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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080401
projectidfd73c209
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28. Nella perduta gente.

Für eine ganz idealistische Natur, wie es die Eginos war, kann es eine Wohltat werden, wenn sie einmal von einem Schlage getroffen und niedergeworfen wird, der ihr in seiner vollen Trostlosigkeit der Menschheit ganzen Jammer enthüllt, ohne Schleier, ohne irgendeine Milderung, ohne irgendeine Möglichkeit sich durch verschönernde Redensarten dem Grausen zu entziehen, welches das schlangenhaarige Haupt dieses Menschheitsjammers uns durch die Seele, durch Mark und Gebein jagt.

Ohne eine Erfahrung dieser Art lernen solche idealistische Flügelseelen niemals, was die Welt ist und was die Menschen sind. Sie werden ohne sie niemals aus ihrem entsetzlichen Vertrauen aufgeschreckt.

Egino sollte eine solche Erfahrung machen. Er lag gefangen in einer engen dumpfen Kammer, zwischen vier grauschwarzen Steinwänden, unter einem Kloster des Dominikaner-Ordens – in einer Art Zwischenstock zwischen den Klosterräumen über, und den tieferen Gewölben unter ihm. Diese Kammer oder Zelle war noch eine der besten dieser entsetzlichen Keuchen. Sie hatte ein Bett mit einer Decke, einen Tisch und ein paar Stühle. Es waren keine Ketten und keine Ringe an den Mauern befestigt; keine Vorrichtungen dieser Art waren da, um in dem Gefangenen das Entsetzlichste, die Präcordialangst vor dem ihm Bevorstehenden zu erwecken; nur vom Gewölbe hing eine etwa zwei Fuß lange Kette mit einem eisernen Ringe herab – was sie bedeutete, wozu dieser Ring diente – Egino wußte und begriff es nicht, aber seine matten Blicke hafteten oft daran; oft, wenn er im Halbschlummer auf seinem Bette lag, flochten sich widrige, grauenhafte Bilder an den rostschwarzen Ring, schauten aus dem Dämmerlicht hervortretende spukhafte Augen durch das enge Rund, hingen sich die häßlichen Schemen einer kranken Einbildungskraft an dies grauenhafte und entsetzliche Rätsel ihm zu Häupten.

Und dann hatte die Zelle Licht. Ein mattes unzureichendes Licht, welches durch eine schmale, hochliegende, unverglaste Maueröffnung eindrang. Sie war nicht vergittert, es war unnötig, denn sie war zu klein, um einem Menschen zu erlauben hindurch zu schlüpfen. Das Sonnenlicht des Südens aber ist stark und mächtig. Nach einigen Tagen der Gewöhnung genügte es Egino alle Gegenstände mit völliger Schärfe zu sehen.

Er sah, daß die vier Steinwände, die ihn umgaben, wie vier Blätter eines Buches waren, eines Buches von wundersamem Inhalt.

Es war wie ein Buch, das die nackte Menschenseele in ihrer Reinheit und Schönheit und in ihren Delirien und dann wieder in zynischer Schamlosigkeit geschrieben, als ob sie gesprochen: »Ihr habt mir das letzte Gewand abgerissen; nun seht wie ich bin!« Alles, was aus der Menschennatur unter der Presse der Verzweiflung hervorgekeltert werden kann, hatte sich hier in wirren Ausrufen, in Blasphemien, in Flüchen, in abscheulichen Bildern und in edlen Reimen, in Gebeten, in Versen von rührender Schönheit auf diese Wände geschrieben. Es waren Verse von Dante und Petrarca auf diese Mauersteine gekritzelt; Stellen aus Plato, Boethius, Horaz, neben Bibelstellen; Heiligengestalten und Engelköpfe waren dahin gezeichnet, neben den obszönsten und schmutzigsten Dingen.

Egino war ein paar Tage lang in der Infirmerie des Klosters gepflegt worden; als man sich überzeugt, daß seine Wunden ungefährlich, daß sein geschwächter Zustand nur Folge eines großen Blutverlustes sei, und als das Wundfieber rasch abnahm, hatte Padre Geronimo befohlen ihn in diese Zelle zu bringen. Der Padre Infirmario besuchte ihn hier einmal im Tage, um nach seiner Wunde zu sehen, den Verband zu erneuern; Bruder Alessio brachte ihm zur selben Stunde seine Speise und Wasser. Auch seine Kleider hatte man ihm aus seiner Zelle oben gebracht; es deutete nichts an, daß man ihn mit Härte behandeln wolle. Nur sprach man nicht mit ihm; Padre Infirmario redete nur von seiner Wunde, Bruder Alessio war völlig stumm und nichts, gar nichts, nicht einmal der Gedanke der Rettung, der Flucht, die unmöglich schienen, an die Egino in seiner matten Niedergeworfenheit nicht die Energie besaß zu denken, unterbrach das Träumen, Sinnen und Grübeln des Gefangenen, das fieberhaft bewegte Pulsieren des Gedankenlebens in ihm, auf dessen heißem Grunde aber desto stärker und markiger die »Seelenpflanze« in ihm wuchs.

Sein inneres Leben war, sahen wir, zu einem Leben des Gemüts geworden. Seine idealistische Natur hatte sich vor dem Schrecken, womit ihn die Weltlehre Rom bedrohte, an der Hand seiner Leidenschaft in den bergenden Schutz des Gemütslebens geflüchtet. Er hatte sich an seine Liebe geklammert, und neben ihr hatte sich, was von ureigener angeborener Religiosität in ihm war, wie auf sich selbst besonnen und war neu entflammt; die schöne Gotteshingebung seiner Kindheit, diese süße Poesie der jungen Menschenseele war wie ein warmer Sonnenstrahlguß in sein Herz zurückgekehrt.

Egino mußte sich mit diesem Gefühle in der schmutzigen dunklen Zelle des kirchlichen Gefängnisses finden, um mit überwältigender Wucht die Entsetzlichkeit einer Theologie zu empfinden, die solche Mittel des Zwanges ausübte ... des Zwanges zum Glauben! Das in seiner innersten Wesenheit Freieste, die Religion in der Menschenbrust erzwingen zu wollen mit Kerkern, Folterbänken, eisernen Ringen und Holzstößen!

Es war furchtbar. Es war der Wahnsinn auf den Thron gesetzt, mit dem höchsten Richterschwert in der einen, mit einem Gesetzbuche, das ein Dämon geschrieben hatte, in der andern Hand.

Egino fühlte, daß wenn er je diese Zelle wieder verlasse, das letzte Band zerrissen sein werde zwischen ihm und diesem Kirchentume; daß er es hassen werde bis auf's Blut, daß er seinen Gott suchen werde mit dem freien Drange seines Gemütes. Mit diesem Drange mußte er ihn ja finden. Die Ströme rauschten nicht in unaufhaltsamem Gange durch die Lande dahin, wäre nicht das, wohin sie streben, das Meer, auch wirklich da. Der Durst wäre nicht da, wäre nicht das, was ihn stillt, das Wasser, vorhanden; des Menschen Auge mit seiner Sehbegier wäre nicht da, gäb' es kein Licht; und so lohte nicht in der Menschenseele der ewige Gottesdurst, wäre nicht Gott da, in dessen Busen dieser Sehnsuchtsstrom, der seit Jahrtausenden in gleicher Stärke durch die Menschheit geht, sich ergießt.

Aus solchen Gedanken ergoß sich eine eigentümliche Ruhe, ein Frieden über ihn. Er hatte, wie ein tiefes deutsches Gemüt doch zu lange an dem Glauben seiner Väter gehangen; mit hundert Fäden war sein innerstes Herz damit verschlungen gewesen. Es war tief in seiner Seele geschrieben, was die Kirche, als die große Mutter der Kultur gewirkt, was sie der Menschheit gewonnen, was sie an Wildheit gebändigt, an Leidenschaften unterjocht und gefesselt, an rohem Sein vergeistigt und veredelt. Der innere Abfall von ihr konnte nicht ohne schmerzliches Schwanken und Kämpfen gewesen sein. In dieser Zelle aber, das Auge auf diese Wände gerichtet, auf die Blätter dieses entsetzlichen Buches, das er täglich zu sehen, zu lesen hatte, schrieb es sich klar in seine Seele ein, daß das Kirchentum, welches sich seiner Zeit auferlegte, sich um das Recht der Existenz gebracht habe!

Unterdes, so wie mit grauenhafter Eintönigkeit und Langsamkeit ein Tag nach dem andern hinschwand, kehrten allmählich seine Kräfte zurück. Er war noch sehr geschwächt, aber das Lebensgefühl regte sich stärker und stärker in ihm. Dies hatte etwas Beängstigendes. In dem Maße, wie die körperliche Schwäche von ihm wich, stieg das Bedürfnis nach Licht, Luft, Freiheit in ihm, wuchs in ihm das Gefühl der Unerträglichkeit seiner Lage; das Gefangensein wurde zu einem leisen, immer schwerer und schwerer werdenden Herzdruck; die Anstrengung es auszuhalten in diesem Kerker, zehrte schärfer und schärfer an seiner Kraft ... er konnte den Augenblick voraussehen, wo diese Kraft geschwunden und aufgezehrt sein werde, wo er es nicht mehr werde ertragen können, wo er verrückt werden oder sich töten, sich verhungern lassen müsse.

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