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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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25. Plaudereien eines »Artista«.

Während der deutsche Mönch und Callisto in so ernstem Gedankenaustausch ihre Straße gewandelt, war Irmgard allein zurückgegangen dem kleinen Hause zu, in dem sie auf Donna Ottavia's Empfehlung mit ihrem Oheim eine Wohnung bei einer Witwe eines Marmor-Arbeiters und deren Sohn genommen. Das Haus lag, wie erzählt, auf dem damals noch wüsten Quirinal, auf der Höhe, an deren westlichem Fuße sich der Palast des Hauses Colonna, der älteste der heute noch stehenden Paläste Roms, erhob, während die Anhöhe hinauf, sich in die Ruinen der Thermen Konstantins hinein erstreckend, der Garten dieses Palastes sich zog. Der ganze Platz oben war still und von Menschen verlassen; an eine alte Mauer der Thermen lehnte sich das kleine Haus der Witwe; es war von einem Garten umgeben, in dem die Frau Broccoli und Artischoken zog und den eine Hecke von stachlichten Agaven umfriedete. In der Ecke des Gartens in einem Strauchgebüsch standen eine Platane und ein Maulbeerbaum zu einer Gruppe zusammen, darunter ein steinerner Tisch; ein Stück von einem Marmorfries aus jenen alten Thermen diente als Bank dahinter. Irmgard setzte sich, als sie daheim war und nach dem Oheim gesehen, dorthin und schaute mit ihrem kummervollen Blick auf die Stadt hinüber, die sie, jetzt noch vom hellen Sonnenglanz übergossen, von dieser Höhe herab überschauen konnte. Es war der Sonnenglanz Hesperiens, der vor ihr leuchtend auf der ewigen Stadt lag. Ein Luftzug, der leise durch die Blätter der Laurusstauden neben ihr zog, trug ihr den Duft blühender Orangen aus den Colonnesischen Gärten zu. Irmgard war jung, sie war kräftig und gesund; jeder Atemzug in dieser reinen Luft hätte sie mit dem Gefühl voller, glücklich machender Lebenskraft durchströmen müssen.

Und doch – sie saß zusammengedrückt, wie umschnürt von der Wucht des Schmerzes. Sie trug die Schuld an Eginos Unglück. Sie wußte nicht wie weiter leben, ohne die Hoffnung ihn zu retten, mit dem Bewußtsein, daß sie ihn ins Verderben geleitet!

Sie fühlte sich zerrissen, sich verzehren, sich sterben unter diesen Gedanken.

Ihr war da, wo sie sich befand, alles gegeben, um zu leben, alles zu einem glücklichen physischen Sein, und ein Gedanke tötete sie.

Der Schmerz ist die große Offenbarung, die aus dem glühenden Dornbusch unseres eigenen Innern heraus spricht und für die wir keiner Zeugnisse, keiner Wunder bedürfen.

Während Bruder Martin und Callisto von dem Glauben sprachen und einer neuen Grundlage für die Zukunft, erhielt Irmgard durch den Schmerz die Lehre, die den Menschen bildet für die Vollendung hier und ihn ausbildet zur Empfänglichkeit für das Ewige.

Irmgard saß lange, lange Zeit so. Durch das offene Fenster seiner Kammer beobachtete sie Oheim Kraps; er hatte nicht mehr das Vergnügen die Welt durch helle Glasscheiben betrachten zu können, denn die hatte das kleine Haus der Witwe nicht; wollte man hinausschauen, so mußte man die hölzernen Läden offen lassen, ganz wie daheim in Deutschland. Ohm Kraps hatte sich darein gefunden, wie in vieles andere. Er hatte sich darein gefunden seine Träume von Titeln und Staatsgewändern und außerordentlicher Vornehmheit schwinden zu sehen; er hatte sich darein gefunden, daß, wenn er sich blicken ließ, die Menschen hier just so über ihn lachten, wie daheim in Ulm; er hatte sich sogar in das Ziegenfleisch und die bittern gebratenen Campagnavögel, welche seine Hauswirtin ihm vorsetzte, gefunden: für alles das hatte er einen Trost, und das war der süße Goldtrank von Orvieto.

Irmgard hatte in den letzten Tagen ihren Oheim zu hüten vergessen und seine Fortschritte in der Kunst durch tonische Anregung der Gemütsstimmung mit dem Leben fertig zu werden, waren ihr entgangen; sie sah nicht, wie seine Übungen in dieser Art der Weltüberwindung von schönen Erfolgen gekrönt waren, denn Ohm Kraps war schweigsamer Natur. Etwas Meckerndes hatte seine Stimme auch daheim gehabt, und wenn sie um die Abendstunde etwas Lallendes annahm, so war diese Nüancierung schwer zu erkennen, weil sie sich in eigentümlich sanftem Übergange vollzog. So war denn um Ohm Kraps kein Kummer zu hegen, er war im Gegenteil ein Element der Erheiterung in dem Hause der Witwe; Beppo, ihr Sohn, der Marmorarbeiter, brach jedesmal in Lachen aus, wenn der wunderliche Mann den Mund auftat, um eines jener italienischen Worte auszusprechen, welche zu seinem ziemlich kargen Sprachschatze gehörten und die er so komisch hervorbrachte und so falsch betonte.

Was aber konnte nur den Kummer des jungen deutschen Mädchens bilden, die offenbar unter dem Druck eines Seelenleids stand, die nicht mehr aß und nicht mehr trank, die ruhelos umherzuschweifen schien.

So fragten sich die gutmütige Witwe Signora Giulietta und Beppo, ihr lachlustiger Sohn, dem die Miene des Lachens stets erstarb und der stets seinen dunkeln Kopf zurückwarf, um das blauschwarze Rabenhaar aus der Stirn zu schütteln, wenn er Irmgard erblickte.

Sie hatten keine Antwort auf diese Frage, und doch schien sie dieselbe von Tag zu Tag mehr zu beschäftigen – wenigstens Beppo, der seit einiger Zeit an den Abenden viel regelmäßiger und viel früher von seiner Arbeit aus dem Atelier seines Meisters, eines Bildhauers, oder von den Ausgrabungsarbeiten unter Rafaels Leitung, bei denen er mitwirkte, heimkam. Beppo war Scarpellino und nannte sich deshalb »Artista« und war auf seine Art ein gebildeter junger Mann – sie sind ja alle die Nachkommen alten Kulturlebens, diese glücklichen Söhne Ausoniens; auf jeden von ihnen ist ein mehr oder weniger kleines Stück des alten Vätererbes gekommen.

Beppo hatte ein paar dunkelschwarze Augen, und diese glühten immer mehr als sonst, wenn sie auf Irmgard lagen. Irmgard hatte es wohl bemerkt; sie war deshalb immer einsilbig und still gewesen, wenn der junge Mensch da war, und Beppo war deshalb scheu um sie herumgegangen wie um ein Rätsel.

»Sie hat einen Liebeskummer, die Giovinetta, sie hat in ihrem Lande daheim ihr Herz zurückgelassen«, sagte die Witwe, wenn sie mit ihrem Sohne allein war und dieser von der Fremden begann.

»Nein, nein, ich wette, es ist nicht so«, behauptete dann Beppo. »Als sie kamen, um unsere zwei Kammern zu mieten, diese wunderlichen Menschen, war das Mädchen wohl und heiter, und jetzt ist sie es nicht mehr. Ihr Kummer liegt in Rom. Frage sie doch, Mutter.«

»Als ob ich das nicht getan!« versetzte achselzuckend Frau Giulietta.

»Und was hat sie geantwortet?«

»Sie sei unwohl.«

»Unwohl? Und doch ist sie den ganzen Tag über auf den Füßen... doch ist sie mehr oben auf dem Aventin als in ihrer Kammer...«

»Auf dem Aventin?« sagte Frau Giulietta. »Und wie weißt Du das? Bist Du ihr nachgeschlichen?«

»Ich weiß es«, erwiderte Beppo, leicht errötend; »wir haben gearbeitet da, unter Santa Sabina, in alten Gewölben. Ich weiß, daß wenn ihr Kummer in Rom liegt, er auf dem Aventin liegt.

»Ecco, ecco«, rief Frau Giulietta aus, »mach' nur nicht Dir selber Kummer!«

Beppo wendete sich und ging in das Gärtchen hinaus und sah Irmgard unter den Bäumen in der schattigen Ecke sitzen.

Er stand und schaute zu ihr hinüber, was er frei tun durfte, denn sie saß regungslos, die Blicke auf den Boden geheftet, so gedankenverloren, wenn sie auch aufgeschaut hätte, sie hätte nicht wahrgenommen, daß sie von ihm beobachtet werde.

Beppo faßte sich endlich ein Herz und ging zu ihr.

Er stellte sich neben sie; die Hände auf dem Rücken, lehnte er sich mit diesem verlegen an den Stamm der Platane und sagte:

»Es ist schön hier oben in der frischen Luft, Signora. Findet Ihr nicht auch? Wenn der Abendwind vom Meer herüberkommt, ist er immer so weich und erquickend, man atmet dann doppelt froh auf, wenn man am Tage in der dunklen Unterwelt umhergekrochen ist wie ein blinder Maulwurf.«

»Und in welcher Unterwelt seid Ihr umhergekrochen, Beppo?« fragte Irmgard, den Blick erhebend, aber zerstreut und ohne den jungen Mann anzusehen.

»Ich habe bei den Ausgrabungen geholfen«, fuhr Beppo fort, »wir sind unserer zwanzig, Artistas und Arbeiter – Meister Rafael Santi kommt von Zeit zu Zeit dazu; der heilige Vater hat ihm die ganze Oberaufsicht übertragen. Wir wühlen in alten verschütteten Gewölben und dunklen Kammern und hohen Gängen.«

»Und weshalb tut Ihr es?« unterbrach ihn Irmgard. »Sucht Ihr nach Schätzen?«

»Nun sicherlich suchen wir nach Schätzen«, rief Beppo lächelnd aus, »nach Schätzen von allen Arten; freilich, solche von der besten Art, von Gold und Kleinodien finden wir nicht.«

»Und welche findet Ihr denn?«

»Büsten, Münzen, Geräte, Bildsäulen, Sarkophage – ach, was finden wir nicht alles!«

»Und habt Ihr heute solche Arbeit getrieben, Beppo?« fragte Irmgard.

»Freilich, noch heute.«

»Und habt Ihr viel gefunden?«

»Ach nein, so viel wie nichts«, erwiderte Beppo, »und so sind wir denn müde und getäuscht abgezogen, und müssen hoffen, daß wir morgen mehr Glück haben. Habt Ihr je von den Katakomben gehört, Signorina?«

Irmgard, die längst Beppos Geplauder nicht mehr folgte, schüttelte nur leise den Kopf.

»Ihr hörtet nie davon – o, die müßt Ihr sehen, Ihr müßt Euch von mir dahin führen lassen«, rief Beppo eifrig, »Ihr könnt Euch keine Vorstellung machen von dieser Welt des Todes und des Grauens. Lange, lange labyrinthische Gänge, schmal und hoch in den dunklen Grund von Tuff und Porzellan gehauen; auch kleine Hallen, Kapellen und rechts und links in die Wände, einer über dem andern, die Loculi oder Grabnischen, wohinein sie die Leiber der Toten gelegt haben, die toten und erschlagenen Christen und Märtyrer. Ach, Ihr müßt das sehen, Signorina, Ihr könnt sonst nie ganz erkennen, wie doch der liebe Gott seitdem so gnädig bei seiner Kirche gewesen und wie mächtig und groß sie doch jetzt ist; als ich das erstemal in die Katakomben gelangte, genau zehn Jahre sind's und mein Vater, der ein sehr frommer Mann war, Signorina, sehr gottesfürchtig und nur zu gut für die Armen und die Mönche, die damals unser Haus nicht verließen – jetzt freilich, wo die Mutter arm und gebrechlich ist, seht Ihr sie weniger bei uns vorsprechen – aber, was ich sagen wollte, mein Vater hat mich mitgenommen, vor zehn Jahren just, und an dem Tage war's, wo Madonna Lucrezia als Braut gen Ferrara zog. Als ich aus den dunklen Tiefen kam, wo sich einst die armen verfolgten Märtyrer, die vor den heidnischen Wölfen sich flüchtenden armen Christenschafe in ihrer Not bargen und jetzt in dieser meilenweiten Totenwelt schlafen, da war mir gar elend und krank von dem allen zu Mute. Meine Glieder zitterten vor Frost und meine Zähne schlugen aneinander. Aber in der hellen Sonne, die draußen schien, an dem schönen warmen Wintertage, und inmitten des Volks, das wir zum Korso strömen sahen und das uns mit sich dahinzog, und als meine Augen dann bald den schönsten Festzug erblickten, den je die Welt gesehen, da war ich rasch geheilt! Ich war ein Ragazzo, Signorina, kaum vierzehn Jahre alt und was vergißt der nicht bald! Aber den Zug, den habe ich nicht vergessen und werde ihn nie vergessen, solch eine Pracht und Herrlichkeit war's, just über der Katakombe, in der wir bei den toten Märtyrern gewesen, zogen sie fort; der heilige Vater und seine Tochter und sein Sohn, Don Cesare und des Herzogs von Ferrara Söhne und die Kardinale, der hohle Boden mußte widerhallen vom Hufschlag ihrer stolzen Rosse und das Freudengeschrei des Volkes dringen bis in die stillen Loculi der armen Heiligen. O, Ihr hättet es sehen sollen! So etwas sieht man nur einmal im Leben und nur in Rom. Bis zur Porta del Popolo gab der heilige Vater ihnen das Geleit, Don Cesare bis zum Ponte Molle und neunzehn Kardinäle bis nach Prima Porta und weiter, und unabsehbar war die Zahl der Pagen, der Leibwachen, der Edelleute, der hohen Würdenträger, und unschätzbar die Pracht der Gewänder von Scharlach und Goldtuch und Seide, die ganz unter der Stickerei von Gold und dem Schmuck der Edelsteine verschwand. Don Cesare trug einen prachtvollen Waffenrock, zusammengehalten von einem goldenen Gürtel; die Satteldecke seines mächtigen Schlachtrosses ward allein auf zehntausend Dukaten geschätzt. Madonna Lucrezia aber trug ein enganliegendes Kleid von karmoisinroter Seide mit einer Sbernia darüber von goldenem Gewebe, mit breiten hängenden Ärmeln und mit Hermelin eingefaßt. Ihren Kopf mit dem wallenden Goldhaar bedeckte ein Hut, auch von karmoisinroter Seide, mit einer stolz geschwungenen Feder und auf der linken Seite hing eine Perlenschnur bis zu ihrem Ohr herab; sie war so schön, Madonna Lucrezia! Eine Schar von Musikern in kostbaren Gewändern schritt vor ihr her, aber ihre Weisen übertönte das Rufen des Volkes. Und wie groß der Zug war, das werdet Ihr Euch vorstellen können, Signorina, wenn ich Euch sage, daß die Zahl der Pferde und Mulos, welche der heilige Vater seiner Tochter mitgab, nicht weniger als tausend betragen mochte, der Wagen waren zweihundert, und von den Kardinälen, die ihr das Geleite gaben, hatte jeder zweihundert Edelleute, Trabanten, Pagen und Diener in seinem Gefolge. O, Ihr hättet es sehen sollen! Mein junges Herz jubelte in mir über alle die sonnenbeglänzte Pracht und mein frommer Vater, der, die Hand auf meine Schulter gelegt, hinter mir stand, sagte: Da siehst Du nun heute, mein Sohn, wie Gott bei seiner heiligen Kirche ist: aus dem Dunkel der Katakomben und dem Elend des Märtyrertums hat er sie geführt zur höchsten Weltherrlichkeit, wie es heißt im Buch der Richter: Ich habe euch errettet von der Ägypter Hand, und von aller Hand, die euch drängten, und habe euch ihr Land gegeben.«

Beppo mußte Atem holen, so war er in Eifer geraten bei seiner von der lebendigsten Gebärdensprache begleiteten Erzählung.

»Ihr habt recht, Beppo«, antwortete Irmgard mit einem schmerzlichen Zucken des Mundes, »er hat sie sehr hoch erhöht. Doch gibt es noch immer Märtyrer, die in den Katakomben, wie Ihr das nennt, schmachten.«

»Märtyrer?«

»Nun ja – hat die Inquisition nicht Kerker?«

»Ah«, rief Beppo aus, »aber die darin schmachten, sind nicht Märtyrer, sondern Ketzer!«

»Freilich, aber jedenfalls ist ihr Los zu beklagen.«

»Santa Madre«, rief Beppo aus, »der Ketzer Los beklagen? Aber wenn man sie nicht richtete, welch Los würde das unsere sein? Würde Gott uns nicht mit allen Landplagen Ägyptens heimsuchen, mit Hungersnot und Pest und Erdbeben, wenn wir lässig wären seine Ehre zu verteidigen und ihn nicht mit der Schärfe des Schwertes an denjenigen rächten, die ihn lästern? Ich bitt' Euch, Signorina, was sollt' aus uns werden.«

»Ihr habt recht, guter Beppo, Euer Gott bedarf der Rache, und daß sie ihm werde, hat er hier auf Erden die Ketzergerichte und dort im Jenseits den ewig flammenden Holzstoß der Hölle.«

Beppo sah sie groß und verwundert an. Sprach das junge Mädchen im Ernst so gottlos? Er wollte antworten, als sie fortfuhr:

»Und so ist denn das ganze Leben auch solch' eine Doppelwelt: unten in der Tiefe die dunklen Labyrinthe für die Armen, die Leibeigenen, die Verstoßenen und oben drüberhin der große Festzug der Mächtigen und Großen!«

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