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Luther in Rom

Levin Schücking: Luther in Rom - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleLuther in Rom
publisherVerlag von Paul Müller
year1928
correctorreuters@abc.de
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18. Livio Savelli.

Als Egino gegangen war, saß Corradina lange auf dem Ruhebett im Hintergrund ihres Gemaches und blickte durch die offene Fenstertüre in die weite Ferne, mit halbgeschlossenen Lidern, mit jenem Ermatten des Auges, das andeutet, wie weit die Seele eben von den Dingen, die sie umgeben, entfernt ist. So saß sie regungslos, die Hände im Schoße faltend, als sie plötzlich aufschreckte... ohne daß sie ein Anklopfen gehört, öffnete sich eine Seitentür und der Graf Livio Savelli trat auf die Schwelle.

Er trug ein Gerät in der Hand, das er vor Corradina auf den kleinen runden Tisch am Kopfende ihres Ruhebettes stellte, dann nahm er, ohne ihre Einladung abzuwarten, auf dem nahestehenden Sessel Platz, den vorhin Egino eingenommen.

»Du liebst diese alten Kunstsachen, schöne Schwägerin«, sagte er, ihr das Geräte zeigend, dabei. »Sieh, was ich Dir bringe; es ist eine alte Silberschale mit halberhobenen Gestalten darauf; besonders schön sind die zwei Delphine gearbeitet, welche als Henkel dienen.«

»In der Tat, es ist schön«, versetzte Corradina, die alte, nur wenig beschädigte Schale betrachtend; »woher hast Du sie?«

»Mein Diener Antonio hat sie von einem der lombardischen Bauern erstanden, die hierher kommen in unseren Weinbergen zu arbeiten. Du weißt, diese Menschen finden dabei im Umwühlen des Bodens die mannigfaltigsten Schätze, alte Bronzen, Münzen, Cameen, und sie geben sie her für geringes Geld. Ich dachte, die Schale werde Dir dienen, um Schmuck und Ringe hinein zu werfen.«

»Ich danke Dir, Livio, sie ist mir wert durch die feine klassische Arbeit«, versetzte Corradina – »wie gern suchte ich selbst solche Sachen! Auch denke ich mir, es müsse eine spannende Unterhaltung sein den großen Ausgrabungen zuzuschauen, welche Meister Rafael Santi in dem Boden unserer alten Stadt vornehmen läßt.«

»Wünschest Du es, Corradina? Ich bin bereit Dich hinzuführen; wie ich vernehme, wird der Meister in kurzer Frist auch in den Boden unter unseren Füßen eindringen lassen; er behauptet, aus den Substruktionen unter dem Dianentempel, der einst auf dieser Höhe den Aventin krönte, müßten Ausgänge nach dem Flusse hinab geführt haben und er gedenkt sie zu suchen und offen zu legen, um in jene Substruktionen zu dringen, die ihn, glaubt er, auch zu den Gräbern der alten Könige Aventinus und Tatius führen könnten, oder gar zu der Höhle des fabelhaften Riesen Cacus, den just hier die Sage hausen läßt.«

»Ich weiß, aber ich danke Dir für Dein Anerbieten«, fiel Corradina ein. »Es würde sich nicht ziemen für mich, bei meinem Witwenstande mich in solch eine Schar arbeitender Männer zu begeben.«

»Bei Deinem Witwenstande! Du hast Recht, cara mia!« antwortete Livio Savelli, den Arm auf die Lehne seines Sessels und das Kinn auf die Hand stützend. »Du hast Recht!« wiederholte er langsam und gedehnt, und dabei mit eigentümlichen wie lauernden Blicken unter den Brauen her Corradinas Züge beobachtend. – »Arme Schwägerin, wie lange wird es Dir möglich sein diese Rolle zu spielen?« setzte er dann, plötzlich lebhaft das Haupt aufwerfend, hinzu.

»Gewiß so lange, wie es die Sitte mir gebietet«, fiel Corradina ruhig ein.

Livio schüttelte leise den Kopf.

»Glaubst Du?« sagte er. »Glaubst Du, Du hieltest es aus, ein Jahr lang in dieser toten öden Burg, seekrank vor Langeweile, übel vor Überdruß an der Monotonie Deiner Tage, verdummend vom Durchdenken stets derselben Dinge? Man sagt, aus einem Hahnenei brüte der Teufel einen Basilisken; die schlimmsten und giftigsten Würmer brütet aus den Eiern unserer Einbildungskraft die Einsamkeit aus.« »Ich freue mich dieser Einsamkeit«, antwortete ruhig Corradina. »Ich bin glücklicher hier, als in dem Treiben leerer Geselligkeit, wo die Menschen unter den Formen der Freundschaft verbergen, wie tief sie sich innerlich abgewandt sind. Ich hasse nun einmal alles Verbergen. Ich habe die Einsamkeit immer geliebt; was Du Langeweile nennst, das habe ich nur dann gekannt, wenn die Menschen um mich her mich zwangen an Dinge zu denken, die mir nicht der Mühe wert schienen, daß man ihrer gedenke, und die Höflichkeit von mir die Heuchelei einer Teilnahme verlangte, welche ich nicht empfand. Ich weiß mir Arbeit zu machen und ich habe so viel gelernt, daß ich weiß, wie viel ich noch lernen muß, um nur den winzigsten Teil von dem zu fassen und zu begreifen, was ich begreifen möchte. Und so segne ich denn diesen meinen einsamen Witwenstand, der so ähnlich meinen Mädchenjahren auf der stillen Burg zu Anticoli, der glücklichsten Zeit meines Lebens, ist.«

»Du nennst sie die glücklichste Zeit, denn Du warst viel umworben – und so mochte sie Dir gefallen! Euch Frauen gefällt auf die Dauer nur, was Euch hilft Euch selbst zu gefallen! Die Einsamkeit hier wird dies eine Zeitlang tun. Du wirst Dich im Lichte einer poesievollen Vereinsamung sehen. Sehr bald aber wird es Dich langweilen, daß Du nur Dich darin siehst, und es wird Dich verlangen von den anderen zu erfahren, wie Du als Einsiedlerin Dich vor ihnen ausnimmst!«

Corradina zuckte schweigend die Achseln.

»Eins nur möcht ich«, sagte sie nach einer Pause. »Ich möchte Angela wieder als meine Dienerin um mich haben.« »Hast Du Rafael Riario so verziehen, daß Du nicht mehr scheust in Angela's Augen zu blicken?«

»Ich habe dem Kardinal nicht verziehen und werde ihm nicht verzeihen. Wenn ich die Scheu vor Angela's Augen als ein kindisches Gefühl überwinden will, so ist es, weil ich jemanden neben mir wünsche, dem ich ganz vertrauen kann.«

»Tust Du das nicht mir?«

»Das kannst Du selbst nicht voraussetzen!« antwortete Corradina mit Bitterkeit.

»Du tust mir Unrecht, tief Unrecht, Corradina. Deinen Wunsch aber kann ich nicht erfüllen, Du mußt ihn meinem Vater sagen, der beeifert sein wird es zu tun.«

Corradina schwieg.

»Glaubst Du nicht?« fragte Livio wieder, den lauernden Blick auf sie heftend.

Wie um einer Antwort zu entgehen, nahm Corradina noch einmal die silberne Schale, welche Livio ihr gebracht und schien sie aufmerksam zu mustern.

»Ich vergaß bei dem, was ich vorhin sagte, freilich«, hub Livio Savelli jetzt mit einem boshaften um seine Lippen zuckenden Lächeln wieder an, »daß Du nicht ganz in dieser alten Burg allein bist. Mein Vater hat ja seinen bleibenden Wohnsitz darin aufgeschlagen, wohl um die Pflichten seiner Vormundschaft über Dich desto eifriger und treuer erfüllen zu können.«

»Meine Verheiratung macht mich mündig, und diese Burg ist groß!« antwortete sie kühl.

»Sehr groß und weit in der Tat«, versetzte Livio. »Es kann an der einen Seite derselben viel geschehen, was man an der anderen nicht ahnt.« »Es können viel Leute darin wohnen, ohne sich Zwang aufzuerlegen.«

»Wie unbefangen Du tust, cara mia

»Was sollte mich dabei befangen machen? Der Herzog von Ariccia hat das Recht zu wohnen, wo es ihm in seinen Häusern gefällt.«

Livio begann mit den Fingern auf der Armlehne seines Sessels zu trommeln, während er anscheinend in Gedanken verloren, durch eines der Fenster ins Weite schaute.

»Corradina«, sagte er dann, »reden wir offen mit einander. Es hinge nur von Dir ab dieser Gaukelei Deines Witwenstandes, die Dich hier einsperrt und von aller Lebensfreude abgetrennt hält, ein Ende zu machen; nur von Dir, dieser Gefahr, die Dir von meinem Vater droht ...«

»Welche Gefahr? Ich bin die Frau, die Witwe seines Sohnes.«

Livio zuckte mit den Achseln.

»Du bist es!« sagte er; »aber Du siehst ja: er – bleibt hier, in Deiner Nähe, in dem Hause, das Du als Witwe bewohnen sollst! Ich fürchte, wir haben mit Deiner Trauung nur Halbes, Unzulängliches, Unnützes getan. Es wäre besser gewesen, Du wärst mein, mein Weib geworden, statt des toten Luca!«

Corradina schlug die Augen zu ihm auf – er konnte das unverhohlenste Erstaunen darin lesen.

Ein bitteres Lächeln glitt über seine Lippen.

»Dazu hätt' ich Witwer sein müssen, denkst Du!« sagte er. »Nun ja. Vielleicht hätte ich aus Lieb« zu Dir Mittel gefunden es zu werden!« Ihr Blick ruhte noch immer auf ihm. Dann wandte sie ihn, zornig die Brauen zusammenziehend, ab und mit dem unverkennbaren Ton der Verachtung antwortete sie halblaut:

»Ich will nicht gehört haben, was Du sprichst!«

»Daß Du, was ich spreche, nicht anzuhören pflegst, weiß ich. Tätest Du es, Du hättest keinen Menschen, der Dir mehr mit Leib und Seele ergeben wäre, der trotziger um deinetwillen die ganze Welt herausforderte, und Tod und Verdammung nicht scheute, wenn es Dein Glück gälte.«

»Was wurde mir das helfen«, entgegnete Corradina wegwerfend; »ich danke für ein mit der Gefahr von Tod und Verdammung erkauftes Glück, und die Freundschaft eines Trotzes, der die ganze Welt herausfordert. Und damit laß uns dieses Gespräch enden. Ich sehe nicht ein, weshalb Du herkamst, mir dies alles zu sagen; Du kannst unmöglich glauben, daß es mir angenehm zu hören sei.«

»Cara mia«, fiel Livio ein, »darüber beschwer' Dich nicht; denn sagtest Du mir je Dinge, die mir angenehm zu hören waren? Doch ich will Dir gehorchen, und dies Gespräch, das Dir so lästig zu werden scheint, abkürzen. Aber ich kann darüber den Gedanken nicht aufgeben, daß es besser wäre, wenn Du diese Burg verließest und Dich – nach Castell Savello bei Albano zurückzögest. Die heißen Sommermonate nahen, während deren auf dem Aventin die Luft ungesund wird; im Gebirg drüben ist sie frischer und – besser für Dich.«

»Sprichst Du im Ernst?«

»Weshalb zweifelst Du daran? Ich spreche so sehr im Ernst, daß ich dort alles für Deine Aufnahme bereits habe herrichten lassen.«

»Du hast nie im Leben Unnützeres getan, Livio!«

»Ich glaube nicht. Fürs erste bitte ich Dich nur meinen Vorschlag zu überdenken; und Dir auch ein wenig zu sagen, daß ich die Sache beschlossen habe. Denn da mein Vater nun einmal den Kopf verloren hat, werde ich schon ein wenig an seiner Statt in die Leitung der Angelegenheiten unseres Hauses eingreifen müssen. Ich will nicht, Corradina, daß Du hierdurch die Aria cattiva am Fieber, durch die Einsamkeit an langer Weile oder durch den Wahnsinn meines Vaters aus Angst stirbst. Ich will im Castell Savello alles tun, um Dich für das, was hinter Dir liegt, durch Genuß und Vergnügen zu entschädigen. Ich will Dir auch, wenn Du's begehrst, Angela dahin kommen lassen, obwohl sie bei ihren Ziegen im Gebirge hübsch verwildert sein mag!«

Corradina hatte bei Livio's Worten leise die Farbe gewechselt. Sie war offenbar davon geängstigt. Doch erhob sie sich und antwortete mit ruhigem Stolz:

»Du könntest mir allerdings, wenn Du öfters kämst, mich mit solchen Vorschlägen zu beleidigen, den Aufenthalt in diesem Hause unerträglich machen; das Deinige aber wäre das letzte, wo ich eine Zuflucht suchte.«

Sie schritt aufgerichtet durch das Zimmer und trat, Livio den Rücken wendend, in eine Fensterbrüstung.

Livio's Gesicht nahm einen dräuenden zornigen Ausdruck an, eine stille Wut glühte in seinen schmalgeschlitzten Augen auf; doch sagte er mit anscheinend voller Ruhe nach einer Pause:

»Du solltest mir's nicht so schwer machen, Du Weib von Marmor! Weshalb bist Du so hart gegen mich? Daß ich Dir diente, daß ich Dir beistand wider alle, hast Du Dir gern gefallen lassen, und wußtest doch, wie ich für Dich fühlte...«

»Berechtigt Dich Dein Beistand, zu dem Dein eigenes Interesse Dich zwang, mich zu quälen?«

»Mein Interesse, weil es Deines war; ich habe sie nie getrennt. Und was die Qual angeht – wie mag, wer wider einen Strom schwimmt, sich über Qual beschweren? Höre auf wider ihn zu ringen! Doch Du willst, daß ich gehe. Ich will's, wenn Du mir versprichst über meinen Vorschlag nachzudenken.«

»Ich verspreche Dir ihn zu vergessen, das ist günstiger für Dich!«

»Vergessen wirst Du ihn nicht können; ich werde zurückkehren, um wieder davon zu reden; gehab Dich wohl indes, cara sorella.«

Er ging; als Corradina ihr Gesicht vom Fenster abwandte, um sich zu überzeugen, daß er das Gemach verlassen hatte, waren ihre Züge marmorbleich geworden.

»Es ist entsetzlich!« flüsterte sie nach einer Weile. »Kann ich denn durch nichts, selbst durch das Verwegenste und Schwerste nicht, mir Ruhe vor ihnen erkaufen?

Und bei alledem hat er recht! Ich bin allein, allein, allein hier! Und so schutzlos, so entsetzlich schutzlos gegen diese Menschen.«

Sie begann leise auf- und abzuschreiten. Es kam jene Art von Verzweiflung über sie, die um dem Unerträglichen zu entrinnen, blind jeden Weg beschreiten möchte, der uns zu anderen Schicksalen fortreißen könnte und schleuderten diese auch unser Lebensschiff in Sturm und Untergang. Sie schritt hastiger auf und nieder. Sie dachte an den Deutschen, der so heftig erregt, so leidenschaftlich seine Dienste ihr angeboten. »Ach wär' er nur ein reifer, besonnener Mann, ein Mann mit grauen Haaren«, sagte sie sich, »ich würde ihm sagen: laß mich fliehen mit Dir, fliehen über Deine Alpen und so weit die Füße mich tragen!«

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