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Heinrich Heine: Lutetia - Kapitel 18
Quellenangabe
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authorHeinrich Heine
titleLutetia
seriesGesamtwerk
volumeBand 3
firstpub1841
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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XVII.

Granville (Departement de la Manche), den 25. August 1840.

Seit drei Wochen durchstreife ich die Normandie die Kreuz und die Quer, und über die Stimmung, die sich hier bei Gelegenheit der letzten Ereignisse kundgab, kann ich Ihnen aus eigener Beobachtungen berichten. Die Gemüter waren durch die kriegerischen Trompetenstöße der französischen Presse schon ziemlich aufgeregt, als die Landung des Prinzen Ludwig allen möglichen Befürchtungen Spielraum gab. Man ängstigte sich durch die verzweiflungsvollsten Hypothesen.Dieser Satz lautet in der Augsburger Allgemeinen Zeitung: »Die öffentliche Intelligenz suchte in diesen Akt des Wahnsinns einen vernünftigen Grund hineinzugrübeln und ängstigte sich etc.« – Der Herausgeber. Bis auf diese Stunde glauben die Leute hierzulande, daß der Prinz»daß der erlauchte Abenteurer« steht in der Augsburger Allgemeinen Zeitung. – Der Herausgeber. auf eine ausgebreitete Verschwörung rechnete und sein langes Verharren bei der Säule von Boulogne von einem Rendezvous zeugte, das durch Verrat oder Zufall vereitelt ward. Zwei Drittel der zahlreichen englischen Familien, die in Boulogne wohnen, nahmen Reißaus, ergriffen von panischer Furcht, als sie in dem geruhsamen Städtchen einige gefährliche Flintenschüsse vernahmen und den Krieg vor ihrer eigenen Tür sahen. Diese Flüchtlinge, um ihre Angst zu rechtfertigen, brachten die entsetzlichsten Gerüchte nach der englischen Küste, und Englands Kalkfelsen wurden noch blässer vor Schrecken. Durch Wechselwirkung werden jetzt die Engländer, die in der Normandie hausen, von ihren heimischen Angehörigen zurückberufen in das glückliche Eiland, das vor Verheerungen des Krieges noch lange geschützt sein wird – nämlich so lange, bis einmal die Franzosen eine hinlängliche Anzahl Dampfschiffe ausgerüstet haben werden, womit man eine Landung in England bewerkstelligen kann.

In Boulogne wäre eine solche Dampfflotte bis zum Tage der Ausfahrt von unzähligen kleinen Forts beschützt. Letztere, welche die ganze Küste der Departements du Nord und de la Manche umgeben, sind auf Felsen gepflanzt, die, aus dem Meere hervorragend, wie vor Anker liegende steinerne Kriegsschiffe aussehen. Sie sind während der langen Friedenszeit etwas baufällig geworden, jetzt aber werden sie mit großem Eifer gerüstet. Von allen Seiten sah ich zu diesem Behufe eine Menge blanke Kanonen heranschleppen, die mich sehr freundlich anlachten; denn diese klugen Geschöpfe teilen meine Antipathie gegen die Engländer, und werden solche gewiß weit donnernder und treffender aussprechen. Beiläufig bemerke ich, daß die Kanonen der französischen Küstenforts über ein Drittel weiter schießen als die englischen Schiffskanonen, welche zwar von ebenso großem Kaliber, aber nicht von derselben Länge sein können.

Hier in der Normandie haben die Kriegsgerüchte alle Nationalgefühle und Nationalerinnerungen aufgeregt, und als ich im Wirtshaus zu Saint-Balery während des Tischgesprächs den Plan einer Landung in England diskutieren hörte, fand ich die Sache durchaus nicht lächerlich; denn auf derselben Stelle hatte sich einst Wilhelm der Eroberer eingeschifft, und seine damaligen Kameraden waren ebensolche Normannen, wie die gute Leute, die ich jetzt eine ähnliche Unternehmung besprechen hörte. Möge der stolze englische Adel nie vergessen, daß es Bürger und Bauern in der Normandie gibt, die ihre Blutsverwandtschaft mit den vornehmsten Häusern Englands urkundlich beweisen können und gar nicht übel Lust hätten, ihren lieben Vettern und Basen einen Besuch abzustatten.

Der englische Adel ist im Grunde der jüngste in Europa, trotz der hochklingenden Namen, die selten ein Zeichen der Abstammung, sondern gewöhnlich nur ein übertragener Titel sind. Der übertriebene Hochmut dieser Lordschips und Ladyschips ist vielleicht eine Tücke ihrer parvenierten Jugendlichkeit, wie denn immer, je jünger der Stammbaum, desto grünlich bitterer die Früchtchen. Jener Hochmut trieb einst die englische Ritterschaft in den verderblichen Kampf mit den demokratischen Richtungen und Ansprüchen Frankreichs, und es ist leicht möglich, daß ihre jüngsten Übermüte aus ähnlichen Gründen entsprungen; denn zu unserer größten Verwunderung fanden wir, daß bei jener Gelegenheit die Tories mit den Whigs übereinstimmten.

Woher aber kommt es, daß solche Emeute aller aristokratischen Interessen immer im englischen Volke so vielen Anklang fand? Der Grund liegt darin, daß erstens das ganze englische Volk, die Gentry gut wie die high nobility, und der Mob ebenso gut wie jene, von sehr aristokratischer Gesinnung sind, und zweitens weil immer im Herzen der Engländer eine geheime Eifersucht, wie ein böses Geschwür, juckt und eitert, sobald in Frankreich ein behaglicher Wohlstand emporblüht, sobald die französische Industrie durch den Frieden gedeiht und die französische Marine sich bedeutend ausbildet.

Namentlich in Beziehung auf die Marine wird den Engländern die gehässigste Mißgunst zugeschrieben, und in den französischen Häfen zeigt sich wirklich eine Entwicklung von Kräften, die leicht den Glauben erregt, die englische Seemacht in einiger Zeit von der französischen überflügelt zu sehen. Erstere ist seit zwanzig Jahren stationär geblieben, statt daß letzere im tätigsten Fortschritt begriffen ist. Ich habe in einem früheren Briefe bereits bemerkt, wie im Arsenal zu Toulon der Bau der Kriegsschiffe so eifrig betrieben worden, daß im Fall eines Krieges binnen kurzer Frist fast doppelt so viele Schiffe, wie Frankreich 1814 besitzen durfte, in See stechen können. Ein Leipziger Tagesblatt widersprach dieser Behauptung in einer ziemlich herben Weise; ich kann nur die Achsel darüber zucken, denn dergleichen Angaben schöpfe ich nicht aus bloßem Hörensagen, sondern aus der unmittelbarsten Anschauung. In Cherbourg, wo ich mich vor acht Tagen befand (ein gut Stück französischer Marine plätschert dort im Hafen), versicherte man mir, daß zu Brest ebenfalls doppelt so viele Kriegsschiffe befindlich wie früher, nämlich über fünfzehn Linienschiffe, Fregatten und Briggs, von der anständigen Kanonenzahl, teils ganz, teils bis auf einige 1/20 fertig gebaut und ausgerüstet. In vier Wochen werde ich Gelegenheit haben, sie persönlich kennen zu lernen. Bis dahin begnüge ich mich zu berichten, daß ebenso wie hier, in der basse Normandie, auch an der bretonischen Küste unter dem Seevolke die kriegsmutigste Aufregung herrscht, und die ernsthaftesten Vorbereitungen zum Kriege gemacht werden.

Was mich betrifft, ich glaube nicht an Krieg, und, wie sie wissen, zweifelte ich nie am Fortbestand des Friedens. Aber es ist immer wichtig zu erfahren, mit welchen Gesinnungen das Volk einen Ausbruch der Feindseligkeiten begrüßen würde. Und in dieser Beziehung bemerke ich bei der großen Masse einen bewunderungswürdigen Scharfsinn. Die Franzosen täuschen sich nicht über die Gefahren, die ihnen sowohl von innen als von außen entgegendrohen. Da sie aber genau ihren Zustand kennen und genau wissen, was sie wollen, werden sie mit der größten Schnelligkeit verfahren. Ich bin überzeugt, sie entledigen sich zuerst jener vergangenheitlichen Partei, die, eine unversöhnliche Feindin des neuen Frankreichs, weder durch Großmut noch durch Vernunft entwaffnet werden konnte, und bei der geringsten Hoffnung einer fremden Invasion die alten Ränke spielen läßt und, wie man behauptet, wieder die Chouans in der Vendée zum Bürgerkriege aufreizt. Reisende versichern mir, daß dort schon einige Scharmützel vorgefallen, aber diese unreifen Versuche bald unterdrückt wurden. Wichtig war es mir zu ermitteln, wie man hierzuland über den König denkt, und mit Freude bemerkte ich, daß man ihm das treueste Mitgefühl für sein Volk zutraut, und auch nicht der leiseste Verdacht antinationaler Sympathien auf ihm lastet. Man weiß zwar, daß er den Frieden liebt – (und welch ein ehrlicher Mann liebte ihn nicht?) – aber man weiß auch, daß er den Krieg nicht bis zur Feigheit fürchtet.

In der Tat, Ludwig Philipp ist ein Held, aber in der Weise jenes Odysseus, der sich nicht gern schlug, wenn er mit der Diplomatie der Rede sich durchhelfen konnte, der aber ebenso tapfer focht, wie irgendein Ajax oder Achilles, wenn er mit Worten nicht mehr auslangte und notgedrungen zum Schwert oder Bogen greifen mußte. Die Meinung geht sogar dahin, daß er im schlimmsten Falle zu einer sehr terroristischen Gegenwehr seine Zuflucht nehmen werde. –

Ach Gott! nur kein Krieg! Ich fürchte, daß das ganze französische Volk, wenn man es hart bedränge, jene rote Mütze wieder hervorholt, die ihm noch weit mehr als das dreieckige bonapartistische Wünschelhütchen, das Haupt erhitzen dürfte! Ich möchte hier gern die Frage aufwerfen, inwieweit die dämonischen Zerstörungskräfte, die jenem alten Talismann in Frankreich gehorchen, auch im Auslande sich geltend machen könnten? Es wäre wichtig zu untersuchen, von welcher Bedeutung die Gewalten sind, die einem Zaubermittel zugeschrieben werden, wovon die französische Presse in der jüngsten Zeit unter dem Namen »Propaganda« so geheimnisvoll und bedrohsam flüsterte und zischelte? Ich muß mich aus leicht begreiflichen Gründen aller solchen Untersuchungen enthalten, und in Betreff der vielbesprochenen Propaganda erlaube ich mir nur eine parabolische Andeutung. Es ist ihnen bekannt, daß in Lappland noch viel Heidentum herrscht, und daß die Lappen, welche zur See gehen wollen, sich vorher, um den notwendigen Fahrwind einzukaufen, zu einem Hexenmeister begeben. Dieser überliefert ihnen ein Tuch, worin drei Knoten sind. Sobald man auf dem Meere ist und den ersten Knoten öffnet, bewegt sich die Luft und es bläst ein guter Fahrwind. Öffnet man den zweiten Knoten, so entsteht schon eine weit stärkere Lufterschütterung und es heult ein wütendes Wetter. Öffnet man aber gar den dritten Knoten, so erhebt sich der wildeste Sturm und peitscht das rasende Meer, und das Schiff kracht und geht unter mit Mann und Maus. Wenn der arme Lappe zu seinem Hexenmeister kommt, beteuert er freilich, er habe genug an einem einzigen Knoten, an gutem Fahrwind, er brauche keinen stärkeren Wind, und am allerwenigsten einen gefährlichen Sturm; aber es hilft im nichts, man verkauft ihm den Wind nur en gros, er muß für alle drei Sorten zahlen und wehe ihm, wenn er etwa späterhin auf dem hohen Meer zu viel Branntwein trinkt und im Rausche die bedenklicheren Knoten aufknüpft! – Die Franzosen sind nicht so läppisch wie die Lappen, obgleich sie leichtsinnig genug wären, die Stürme zu entzügeln, wodurch sie selber zugrunde gehen müßten. Bis jetzt sind sie noch weit genug davon entfernt. Wie man mir mit Betrübnis versichert, hat sich das französische Ministerium nicht sehr kauflustig gezeigt, als ihm einige preußische und polnische revolutionäre Windmacher (die aber keine Hexenmeister sind!) ihren Wind anboten.

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