Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Heinrich Heine: Lutetia - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/heine/lutetia/lutetia.xml
typetractate
authorHeinrich Heine
titleLutetia
seriesGesamtwerk
volumeBand 3
firstpub1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20181129
created20081118
projectid50b290d0
Schließen

Navigation:

XI.

Sowohl die Redaktion als das Eigentum des »Commerce« ist vor vierzehn Tagen in andere Hände übergegangen. Diese Nachricht ist an sich freilich nicht sehr wichtig, aber wir wollen daran allerlei Bemerkungen knüpfen. Zunächst bemerke ich, daß diese renovierten Blätter dieser Tage einen Ausfall gegen meine Korrespondenz in der »Allgemeine Zeitung« enthielten, der ebenso ungeschickt wie albern war. Der Verdächtigung, worauf es abgesehen, bin ich mit aufgeschlagenem Visier im »Constitutionel« entgegengetreten. Eine andere Bemerkung, die aber allgemeiner Art, drängt sich uns entgegen bei der Frage: Welche Farbe wird das »Commerce« jetzt annehmen? Man hat mir nämlich geantwortet: »Dieses Blatt wird sich weder für das dermalige Königtum noch für die republikanische Partei aussprechen, und vor der Hand wird es wohl bonapartistisch werden.« In dieser scheinbar ausweichenden, unbestimmten Antwort ertappen wir ein Geständnis, das uns über das ganze politische Treiben der Franzosen viel Belehrung und Aufschluß gewährt. Nämlich, in dieser Zeit der Schwankungen, wo niemand weiß, was ihm die nächste Zukunft entgegenführt; wo viele, mit der Gegenwart unzufrieden, dennoch nicht wagen, mit den Tagesherrschern bestimmt zu brechen; wo die meisten eine Stellung in der Opposition einnehmen wollen, die nicht auf immer verpflichtend und ebenso wenig kompromittierend ist, sondern ihnen erlaubt, ohne sonderlich herbe Retraktionen, je nachdem das Kriegsglück entscheidet, ins Lager der siegenden Republik oder des unüberwindlichen Königtums überzugehen – in dieser Zeit ist der Bonapartismus eine bequeme Übergangspartei. Aus diesem Grund erkläre ich es mir, weshalb jeder, der nicht genau weiß, was er will, oder was er darf, oder was er kann, sich um die imperialistische Standarte versammelt. Hier braucht man keiner Idee den Eid der Treue zu schwören, und der Meineid wird hier keine Sünde gegen den heiligen Geist. Das Gewissen, die bessere Ehre, erlaubt hier auch späterhin jeden Abfall und Fahnenwechsel. – Und in der Tat, das napoleonische Kaisertum war selber nichts anderes, als neutraler Boden für Menschen von den heterogensten Gesinnungen, es war eine nützliche Brücke für Leute, die sich aus dem Strome der Revolution darauf retteten und zwanzig Jahre lang darauf hin und her liefen, unentschlossen, ob sie sich auf das rechte oder auf das linke Ufer der Zeitmeinungen begeben sollten. Das napoleonische Kaisertum war kaum etwas anderes als ein abenteuerliches Interregnum ohne geistige Notalibitäten, und all seine ideelle Blüte resümiert sich in einem einzigen Manne, der am Ende selber nichts ist als eine glänzende Tatsache, deren Bedeutung wenigstens bis jetzt noch halb ein Geheimnis ist. Dieses materielle Zwischenreich war ganz den damaligen Bedürfnissen angemessen. Wie leicht konnten die französischen Sanskulotten in die galonierten Prachthosen des Empire hineinspringen, mit welcher Leichtigkeit hingen sie später die befiederten Hüte und goldnen Jacken des Ruhmes wieder an den Nagel und griffen wieder zur roten Mütze und zu den Rechten der Menschheit! Und die ausgehungerten Emigranten, die adelstolzen Royalisten, sie brauchten ihrem angeborenen Höflingssinn keineswegs zu entsagen, als sie dem Napoleon I. statt Ludwig XIV. dienten, und als sie, dem erstern wieder den Rücken kehrend, dem legitimen Herrscher, Ludwig XVIII., huldigten!

Trotzdem, daß der Bonapartismus tiefe Sympathien im Volke findet und auch die große Zahl der Ehrgeizigen, die sich nicht für eine Idee entscheiden wollen, in sich aufnimmt, trotzdem glaube ich nicht, daß er so bald den Sieg davontragen möchte; käme er aber zur Herrschaft, so dürfte auch diese nicht von langer Dauer sein, und sie würde, ganz wie die frühere napoleonische Regierung, nur eine kurze Vermittlungsperiode bilden. – Unterdessen aber versammeln sich alle möglichen Raubvögel um den toten Adler, und die Einsichtigen unter den Franzosen werden nicht wenig dadurch geängstigt. Die Majorität in der Kammer hat vielleicht doch nicht so ganz unrecht gehabt, als sie die zweite Begräbnismillion verweigerte und hiedurch die auflodernde Eroberungssucht etwas dämpfte. Die Kammer besitzt den Instinkt der nationalen Selbsterhaltung, und sie hatte vielleicht eine dunkle Ahnung, daß dieser Bonapartismus ohne Bonaparte, diese Kriegslust ohne den größten Feldherrn, das französische Volk seinem Untergang entgegenführt.

»Und wer sagt Ihnen, daß wir dessen nicht ganz bewußt waren, als wir über die zwei Millionen der Leichenfeier votierten?« Diese Worte entschlüpften gestern einem meiner Freunde, einem Deputierten, mit welchem ich, die Galerie des Palais-royal durchwandelnd, über jenes Votum sprach. Wichtiges und erfreuliches Geständnis! um so mehr, als es aus dem Munde eines Mannes kommt, der nicht zu den blöden Zitterseelen gehört; vielleicht sogar ist bei diesem Gegenstand sein Name von einiger Bedeutung wegen der glorreichen Erinnerungen, die sich daran knüpfen – es ist der Sohn jenes tugendhaften Kriegers, der im Heilausschuß saß und den Sieg organisierte – es ist Hippolyt Carnot. Heilausschuß! comité du salut public! Das Wort klingt noch weit erschütternder als der Name Napoleon Bonaparte. Dieser ist doch nur ein zahmer Gott des Olymps, im Vergleich mit jener wilden Titanenversammlung.An diesen Brief schließt sich in der Augsburger Allgemeinen Zeitung ein Bericht über Spontini, dem ein geeigneter Platz im sechsten Band angewiesen ist. – Der Herausgeber

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.