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Heinrich Heine: Lutetia - Kapitel 7
Quellenangabe
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authorHeinrich Heine
titleLutetia
seriesGesamtwerk
volumeBand 3
firstpub1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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VI.

Paris, den 14. Mai 1840.

Die offizielle Ankündigung in Betreff der sterblichen Reste Napoleon's hat hier eine Wirkung hervorgebracht, die alle Erwartungen des Ministeriums übertraf. Das Nationalgefühl ist aufgeregt bis in seine abgründlichsten Tiefen, und der große Akt der Gerechtigkeit, die Genugtuung, die dem Riesen unseres Jahrhunderts widerfährt und alle edlen Herzen dieses Erdballs erfreuen muß, erscheint den Franzosen»als eine lokale Privatsache, als eine Rehabilitation ihrer verletzten Nationaleitelkeit, als ein nachträgliches Pflaster für die Wunde von Waterloo!« heißt es in der Augsburger Allgemeinen Zeitung, wo statt des Satzes: »Napoleon ist ihr Point-d'honneur« der hier zunächst folgende Absatz steht. – Der Herausgeber als der Anfang einer Rehabilitation ihrer gekränkten Volksehre. Napoleon ist ihr Point-d'honneur.

Ihr irrt euch. In der Person des auf Sankt Helena Geschiedenen wurde nicht Frankreich mißhandelt, sondern die Menschheit, wie auch die Leichenfeier, die jetzt stattfinden wird, keineswegs als eine Niederlage der auswärtigen Mächte zu betrachten ist, sondern als ein Sieg der Menschheit. Dem Lebenden galt der Kampf, nicht dem Toten, und daß man diesen den Franzosen nicht schon längst ausgeliefert hat, das ist nicht die Schuld der europäischen Potentaten, sondern einer kleinen Koterie großbritannischer Fuchsjäger und Stallknechte, die unterdessen den Hals gebrochen oder sich die Kehle abgeschnitten haben, wie z. B. der edle Londonderry, oder auch sonst zugrunde gingen durch die Macht der Zeit und des Portweins. Wir haben bereits vor vielen Jahren in Deutschland dem großen Kaiser den schuldigen Tribut der Verehrung gezollt, und jetzt haben wir wohl das Recht, die Exaltation der heutigen Huldigungen mit etwas Gemütsruhe zu betrachten. Aufrichtig gestanden, die Franzosen gebärden sich bei dieser Gelegenheit wie die Kinder, denen man ihr Spielzeug genommen hat und wieder zurückgibt; sobald sie es in Händen haben, werden sie es lachend zerschlagen und mit Füßen treten, und ich sehe schon voraus, wieviel schlechte Witze gerissen werden, wenn die große Prozession anlangt mit den Reliquien von St. Helena. Jetzt schwärmen sie genug, die gutmütig leichtsinnigen Franzosen. Sie sind mit den Lebenden so unzufrieden, daß sie Gott weiß was von dem Toten erwartet. Ihr irrt euch. Ihr werdet einen sehr stillen Mann an ihm finden.

Während aber der kluge Präsident des Konseils die Nationaleitelkeit unserer lieben Kechenäer, der Maulaufsperrer an der Seine, mit Erfolg zu kitzeln und auszubeuten weiß, zeigt er sich sehr indifferent, ja mehr als indifferent in einer Sache, wo nicht die Interessen eines Landes oder eines Volks, sondern die Interessen der Menschheit selbst in Betracht kommen. Ist es Mangel an liberalem Gefühl oder an Scharfsinn, was ihn verleitete, für den französischen Konsul, dem in der Tragödie zu Damaskus die schändlichste Rolle zugeschrieben wird, offenbar Partei zu nehmen? Nein, Herr Thiers ist ein Mann von großer Einsicht und Humanität, aber er ist auch Staatsmann, er bedarf nicht bloß der revolutionären Sympathien, er hat Helfer nötig von jeder Sorte, er muß transigieren, er braucht eine Majorität in der Pairskammer, er kann den Klerus als ein gouvernementales Mittel benützen, nämlich jenen Teil des Klerus, der, von der älteren Bourbonischen Linie nichts mehr erwartend, sich der jetzigen Regierung angeschlossen hat. Zu diesem Teil des Klerus, welchen man den clergé rallié nennt, gehören sehr viele Ultramontanen, deren Organ ein Journal, namens »Univers«; letzteres erwarten das Heil der Kirche von Herrn Thiers, und dieser sucht wieder in jenen seine Stütze. Graf Montalembert, das rührigste Mitglied der frommen Gesellschaft und seit dem ersten März auf Seite des Herrn Thiers, ist der sichtbare Vermittler zwischen dem Sohn der Revolution und den Vätern des Glaubens, zwischen dem ehemaligen Redakteur des »National« und den jetzigen Redakteuren des »Univers«, die in ihren Kolumnen alles mögliche aufbieten, um der Welt glauben zu machen, die Juden fräßen alte Kapuziner, und der Graf Matti-Menton sei ein ehrlicher Mann. Graf Matti-Menton, ein Freund, vielleicht nur ein Werkzeug der Freunde des Grafen Montalembert, war früher französischer Konsul in Sizilien, wo er zweimal Bankrott machte und fortgeschafft ward. Später war er Konsul in Tiflis, wo er ebenfalls das Feld räumen mußte, und zwar wegen Dingen, die nicht sonderlich ehrender Art sind; nur so viel will ich bemerken, daß damals der russische Botschafter zu Paris, Graf Pahlen, dem hiesigen Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Grafen Molé, die bestimmte Anzeige machte: im Fall man den Herrn Matti-Menton nicht von Tiflis abberufe, werde die kaiserlich russische Regierung denselben schimpflich zu entfernen wissen. Man hätte das Holz, wodurch man Flammen schüren will, nicht von so faulem Baume nehmen sollen! –

Zwischen dem »Univers« und der »Quotidienne«, welche sich von ersterem durch einen etwas chevaleresken Ton unterscheidet, hat sich in Betreff der Damaszener Vorgänge eine Polemik entsponnen, die sehr wunderlicher, fast ergötzlicher Art ist; die »Quotidienne«, ein Organ der reinen Legitimisten, der Anhänger der älteren Linie, steht in natürlicher Fehde mit jenem Teil des Klerus, welcher sich der jüngeren Linie der Bourbonen, der herrschenden Dynastie, anschließt.

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