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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
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29. Livios List.

Livio Savelli hätte nicht Livio Savelli sein müssen, wenn er nicht die feste Überzeugung gehegt, daß zwischen Egino und Corradina ein eingestandenes und vielleicht schuldiges Verhältnis bestehe.

Weder die Sitten jener Zeit, noch das heiße Blut des Südländers in ihm, noch seine Schlußfolgerungen aus den Tatsachen konnten ihn anders denken lassen.

Hätte Egino sich so großen Gefahren ausgesetzt, ohne des Lohnes für sein Wagnis sicher zu sein?

Wär' es ihm möglich gewesen in den Garten der Burg einzudringen ohne Corradinas Mitwissenschaft und Hilfe?

Und hätte Corradina ihn gerettet, wenn sie ihn nicht liebte?

In Livio Savelli kochte noch immer eine giftige Wut darüber. All sein Sinnen und Denken war davon befangen. Er mußte diesen Deutschen vernichten und mußte sich Corradina unterjochen; die Leidenschaft in ihm, die ihren Besitz verlangte, war durch den Gedanken, daß sie einen andern vorziehe, zu etwas geworden, was ihn unausgesetzt folterte, sie war zu einer rastlosen Qual geworden.

Sollte er Egino den Mönchen überlassen, ihrer Inquisition?

Die Inquisition war im Ganzen ein mildes, schlaffes, schläfriges Wesen just damals. Sie war wie ein vollgesättigter Tiger, der verdaut. Sie hatte verbrannt, gefoltert, verschmachten lassen, eingemauert, verstümmelt; sie hatte ganze Bevölkerungen vertilgt und Ströme Bluts getrunken. Das letztere aber war vor langen Jahren geschehen. Jetzt war sie träge und ein wenig kindisch geworden; sie war aus der Mode gekommen. Zuweilen reckte der Tiger sich noch, wie um die Kraft seiner Glieder zu erproben, er führte einen Schlag mit der Tatze und dann flammte ein Scheiterhaufen auf wie der Savonarolas. Aber was konnte sie tun, als sodann wieder in ihren Schlummer zu verfallen, in einer Zeit, wo die Gebildeten die Schriften Platos lasen statt der Evangelien, wo Bembo, der Kardinal, an Sadolet schrieb, er möge die Briefe Pauli nicht lesen, um seinen Stil nicht zu verderben, wo die Päpste selbst, wie Alexander VI., Julius II. und Leo X. sich sehr wenig um Theologie kümmerten; wo man Leo X. nachreden konnte, er habe zu Pietro Bembo gesagt: »Alle Zeiten sind Zeuge gewesen, wie nützlich uns diese Fabel von Christus geworden...« es war eine Verleumdung, aber es ist bezeichnend, daß sie entstehen und unzählige Male wiederholt werden konnte. Die Inquisition war etwas geworden, das sich in einzelnen Ländern Italiens gar nicht mehr fühlbar machte. Und selbst in Rom war sie nicht mehr das, was hätte Livio Genugtuung geben können, wenn Egino sich nur irgend geschickt zu verteidigen wußte.

Und was Corradina anging – sollte er wider sie ausführen, was er ihr gedroht, sollte er sie mit Gewalt nach seinem Castell bei Albano entführen?

Er durfte Gewalt wider sie nicht mehr wagen. Er hatte seinen Vater zu fürchten. Seit dem Tage, wo dieser die Szene mit Egino erfahren, hatte er die Burg auf dem Aventin nicht mehr verlassen; er bewohnte dort die Zimmer, die für das Haupt des Hauses stets bereit standen, und war jetzt immer daheim.

Es war offenbar, daß er in eifersüchtiger Leidenschaft Corradina zu hüten entschlossen war.

Livio konnte seinen Zweck nur durch List erreichen, auch den sich an Egino zu rächen. Er kombinierte beide Zwecke in einem Plane und traf seine Vorbereitungen.

»Corradina«, sagte er dann, an demselben Tage in ihr Gemach tretend, an welchem Beppo von Irmgard gedrängt und gewonnen ward die gefährliche Unternehmung mit ihr zu wagen, »Corradina, ich bitte Dich nicht zu erschrecken, wenn ich heute zu Dir komme. Ich komme, um mit Dir Frieden zu schließen.«

Corradina sah auf und richtete fragend ihr großes Auge auf Livio.

»Ich fürchte Dich nicht«, antwortete sie, »aber den Frieden, den Du zu bieten kommst – nach Deiner bösen zornigen Miene scheinst Du ihn an schwere Bedingungen knüpfen zu wollen.«

»Ich komme nicht Dir Bedingungen zu machen, wenn vielleicht auch Vorwürfe.«

»Vorwürfe? Und weshalb?«

»Weshalb sagtest Du mir nicht offen, daß meine Leidenschaft für Dich hoffnungslos sei?«

»Das ist der letzte Vorwurf, den ich von Dir erwarten konnte! An Aufrichtigkeit, mein' ich, hat es mir nie gefehlt, und Du kannst nicht vergessen haben, daß ich Dir das sehr oft und sehr, sehr deutlich erklärt habe!«

»Was waren diese Erklärungen! Bei einem Weibe, dessen Herz nicht einem andern gehört, hat ein Mann immer Hoffnungen. Nur wenn es für einen andern schlägt, läßt ein vernünftiger Mensch die Hoffnung fahren. Warum sagtest Du mir nicht, daß Du Dein Herz an diesen Deutschen weggegeben?«

Corradina zuckte die Achseln.

»Ich liebe diesen Deutschen nicht«, versetzte sie, »und wenn ich's täte, würde ich's Dir am letzten anvertraut haben.«

»Du würdest mir freundlicher antworten, wenn Du wüßtest, mit welchem ehrlichen Kampf ich meine Leidenschaft für Dich besiegt und sie für immer aus dem Herzen gerissen habe!«

»Du – weißt Deine Leidenschaften zu besiegen?«

»Es ist so, wie ich Dir sage, Corradina. Wenn Du aber nicht annehmen willst, daß es eine gute Regung meines Gemüts oder eine moralische Kraft gewesen, mit der ich diese Leidenschaft besiegt, so nimm an, es sei der Stolz in mir gewesen.«

»Der Stolz?«

»So sagt' ich.«

»Fühlst Du Dich durch das, was Du Deine Liebe für mich nennst, erniedrigt? Das wäre mehr richtiges Gefühl, als ich in Dir voraussetzte.«

»Ich fühle mich dadurch erniedrigt, aber in anderer Weise als Du denkst. Ich fühle mich erniedrigt durch den Gedanken, daß ein anderer Mann mir vorgezogen wird; ich hätte in den ersten Stunden, Tagen nach dieser Entdeckung diesen Mann gern getötet, ich hätte mit Wollust ihn unter unsäglichen Qualen sterben sehen; ich habe mich selbst verflucht, daß mein Dolch nicht tiefer gedrungen, nicht richtiger getroffen. Seitdem sind die ruhige Überlegung und der kühle Verstand meiner Herr geworden, ich empfinde Mitleid mit diesem armen Teufel von Deutschen und mit Dir, Corradina.«

»Ich bedarf Deines Mitleids nicht, aber sprich weiter.«

»Du bedarfst meines Mitleids nicht, aber meiner Hilfe.«

»Deiner Hilfe? Wozu?«

»Diesen Deutschen zu retten.«

»Will ich das?«

»Ganz sicherlich. Er ist Deinetwegen in Not und Kerker geraten, was ist natürlicher, als daß Du schon deshalb alles aufbieten möchtest ihn daraus zu befreien?«

»Gesetzt, es sei so, auf Deine Hilfe würde ich am letzten zählen!« »Corradina« – sagte Livio nach einer Pause, während er durch den Raum schritt, sich mit der Achsel neben der Fenstertür an die Wand lehnte und die Arme über der Brust verschlang, während sie durch diese Tür starr vor sich hin, über den Garten unter ihr fort in das verglühende Abendrot über dem Janiculus, das ihr Haupt mit einem eigentümlichen Schein rosigen Goldes übergoß, blickte – »Corradina«, sagte er, »durch all diese Bitterkeit und Schärfe beweisest Du mir am besten, was Du mir verbergen willst: daß Du diesen Deutschen liebst; Du vergibst mir die natürlichste Handlung, die einfache Tat der Verteidigung, die ich beging, nicht, weil sie gegen ihn gerichtet war.«

»Ich habe nie einen sterblichen Mann geliebt«, versetzte Corradina, »auch ihn nicht!«

»Streiten wir nicht darum. Jedenfalls wünschest Du ihn zu retten. Und ich – ich wünsche Dich aus der Nähe, aus dem Machtbereich meines Vaters fortzubringen. Du aber willst nicht gehen.«

»Nicht nach Deiner Burg.« »Du könntest in jeder andern, die uns offen steht, eine Zuflucht suchen, wenn nicht jede andere meinem Vater gehörte und auch ihm offen stände. Nur die bei Albano ist mein mir zugeteiltes Eigen; ich bin dort Herr und die Zugbrücken dort heben sich und fallen auf meinen Wink, auf niemand sonst in der Welt.«

»Sprich weiter.«

»Rette Du den Deutschen, und da er noch krank an seiner Wunde ist, führ' ihn auf meine Burg und pflege ihn dort.« Corradina erhob langsam ihr Haupt zu Livio und sah ihn mit großen Augen fragend an.

»Ist das Dein Ernst?«

»Ich schwöre es Dir.«

»Rette Du ihn, wenn es möglich ist ihn zu retten. Was brauch ich's?«

»Ich würde am Ende auch das tun, wenn ich gewiß wäre, er würde einwilligen sich von mir retten zu lassen. Aber wenn ich bis zu ihm dränge, er würde mir sicherlich nicht folgen. Und kann ich daran denken es mit Gewalt auszuführen? Mit Leuten in die Kerker der Inquisition zu dringen? Würden meine Leute eine offene Gewalttat wagen, wenn ich sie auch wagen wollte? Du allein kannst es ausführen – Du allein und in der Stille.«

Corradina antwortete nicht und Livio fuhr fort:

»Hör' mir zu. Die Sache ist nicht schwer. Graf Egino kann leichtlich gerettet werden, so er nur dem, der zu ihm dringt, vertraut und folgt. Die Räume unter dem Kloster drüben sind von denen unter dieser Burg durch eine nicht starke Mauer, die sie abtrennt, geschieden. Ich lasse diese Mauer in dieser Stunde heimlich durchbrechen. Jenseits derselben führt ein schmaler Gang zu einer runden Kapelle; um sie herum liegen die Zellen der In Pace; an der einen Seite der Kapelle führt eine Stiege empor in einen Gang über derselben, woran andere, luftigere, und geräumigere Zellen stoßen. In einer dieser letzteren hat man Egino von Ortenburg untergebracht. Es ist die dritte. Der Schlüssel ist in meiner Hand, ich habe ihn nach einem Wachsabdruck, den ich mir verschafft, anfertigen lassen. Gehst Du nun um die vierte Stunde nach dem Ave Maria, wenn die Mönche im Schlafe liegen, zu dem Gefangenen, so wird er Dir folgen wie Paulus dem Engel, der in seinen Kerker trat.«

Corradina schwieg noch immer.

»Du hast recht«, sagte sie endlich. »Und so will ich es denn. Es ist nicht möglich, daß Tücke und Verrat hinter dem Ganzen lauert. Du bist dazu nicht schlecht genug, Livio. Auch könntest Du kein Interesse dabei haben, mich in die Hände der Mönche vom Sant Ufficio fallen zu lassen.«

»Nein«, entgegnete Livio trocken und ihren Blick voll erwidernd. »Du wirft es ohne Gefahr tun können. Einen Teil des Weges werde ich selbst Dich begleiten und Dein Wegweiser sein. Du wirst den Deutschen befreien und zurück durch diese Burg führen; auf dem Hofe unten werden zwei Maultiere Eurer harren und zwei bewaffnete Diener, um Euch nach Albano zu bringen. Dort soll niemand weder Dir, noch ihm ein Haar krümmen. So haben wir beide erreicht, was wir wollen. Er ist gerettet und das ist, was Du willst; Du bist der Macht meines Vaters entzogen; das ist, was ich will!«

»Und ich bin in die Deine gegeben!« bemerkte Corradina.

»Wie unauslöschlich und grausam Dein Mißtrauen ist! Du tust mir Unrecht, Corradina.«

»Ich habe Gründe auf meiner Hut zu sein, edler Livio«, sagte Corradina, mit einem Zug voll Bitterkeit ihre Lippe kräuselnd, »gegen Dich nicht minder, wie gegen Deinen Vater und alles, was Euch umgibt.« »Aber Du hörtest ja, daß mein Sinn umgewandelt ist, seit ich weiß, daß Du diesen Deutschen liebst!«

Corradina zuckte die Schultern.

»So sehr, daß Du Dir alle Mühe gegeben«, versetzte sie, »zu erfahren, wo Egino gefangen gehalten wird, wie diese Kerker beschaffen sind, wie man in sie eindringen kann, daß Du der Gefahr trotzen willst in sie einzudringen – alles das aus Eifer mir den Mann zu retten, den, wie Du glaubst, ich liebe? Welch ein Edelmut! Messer Ludovico Ariosto sollte ihm ein Dutzend Strophen in dem Heldengedicht, daran er arbeitet, widmen!«

Livio lächelte.

»Messer Ludovico Ariosto!« rief er für sich aus.

»Weshalb wiederholst Du den Namen?«

»Weil er mit der Sache in näherer Verbindung steht, als Du ahnst.«

»Wer? ... Ariosto?«

»Wenn nicht gerade er, doch sein Hof, sein Herr, der erlauchte Alfonso von Este und seine Gebieterin, die goldlockige Madonna Lucrezia.«

»Wirst Du die Güte haben mir das zu erklären?« fragte Corradina.

»Ich will Dir alles sagen, um Dein Mißtrauen völlig zu verscheuchen. Du weißt, vor Jahren, zu den Zeiten, wo die Borgia noch unsere Herren waren und Dein Luca Don Cesares Freund, war ich ein wenig der Freund Donna Lucrezias. Wir lagen ja alle in ihren Banden, der schönen liebreizenden Frau, der ganze junge Adel Roms und ich am meisten ...«

»Ich weiß ... so viel ein Kind davon erfährt, vernahm ich davon.«

»Nun wohl, Lucrezia ist seitdem Alfons von Estes Weib geworden und Alfons von Este ist hier.«

»Er ist hier, der Herzog von Ferrara? Er führt Krieg mit dem Papst und ist hier?«

»So ist es. Er war des Papstes treuester Bundesgenosse und der Kirche Gonfaloniere; dann, als unser Herr Giulio mit seiner Hilfe die Feinde besiegt und die Romagna erobert hatte, schloß der heilige Vater mit den früheren Feinden Frieden und führte Krieg mit den Bundesgenossen. Ferrara mag ihm sehr gelegen scheinen die Eroberungen in der Romagna abzurunden. In diesem Kampfe hat der Herzog das Kriegsglück wider sich gehabt; er wünscht den Frieden, er hat mehreremale vergebens darum gebeten, einmal sendete er Ariosto mit einem solchen Auftrag, aber vergebens; endlich hat er an Fabricio Colonna den Freund gefunden, der ihm den heiligen Vater gnädig stimmte, und er ist hier den Akt der Unterwerfung und Huldigung zu leisten, den man von ihm verlangt. Ich sah ihn gestern im Hause der Colonna; er brachte mir Grüße von Madonna Luerezia und lud mich zu sich nach Ferrara ein ... herzlich und dringend. Ich nahm es an und werde ihn begleiten. Ich brenne Madonna Lucrezia wiederzusehen als treue züchtige Hausfrau und schöne Fürstin Ferraras, inmitten eines glänzenden Hofes, umgeben von geistreichen und edlen Männern ...«

»Du willst in der Tat gen Ferrara ziehen?«

»So ist es ... Du weißt, daß alte Liebe nicht rostet ... ich will Alfonso auf seiner Heimfahrt begleiten ... und so, denk ich, hast Du einen Schlüssel zu dem, was Du so bitter meinen Edelmut nennst. Ich kann nicht ziehen und ruhigen Gemüts sein, wenn ich Dich hier in diesem Hause zurücklasse. Du aber, so sag ich mir, wirst es nicht verlassen, wenn nicht der Deutsche es mit Dir verläßt ... also rette Dir den Deutschen und verlaß es.«

Corradina blickte eine Weile schweigend in Livios Züge.

»Wer in der Menschen Herz sehen könnte!« sagte sie dann.

»Ich habe Dich in das meine blicken lassen«, versetzte Livio ruhig. »Entschließe Dich!«

»Ist denn der Deutsche von seiner Wunde so genesen, daß er fähig ist zu fliehen?« fragte sie nach einer Pause.

»Er lag am Wundfieber nieder. Es ist vorüber; er ist noch geschwächt, aber genug genesen, um die kurze Reise aushalten zu können. So hat man mir berichtet.«

»Wohl denn, ich bin bereit zu tun, wie Du wünschest.«

»Und Du läßt Dein Mißtrauen wider mich fahren?«

»Machst Du das zur Bedingung Deines Beistandes?«

»Nein, ich wünsche es nur. Bedingungen mache ich Dir keine. Nicht eine einzige. Wenn ich Dir zurede den Deutschen auf meine Burg zu führen und ihn dort so lange pflegen zu lassen, bis er völlig genesen ist, so ist auch das keine Bedingung, die ich Dir mache, sondern einzig der Drang der Umstände, der es gebietet.«

»Wohl denn, Livio«, sagte Corradina, »ich will Dir glauben und Dir vertrauen. Du wirst mein Vertrauen nicht täuschen, nicht wahr?«

»Nimmermehr. Willst Du Schwüre?« »Nein. Ich bin auch ohne sie bereit zu tun, was Du rätst.«

»Gut, so sind wir einverstanden. Ich freue mich dessen, und hoffe, daß wir es immer mehr werden. Gib mir die Hand darauf. Ich verlasse Dich jetzt. Ich gehe nachzusehen, wie weit mein vertrauter Arbeiter seine stille Arbeit tief unter unseren Füßen gefördert hat ... den Schlüssel zu des Deutschen Zelle magst Du schon jetzt an Dich nehmen.«

»Also bis um die vierte Stunde nach Ave Maria«, erwiderte Corradina, den schweren Schlüssel, den Livio hervorzog, erregt an sich nehmend.

»Bis um die vierte Stunde. Sei dann bereit und gekleidet für den Ritt in der kühlen Nacht. Einen Mantel für den Deutschen werde ich auf sein Maultier werfen lassen.«

Livio ging.

Corradina lauschte dem Schritt des Fortgehenden. Als er verhallte, sprang sie auf und ging hastig auf den Balkon hinaus und dort auf und ab.

»Welche Tücke lauert hinter diesem allem?« fragte sie sich. »Glaubt Livio, ich sei wirklich so leicht zu täuschen, um in all seinen Reden nichts zu sehen, als die aufrichtige, zur Tugend zurückkehrende Güte, oder den Wunsch ruhig nach Ferrara reisen zu können? O, mein Gott, habt ihr Menschen mich dazu seit Jahren mit den wüsten Szenen Eurer Leidenschaften umgeben, um mich an Eure Redlichkeit glauben zu lassen?«

Ihr Schritt ward langsamer; die Hände faltend, zu Boden blickend, ging sie lange auf und nieder.

»Wenn ich mich weigere«, sagte sie dann leise, »so bleibt Egino im Kerker der Dominikaner, vielleicht lange Jahre, vielleicht auf ewig! Er hat sie zu übermütig behandelt, um nicht ihre Rachsucht hervorzurufen: er hat das Geheimnis meiner Trauung und sie müssen ihn fürchten; es ist keine Hoffnung für ihn, wenn ich ihn nicht rette, wie Livio es vorbereitet hat.«

»Wohl denn, ich will es! Ich will es auch auf die Gefahr hin, daß schon dort die Schlinge liegt, in welche Livio mich locken will. Doch nein, sie liegt nicht dort, kann es nicht. Er kann nicht wollen, daß seine Schwägerin, ein Weib, das den Namen Savelli trägt, in die Hände der Inquisition gerät und daß die Welt erfahre, das Haus das der Kirche drei Päpste schenkte, sah eine Abtrünnige unter seinen Gliedern. Die Schlinge, in welche ich geführt werden soll, liegt jenseits dieser Mauern. Die Leidenschaft seines Vaters ist eine Gefahr, aber auch ein Schutz für mich. Ich soll gelockt werden aus dem Bereich desselben, auf Castell Savello, in sein Haus. Vor dem nun habe ich mich zu hüten. Und ich werde es! Bin ich draußen, in der Nacht, auf dem Rücken eines starken Maultieres, unter dem Schutze Eginos, so werde ich statt nach Castell Savello nach Palliano reiten – zu ihr, zu seinem Weibe werde ich mich flüchten, und sie wird mit Jubel mich bei sich aufnehmen und mich schützen, um ihn in Wut zu versetzen. O, diese Menschen! Und welch demütigende Lage, wo meine Sicherheit davon abhängt, daß die böse Leidenschaft des einen mich schützt vor der des andern! Mir graut vor all diesen Menschen mit ihren wilden Trieben!«

Sie versank, nachdem sie dies in heftigster Aufwallung hervorgestoßen, in schweigendes Nachdenken; dann, wie aus ihren Gedanken emporfahrend, strich sie mit der Fläche ihrer Hände das Haar aus der Stirne.

»Denken wir jetzt nur daran ihn zu retten!« flüsterte sie.

Sie ging in ihre Gemächer, um sich zu der Reise zu rüsten, die ihr in der Nacht bevorstand.

Hätte sie von ihrem hohen Balkone hinabblicken können in das kleine Haus weit unten an den Gärten der Colonna, wo sich just ein armes deutsches Mädchen zu demselben gefährlichen Gange rüstete, den auch sie in dieser Nacht gehen wollte!

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