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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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23. Der Inquisitor ketzerischer Verdorbenheit.

Der Orden der Dominikaner hatte zwei Klöster in Rom, das von Santa Sabina und das untere in der Stadt, in der Nähe des Pantheons liegende Sopra Minerva.

In dem letzteren wohnte der General des Ordens, der ehrwürdige Fra Thomas de Vio, jener in Deutschland berühmt gewordene Mann, dem Papst Leo X. den Kardinalspurpur und das Bistum Gaeta verlieh, der als Kardinallegat Cajetanus auf dem Reichstage zu Augsburg sich so starr und unversöhnlich zeigte und der doch von der Berührung mit dem großen deutschen Reformator mit Gedanken heimkehrte, welche ihm selber später die Verurteilung seiner Schriften durch die Sorbonne zuzogen.

In dem Kloster von Santa Sabina war der höchste Würdenträger der Inquisitor Padre Geronimo.

Padre Geronimo war ein vollständiger Gegensatz zu dem schmächtigen, in jedem Zuge den Typus des Südländers tragenden Padre Eustachio. Er überragte diesen um einen halben Kopf; er war starkknochig gebaut, hatte ein volles rotbraunes Gesicht und hängende Wangen.

Padre Geronimo war ein Schweizer seiner Abstammung nach, aus dem rhätischen Teile Helvetiens.

Er stand am folgenden Morgen in dem Klostergange, der in die Kirche Santa Sabina führte, im Begriffe sich, vom Padre Eustachio begleitet, zum ersten Frühgottesdienst auf das Chor der Mönche zu begeben.

Auf diesem Wege war er aufgehalten, eingeholt worden von dem Herzog von Ariccia und seinem ältesten Sohne Livio.

Sie hatten sehr heftig auf ihn eingeredet, der Inquisitor hatte dann Padre Eustachio ausführlich berichten lassen und darauf gesagt:

»Ihr hört es. Padre Eustachio sagt es Euch, wie er schon gestern mir angezeigt hat, daß dieser Deutsche ein verkleidetes Mädchen mit sich über die Schwelle dieses Konvents, in die heilige Klausur gebracht hat. Seine ketzerischen Reden, seiner Absicht uns wie ein Wolf im Schafskleide zu täuschen, seiner Lüge nicht zu gedenken, macht jenes Sakrileg allein schon ihn unserem Inquisitions-Gerichte verantwortlich. Es ist keine andere Jurisdiktion, welche mit der unseren konkurriert; auch die Eure nicht; und hätte er auch zehnfach schlimmer Euer Hausrecht verletzt, Exzellenza, so würde ich nicht einwilligen können ihn Euch ausliefern zu lassen.«

»Wir müssen uns darein fügen«, sagte Livio darauf mit verdrossenem Gesicht, »wenn Ihr uns versprecht, daß die Art, wie Ihr mit Ihm verfahrt, uns eine volle Genugtuung gewährt.«

»Wir werden nach der Gerechtigkeit und nach dem Gesetze mit ihm verfahren; das Gesetz hat strenge Maßregeln wider die Hartherzigen und Unbußfertigen, milde wider die Bereuenden«, versetzte würdevoll und kühl der Groß-Inquisitor.

»Und die, welche in bloßer jugendlicher Leichtfertigkeit und Unbesonnenheit handelten«, setzte zu Boden blickend Padre Eustachio hinzu.

»Richtig – wider die Narren«, sagte Padre Geronimo.

Der Herzog von Ariccia sah mit seinem bewegten Gesichte, dessen Muskeln vor innerer Aufregung zuckten, mit den funkelnden, stechenden Augen das Ordenshaupt an. Er verstand diesen Mann nicht und die Kaltblütigkeit desselben stachelte in ihm die empörte Wut, den eifersüchtigen Haß, womit er augenblicklich Egino tausend Tode angetan sehen wollte. Er begriff nicht, wie diese Heiligen so kühl bleiben konnten, wo er, der Ritter, so sehr in Flammen stand.

Der Herzog von Ariccia dachte nicht daran, daß er, wenn auch ein Herzog, doch nur ein Laie war und daß die Kirche ihre Angelegenheiten ohne der Laien Einspruch und Rat zu ordnen liebt. Auch sagte er sich nicht, daß Egino einen natürlichen Schützer in Padre Eustachio besitzen müsse, dessen demütige und halblaut hingeworfene Äußerungen dem Padre Geronimo sehr viel mehr galten, als alle erhitzten Reden der beiden Savelli. Padre Eustachio hatte schon am gestrigen Abend dem Prior und dem Inquisitor gegenüber sein bisheriges Schweigen über Egino gebrochen; er hatte einen Verweis erhalten, daß er diese Mitteilungen nicht früher gemacht; er hatte durch seine Nachsicht mit dem jungen Manne eine Sünde auf sich geladen, aber diese Sünde menschlicher Teilnahme mit Egino, diese Schonung und Milde wurde um so geringer und verzeihlicher, je geringer Eginos Verschulden war, und es war also nur natürlich, daß Padre Eustachio das letztere in mildem Lichte darstellte. Er hatte alles gesagt, was Egino anschuldigen konnte, aber er hatte auch nicht verschwiegen, daß er es als die Folge der sinnbetörenden Leidenschaft des jungen Mannes zu Corradina betrachte, und deshalb war der Groß-Inquisitor der ketzerischen Verderbtheit, der Heilige so kühl gegen das stürmische Andringen des Ritters.

»Haltet Ihr ihn für einen Narren«, rief dieser nach den letzten Worten des Mönchs aus, »ihn, der zu Euch in der Absicht kam, zum Dank für die Gastfreundschaft, die Ihr ihm gewährtet, einen der Eurigen anzuschuldigen und so Schmach und Schande über den ganzen Orden zu bringen?«

»So ist es«, sagte der Inquisitor, »das ist leider des jungen Mannes Verbrechen; aber da es nicht der verderbte Geist scheint, was ihn dazu getrieben, sondern die hinfällige Schwäche des Fleisches, die verstandberaubende Leidenschaft zu einem Weibe, auf deren Gewalt ja mehr als die Hälfte aller Sündhaftigkeit der Welt beruht, so müssen wir die Vergehen dieses Deutschen mit Milde richten.«

»Ich bin erstaunt über diese Eure Milde, Padre Geronimo«, fiel hier Livio ein; »mag seine Sündhaftigkeit beruhen auf welchem Grunde sie will, vergeßt nicht, daß die Frechheit des Übeltäters so weit ging sich einen deutschen Mönch zu bestellen, den er in unser Haus einführen wollte, heimlich, ohne unser Wissen ... was sollte dieser Mönch ... wozu war er bestimmt? Sollte er etwa diesen kecken Menschen mit der Corradina trauen? Wollte er sie alsdann entführen, wollte er fliehen mit ihr über die Alpen? Wider die Entführung ist Corradina in dieser Stunde gesichert, Eure Milde aber bei solchen Plänen und frechen Anschlägen scheint mir nicht am Orte!«

»Was am Orte, Graf Livio«, entgegnete Padre Geronimo, »müssen wir erwägen und danach beschließen, die wir des Mannes gesetzliche Richter sind.«

»Und wir, die wir so gut wie Ihr die durch ihn Verletzten und Beleidigten sind, haben dabei, sollt ich meinen, eine Stimme!« rief der Herzog aus.

»Gewiß«, entgegnete mit einem bejahenden Kopfnicken und väterlichem Tone der Inquisitor. »Ihr habt eine Stimme dabei, und wie Ihr seht, hören wir sie eben. Wann hätte unser Orden nicht auf die Stimme des Hauptes des Hauses Savelli gehört? Euch wurde, denk ich, noch unlängst ein Beweis, als wir Euch nach schweren Bedenken in jener Sache nachgaben und zu Willen waren, worin Ihr von uns so stürmisch einen Dienst verlangtet; Ihr wißt, in jener, durch einen unserer Brüder vollzogenen Trauung, die jetzt uns selbst Gefahren aussetzt, wie dieser Fall mit dem jungen Deutschen beweist.«

»Ihr müßt auch bedenken, Exzellenza«, bemerkte Padre Eustachio halblaut, »daß der junge Mann, um den es sich handelt, einem fürstlichen Hause in Deutschland anzugehören scheint und daß unser Orden jenseits der Alpen Häuser und zahlreiche Brüder hat, für die es nicht wohlgetan wäre sie der Rache mächtiger Herren auszusetzen.«

»Ah, bläst daher der Wind!« murmelte Livio verdrossen für sich.

Der Herzog sagte:

»Ich hoffe darüber Euch beruhigen zu können. Der junge Mensch ist nicht ohne Bekannte hier, und was seine transalpinische Fürstlichkeit und ihre Bedeutung, die Ihr fürchtet, angeht, so will ich Erkundigungen über sie einziehen.«

Damit wurde die Unterredung der Männer abgebrochen; die Savelli begaben sich in ihre Burg zurück und auf dem Heimwege sagte der Herzog:

»Diese Pfaffen! Sie haben kein höheres Interesse als ihre Herrschsucht! Darum entziehen sie uns den Menschen, der doch nach allem Recht unserer Jurisdiktion verfallen sein sollte; und wollen nicht handeln wider ihn, weil es aussehen könnte, als gehorchten sie uns dabei.«

»So ist es«, versetzte Livio. »Das Beste wäre, wir nähmen ihnen durch List oder Gewalt den Deutschen und machten ihn auf unsere Art unschädlich.«

»Am besten – aber es würde schwer sein!« entgegnete der Herzog. »Durch Gewalt? Ihre Gewölbe sind fest und offen einbrechen dürfen wir nicht. Und durch List? Ring Du an List mit solch einer Bande Pfaffen!«

»Der Pfaffenlist ist Weiberlist gewachsen.«

»Das heißt?«

»Ich denke mir, daß Corradina uns nicht abschlüge den Mann zu befreien, der ihretwegen in seine Lage geriet.«

»Welcher Gedanke!« rief der Herzog aus. »Ich will nicht, daß sie je wieder eine Silbe von diesem Menschen vernimmt.«

»Es will überlegt sein«, versetzte Livio sinnend und wie die Worte seines Vaters überhörend.

»Hörst Du, ich will es nicht!« wiederholte dieser laut.

»Was kann es helfen, daß sie nie mehr von ihm vernimmt, da sie doch genug an ihn denken wird? Überlaßt die Sache mir, Vater. Es ist am besten, dieser Mensch wird rasch beiseite geschafft, und da wir uns seiner nicht mit Gewalt bemächtigen können, müssen wir sehen ihn auf irgend einem Wege durch eine List aus der Mönche Hände in die unseren zu führen. Gewiß ist aber, daß er sich auf einem solchen Wege am liebsten und am meisten ohne Argwohn der Führung Corradina's überlassen würde.«

»Und kannst Du sie in seinen Kerker senden, daß sie ihn hinausführe und in unsere Hände liefere?«

»Darüber laßt mich nachsinnen!«

Vater und Sohn trennten sich.

Jener schritt durch die Burg, und im Hofe derselben angekommen, ließ er sich ein gesatteltes Pferd vorführen, um zu Callisto Minucci hinaus zu reiten und mit ihm jenes kurze Gespräch zu führen, dessen Inhalt wir kennen und das Callisto angetrieben hatte sich, wie wir sahen, an demselben Morgen noch besorgt in Egino's Wohnung zu begeben.

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