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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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22. Familienleben im Hause Savelli.

Am Abend des Tages, an welchem Egino mit Corradina gesprochen und jenen Brief geschrieben, der, wie wir sahen, erst am anderen Tage in die Hände Bruder Martins gekommen, am Abend dieses Tages befand sich Egino im Garten seines Klosters.

Es war nach der Abendmahlzeit der Mönche, die sich bereits zur Ruhe begeben hatten; nur aus wenigen der Zellen schimmerte noch ein mattes, rötliches Licht; vielleicht waren es die »Gelehrten« des Ordens, die da bei ihren Büchern wachblieben und der frühzeitigen Ruhe das wache Gedankenleben vorzogen, in welches ihre theologischen Untersuchungen sie führten.

Die größte Stille herrschte in dem Garten. Aus der weiten Ebene her, in welche sich, nachdem er die Felsenwand des Aventin gespiegelt hat, südwestwärts der Tiber wirft, um dem Meere zuzuziehen, kam der Abendwind und säuselte in den Lorbeerwipfeln des Klostergartens und pfiff leise gedehnte Klagetöne durch die alten Zypressen, die an der Mauer entlang standen. Heimchen zirpten, zuweilen läutete eine Glocke oder schlug eine Uhr in einem der vielen Hunderte von Türmen der schlummernden ewigen Stadt; sonst aber war alles lautlos und die Luft so klar und still, daß man das Plätschern des Springbrunnens vernehmen konnte, der drüben im Quaderraum des Kreuzganges rauschte.

Wie am gestrigen Abend war auf dem Balkon an der Savellerburg die Fenstertür geöffnet, drang Licht aus dem Innern.

Aber Corradina erschien nicht wie am gestrigen Abend auf dem Balkon. Egino starrte von seinem früheren Platz auf der Brunnenschale aus hinüber und wurde nicht müde hinüberzustarren; die Zeit verging; Corradina erschien nicht. Statt dessen bemerkte er ein paarmal einen Schatten an der Tür vorübergleiten, der auf einen Augenblick das Licht verdunkelte, welches auf einen Teil des Balkons hinausfiel; nur einen raschen Augenblick; jedoch es mußte jemand sehr schnell durch das Gemach schreiten.

Einmal glaubte er Stimmen von daher durch die Nacht schwirren zu hören. Gewiß, er hatte sich getäuscht. Alles versank wieder in die frühere Stille. Da vernahm er sie noch einmal, deutlicher ... und dann – war das nicht etwas wie ein zorniges Aufschreien oder gar wie ein Hilferuf?

Nein, es erstarb alles wieder. Es war sehr töricht sich darum zu beunruhigen. Der Schatten glitt auch nicht mehr wie vorher an der offenen Tür vorüber. Doch zog es Egino näher hin. Er schritt am Kloster entlang und kam bis zu der Mauertür, welche in den jenseits liegenden Garten führte. Sie war wieder verschlossen wie gestern. Noch einmal blickte er prüfend zu der Mauer auf, zu den Zypressen, welche an ihr entlang standen.

Daß diese Zypressen auch so eigensinnig ihre Äste an sich legen mußten! Hätten sie sich ausgestreckt, wie andere Bäume ihre Äste von sich strecken, so wäre es leicht möglich gewesen an einem starken Zweig sich auf den Rücken der Mauer zu helfen. Egino grübelte über die Möglichkeit dazu nach, denn trotz aller drüben in der Burg eingetretenen Stille hatte seine Unruhe nicht aufgehört.

Plötzlich schlug er sich vor die Stirne, indem er murmelte:

»Wie dumm bin ich! Wenn kein Ast sich freiwillig über die Mauer erstreckt, so muß man einen derselben zwingen sich dahin zu biegen.«

Er schwang sich gewandt an dem Stamm, der ihm am geeignetsten schien, hinauf und kletterte, was wegen der zahlreichen, an dem Stamm aufsteigenden Äste sehr leicht wurde, höher empor, als die trennende Mauer war. Dann kletterte er an einem jener Äste hinauf, bis dieser unter der Last sich bog; nun ließ er sich mit ihm niedersinken. So gelang es Egino ein Bein über den Mauerrand zu strecken, und ein leichter Schwung reichte nun hin, um rittlings auf der Mauer zu sitzen.

Egino sah in den Garten der Burg hinab, der verlassen da lag wie der des Klosters. Wenn er, die Hände an den Mauerrand klammernd, sich hinabließ, so war die Höhe nicht mehr so bedeutend, um nicht ganz ohne Gefahr auf den Boden springen zu können. Dann aber zur Rückkehr wieder über die Mauer zu gelangen, war freilich schwerer; es standen keine hilfreichen Zypressen an der Seite des Burggartens.

Obwohl sein Standpunkt jetzt dem Balkon und dem erleuchteten Gemache mit der offenen Fenstertür um vieles näher war, so entging ihm doch jeder Ton von gewechselten Stimmen; nur sah er auf's neue von Zeit zu Zeit den rasch bewegten Schatten vor dem Lichte im Innern des Gemachs vorübergleiten.

Er hatte eine Weile so gesessen, als dieser Schatten, wieder auftauchend, das auf den Balkon fallende Licht wieder verdunkelnd, sich plötzlich zu einer Gestalt verdichtete und in den Rahmen der Fenstertür trat.

Es war eine männliche Gestalt, ob jung oder alt, Egino konnte es wegen der Entfernung und Dunkelheit nicht unterscheiden, auch bewegte sie sich zu rasch; sie trat, offenbar erregt, bis an die Brüstung des Balkons vor und rief, das Haupt zurückwendend, in die offene Tür hinein:

»Dein Wille! Weiberwille! Du wirst die folgende Nacht im Castell Savello zubringen!«

Ein in die Nacht hineingeworfener Fluch folgte diesen Worten, während deren der Mann sich mit den Armen auf die Brüstung des Balkons legte.

Egino zitterten diese Worte durch die Seele, sie gingen wie ein Schwert durch ihn. Die Stimme kannte er. Er hatte sie bereits einmal vernommen. Aber nachzusinnen, wem sie gehöre, hatte er die Muße dazu? Genug, die Stimme war zornig drohend, gewaltdrohend – es war genug; es riß ihn fort da oben hinauf an die Seite des Weibes, das der Gewalt ausgesetzt war. Im nächsten Augenblick hatte er sich so lautlos wie möglich hinabgelassen von seinem Mauerkamm und flog unten an der Mauer entlang und in ihrem Schatten der Terrasse, dem offenen Eingang in den Stiegenturm, zu; dann erklomm er sachte die Stufen, ihrer zwei zumal überschreitend, und stand oben auf dem Balkon.

Die Gestalt, die sich noch eben auf die Brüstung desselben gelegt, war bereits verschwunden. Sie war wieder ins Innere getreten. Zu Eginos Glück, da sie sonst seine Bewegungen im Garten unten wahrgenommen haben müßte.

Und zu seinem Glück auch war der Stimmenwechsel drinnen jetzt so laut, daß er ohne alle Sorge gehört zu werden, bis dicht an die offene Tür treten konnte.

Hier mußte er innehalten. Sein Herzschlag drohte ihn zu ersticken. Er mußte Atem schöpfen. So hörte er die folgenden Worte, die die Stimme Corradinas sprach:

»Tor, der Du bist! Höhn' immerhin meinen Willen. Du hast, denk ich, genug von ihm gesehen, um ihn zu fürchten.«

»Was hab' ich von ihm gesehen?« rief spottend die Stimme des Mannes.

Es war die Livio Savellis.

»Was Du von ihm gesehen? Habt Ihr, Ihr alle, nicht jahrelang mit mir gerungen, mich zu knechten gesucht, mich mißhandelt wie eine Leibeigene, auf daß ich Deines Bruders Luca, dieses Elenden Weib werde? Hat mein Wille triumphiert oder der Eure?«

»Rühm dich dessen! Wäre nicht mein Vater mit seiner blödsinnigen Leidenschaft für Dich gewesen ...«

»Wohl denn, hat die blödsinnige Leidenschaft Deines Vaters über mich triumphiert, trotz allem, was sie aufgeboten mich zu brechen, oder hat es mein Widerstand, mein Wille?«

»Nicht Dein Wille hat es, sondern der meine, der Dir beistand.«

»Dein Beistand! Hätte ich alsdann den Entschluß zu fassen brauchen mich dem toten Luca antrauen zu lassen, um dadurch ein- für allemal den Werbungen Deines Vaters zu entgehen?«

»Mein Vater würde Dich den toten Luca nicht haben heiraten lassen, dessen sei sicher, wenn ich nicht gewollt, wenn Du bei diesem Entschluß nicht meine entschiedene Hilfe gehabt hättest.«

»Mag sein; es war töricht von mir diesen Beistand anzunehmen und dabei vorauszusetzen, Du handelst blos aus einem einfachen Egoismus, blos mit der Berechnung, daß Dein Vater gehindert werden müsse noch einmal ein Weib zu nehmen und vielleicht Dir Brüder zu geben, mit denen Du einst zu teilen haben würdest. Ich sehe jetzt, Du handeltest heimtückisch mit einem doppelten Egoismus ...«

»Allerdings«, lachte Livio ein wenig gezwungen auf, »ich handelte auch in der Hoffnung, daß eine Stunde kommen werde, wo ich mein Verdienst um Dich geltend machen könne. Madonna Corradina, was willst Du! Wir Menschen sind alle Egoisten, einfache, doppelte, hundertfache. Aber niemals, denke ich, hat ein Weib es einem Manne vorgeworfen, daß er, in Liebe für sie entbrannt, um sie wirbt und daß er sie besitzen will. Ich will Dich retten.«

»Retten und vor wem?«

»Kannst Du Dir nicht das selbst sagen?«

»Ich wüßte nicht, was mich bedrohte, was mich zwänge mich zu Deinem Beistande zu flüchten.«

»Du magst das so hochmütig aussprechen wie Du willst, es kann Dir dabei nicht wohl und ruhig ums Herz sein.«

»Ich versichere Dich, daß mein Herz sehr ruhig schlagen wird, sobald ich Dich gehen gesehen«, erwiderte Corradina.

»Ich nehme das Geständnis, daß meine Anwesenheit es unruhig schlagen macht, gern an«, antwortete Livio lächelnd. »Es wäre auch seltsam, wenn der Schlag des meinen es nicht ansteckte. Aber kannst Du aufrichtig sein, wenn Du sagst, Du fürchtest nichts, wenn Du allein in diesen weiten, öden, wie ausgestorbenen Gemächern der alten Burg bist, wo niemand zu Deiner Gesellschaft, zu Deiner Hilfe, zu Deiner Verteidigung Dir nahe ist?«

»Ich bin nicht allein; ich habe meine Dienstleute.«

»Welche mein Vater, der ja auch wollte, daß Du Dein Witwenjahr in diesem alten ausgestorbenen Hause zubringen solltest, Dir aussuchte! Sie werden Dir ein großer Beistand sein!«

»Weil Dein Vater sie mir aussuchte?«

»Corradina«, rief Livio jetzt mit erhobener Stimme, »Du kannst nicht von so törichter Einfalt sein, wie Du Dich stellst. Du kennst meinen Vater genug, um zu wissen, was Du von seiner Leidenschaft für Dich zu befürchten hast.«

»Und was hätte ich von ihm zu befürchten?« sagte Corradina mit einer Stimme, worin sich Spott und Verachtung mischten.

»Alles, Törin, geradezu alles! Und seltsam, daß Du den Schein annimmst, als fürchtetest Du ihn nicht! Wenn Du ihn fürchtetest, weshalb griffest Du zu dem Auskunftsmittel, dem grauenhaften Auskunftsmittel, das eine unübersteigliche Schranke zwischen Dir und seinem Verlangen Dich zu seinem Weibe zu machen, aufrichten sollte? Sprich. Weshalb erklärtest Du, als Luca im Sterben lag: Ihr habt mich um meines Erbes willen mit ihm verkuppeln wollen. Ich habe mich widersetzt, weil ich ihn verabscheute. Jetzt, wo er sterben wird, laßt mich mit ihm trauen – ich bin dann Euer und mein Erbe ist es! Ja, weshalb bliebst Du bei diesem Entschluß, als während der Zurüstung zu dieser Trauung, der sich mein Vater gern widersetzt hätte und es doch aus Furcht vor mir nicht wagte, Luca uns unter den Händen starb?«

»Du weißt, Du hast es gesagt, weshalb ich es tat. Weil ich Deines Vaters Zudringlichkeiten ein Ende machen wollte. Und auch, weil ich überhaupt keines Mannes Weib werden wollte – keines auf Erden. Ich weiß, daß jetzt, wo ich Lucas Witwe bin, Ihr dafür sorgen werdet, daß kein anderer, kein Fremder sich mir mit Anträgen und Bewerbungen naht und Euch entzieht, was Ihr einmal zu dem Eurigen gefügt habt.«

»Mag sein, mag sein, in Einem aber hast Du Dich verrechnet.«

»Und worin?«

»Wenn Du glaubtest, ein Schritt, der meinem Vater die Möglichkeit abschnitt Dich zu seinem Weibe zu machen, würde seiner Leidenschaft ein Ende machen. Hegtest Du wirklich diesen Wahn? Die Liebe eines jungen Mannes ist eine Glut, die erlischt, wenn sie keine Nahrung findet, die Liebe eines alten Mannes ist ein Stück Höllenflamme, die verzehrt und doch nicht tötet, die nie erlischt, die kein Gewaltmittel ausrottet, die vor keinem Gewaltmittel scheut, die zu Handlungen des Wahnsinns treibt. Glaub' mir, Corradina, hast Du früher meinen Vater zu fürchten gehabt – jetzt fürchte ihn mehr!«

Corradina schwieg.

Das stumme Achselzucken, das stolze Zurückwerfen des Hauptes, womit sie auf Livios Rede antwortete, konnte Egino nicht wahrnehmen.

»Du bist allein«, fuhr er fort, »hier in den öden Gemächern, in denen man Dich töten könnte, ohne daß Dein Hilferuf ein menschliches Ohr erreichte, als höchstens das Deiner alten Zofe, die bei der ersten Gefahr davonlaufen würde. Kann es Dein Verlangen sein an diesem Orte zu bleiben?«

»Es ist es!« antwortete sie ruhig.

»Dein Verlangen«, sprach er heftig weiter, »hier Deine Tage in grauenhafter Einsamkeit zu verträumen? Du wirst auf Castell Savello alles finden, was Dir angenehm die Zeit verkürzen kann; ich werde mein ganzes Leben Dir opfern, alle meine Stunden werden Dir geweiht sein. Wir werden unsere Freunde dahin laden, wir werden Feste geben, wir werden im Albanergebirge den Hirsch jagen, auf dem See von Nemi Regatten halten ...«

»Gute Nachbarschaft mit den Colonna zu Palliano pflegen«, warf Corradina spöttisch ein.

»Auch das, wenn Du es willst«, versetzte Livio kühl. »Mein Weib weiß, daß sie das Anrecht verloren hat wider meine Neigungen Einspruch zu erheben. Mein Weib!« setzte er mit einem eigentümlichen Ton der bittersten Verachtung hinzu.

»Dein Weib, Livio, war einst gut und edel! Sie war eine stolze Natur, zu stolz für das Unreine. Du hast ihr den Stolz gebrochen, und was sie nun ist, das ist zunächst Dein Werk – dann freilich auch das Eurer Sitten, des Tuns und Treibens von Euch Allen. Und weißt Du, daß ich mir ein Beispiel an ihr genommen?«

»Du? Ein Beispiel an ihr?«

»Ja, an ihr, an ihrem Schicksal. Ich habe mir gesagt: ich will nicht über mich ergehen lassen, was über sie ergangen ist. Ich will nicht. Ich will nicht das Weib eines dieser Männer werden, von denen keiner besser ist wie Livio, wie sie alle. Ich will mich nicht von einem von ihnen beherrschen, zerbrechen, in den Schlamm ihrer Sünden treten lassen; ich kann nicht leben mit ihnen, ich will mir nicht das weiße Gewand meiner Seele abziehen lassen, um in die nackten Orgien ihrer sittenlosen Gedanken, den Schmutz ihrer Schwelgereien gezerrt zu werden. Ich habe Euren Glauben nicht, daß ich, wenn ich mir die Seele befleckte durch eine Sünde, nur einen Prete de Piazza zu rufen habe, damit er mir eine Messe liest oder irgend ein Kleinod vor der Madonna in Sant Agostino aufhänge oder mir einen Ablaß kaufe, und alles sei gut! Euer Gott mag dadurch mit mir versöhnt werden, aber ich selber werde dadurch nicht versöhnt mit mir. Und wie ich Euren Glauben nicht habe, kann ich nicht Liebe haben zu Euch. So wurde mein Handeln bestimmt. Es war nicht bloß die Hilflosigkeit des Augenblicks, was mich trieb, nicht blos, um Deinem Vater unmöglich zu machen mich zu seinem Willen zu zwingen. War ich einmal des toten Luca Weib und seine Witwe, dann war ich frei von jeder Bewerbung für alle Zeit. Ihr werdet von nun an schon Mittel finden jedes anderen Mannes Werben um mich ferne zu halten ...«

»Du wirfst mir das Letztere jetzt schon zum zweiten Male so bitter vor, daß es lautet, als ob es doch nicht sehr nach Deinem Sinne wäre«, entgegnete Livio spöttisch.

»Ich werfe Euch nichts vor als Eure Habsucht, die Habsucht, womit Dein Vater sich meines Erbes bemächtigt hat, womit Du mein Verbündeter wider Deinen Vater wurdest, damit ihm etwas unmöglich gemacht werde, was einst Dein Erbe schmälern könnte ...«

»Ich wurde Dein Verbündeter, Corradina, weil ich sah, daß es Dein Wunsch war, und Dein Wunsch mir über alles ging.«

»Mein Wunsch ist, daß Du mich verläßt, daß Du nie wieder zu mir sprichst wie heute, daß Du mich hier still und friedlich die Tage meines Witwenjahres abspinnen läßt; hörst Du, Livio, das ist mein Wunsch, laß Dir's gesagt sein, zwinge mich nicht mich in irgend ein Kloster zurückzuziehen, die Klöster sind mir verhaßt, und jetzt geh!«

»Noch nicht. Ein Friede wird nur geschlossen, wenn jeder etwas von seinem Willen nachläßt. Beuge Du Deinen Willen dem meinen darin, daß Du mir nach Castell Savello folgst, dann will ich dort den meinen dem Deinen beugen und Dich nicht mit meinem Werben bestürmen.«

»Ich wäre sehr töricht, wenn ich Dir glaubte.«

»Ich will Dir's schwören.«

»Ich glaube nicht an Deine Schwüre.«

»Auch nicht an die Gefahr, die Dir hier droht?«

»Ich glaube an die Gefahr, aber auch an meine Kraft ihr zu trotzen.«

»Wille, Kraft, Trotzen – fürwahr, Du zeigst am besten, daß Du nichts wie ein schwaches Weib, just durch den Übermut, womit Du mit diesen Worten um Dich wirfst! Wenn ich Deinen Trotz nun verlachte und Deinen Willen mit Gewalt bräche? Laß sehen Deine Kraft!«

Er trat dicht an sie heran und streckte den Arm nach ihr aus.

»Rühr mich nicht an oder ich rufe um Hilfe!«

»Ruf, Du wirst sehen, ob man Dich hört!«

Er ergriff sie am Oberarm, aber blitzschnell hatte sie sich ihm entwunden und floh auf den Balkon hinaus.

»Du kannst hinunter eilen«, rief Livio, ihr hastig nachschreitend, »aber der Garten ist abgeschlossen.«

»Ich kann mich über die Brüstung stürzen und mich töten«, versetzte Corradina, an diese tretend, »vielleicht auch Dich hinunter schleudern.«

»Dazu«, rief er zornig und den Arm ausstreckend, um sie zu umschlingen und zurück zu reißen, »dazu reicht Deine Kraft nicht aus!«

»Aber die meine, denk ich!« sagte hier Egino, aus dem Schatten auftauchend und plötzlich dicht neben Livio stehend, den er ebenso plötzlich mit einem kräftigen Faustgriff am Nacken gefaßt und an sich gerissen hatte.

»Graf Ortenburg ... Ihr?« rief erschrocken, nach Atem ringend, Corradina. »Ihr seid's? O laßt, laßt!«

Sie rief dies, weil Egino jetzt auch mit seiner anderen Hand Livio in der Seite gepackt hatte und ihn wie eine leichte Last empor hob, als wolle er ihn in der Tat über die Brüstung des Balkons in die Tiefe hinunter schleudern.

»Laßt, laßt!« rief sie, mit beiden Händen den Arm Eginos erfassend, wie um diesen von seinem Opfer loszureißen. »Ich befehle es Euch!«

»Wenn Ihr bef...«

Egino vollendete nicht, er fuhr plötzlich zusammen. Livio, der die Hände frei behalten, hatte Zeit gewonnen, nach der ersten Bestürzung zu seinem Dolch zu greifen und damit einen Stoß zu führen; die Klinge wurde jetzt erst, im Lichtschein blitzend, sichtbar, als Livio sie zurückzog und wieder erhob, um Egino einen zweiten Stoß zu versetzen.

Egino wich ihm aus, zugleich mit der linken Hand, um sich zu stützen, nach der Brüstung tastend. Corradina war im selben Augenblick zwischen ihm und Livio.

»Demonio!« knirschte dieser mit den Zähnen. »Fort da oder Dich triffts mit ihm.«

Corradina hielt das Gelenk seines erhobenen Armes umspannt, sie rangen zusammen.

Das junge Weib schien in diesem Augenblick mehr Kraft zu besitzen als der Mann; dieser ließ den Dolch fallen und mit einer plötzlichen Wendung rannte er davon.

»Rettet, rettet Euch, Egino!« rief Corradina jetzt. »Er wird Leute holen und sie werden Euch töten, so gewiß, wie jene Sterne dort oben schimmern.«

»Wenn sie mich töten, so sterbe ich mit dem Gedanken, daß ich mein Leben für Euch lasse.«

»Was ist mir damit geholfen? O fort, nur fort ... flieht! ... Seid Ihr verwundet?«

»Hier in der Seite«, flüsterte Egino zurück. »Ich fühle keinen Schmerz, aber das warme Blut.«

»Und doch müßt Ihr fliehen, augenblicklich ... o mein Gott, welch Entsetzen ... wenn Ihr fliehen könntet, fliehen bis ans Ende der Welt, ich möchte mit Euch fliehen aus diesem Grauen. Doch fort, fort, hätte dieser Elende nicht selbst die Diener entfernt, sie wären schon da Euch zu morden.«

Sie erfaßte seinen Arm und zog ihn mit sich fort; er ging schwankenden Schrittes; jetzt, da er sich bewegte, fühlte er einen heftigen Schmerz in seiner Seite.

Sie hatten den Eingang des Treppenturms erreicht, als er sagte:

»Soll ich da unten die Mauer übersteigen? Ich werde nicht dazu im Stande sein.«

»Nein, nein«, stieß sie hervor. »Kamt Ihr denn über die Mauer, nicht durch das Tor?«

»Das ist verschlossen, ich kam über die Mauer.«

»O mein Gott, wie schlimm das ist! ... Steht, wartet hier!«

Er lehnte sich, um nicht zusammen zu brechen, an die Wand, neben dem Eingang zum Treppenturm; sie flog zurück. Nach wenigen Minuten war sie neben ihm.

»Ich habe den Schlüssel«, sagte sie. »Nun fort!«

Auf sie gestützt, gelangte er die Treppe hinunter, dann durch den Garten; als sie glücklich das kleine Tor erreicht hatten, erklangen schon schwer hastende Schritte oben auf den Steinplatten des Balkons; mit zitternder Hand schloß Corradina das Tor in der Mauer auf und schob Egino hindurch, drückte ihm den Schlüssel in die Hand und hastig stieß sie die Worte hervor:

»Nehmt, nehmt den Schlüssel mit, sonst entwindet man ihn mir.«

Dann schlug sie die schwere kleine Tür hinter Egino zu.

Livio und die Diener, die ihm folgten, kamen zu spät. Livio stieß Corradina von der Tür zurück.

»Den Schlüssel oder ich erdrossele Dich!« knirschte Livio in namenloser Wut zwischen den Zähnen, das Gelenk ihrer Hand wie eine Klammer zusammenpressend.

Sie riß die Hand zurück und sich zum Gehen wendend, sagte sie:

»Sucht ihn! Ich warf ihn weit von mir in den Garten hinein!«

Sie schritt davon.

Die Diener stürzten nach der Stelle im Garten, wohin sie ungefähr gedeutet. Zwei Leute mit flammenden Fackeln kamen jetzt über den Balkon geeilt. Die Diener unten riefen sie zu sich sie beim Suchen zu unterstützen. Livio stand mit zornig wogender Brust, tief aufatmend. Einen Augenblick sah er den suchenden Dienern zu, dann stieß er einen Fluch hervor.

»Dummköpfe!« sagte er. »Sie wird uns die Wahrheit gesagt haben!«

Und dann Corradina folgend, flüsterte er für sich:

»Also darum ihr Widerstand! Das war's weshalb sie so trotzig in diesem Hause bleiben wollte! Ein Mann versteckt in diesem Garten! Corpo della Madonna! Ein Mann, den sie liebt! Der Unglückliche! ... Zu den Mönchen jetzt!«

Livio rief den Fackelträgern; sie mußten vor ihm herschreiten, die Turmstiege hinauf, in die Burg zurück, durch Gemächer und Korridore, da oben endlich in den kleinen Gang, der die Burg mit dem Kloster verband. Im Kloster war alles in tiefe Ruhe begraben. Livio machte Lärm. Er weckte einige der Mönche. Verschlafen hörten sie ihn an. Laienbrüder kamen herbei. Man begann zu suchen; Eginos Zelle war leer; so eilte man in den Garten; hier fand man den Verwundeten ohnmächtig auf der Terrasse liegend, Livio verlangte, daß man ihn in seine Burg schaffe. Die Mönche nahmen ihn gegen Livio's Wut und wilde Todesdrohungen in Schutz. Während des Streites, der darüber entstand, trugen die Laienbrüder ihn in seine Zelle und holten den Padre Infirmario herbei. Livio's Befehle, Drohungen, Toben half diesen Mönchen gegenüber nichts. Er mußte wutschäumend zurückkehren. Er hatte nur durch den Lärm, den er gemacht, Egino vor dem Schicksal gerettet die Nacht über auf der Terrasse liegen zu bleiben und an seiner Wunde zu verbluten. Jetzt stand der Padre Infirmario hilfbeflissen an seinem Lager, wusch seine tiefklaffende Wunde, die in seiner linken Seite sich quer über mehrere Rippen erstreckte, und ließ sich vom Bruder Alessio Sonden und Verbandzeug zutragen.

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