob seine Fackel höher, um den düsteren Raum, in den sie jetzt blickten, zu erleuchten.

Das Mauerwerk zeigte, daß man es mit einem uralten Bau zu tun hatte, viereckig, mit abgeschnittenen Ecken, gewölbt; irgend eine alte Tempel-Substruktion; doch mußte eine Verbindung mit der Außenwelt da sein, denn ein leiser Luftzug begann die Flammen der Fackeln zurückzuwehen; auch rief Antonio, nachdem er einige Schritte vorwärts gemacht, heftig zurückprallend, aus:

»Zurück, zurück, es ist hier der Boden durchgebrochen!«

Alle wichen zurück, um nicht mit dem durchbrochenen Gewölbe, auf dem sie, wie der Rand einer Öffnung einige Schritte vor ihren Füßen zeigte, standen, in die Tiefe zu stürzen. Nur der Herzog riß Antonio die Fackel aus der Hand und trat dicht an den Rand vor, um hinabzuleuchten. Aber der Zugwind, der ihm entgegenwehte, war so stark, daß das Fackellicht zurückgeworfen wurde.

»Es liegt ein Schutthaufen da unten, man kann leicht hinabspringen«, sagte er.

»Wozu Exzellenza?« versetzte Antonio, die Fackel aus seiner Hand zurücknehmend. »Wir wissen genug. Die frische Luft, welche uns entgegenströmt, zeigt ja, daß die, welche durch das Gittertor gebrochen sind, da hinab einen Ausweg gefunden. Und so ist alles erklärlich. Der Deutsche ist aus seiner Kerkerzelle richtig befreit worden, in der Kapelle der Murati aber hat er sich geweigert Conte Livio zu folgen. Euer Sohn, Exzellenz«, hat ihn zwingen wollen, der Deutsche hat mit ihm gerungen und ihn erdrosselt und ist dann mit der Contessa Corradina dieses Wegs entflohen.«

»So muß dieser Deutsche, der ja noch krank und erschöpft von seiner Verwundung war«, sagte kopfschüttelnd der Herzog, »die Kraft eines Löwen besitzen... oder die Contessa Corradina muß ihm mit allen Kräften beigestanden haben. Vielleicht war sie es, die diesen Ausweg kannte und ihn angab.«

»Vielleicht!« entgegnete Antonio. »Aber kommt zurück, Herr, mein Rat ist, wir tragen Conte Livio fort, in die Burg hinein, der Maurer da mauert, wie ihm befohlen, die ausgebrochene Wandöffnung wieder zu und die Mönche erfahren nie, daß Conte Livio, daß wir in ihr Gebiet eingebrochen; mögen sie die Art, wie der Deutsche entkommen, einem Wunder zuschreiben. Es ist besser so, damit auf das Haus Savelli kein Verdacht fällt in ihr Recht eingegriffen und ein Sakrileg begangen zu haben.«

»Und wer, wer schafft mir Rache? Wären nicht diese Mönche just die besten Spürhunde, um die Entflohenen zu finden?«

Ein leise anhaltender Ton zitterte schwach durch die dunkle Halle.

»Kommt, kommt, Exzellenza, die Mettenglocke wird geläutet. Sie werden wach werden im Kloster; laßt uns eilen, sonst werden sie uns hören und ertappen.«

Antonio ergriff den noch am Rande der Gewölbeöffnung stehenden und mit untergeschlagenen Armen in die dunkle Tiefe starrenden Herzog am Arm und zog ihn fort.

Sie eilten zurück und nach kurzer Zeit war Livio's Leiche aus der Kapelle der Murati verschwunden; in dem letzten Kellerraum unter der Burg der Savelli aber war mit Antonios Hilfe der Maurer emsig beflissen Stein auf Stein in den Mauerbruch wieder so zu schichten, daß nur eine genauere Untersuchung das, was hier geschehen, entdecken lassen konnte. Oben in der Burg, in dem Räume, in welchem wir schon einmal die Leiche eines Savellers, aber Leben heuchelnd und zur Trauung geschmückt, erblickten, auf dem Bette Lucas, lag der starre Körper seines Bruders, und neben dem Bette, stieren Blickes auf ihn niederschauend, stand der Herzog von Ariccia, blaß, bebend, zusammenhangslose Worte murmelnd.

Giovan-Battista, der unhörbaren Schrittes über den Teppich glitt, um zahlreiche Wachslichter auf silbernen Kandelabern zu entzünden, verstand sie nicht.

Niccolo und Giuseppe aber sprengten längst auf den Maultieren, die so lange im Hofe geharrt, jetzt durch die Nacht, den Burgen im Gebirge zu, nach Ariccia, nach Albano; andere Diener eilten zu den Angehörigen und Klienten in der Stadt, um es zu verkünden, daß der letzte Stammerbe des Hauses Savelli ermordet worden sei.

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