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Heinrich Heine: Lutetia - Kapitel 22
Quellenangabe
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authorHeinrich Heine
titleLutetia
seriesGesamtwerk
volumeBand 3
firstpub1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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XXI

Paris, den 7. Oktober 1840.

Stündlich steigt die Aufregung der Gemüter. Bei der hitzigen Ungeduld der Franzosen ist es kaum zu begreifen, wie sie es aushalten können in diesem Zustand der Ungewißheit. Entscheidung, Entscheidung um jeden Preis! ruft das ganze Volk, das seine Ehre gekränkt glaubt. Ob diese Kränkung eine wirkliche oder nur eine eingebildete ist, vermag ich nicht zu entscheiden; die Erklärung der Engländer und Russen, daß es ihnen nur um die Sicherung des Friedens zu tun sei, klingt jedenfalls sehr ironisch, wenn zu gleicher Zeit zu Beirut der Kanonendonner das Gegenteil behauptet. Daß man auf das dreifarbige Pavillon des französischen Konsuls zu Beirut mit besonderer Vorliebe gefeuert hat, erregt die meiste Entrüstung. Vorgestern abend verlangte das Parterre in der großen Oper, daß das Orchester die Marseillaise anstimme; da ein Polizeikommissar diesem Verlangen widersprach, sang man ohne Begleitung, aber mit so schnaubendem Zorn, daß die Worte in den Kehlen stockten und ganz unverständlich hervorgebrüllt wurden. Oder haben die Franzosen die Worte jenes schrecklichen Liedes vergessen und erinnern sich nur noch der alten Melodie? Der Polizeikommissar, welcher auf die Szene stieg, um dem Publikum eine Gegenvorstellung zu machen, stotterte unter vielen Verbeugungen: das Orchester könne die Marseillaise nicht aufspielen, denn dieses Musikstück stünde nicht auf dem Anschlagzettel. Eine Stimme im Parterre erwiderte: »Mein Herr, das ist kein Grund, denn Sie selbst stehen ja auch nicht auf dem Anschlagzettel.« Für heute hat der Polizeipräfekt allen Theatern die Erlaubnis erteilt, die Marseiller Hymne zu spielen, und ich halte diesen Umstand nicht für unwichtig. Ich sehe darin ein Symptom, dem ich mehr Glauben schenke als allen kriegerischen Deklamationen der Ministerialblätter. Letzere stoßen in der Tat seit einigen Tagen so bedeutend in der Trompete Bellona's, daß man den Krieg als etwas Unvermeidliches zu betrachten schien. Die Friedfertigsten waren der Kriegsminister und der Marineminister; der Kampflustigste war der Minister des Unterrichts – ein wackerer Mann, der seit seiner Amtsführung selbst die Achtung seiner Feinde erworben und jetzt ebensoviel Tatkraft wie Begeisterung entfaltet, aber die Kriegskälte Frankreichs gewiß nicht so gut zu beurteilen weiß wie der Marineminister und der Kriegsminister. Thiers hält allen die Wage und ist wirklich der Mann der Nationalität. Letztere ist ein großer Hebel in seinen Händen, und er hat von Napoleon gelernt, daß man die Franzosen damit noch weit gewaltiger bewegen kann als mit Ideen; – daß man durch sie die Ideen schützen kann. Trotz seinem Nationalismus bleibt aber Frankreich der Repräsentant der Revolution, und die Franzosen kämpfen nur für diese, wenn sie sich selbst aus Eitelkeit, Eigennutz und Torheit schlagen. Thiers hat imperialistische Gelüste, und, wie ich Ihnen schon Ende Julius schrieb, der Krieg ist die Freude seines Herzens. Jetzt ist der Fußboden seines Arbeitszimmers ganz mit Landkarten bedeckt, und da liegt er auf dem Bauche und steckt schwarze und grüne Nadeln ins Papier, ganz wie Napoleon. Daß er an der Börse spekuliert habe, ist eine schnöde Verleumdung; ein Mensch kann nur einer einzigen Leidenschaft gehorchen, und der Ehrgeizige denkt selten an Geld. Durch seine Familiarität mit gesinnungslosen Glücksrittern hat sich Thiers all' die boshaften Gerüchte, die an seinem Leumund nagen, selber zugezogen. Diese Leute, wenn er ihnen jetzt den Rücken kehrt, schmähen ihn noch mehr als seine politischen Feinde. Aber warum pflegte er Umgang mit solchem Gesindel? Wer sich mit Hunden niederlegt, steht mit Flöhen auf.

Ich bewundere den Mut des Königs; jede Stunde, wo er zögert, dem verletzten Nationalgefühl Genugtuung zu schaffen, wächst die Gefahr, die den Thron noch entsetzlicher bedroht, als alle Kanonen der Alliierten. Welche Hand muß das sein, die es vermag, die empörten Volksleidenschaften zu zügeln, und die nicht zittert, selbst das Opfer zu werden. Morgen, heißt es, sollen die Ordonanzen publiziert werden, welche die Kammern berufen und Frankreich in Kriegszustand (état de guerre) erklären. Gestern abend, auf der Nachtbörse von Tortini, hieß es, Lalande habe Befehl erhalten, nach der Straße von Gibraltar zu eilen und der russischen Flotte, wenn sie sich mit der englischen vereinigen wolle, den Durchgang ins mittelländische Meer zu wehren. Die Rente, welche am Tage schon zwei Prozent gefallen war, purzelte noch zwei Prozent tiefer. Herr von Rothschild, wird behauptet, hatte gestern Zahnschmerz; andere sagen Kolik.Statt des obigen Satzes findet sich in der Augsburger Allgemeinen Zeitung folgende Stelle: »Auch hieß es, ein schrecklich gepfeffertes Ultimatum, so gut wie eine Kriegserklärung, sei nach London abgeschickt worden. Heute gehen widersprechende Gerüchte im Schwange. Ein Artikel im »Courrier français«, der direkt gegen den König gerichtet und ihn als Hindernis bezeichnet, verwirrt alle Köpfe.«
  In der französischen Ausgabe folgt auf den obenstehenden noch der Satz: »Ich spreche eben mit einem Wechselagenten, dessen Geruch sehr fein und der die Ehre gehabt, sich einen Augenblick Herrn von Rothschild zu nähern; er versichert mich, daß der Baron von einer sehr starken Kolik befallen, und daß die Renten noch mehr weichen werden, sobald diese Neuigkeit an der Börse bekannt wird. – Der Herausgeber.
Was wird daraus werden? Das Gewitter zieht immer näher. In den Lüften vernimmt man schon den Flügelschlag der Walküren. Es ist in diesem Augenblick wahrlich keine Schande, wenn man zittert.

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