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Heinrich Heine: Lutetia - Kapitel 14
Quellenangabe
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authorHeinrich Heine
titleLutetia
seriesGesamtwerk
volumeBand 3
firstpub1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20181129
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XIII.

Paris, den 25. Juli 1840.

Auf den hiesigen Boulevards-Theatern wird jetzt die Geschichte Bürger's, des deutschen Poeten, tragiert; da sehen wir, wie er, die Leonore dichtend, im Mondschein sitzt und singt: Hurrah! les morts vont vite – mon amour, crains-tu les morts? Das ist wahrhaftig ein guter Refrain, und wir wollen ihn unserm heutigen Berichte voranstellen, und zwar in nächster Beziehung auf das französische Ministerium. – Aus der Ferne schreitet die Leiche des Riesen von Sankt Helena immer bedrohlich näher, und in einigen Tagen öffnen sich auch die Gräber hier in Paris und die unzufriedenen Gebeine der Juliushelden steigen hervor und wandern nach dem Bastillenplatz, der furchtbaren Stätte, wo die Gespenster von Anno 80 noch immer spuken – Les morts vont vite – mon amour, crains-tu les morts?

In der Tat, wir sind sehr beängstigt wegen der bevorstehenden Juliustage, die dieses Jahr ganz besonders pomphaft, aber, wie man glaubt, zum letztenmal gefeiert werden; nicht alle Jahr' kann sich die Regierung solche Schreckenslast aufbürden. Die Aufregung wird dieser Tage um so größer sein, je wahlverwandter die Töne sind, die aus Spanien herüber klingen, und je greller die Details des Barceloner Aufstandes, wo sogenannte Elende bis zur gröbsten Beleidigung der Majestät sich vergaßen.

Während im Westen der Sukzessionskrieg beendigt und der eigentliche Revolutionskrieg beginnt, verwickeln sich die Angelegenheiten des Orients in einen unauflöslichen Knäuel. Die Revolte in Syrien setzt das französische Ministerium in die größte Verlegenheit. Auf der einen Seite will es mit all seinem Einfluß die Macht des Pascha von Ägypten unterstützen, auf der andern Seite darf es die Maroniten, die Christen auf dem Berg Libanon, welche die Fahne der Empörung aufpflanzten, nicht ganz desavouieren – denn diese Fahne ist ja die französische Trikolore; die Rebellen wollen sich durch letztere als Angehörige bekunden, und sie glauben, daß dieses nur scheinbar den Mehemed Ali unterstütze, im geheimen aber die syrischen Christen gegen die ägyptische Herrschaft aufwiegle. Inwieweit sind sie zu solcher Annahme berechtigt? Haben wirklich, wie man behauptet, einige Lenker der katholischen Partei, ohne Vorwissen der französischen Regierung, ein Schilderheben der Maroniten gegen den Pascha angezettelt, in der Hoffnung, bei der Schwäche der Türken ließe sich jetzt nach Vertreibung der Ägyptier in Syrien ein christliches Reich begründen? Dieser ebenso unzeitige wie fromme Versuch wird dort viel Unglück stiften. Mehemed Ali war über den Ausbruch der syrischen Revolte so entrüstet, daß er wie ein wildes Tier raste und nichts geringeres im Sinne hatte als die Ausrottung aller Christen auf dem Berg Libanon. Nur die Vorstellungen des österreichischen Generalkonsuls konnten ihn von diesen unmenschlichen Vorhaben abbringen, und diesem hochherzigen Manne verdanken viele Tausende von Christen ihr Leben, während ihm der Pascha noch mehr zu verdanken hat: er rettete nämlich seinen Namen vor ewiger Schande. Mehemed Ali ist nicht unempfindlich für das Ansehen, das er bei der zivilisierten Welt genießt, und Herr von Laurin entwaffnete seinen Zorn ganz besonders durch eine Schilderung der Antipathien, die er durch die Ermordung der Maroniten in ganz Europa auf sich lüde, zum höchsten Schaden seiner Macht und seines Ruhmes.

Das alte System der Völkervertilgung wird solchermaßen durch europäischen Einfluß im Orient allmählich verdrängt. Auch die Existenzrechte des Individuums gelangen dort zu höherer Anerkennung, und namentlich werden die Grausamkeiten der Tortur einem mildern Kriminalverfahren weichen. Es ist die Blutgeschichte von Damaskus, welche dieses letzte Resultat hervorbringen wird, und in dieser Beziehung dürfte die Reise des Herrn Cremieux nach Alexandria als eine wichtige Begebenheit eingezeichnet werden in die Annalen der Humanität. Dieser berühmte Rechtsgelehrte, der zu den gefeiertsten Männern Frankreichs gehört und den ich in diesen Blättern bereits besprach, hat schon seine wahrhaft fromme Wallfahrt angetreten, begleitet von seiner Gattin, die alle Gefahren, womit man ihren Mann bedrohte, teilen wollte. Mögen diese Gefahren, die ihn vielleicht nur abschrecken sollten von seinem edlen Beginnen, ebenso klein sein wie die Leute, die sie bereiten! In der Tat, dieser Advokat der Juden plädiert zugleich die Sache der ganzen Menschheit. Um nichts Geringeres handelt es sich, als auch im Orient das europäische Verfahren beim Kriminalprozeß einzuführen. Der Prozeß gegen die Damaszener Juden begann mit der Folter; er kam nicht zu Ende, weil ein österreichischer Untertan unkulpiert war und der österreichische Konsul gegen das Torquieren desselben einschritt. Jetzt soll nun der Prozeß aufs neue instruiert werden, und zwar ohne obligate Folter, ohne jene Torturinstrumente, die den Beklagten die unsinnigsten Aussagen abmarterten und die Zeugen einschüchterten. Der französische Oberkonsul in Alexandria setzt Himmel und Erde in Bewegung, um diese erneute Instruktion des Prozesses zu hintertreiben; denn das Betragen des französischen Konsuls von Damaskus könnte bei dieser Gelegenheit sehr stark beleuchtet werden, und die Schande seines Repräsentanten dürfte das Ansehen Frankreichs in Syrien erschüttern. Und Frankreich hat mit diesem Lande weit ausgreifende Pläne, die noch von den Kreuzzügen datieren, die nicht einmal von der Revolution aufgegeben worden, die später Napoleon ins Auge faßte, und woran selbst Herr Thiers denkt, für den Fall, daß Algier verloren ginge, und der französische Ehrgeiz anderswo im Orient sein Futter suchen müßte! Die syrischen Christen erwarten ihre Befreiung von den Franzosen, und diese, so freigeistig sie auch zu Hause sein mögen, gelten dennoch gern als fromme Schützer des katholischen Glaubens im Orient und schmeicheln dort der Zelosis der Mönche. So erklären wir es uns, weshalb nicht bloß Herr Cochelet in Alexandria, sondern sogar unser Konseilpräsident, der Sohn der Revolution in Paris, den Konsul von Damaskus in Schutz nehmen. – Es handelt sich jetzt wahrlich nicht um die hohe Tugend eines Ratti-Menton oder um die Schlechtigkeit der Damaszener Juden – es gibt vielleicht zwischen beiden keinen großen Unterschied, und, wie jener für unsern Haß, so dürften letztere für unsere Vorliebe zu gering sein – aber es handelt sich darum, die Abschaffung der Tortur durch ein eklatantes Beispiel im Orient zu sanktionieren. – Die Konsuln der europäischen Großmächte, namentlich Österreichs und Englands, haben daher auf eine erneuerte Instruktion des Prozesses der Damaszener Juden ohne Zulassung der Tortur beim Pascha von Ägypten angetreten, und es mag ihnen vielleicht nebenher einige Schadenfreude gewähren, daß eben Herr Cochelet, der französische Konsul, der Repräsentant der Revolution und ihres Sohnes, sich jener erneuten Instruktion widersetzt und für die Tortur Partei nimmt.

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