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Heinrich Heine: Lutetia - Kapitel 30
Quellenangabe
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authorHeinrich Heine
titleLutetia
seriesGesamtwerk
volumeBand 3
firstpub1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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XXIX.

Paris, den 31. Januar 1841.

Zwischen Völkern, die eine freie Presse, unabhängige Parlamente und überhaupt die Institutionen des öffentlichen Verfahrens besitzen, können die Mißverständnisse, die durch die Intrigen von Hofjunkern und durch die Unholde der Parteisucht angezettelt werden, nicht auf die Länge fortdauern. Nur im Dunkeln kann die dunkle Saat zu einem unheilbaren Zerwürfnis emporwuchern. Wie diesseits, so haben auch jenseits des Kanals sich die edelsten Stimmen darüber ausgesprochen, daß nur frevelhafter Unverstand, wo nicht libertizide Böswilligkeit, den Frieden der Welt gestört; und während noch von seiten der englischen Regierung durch die Schweigsamkeit der Thronrede das schlechte Verfahren gegen Frankreich gleichsam offiziell fortgesetzt wird, protestiert dagegen das englische Volk durch seine würdigsten Repräsentanten, und gewährt den Franzosen die unumwundenste Genugtuung. Lord Brougham's Rede im eben eröffneten Parlamente hat hier eine versöhnende Wirkung hervorgebracht, und er darf sich mit Recht rühmen, daß er ganz Europa einen großen Dienst erzeigt. Auch andre Lords, sogar Wellington, haben lobenswerte Worte gesprochen, und letzter war diesmal das Organ der wahren Wünsche und Gesinnungen seiner Nation. Die angedrohte Allianze der Franzosen mit Rußland hat seiner Herrlichkeit die Augen geöffnet, und der edle Lord ist nicht der einzige, dem solche Erleuchtung widerfuhr. Auch in unsern deutschen Gauen erschwingen sich die gemäßigten Tories zu einer bessern Erkenntnis der eigenen politischen Interessen, und ihre Bullenbeißer, die altdeutschen Rüden, die schon das freudigste Jagdgeheul erhoben, werden wieder ruhig angekoppelt; unsre christlich germanischen Nationalen erhalten die allerhöchste Weisung, nicht mehr gegen Frankreich zu bellen. Was aber die schreckliche Alliance betrifft, so steht sie gewiß noch in weitem Feld, und der Unmut gegen die Engländer, selbst gesteigert bis zum höchsten Hasse, dürfte in Frankreich noch immer keine Liebe für die Russen hervorrufen.

An eine baldige Lösung der orientalischen Wirren glaube ich ebensowenig wie an die moskowitische Alliance. Vielmehr verwickeln sich die Verhältnisse in Syrien, und Mehemed Ali spielt dort seinen Feinden manchen gefährlichen Schabernack. Es zirkulieren wunderliche, meistens aber widersprechende Gerüchte von den Listen, womit der Alte sein verlorenes Ansehen wieder zu erobern sucht. Sein Unglück ist die Überschlauheit, die ihn verhinderte, die Dinge in ihrem natürlichsten Lichte zu sehen. Er verfängt sich in den Fäden der eigenen Ränke. Z. B., indem er die Presse zu ködern wußte und über seine Macht allerlei trügerische Berichte in Europa ausposaunen ließ, gewann er zwar die Sympathie der Franzosen, die den Wert seiner Alliance überschätzten, aber er war zugleich selbst daran schuld, daß die Franzosen ihm hinlängliche Kräfte zutrauten, ohne ihre Beihilfe bis zum Frühjahr Widerstand zu leisten. Hiedurch ging er zugrunde, nicht durch seine Tyrannei, wovon die »Allgemeine Zeitung« gewiß allzu grelle Gemälde lieferte. Dem kranken Löwen gibt jetzt jeder die kleinlichsten Eselstritte. Das Ungeheuer ist vielleicht nicht so schlecht, wie es die Leute, die er nicht bestochen hat oder nicht bestechen wollte, ärgerlich behaupten. Augenzeugen seiner großmütigen Handlungen versichern, Mehemed Ali sei persönlich huldreich und gütig, er liebe die Zivilisation, und nur die äußerste Notwendigkeit, der Kriegszustand seiner Lande, zwänge ihn zu jenem Erpressungssystem, womit er seine Fellahs heimsuche. Diese unglücklichen Nilbauern seien in der Tat eine Herde von Jammergestalten, die, unter Stockschlägen zur Arbeit getrieben, bis aufs Blut ausgesaugt werden. Aber das sei, heißt es, altägyptische Methode, die unter allen Pharaonen dieselbe war, und die man nicht nach modern europäischem Maßstabe beurteilen dürfe. Die Anklage der Philanthropen könnte der arme Pascha mit denselben Worten zurückweisen, womit unsre Köchin sich entschuldigte, als sie die Krebse in allmählich siedendem Wasser lebendig kochte. Sie wunderte sich, daß wir dieses Verfahren eine unmenschliche Grausamkeit nannten und versicherte uns, die armen Tierchen seien von jeher daran gewöhnt. – Als Herr Cremieux mit Mehemed Ali von den Justizgreueln sprach, die in Damaskus verübt worden, fand er ihn zu den heilsamsten Reformen geneigt, und wären nicht die politischen Ereignisse allzu stürmisch dazwischen getreten, so hätte es der berühmte Advokat gewiß erreicht, den Pascha zur Einführung des europäischen Kriminalverfahrens in seinen Staaten zu bewegen.

Mit dem Sturze Mehemed Ali's gehen auch die stolzen Hoffnungen zu Grabe, worin muhammedanische Phantasie, zumal unter den Zelten der Wüste, sich so schwärmerisch wiegte. Hier galt Ali für den Helden, der bestimmt sei, dem schwachen Türkenregimente zu Stambul ein barsches Ende zu machen und, dort selber das Kalifat übernehmend, die Fahne des Propheten zu schützen. Und wahrhaftig, in seiner starken Faust wäre sie besser ausgeholfen als in den schwachen Händen des jetzigen Gonfaloniere des muhammedanischen Glaubens, der früh oder spät den Legionen und den noch gefährlichern Machinationen des Zars aller Reußen erliegen muß. Dem politischen und religiösen Fanatismus, worüber der russische Kaiser, der zugleich das Oberhaupt der griechischen Kirche ist, verfügen kann, hätte ein regeneriertes Reich der Moslemin unter Mehemed Ali oder einem sonstigen neuen Dynastien mit ähnlicher Gewalt widerstanden, da ein ebenso ungestüm fanatisches Element zu seiner Erhaltung in die Schranken getreten wäre. Ich rede hier vom Genius der Araber, der nie ganz erstorben, sondern nur im stillen Beduinenleben eingeschlafen, und oft wie träumend nach dem Schwerte griff, wenn irgendein ausgezeichneter Löwe draußen sein kriegerisches Gebrüll vernehmen ließ. – Diese Araber harren vielleicht nur des rechten Rufs, um schlafgestärkt wieder aus ihren schwülen Einöden hervorzustürmen, wie ehemals. – Wir haben sie aber nicht mehr zu fürchten, wie ehemals, wo wir vor den Halbmondstandarten zitterten, und es wäre vielmehr ein Glück für uns, wenn Konstantinopel jetzt der Tummelplatz ihres Glaubenseifers würde. Dieser wäre das beste Bollwerk gegen jenes moskowitsche Gelüste, das nicht Geringeres im Schilde führt, als an den Ufern des Bosporus die Schlüssel der Weltherrschaft zu erkämpfen oder zu erschleichen. Welch eine Macht besitzt bereits der Kaiser von Rußland, den man wahrlich bescheiden nennen muß, wenn man bedenkt, wie stolz andere an seiner Stelle sich gebärden würden. Aber weit gefährlicher, als der Stolz des Herrn, ist der Knechtschaftshochmut seines Volkes, das nur in seinem Willen lebt, und mit blindem Gehorsam in der heiligen Machtvollkommenheit des Gebieters sich selber zu verherrlichen glaubt. Die Begeisterung für das römisch-katholische Dogma ist abgenutzt, die Ideen der Revolution finden nur noch laue Enthusiasten, und wir müssen uns wohl nach neuen, frischen Fanatismen umsehen, die wir dem slavisch-griechischen, orthodox absoluten Kaiserglauben entgegensetzen könnten!

Ach! wie schrecklich ist diese orientalische Frage, die bei jeder Wirrnis uns so höhnisch angrinst! Wollen wir der Gefahr, die uns von dorther bedroht, schon jetzt vorbeugen, so haben wir den Krieg. Wollen wir hingegen geduldig dem Fortschritt des Übels zusehen, so haben wir die sichere Knechtschaft. Da ist ein schlimmes Dilemma. Wie sie sich auch betrage, die arme Jungfrau Europa – sie mag mit Klugheit bei ihrer Lampe wachend bleiben, oder als ein sehr unkluges Fräulein bei der erlöschenden Lampe einschlafen – ihrer harrt kein Freudentag.

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