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Heinrich Heine: Lutetia - Kapitel 26
Quellenangabe
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authorHeinrich Heine
titleLutetia
seriesGesamtwerk
volumeBand 3
firstpub1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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XXV.

Paris, den 7. November 1840.

Der König hat geweint. Er weinte öffentlich, auf dem Throne,Dem Abdruck dieser Stelle war in der Augsburger Allgemeinen Zeitung die redaktionelle Note beigefügt: »Wir haben gemeldet, daß bei einer Stelle der Thronrede (Darmes' Mordversuch) Ludwig Philipp, von innerer Bewegung ergriffen, inne hielt und seine Stimme stockte; Pariser Korrespondenzen und Journale fügen bei, es seien ihm Tränen in die Augen getreten.« – Der Herausgeber. umgeben von allen Würdenträgern des Reichs, Angesichts seines ganzen Volks, dessen erwählte Vertreter ihm gegenüberstanden, und Zeugen dieses kummervollen Anblicks waren alle Fürsten des Auslandes, repräsentiert in der Person ihrer Gesandten und Abgeordneten. Der König weinte!Statt der beiden folgenden Sätze, enthält die Augsburger Allgemeinen Zeitung die ausführlichere Stelle: »Dies ist ein entsetzliches Ereignis, und wir gestehen, daß unser tiefstes Herz davon erschüttert ist. Mögen immerhin gewisse Leute über diese Weichmütigkeit den Kopf schütteln und sie sogar verdächtigen. Verdächtigen sie ja sogar die Tränen des Königs! Als ob es nicht noch tragischer wäre, wenn ein König so sehr bedrängt und geängstigt worden, daß er zu dem feuchten Hilfsmittel des Weinens seine Zuflucht genommen! Nein, diese prosaische Auslegung ist ebenso lächerlich wie perfid. Ludwig Philipp, der königliche Dulder etc.« – Der Herausgeber. Dieses ist ein betrübendes Ereignis. Viele verdächtigen diese Träne des Königs, und vergleichen sie mit denen des Reineke. Aber ist es nicht schon hinlänglich tragisch, wenn ein König so sehr bedrängt und geängstet worden, daß er zu dem feuchten Hilfsmittel des Weinens seine Zuflucht genommen? Nein, Ludwig Philipp, der königliche Dulder, braucht nicht eben seinen Tränendrüsen Gewalt anzutun, wenn er an die Schrecknisse denkt, wovon er, sein Volk und die ganze Welt bedroht ist. Wie alle bedeutenden Menschen sucht er gern seine besondern Bedürfnisse mit dem Gemeinwohl seiner Zeitgenossen in Einklang zu bringen, und so steigerte sich in ihm die Überzeugung, daß der Krieg nicht bloß für ihn, sondern für die ganze Menschheit ein Unglück sei, und alle seine Kämpfe zur Erhaltung des Friedens, die Gefahren, worin sie ihn verstrickten, die Kränkungen, denen er dadurch ausgesetzt, betrachtet er als sein Martyrthum. Vielleicht hat er recht, vielleicht leidet er für uns alle – verleumdet wenigstens nicht seine Tränen! – Es war ein trauriges Faktum, das den trübseligsten Interpretationen begegnet.

Über die Stimmung der Kammer läßt sich noch nichts Bestimmtes vermelden. Und doch hängt alles davon ab, die innere wie die äußere Ruhe Frankreichs und der ganzen Welt. Entsteht ein bedeutender Zwiespalt den Bourgeois-Notabilitäten der Kammer und der Krone, so zögern die Häuptlinge des Radikalismus nicht länger mit einem Aufstand, der schon im geheimen organisiert wird, und der nur auf die Stunde harrt, wo der König nicht mehr auf den Beistand der Deputiertenkammer rechnen kann. Solange beide Teile nur schmollen, aber doch ihren Ehekontrakt nicht verletzen, kann kein Umsturz der Regierung gelingen, und das wissen die Rädelsführer der Bewegung sehr gut, deshalb verschlucken sie für den Augenblick all ihren Grimm und hüten sich vor jedem unzeitigen Schilderheben. Die Geschichte Frankreichs zeigt, daß jede bedeutende Phase der Revolution immer parlamentarische Anfänge hatte, und die Männer des gesetzlichen Widerstandes immer mehr oder minder deutlich dem Volk das furchtbare Signal gaben. Durch diese Teilnahme, wir möchten fast sagen Komplizität, eines Parlaments ist das Interregnum der rohen Fäuste nie von langer Dauer, und die Franzosen sind vor der Anarchie viel mehr geschützt als andere Völker, die im revolutionären Zustande sind, z. B. die Spanier. Das sahen wir in den Tagen des Julius, das sahen wir in den Tagen der ersten Revolution, wo das Parlament, die legislative Versammlung, sich in einen exekutierenden Konvent verwandelte. Es ist wieder eine solche Umwandlung, die man im schlimmsten Fall erwartet.

Der Sieg, den gestern das Ministerium in den Bureaux der Kammer davongetragen, ist nicht so wichtig, wie man nach dem Triumphgeschrei seiner Blätter schließen dürfte. Die Wahl des Präsidenten und der Vizepräsidenten zeugt zwar von einiger Lauheit, ist aber in der Hauptsache von keiner Bedeutung. Die französischen Deputierten sind ebensolche Franzosen wie die übrigen, und werden ebenso wie diese durch Ereignisse in leidenschaftliche Bewegung gesetzt. Lassen Sie nur einmal eine Nachricht anlangen, die das Nationalgefühl verletzt – und der Moderantismus der Moderantesten wird spurlos verschwinden. Die Leute, auf welche das Ministerium rechnet, gehören meistens zu jenem Marais, dessen charakteristische Tugend darin besteht, daß er die Regierung unterstützt, solange sie nicht mit bedeutender Stärke angegriffen wird. Heute ist der Marais gegen Thiers, morgen ist er für ihn – doch wir wollen mit unsrem Urteil den Ereignissen nicht vorgreifen.

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