Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Heinrich Heine: Lutetia - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/heine/lutetia/lutetia.xml
typetractate
authorHeinrich Heine
titleLutetia
seriesGesamtwerk
volumeBand 3
firstpub1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20181129
created20081118
projectid50b290d0
Schließen

Navigation:

XIV.

Paris, den 27. Juli 1840.

Hier überstürzen sich die Hiobsposten; aber die letzte, die schlimmste, die Konvention zwischen England, Rußland, Österreich und Preußen gegen den Pascha von Ägypten erregte weit mehr jauchzende Kampflust als Bestürzung, sowohl bei der Regierung als bei dem Volke. Der gestrige »Constitutionnel«, welcher ohne Umschweife gestand, daß Frankreich ganz schnöde getäuscht und beleidigt sei, beleidigt bis zur Voraussetzung einer feigen Unterwürfigkeit – diese ministerielle Anzeige des in London ausgebrüteten Verrats wirkte hier wie ein Trompetenstoß, man glaubte den großen Zornschrei des Achilles zu vernehmen, und die verletzten Nationalgefühle und Nationalinteressen bewirken jetzt einen Waffenstillstand der hadernden Parteien. Mit Ausnahme der Legitimisten, die ihr Heil nur vom Ausland erwarten, versammeln sich alle Franzosen um die dreifarbige Fahne, und Krieg mit dem »perfiden Albion« ist ihre gemeinsame Parole.

Wenn ich oben sagte, daß die Kampflust auch bei der Regierung entloderte, so meine ich damit das hiesige Ministerium und zumal unsern kecken Konseilpräsidenten, der das Leben Napoleon's bereits bis zum Ende des Konsulats beschrieben hat, und mit südlich glühender Einbildungskraft seinem Helden auf so vielen Siegesfahrten und Schlachtfeldern folgte. Es ist vielleicht ein Unglück, daß er nicht auch den russischen Feldzug und die große Retirade im Geist mitmachte. Wäre Herr Thiers in seinem Buche bis zu Waterloo gelangt, so hätte sich vielleicht sein Kriegsmut etwas abgekühlt. Was aber weit wichtiger und weit beachtenswerter als die kriegerischen Gelüste des Premierministers, das ist das unbegrenzte Vertrauen, das er in seine eigenen militärischen Talente setzt. Ja, es ist eine Tatsache, die ich aus vieljähriger Beobachtung verbürgen kann: Herr Thiers glaubt steif und fest, daß nicht das parlamentarische Scharmützel, sondern der eigentliche Krieg, das klirrende Waffenspiel, seine angeborne Vokation sei. Wir haben es hier nicht mit der Untersuchung zu tun, ob diese innere Stimme Wahrheit spricht oder bloß der eiteln Selbsttäuschung schmeichelt. Nur darauf wollen wir aufmerksam machen, wie dieser eingebildete Feldherrenberuf wenigstens zur Folge hat, daß Herr Thiers vor den Kanonen des neuen Fürstenkonvents nicht sonderlich erschrecken wird, daß es ihn heimlich freut, durch die äußerste Notwendigkeit gezwungen zu sein, seine militärischen Talente der überraschten Welt zu offenbaren, und daß gewiß schon in diesem Augenblicke die französischen Admirale die bestimmteste Ordre erhalten haben, die ägyptische Flotte gegen jeden Überfall zu schützen.

Ich zweifle nicht an dem Resultat dieses Schutzes, wie furchtbar auch die Seemacht der Engländer. Ich habe Toulon unlängst gesehen und hege einen großen Respekt vor der französischen Marine. Letztere ist bedeutender, als man im übrigen Europa weiß; denn außer den Kriegsschiffen, die auf dem bekannten Etat stehen, und die Frankreich gleichsam offiziell besitzt, wurde seit 1814 eine fast doppelt so große Anzahl im Arsenal von Toulon allmählich fertig gebaut, die in einer Frist von sechs Wochen ganz bemannbar ausgerüstet werden kann. – Wird aber durch ein bombardierendes Zusammentreffen der französischen und englischen Flotten im mittelländischen Meere der Frieden von Europa gestört werden und der allgemeine Krieg zum Ausbruche kommen? Keineswegs. Ich glaub' es nicht. Die Mächte des Kontinents werden sich noch lange besinnen, ehe sie sich wieder mit Frankreich in ein Todesspiel einlassen. Und was John Bull betrifft, so weiß dieser dicke Mann sehr gut, was ein Krieg mit Frankreich, selbst wenn letzteres ganz isoliert zu stehen käme, seinem Säckel kosten würde; mit einem Wort, das englische Unterhaus wird auf keinen Fall die Kriegskosten bewilligen; und das ist die Hauptsache. Entstünde aber dennoch ein Krieg zwischen den beiden Völkern, so wäre das, mythologisch zu reden, eine Malice der alten Götter, die, um ihren jetzigen Kollegen, den Napoleon, zu rächen, vielleicht die Absicht haben, den Wellington wieder ins Feld zu schicken und durch den Generalfeldmarschall Thiers besiegen zu lassen!

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.