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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
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24. Gedanken eines deutschen Mönchs.

Egino's drei Freunde fanden sich, zwei Tage nach dem Feste Messer Agostino Chigis, wieder in Eginos Wohnung zusammen, jeder ohne eine Spur des Verschwundenen entdeckt zu haben. Sie redeten viel darüber, ob es anzunehmen sei, daß er in die Hände der Savelli gefallen, oder von den Mönchen gefangen gehalten werde. In jenem Falle war es leichter sich Auskunft über sein Schicksal zu verschaffen, als in diesem, wo es dem Dunkel und der Heimlichkeit verfallen war. Callisto war der Meinung, daß das Letztere der Fall.

»Der Herzog«, sagte er, »würde nicht seine Erkundigungen bei mir eingezogen haben, wenn Egino in seiner Gewalt wäre. Was kümmert ihn des jungen Mannes Sippe? Die Mönche aber haben Grund umsichtig zu sein. Ihre Klöster sind über die Welt zerstreut. Sind Eginos nächste Blutsfreunde mächtige Landherren, in deren Gebieten sich Klöster des Ordens befinden, so könnten diese letzteren schwer zu empfinden haben, was die Brüder in Rom an Egino sündigen. Diese Rücksicht kann einzig der Nachforschung des Herzogs zu Grunde liegen.«

Callisto berichtete dann, wie er, treu der übernommenen Aufgabe, seine stillen Nachforschungen nicht auf das Kloster beschränkt. Das einzig sichere Ergebnis, das er berichten konnte, war, daß Egino weder in die Kerker dieser Corte Savella, noch nach der Burg bei Albano geführt worden sei.

Bruder Martin hatte ein paar Ordensbrüder ins Vertrauen gezogen, die ihm zugesagt sich Brüdern des Ordens des heiligen Dominikus zu nähern und Kundschaft einzuziehen; er hatte von ihnen die Mitteilung erhalten, daß, wenn alles was zum Sant Ufficio gehöre, auch in Dunkel und Schweigen gehüllt bleibe, doch so viel sicher scheine, daß Eginos Sache bis jetzt nicht vor demselben anhängig gemacht sei.

Irmgard hatte umsonst bei Tage und fast mehr noch in den Stunden des späten Abends und des anbrechenden Tages den Aventin bewacht, umkreist und gehütet. Oft hatte sie sich von Götz begleiten lassen, oft auch war sie allein gegangen, von ihrer Unruhe umher getrieben. Sie sah bleich und überwacht aus. Die Knabenkleider, welche sie alsdann ihrer Sicherheit wegen trug, waren ihr weit und faltig geworden. Ihre Augen hatten etwas eigentümlich Unstetes; die Sonne, die Luft, die innere Unruhe, die sich in ihr Antlitz gelegt und ihm einen gespannten Ausdruck gegeben, hatten ihre hübschen Züge zerstört; sie war sehr entstellt.

Sie redete wenig in der Zusammenkunft der Freunde Eginos, die fürchterliche Vorstellung hatte sich in ihr festgesetzt, daß Egino ermordet sei.

»Es ist nur ein Weg«, sagte sie, »uns sichere Auskunft zu verschaffen, der zu der Frau zu dringen, um derentwillen Egino alles gewagt hat. Sie kann nicht gleichgültig bei seinem Schicksale sein; sie muß wie wir, wünschen ihn gerettet zu sehen, und wenigstens ist sie uns Wahrheit schuldig.«

»Ihr habt recht«, versetzte Callisto; »allein ich würde Euch nicht raten den Versuch zu machen zu ihr zu gelangen. Ich habe bereits meine Gattin, Donna Ottavia, gebeten sich in die Burg auf dem Aventin zu begeben und dort zu verlangen, daß man sie zu der Donna Corradina Savelli führe. Donna Ottavia hat meine Bitte erfüllt. Aber man hat sie schroff zurückgewiesen. Die Gräfin Corradina sei nicht in der Burg, nicht in Rom, hat man ihr gesagt; sie sei nach dem Schlosse bei Albano gezogen. Da ich nun weiß, daß dies nicht der Fall ist, so ist klar daraus zu erkennen, daß man Corradina in einer Art Abgesperrtheit oder Gefangenschaft hält, und hieraus geht dann wieder hervor, daß man sie beargwöhnt.«

Irmgard antwortete nicht; sie faltete ihre Hände im Schoße und blickte sinnend nieder.

»Das Schlimmste ist«, fuhr Callisto fort, »daß wir nicht die geringste Aussicht haben die Verwendung irgend eines mächtigen und hochgestellten Mannes zu gewinnen. Der heilige Vater selber greift da nicht ein!«

»Und ich, und ich!« sagte Irmgard in tiefer Verzweiflung leise vor sich hin, »die ihn durch ihren Rat, durch ihre Beihilfe in all dies entsetzliche Unglück brachte!«

»Was sagtet Ihr?« fragte Bruder Martin.

»Daß wir selber ihn retten müssen, wir, wir, seine einzigen Freunde, wenn es nicht zu spät ist!«

»Nein, nein, das ist es nicht, glaubt mir«, fiel Callisto ein; »Egino ist in der Haft der Mönche und die Mönche, wenn sie quälen, quälen lange! Sie übereilen nichts.«

Das Gespräch endete mit dem Gelöbnis der drei Versammelten nicht ablassen zu wollen in ihren Forschungen und sich nach einigen Tagen in Egino's Wohnung zu weiterer Beratung wieder zusammenfinden zu wollen. Dann gingen sie auseinander, Irmgard allein dem kleinen Hause auf dem Quirinal zu, in welchem sie mit ihrem Oheim eine Wohnung gefunden, Callisto und Bruder Martin zusammen, da Callisto, um nach Hause zu gehen, ja an Martins Wohnung in Santa Maria del Popolo vorüber mußte.

Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander.

»Wenn sie mir hier das reine edle Blut, diesen deutschen Fürstensproß auch noch zu Schanden machen«, rief Bruder Martin nach einer Weile tief aufatmend aus, »so, so ...«

»Ihr vollendet nicht!« sagte Callisto.

»Wozu soll ich's, Signore Callisto«, versetzte Bruder Martin. »Ihr versteht's doch nicht, was hier ein deutsches Gemüt um und um kehrt. Seit Ihr mich in den Sündenpfuhl Eures Festes von neulich führtet, ist's mir, als müßt' ich auch Euch hassen.«

Signor Callisto lächelte ruhig und überlegen, als er antwortete:

»Trag ich die Schuld, guter Frate, wenn Ihr so vieles in dieser ewigen Stadt, die doch darum immer die ewige bleibt, anders findet, als Ihr ehrlichen Deutschen es Euch daheim vorstellt?«

»Ja, so ist's«, fiel Bruder Martin bitter ein. »Man sollt' uns verbieten gen Rom zu pilgern. Es ist vieles anders hier, als wir's glauben in Deutschland. Es geht wie ein tiefer Riß mir durchs Gemüt, nun ich's so recht wahrnehme, wie die Menschen in Rom leben. Wie die, so die Gewalt haben, tun wie die Heiden, und die, so da denken, denken wie die Heiden. Ihr selber ja auch. Es ist, als sei in einem schönen und leuchtenden Palast, erbaut für den edlen und milde herrschenden Landesvater, eine Räuberbande eingezogen und hause darin und regiere von dort das Land. Und da wie die Herrschenden die Völker tun, so ist kein Zügel mehr und fast keine Hoffnung! Das verwirrt mir die Sinne und wenn ich in meiner stillen Zelle sitze und das, was ich erlebe hier, an mir vorüberziehen lasse, dann preßt es mir die Brust zusammen und aufstöhnend ruf' ich aus: Herr, Herr, was muß geschehen, um die Räuber zu vertreiben, die in Dein Heiligtum gebrochen und aus Deinen Kelchen zechen und aus den Altarschalen sich in Wein berauschen? Und weil's mir den Odem benimmt, eil' ich hinaus ins Freie, auf die verödeten Höhen und werfe mich da nieder und schaue hinab auf diesen großen Grabstein der Geschichte – dieses Rom! Ist es bestimmt auch der Grabstein für alles das zu werden, was den religiösen Zusammenhang der Menschheit mit ihrem Gott ausmacht? Soll der Glaube begraben werden da, wo die Apostel begraben sind? Im Schatten des Petersdoms? Sollen die Basiliken einst dastehen, den Winden und den Wettern preisgegeben, von den Stürmen ihrer Dächer beraubt, mit wilden Ranken umkleidet, der Marmor ihrer Fußböden von üppigen Nesseln überwuchert, so wie heute die Tempel von Pästum und von Agrigent dastehen – Monumente einer gestorbenen Gedankenwelt, Grabmäler von Vorstellungen, die wir nicht mehr begreifen?«

Callisto blickte ihn überrascht über die Wärme dieses Ausbruchs an.

»Und wenn es dahin käme?« sagte er dann ernst und wie sinnend. »Die Kirche ist eine weltliche Bildung geworden und alles Weltliche, Irdische zerfällt, alles!«

»Ihr sagt das so ruhig! O denkt es Euch doch – die Welt entchristlicht! Denkt es Euch! Die Kirchen nur noch Ruinen! Die Glocken verstummt – keine mehr, die Euch den Abendsegen zuläutet, keine mehr, die Euch mit allen Brüdern zum Liebesmahle ruft; keine Osterglocken mehr, die Weihung und Trost Euch ins Leben läuten; keinen Choral mehr, der über Eurem Grabe von der Verheißung der Auferstehung spricht; keinen Ton mehr, der in Euer drangvolles Leben aus dem ewigen Reiche des Glaubens herüberklänge; kein Priestertum mehr, das Euren Eintritt ins Leben, keines, das den Bund Eurer Liebe segnete, keines, in dessen verschwiegener Brust Ihr eine Schuld ausschütten könntet! Keine Rede mehr von Gott, vom Jenseits, von der Vaterhand, die uns leitet! Welche Welt! Die Menschheit wäre wie ein Instrument, von dem die tönenden Saiten abgerissen. Eine Welt ohne Klang ...«

»Dem Instrument Menschheit hat nicht blos der Glaube Saiten aufgespannt«, antwortete Callisto. »Es gibt noch mehr Saiten, die in der Menschenseele tönen.«

»Und welche sollten es sein?« fragte Bruder Martin, rasch einfallend. »Saiten ja, aber nur die Religion gibt ihnen Klang.«

»Mag sein! Die Religion, ja! Aber Ihr ahnt ja selbst, daß das Wesen, was sich heute die Religion nennt, die offizielle, scholastische, dogmatische Religion Roms, die Welt dahin führt, daß, wie Ihr sagt, eines Tages die Basiliken dastehen wie die Tempel von Pästum heute. Und diese Eure Ahnung ist ganz dieselbe, die auch in mir lebt. Seht Euch hier um. Noch ist das Volk wohl dressiert. Es betet seine Rosenkränze, es wandelt seine Prozessionen, es kniet und besprengt sich mit Weihwasser. Es hört Messen und geht beichten, es greift in den Säckel und bringt Opfer und zahlt Ablässe. Das alles, alles ist Dressur. Das Mittel der Dressur – beim Hunde ist's die Peitsche, beim Volke die Höllenstrafe. Die Peitsche ist etwas Wirkliches, die Hölle nur eine Vorstellung. Die Vorstellung wird eines Tages fallen. Das Volk wird lachen über die Hölle. Und dann? Das Mittel der Dressur ist für immer hin.«

Bruder Martin antwortete nicht; er schritt, schweigend vor sich blickend, weiter.

»Es beschleicht mich«, fuhr Callisto nach einer Pause fort, »der Gedanke zuweilen, als sei Christus mit seinem liebenden Drange der Menschheit die Wahrheit zu bringen, zu früh zur Welt gekommen. Es hätte die Menschheit länger ringen müssen durch eigene Kraft zu schöner humaner Bildung zu kommen. Ein durch Bildung verfeinertes Geschlecht hätte ihn verstanden. Jetzt hat die Welt ihn nicht begriffen und er ist tot für sie. Die Priester haben das Ihrige getan ihn, den rechten, lebendigen wahren Christus tot zu machen. Die Kirche zieht zu Felde, wie die Spanier mit dem toten Cid, mit einem toten Feldherrn.«

»Und wer, wer vermag es der Welt den toten Christus wieder zu erwecken?« fiel Bruder Martin ein. »Es muß, es muß sich eine Kraft dazu finden, denn die Welt bedarf des Christus! Nur durch ihn kann sie gerechtfertigt, nur durch ihn kann sie sittlich werden!«

»Vielleicht«, sagte Callisto, »findet die Menschheit einst ein anderes Gesetz, auf dem sich ihre Sittlichkeit auferbaut. Wer weiß es! Seid Ihr aber so felsenfest überzeugt, daß sie für ihre Sitte Christi bedarf, so dürft Ihr auch getrost annehmen, daß Gott sie nicht lange mehr ohne jene Kraft läßt, welche ihn auferweckt. Vielleicht äußert sich diese Kraft nur dadurch, daß sie ein einziges großes Wort ausspricht. Daß sie statt der Furcht, welche die Menschen dressiert, die Liebe, welche sie nicht durch Furcht in die Kirchen, sondern durch ihres Herzens Drang an die Brust Christi zieht, zum Gesetz zu machen weiß. Solch ein Wort ließe dann ins Ohr der Menschheit wieder alle Osterglocken, die über den wiedererstandenen Christus jubelten, tönen und ein großes und mächtiges Gottesgefühl zöge wie ein volles Geläut über die Menschheit hin, sie hätte ihre Musik wieder, ihre Stimme aus dem Ewigen!«

»Christus konnte die Toten erwecken«, sagte Bruder Martin halblaut und, wie es schien, ergriffen, denn seine Stimme zitterte merklich. »Sollte ein Mensch den toten Christus erwecken können?«

»Ein Mensch? Ein Mensch nicht, aber ein gotterfüllter Gedanke, den ein Mensch ausspricht. Die Welt hat solche Wunder gesehen.«

Sie gingen schweigend nebeneinander her; so kamen sie bis an das Kloster der Augustiner.

»Hier trennen wir uns«, sagte Bruder Martin, »doch habe ich eine Bitte an Euch.«

»Welche ist es?«

»Für das Mädchen, die Irmgard. Sie liebt Egino und der Gram hat sie krank gemacht. Wenn Eure Gattin sich ihrer annehmen wollte.«

»Gewiß«, fiel Callisto ein. »Donna Ottavia denkt mit mütterlicher Sorge an Eure arme Landsmännin. Sie hat ihr, wie Ihr wißt, bei einer trefflichen Frau, oben auf dem Quirinal, neben den Thermen des Constantin, eine passende Wohnung empfohlen und war bereits selbst da nach ihr zu schauen. Die Frau Giulietta ist ebenso redlich als verständig und sorgt aufs beste für ihre Mietsleute, sagt mir Donna Ottavia.«

»Ich danke Euch, Signore Callisto«, versetzte Bruder Martin, »und bitte nur noch um den Trost baldigen neuen Zuspruchs Eurer Gattin bei dem jungen Mädchen. Mich hindert mein Gewand ihn ihr, so oft ich möchte, zu bringen – und sie bedarf seiner, das sahet Ihr selbst.«

»Es ist so, wie Ihr sagt, doch dürft Ihr sicher sein, daß meine Gattin sie nicht verläßt.«

Sie gaben sich die Hand und Callisto wendete sich, um durch die Porta del Popolo seinem häuslichen Herde zuzuschreiten. Bruder Martin zog an der Klosterpforte die Klingel und verschwand gleich darauf im Innern des Gebäudes. Er suchte seine Zelle auf und setzte sich in einen alten schweren Holzstuhl, außer ein paar Schemeln, dem einzigen, den die dürftige kleine Kammer enthielt und der vor dem Fenster stand. Durch dies Fenster, das weit offen war, blickte er die Höhe hinan, die dicht vor demselben emporstieg, abschüssig und kahl, nur hie und da mit einigem dürftigen Gesträuch bestanden, zwischen dem eine Schar Ziegen ein kärgliches Futter suchte. Die Stirn der Höhe war von einem kunstreich aufgeführten Stück Mauerwerk gekrönt, dem letzten Überrest irgend eines Prachtbaues, der sich einst hier in den üppigen Gärten des Sallust, welche diese Hohe bedeckten, erhob.

Auf halber Höhe stand ein Madonnenbild über zerbröckelnden Steinstufen; auf der untersten lag schlafend ein zerlumpter Junge, der Hirt der Ziegen.

Martin heftete sein Auge auf das Bild der Madonna.

»Arme Frau«, dachte er, »weshalb hast Du die Duldermiene? Weil Welt und Zeit Dir Deinen Sohn getötet, weil sie seinem Geiste und seiner Seele Gewalt antaten, daß beide erstickten und starben? Ist es denn wahr, was dieser Römer sagt, daß die Welt all dem abenteuerlichen Wunderwerk, womit sie den toten Helden als seiner Rüstung umkleidet haben, den Rücken wenden wird? Wird die Welt Deine und seine Bilder zertrümmern? Der Junge da zu Deinen Füßen schläft. Wird er, wenn er ein Mann geworden, einen Stein aufheben und ihn Dir an den Kopf schleudern zum Dank für den Schatten, den Du ihm heute gespendet? Ist die Menschheit im Begriff wie aus einem Schlafe zu erwachen und der Träume, die sie hatte, zu spotten und die Bilder zu zertrümmern? Wird man einst durch unsere Wälder schreiten und nicht mehr den frommen Heiligenschrein am Kreuzwege finden, um den heute noch eine arme Maid mit einem kummerschweren Herzen einen Eichenkranz legt oder den gelben Ginster windet?

Wird kein Kreuz mehr die stillen, kühlen Gräber unserer Toten bezeichnen? Wenn man durch ein friedlich Dorf im grünen Wiesental schreitet, wird man da fragen: welch ein häßlicher dunkler Trümmerhaufen ist das da inmitten Eurer Hütten? Und wird man die Antwort erhalten: das sind die Trümmer einer Kirche, wie unsere Väter es nannten; die versammelten sich dort, um ihren Gott zu ehren, aber sie hatten einen Priester als Diener des Altars in diesem Gotteshause, der ihnen so viel Vernunftwidriges von seinem Gott redete, der sie mit seinem Zorn so lange bedräute, mit seinen Gnaden so lange Handel trieb, daß sie begannen ihn zu verlachen und beschlossen sich um den Gott nicht mehr zu kümmern, sondern nur noch um ihre Tagesarbeit? Wird es dahin kommen? Werden so die mageren Kühe die fetten verzehren, den Priester der Pfaffe erschlagen und den Pfaffen die Gemeinde? Wird der letzte Papst mit seinen Kardinälen, einem Häuflein altersschwacher Männlein, auf einem dieser sieben Hügel sitzen wie Papst Benedikt auf Peniscola, auf die Welt, die ihn vergessen hat, den Bann schleudernd, der nicht mehr zündet? Grauenhafter Gedanke! Die Welt ohne Christus!«

Bruder Martin hatte den Kopf auf den auf der Fensterbank vor ihm ruhenden Arm gestützt. Er ließ jetzt sein Auge den Berghang emporschweifen, der plötzlich einen wunderbaren rosigen Schein angenommen und er sah zum Himmel auf, der vom Reflex des Abendlichtes im prächtigsten Purpur aufleuchtete.

»Ecce Signum omnipotentis Dei!« fuhr er in seinem stillen Monolog fort. »Kommst Du mir zu sagen, daß ich ein Tor sei? Daß Du dies unermeßliche ungeheure Sonnenlicht nicht entzündet haben kannst, um die Kinderei eines zwecklosen Perpetuum mobile zu beleuchten? Und daß Dein Wort, Dein Geist weiterflammen wird durch die Aeonen wie dieser schöne und unvergängliche Sonnenball? Daß ich ein Tor sei mit meinem gepreßten kleinmütigen Herzen, wenn ich wähne, die schwarze Totengräberzunft, die den Herrn begräbt, könne der Menschheit ihr ewiges Bedürfnis, den Glauben, nehmen? Wenn ich die Kreuze zerstört, die Kirchen unserer deutschen Dörfer in Trümmern liegend, die ehernen Stimmen in den Türmen unserer Dome verstummt, den letzten Mönch flüchtig in irgend einer Felsöde verschmachten sehe? Ist es ein Frevel an Dir, ein sündhaftes Verzweifeln? Herr, vergib mir, ich sehe ja Tausende, Hunderttausende von redlichen Menschen, in deren Innern schon die Kreuze zerbrochen sind, die Kirche in Trümmern liegt, kein Glockenton der gläubigen Andacht mehr klingt ...

Und doch, es kann, es kann nicht sein! Dieser Römer hat recht. – Nur das Wort muß gefunden werden, ein Wort des neuen Lebens! Woher es nehmen, wo es finden? Was sagte jener wunderbare Meister Rafael Santi ... er habe sich freigemacht und so die Schönheit gefunden – ich solle durch die Freiheit die Wahrheit finden. Freiheit? Soll das lebengebende Wort die Freiheit predigen, die Freiheit von jener Totengräberzunft? Soll es heißen: wir wollen jeglicher auf seinem Wege zu Christo und ohne Euch zu Gott wandeln?

Ist das genug? Nein. Die schwarze Zunft hat den Verstand und die Vernunft empört und so die Menschen aufgewiegelt wider ihren Gott. Was die Empörung beschwichtigt, muß aus dem Gemüte kommen. Aus dem Gemüte das Wort, das uns rettet! Aus dem Gemüt ...

Armer Bruder Martin, wenn Du mit Deinem deutschen Gemüt zu diesen Römern kämst, würden sie Dich verstehen?«

Er sann eine Weile, dann sich erhebend, sagte er:

»Und wenn nicht, was schadet es? Der Deutsche versteht das Wort des Gemüts, und wenn der Römer nicht, so mag jedes Volk auf seine Weise selig werden. Es ist besser, daß sie verschiedene Wege gehen, jedes von seiner ihm innewohnenden Natur geleitet, als daß eines das andere verführt und in den Abgrund zieht!«

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