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Lustiges aus dem Hundeleben und andere heitere Rundfunk-Vorträge

Gustav Hochstetter: Lustiges aus dem Hundeleben und andere heitere Rundfunk-Vorträge - Kapitel 5
Quellenangabe
typesatire
authorGustav Hochstetter
titleLustiges aus dem Hundeleben und andere heitere Rundfunk-Vorträge
publisherGünther Knüppel u. Haeseler
yearo.J.
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das badende Europa

Meine verehrten Damen und Herr'n,
Wenn's Ihnen recht ist, will ich gern
Mit Ihnen in dieser Viertelstunde
Durchsausen der Bäder weite Runde
Von jedem europäischen Land,
In dem ich als Badegast je mich befand.

Und um zunächst mit dem Nächsten zu dienen,
Bring' ich jetzt ein »L ied von der Ostsee« Ihnen.

Ein Lied von der Ostsee

Ich war vom Binnenland gekommen,
Mein Herz gehörte ganz der See,
Ich hab' gesegelt und geschwommen –
Ich floh aus aller Menschen Näh'.
Und hat 'mal trotzdem zu Bekannten
Ein böser Zufall mich geführt,
So hab' ich nimmermehr verstanden,
Wie sie nur Andres int'ressiert:

        Daß Lehmann nie kalt baden geht,
        Frau Schmidt sich selbst die Kleider näht,
        Daß sich Frau Haas die Lippen malt,
        Daß Schulz zwölf Mark Pension bezahlt,
        Daß Fräulein Klink die Haut leicht platzt
        Und daß Herr Matz beim Essen schmatzt,
        Daß Schurigs Töchter aus Berlin
        Spät abends in die Dünen ziehn,
        Und Meier reitet morgens früh
        Auf eigenem Hottehüh.

Acht Tage waren kaum vergangen
In Seglerei und Schwimmerei –
Zu mopsen hat mich angefangen
Des Meeres stetes Einerlei.
Ich wurde fauler, wurde dümmer,
Ich hab das selbst ganz wohl verspürt...
Und schließlich für die Publikümmer
Hab' ich mich selber int'ressiert:

        Ob Lehmann wohl kalt baden geht?
        Ob sich Frau Schmidt die Kleider näht?
        Ob sich Frau Haas die Lippen malt?
        Wieviel Herr Schulz Pension bezahlt?
         Ob Fräulein Klink die Haut noch platzt?
        Ob Matz noch bei dem Essen schmatzt?
        Ob Schurigs Töchter aus Berlin
        Spät abends in die Dünen ziehn?
        Ob Meier reitet morgens früh
        Auf eigenem Hottohüh?

Und als ich dann zwei volle Wochen
Des Strandes Gast gewesen war,
Hab' ich genau so dumm gesprochen
Wie alle andern – bis aufs Haar!
Ich traf, spazierend auf der Nehrung,
Hier einen Freund. Welch ein Genuß!
Und stolz gab ich ihm die Belehrung
Von dem, was man hier wissen muß:

        Wie oft der Lehmann baden geht,
        Wie sich Frau Schmidt die Kleider näht,
        Wie sich Frau Haas die Lippen malt,
        Wieviel der Schulz Pension bezahlt,
        Wie Fräulein Klink die Nase platzt,
        Wie laut Herr Matz beim Essen schmatzt,
        Wie Schurigs Töchter aus Berlin
        Spät abends in die Dünen ziehn,
        Wie Meier reitet morgens früh
        Auf eigenem Hottehüh.

Ich sah mir's an fünf volle Wochen –
Da stand mir's aber bis zum Hals;
Da habe ich mir selbst versprochen:
Nein, länger treibst du's keinesfalls!
Verblödung naht! Brich ab die Brücken!
Da reiste ich und brach den Bann
Und kehrte allen froh den Rücken,
Den mir nun 'runterrutschen kann:

        Der Lehmann, der nicht baden geht!
        Frau Schmidt, die sich die Kleider näht!
        Frau Haas, die sich die Lippen malt,
        Und Schulz, der die zwölf Mark bezahlt!
        Das Fräulein, dem die Nase platzt,
        Und Matz, der so beim Essen schmatzt!
        Frau Schurigs Töchter aus Berlin,
        Die abends in die Dünen ziehn!
        Und Meier! – Der darf's morgen früh
         Mitsamt dem Hottehüh!

Jetzt einen Schritt weiter, links um die Ecke rum, zur Nordsee. Nicht ganz eigenes Erlebnis – aber beinahe. Jedenfalls darf ich im voraus sagen: in dieser kleinen Geschichte werden zwei Telegramme erwähnt, für deren Echtheit ich mich verbürgen kann. Die Originale dieser beiden Telegramme, so wie sie die Reichspost den Adressaten lieferte, befinden sich in meinem Besitz und ruhen in der Truhe, die in meinem Bibliothekzimmer neben dem Schreibtisch steht. Also – die kleine Nordsee-Geschichte. Sie heißt –:

Das Nachttelegramm

Mein Freund Egon reiste etwas früher nach Hause, als er ursprünglich beabsichtigt hatte. Seine Gemahlin war sehr erfreut, als sie beim Mittagessen das Telegramm bekam: »Komme schon heute abend Sechsuhrzug. Zehntausend Küsse, Egon.«

Sie begab sich zur Bahn und nahm als brave junge Gattin ihren Eheherrn nach seiner vierwöchentlichen Abwesenheit liebevoll in Empfang. Dann wurde das Abendbrot verzehrt, und frühzeitig erlosch nach beendeter Mahlzeit das Licht in der Wohnung meines Freundes.

Der Zeitpunkt, da die Etage sich verfinsterte, lag noch keine zehn Minuten zurück, da klingelte es heftig an der Etagentür meines Freundes. Die Mädchen hatten sich bereits nach der vier Treppen hoch belegenen Dienstbotenkammer zurückgezogen. Egon lief zur Korridortür, die fest verschlossen war. »Wer ist denn draußen?« Und die Antwort, die unheilschwangere Antwort, erschallte: » Der Telegraphenbote

»Warten Sie – ich schließe gleich auf!« Das war leicht gesagt, aber schwer getan. Das Stubenmädchen hatte von außen abgeschlossen und den Schlüssel mit nach oben genommen. Egons allerhöchsteigener Schlüssel befand sich noch mitten in dem unausgepackten Kupeekoffer.

»Schieben Sie doch das Telegramm unten zur Tür hinein –!«

»Bedaure. Geht nicht. Ist ein amtliches Telegramm! Muß quittiert werden.«

»Ein amtliches Telegramm?« schallte die Stimme der teuern Gattin aus dem ehelichen Schlafgemach. »Um Gottes willen, was mag denn da bloß passiert sein? Sicher ist Onkel Anton im Grindelwald abgestürzt! Oder ob vielleicht der Großvater in Berlin –? Man kann nicht wissen, er ist unberufen dreiundachtzig Jahre alt –.«

»Aber, Frau, das ginge doch nicht amtlich

»Ihr Männer seid alle herzlos. Ihr verdient es gar nicht, daß man sich so aufregt. Der Großvater kann in Berlin auf der Straße von einem Automobil überfahren worden sein und die Unfallstation schickt uns jetzt ein amtliches Telegramm. Das ist doch ganz klar –.«

»Nun tu mir doch den einzigen Gefallen, und halte deinen Mund, bis ich den Schlüssel gefunden habe. Wenn du weinst, davon wird es nicht besser, und wenn du mich nervös machst, dauert es bloß noch länger –.«

»Das ist nun die Freude unseres Wiedersehens, nach der ich mich vier Wochen gesehnt habe –.«

»Wenn du so weiter flennst, geht noch heute Abend meine ganze Erholung zum Teufel »Wärst du bloß noch vier Wochen fortgeblieben –!«

Unter solchen erfreulichen Gesprächen wurde endlich der Korridorschlüssel gesunden. Der Telegraphenbote ließ sich die Quittung vorsichtshalber unterschreiben, bevor er die Depesche aushändigte. Dann trat Egon ins Schlafzimmer, öffnete das kleine Papier und las ferner Gattin vor –:

»Amtstelegramm: In heutigem Telegramm
12,35 Uhr ist Versehen unterlaufen.
Sechstes Textwort ist zu lesen 100 000 statt
10 000.«

Eine halbe Minute später waren die beiden Gatten versöhnt. Und sie bemühten sich redlich, von der Summe, die das Amt ihnen unterschlagen hatte, ein gut Teil wieder einzubringen.

 

Nun einmal ein großer Sprung, quer durch Europa durch, bis nach Monte Carlo. Es gibt nämlich auch Bade-Orte, in denen man nicht badet, zu diesen gehört, in allererster Reihe, Monte Carlo, das verführerisch schöne Raubnest am Mittelmeer. Dort gibt es eine Société des Bains de Mer, zu deutsch eine Gesellschaft für Seebäder, eine eingetragene Handelsgesellschaft, die für alles andere sorgt... nur nicht für Seebäder! Diese Gesellschaft verwaltet großartige Betriebe, wie zum Beispiel das Spielkasino, das Theater, Taubenschießen und allerhand andere aufregende Unnützlichkeiten, aber von dem Vorhandensein eines Seebades weiß diese Seebad-Gesellschaft nichts. Und ebenso wenig habe ich jemals in Monte Carlo einen Badegast oder einen Eingeborenen baden sehen. Nach Monte Carlo geht man nicht, um zu baden – sondern um: dagewesen zu seien! Eine meiner gereimten Mittelmeer-Notizen lautet daher:

In Monte gewesen

Aus Frankfurt Frau Zöllner,
Aus Mannheim Frau Wiener,
Herr Schulze, (Neu-Köllner),
Herr Lehmann, (Berliner),
Aus Neustadt Herr Sinter,
Frau Neumann aus Dräsen,
Sie sind diesen Winter
In Monte gewesen.

Sie hatten ihr Bette
»Hôtel de Paris« stehn;
Sie spielten Roulette,
Gewinn ließ man nie stehn.
Sie zeigten mondänes,
Verfeinertes Wesen...
Die Leute verstehn es:
»In Monte gewesen!«

In Cercle privé
Im Sporting-Club (schick!)
Und dann im Musée
Océanographique,
Beim »Tir aux Pigeons«,
Dem skandalösen,
Da sind sie – bon ton! –
In Monte gewesen.

 

Dann drüben in Nice:
Promenade des Anglais...
(Der Südwind, der blies!)
Casino-Jetée...
Dann Auto gefahren,
Corniche bis Mentone,
Ei, freilich, da waren
Sie alle. »Nie ohne.«

Herr Grünhut aus Camenz,
Der kennt schon das Leben!
Der hat dort den Damens
Ost Briefchens gegeben!
Der Mann ist kein Dummer,
Der kommt auf die Spesen!
Der weiß doch, warum er
In Monte gewesen!

Und wer »aus dem Reiche«
Nach Monte geraten,
Er tut stets das Gleiche
Wie diese es taten.
Erfüllt er auf's Haar nicht,
Was hier steht zu lesen,
Dann ist er ja gar nicht
In Monte gewesen!

Das wohlig-durchsonnte
Voll Blütengerauken,
Verbürgt nicht dies Monte
Auch Heilung den Kranken?
Wohl brächt es nah'zu
Für jeden Genesen – –
Doch keiner ist dazu
In Monte gewesen.

 

Ob nicht bald an dem jetzt so häufig »entdeckten« Nordpol ein Badestrand entstehen wird? Ein ganz besonders kühler, an den man in den allerheißesten Sommern flüchtet? In meiner süddeutschen Heimat, die ich kürzlich besuchte, hat man mir ein allerliebstes Nordpolgeschichtchen erzählt, das für den Reisetrieb unserer Jugend charakteristisch ist.

Ich will die kurze Erzählung möglichst genau so wiedergeben, wie ich sie vernommen habe. Und ich gebe ihr die Ueberschrift:

Warums Philippche an de Nordpol 'gange is.

's Philippche war e großer Fresser. Erscht elf Jahr is es alt gewese, awer g'fresse hot es schun so viel wie drei Große zusamme. Dabei hot mer's em gar nit angeguckt; schmal un schmächtig is es gewese wie e Regenwärmche un sei Eltere hawwe sich nit genug wunnere kenne, wo eigentlich des viele Esse gebliwwe is was das Philippche jeden Mittag in sein kleenes Bäuchelche hot enunnerrutsche lasse. Wann's Essenszeit g'worde war, do hot mer sich druff verlasse kenne, do war's Philippche immer ganz pinktlich daheem, un um Zwölfe hot es als Erschter am Disch g'sesse un hot schun am Leffel geleckt bevor noch de Supp uff'm Disch gschtanne is. Un wann die Große vum Mittagesse uffgschtanne sin und hawwe sich e gesegneti Mahlzeit gewunsche, dann is des Philippche immer noch alleen am Disch sitze gebliwwe. bis die Magd kumme is un hot die Teller weggenumme und die Messer un die Gawle un's Dischtuch. Erscht wanns Dischtuch weggenomme war, is des Philippche vom Schduhl uffgeschtanne.

Des Philippche war in der Quarta vom Realgymnasium un war gar kee dummer Kerl, sondern e uffgewecktes, schlaues Birschle. Un wie er als immer hot redde höre un hot lese kenne vum Nordpol un immer vum Nordpol, daß der jetzt entdeckt wär', un daß do immer die Sunn siedlich stünd', un daß es demzufolche immer genau zwölf Uhr mittags wär, un daß es dort nie später werre kennt als zwölf Uhr mittags, un daß es dort aach nie frieher wär als zwölf Uhr mittags – – was macht do des Philippche? Es geht hin un leert sei Schbarkaß aus un steckt des bissele Geld, was drin war, in die link Hosetasch – – und weg war des Philippche un is nie wieder gesehe worre.

Des heißt: so arig weit weg war er nit, des Philippche, un so arig lang is er nit »nit gesehe worre«. Uff der Schossee bei Frankethal hot er de Bolizeidiener gefrogt, obs hier rechts oder links gieng nach'm Nordpol; des is dem Bolizeidiener e bissele merkwärdig vorkumme un do hot er der Sicherheit halwer des Philippche beim Schlawittche gekriegt und do hot's gor nit lang gedauert, bis des Philippche wieder daheem gewese is bei seine Eltere, die ihm in der erschte Freid des Wiedersehens e ganz gewaltigi Dracht Prigel verabreicht hawwe.

Anfangs hot des Philippche dorchaus nit eingschtehe wolle, was es eigentlich am Nordpol gewollt hot. Awer schließlich hawwe se ein all so lang in's Gewisse geredt, bis er doch losgelegt hot.

Er hätt doch als gehört, am Nordpol wär's de ganze Dag zwölf Uhr mittags, un do hätt er sich als gedacht, weil's am Nordpol de ganze Dag zwölf Uhr mittags war', do kennt mer am Nordpol als de ganze Dag – Mittagessen, Und deshalb hot des Philippche an de Nordpol gehe wolle.

Wie er das eingschtanne gehabt hot, do hawwe sich sei Eltere enanner groß angeguckt.

Un das erschte erlesende Wort hot de Mutter gefunne un hot gesagt: »Das Philippche is halt e großer Fresser!« Awer das zweite erlesende Wort hot der Vatter gefunne, der hot gesagt: »Philippche, kumm her, bu kriegscht noch e Dracht Prigel!« Un währendem daß des Philippche sei zweiti Dracht Prigel in Empfang genumme hat, hot es sich innerlich vurgenomme, liwer e bissele weniger zu esse un einschtweile nit wieder an de Nordpol zu gehe.

Un dadabei is es bis jetzt vorleifig gebliwwe.

Meine Damen und Herren – von dem kühlen Nordpol jetzt ein gewaltiger Satz nach dem warmen Ufer des Schwarzen Meeres. Wenigstens war es dort sehr, sehr warm, als mich der Krieg nach diesem Strande verschlug. Wer weiß, ob ich ohne das große Völkerringen jemals dazu gekommen wäre, Rumänien zu sehen und bis nach dem großen Hafenplatz Konstanza vorzudringen, in dessen Nähe, durch eine Bimmelbahn verbunden, das allerliebste Badestädchen Mamaja liegt.

Das Schwarze Meer, meine verehrten Hörerinnen und Hörer, macht seinem Namen durchaus keine Ehre. Es ist keineswegs schwarz, ich erblickte es nur in himmlischem Azurblau. In Mamaja hatte ich ein kleines Erlebnis, das den genauen Gegensatz zu dem gegenwärtigen Augenblick bildet; denn augenblicklich spreche ich in Deutschland mit Deutschen über Mamaja, das in Rumänien liegt. Aber damals sprach ich in Rumänien mit einem jungen Rumänen über Deutschland. Der junge Rumäne erzählte mir, daß er früher, im Frieden, in Deutschland gewesen sei.

»Wie lange waren Sie da?« fragte ich ihn.

»Isch da war drey Tagen, Domnule!« entgegnete er.

Domnule ist rumänisch und heißt auf deutsch ungefähr: »Mein Herr.«

»Warum sind Sie denn so rasch wieder gereist?«

»Weil isch will essen keine Suppen!« erklärte er energisch.

»Aber hören Sie!« rief ich erstaunt, »in Deutschland gibt es doch auch noch andere Sachen als Suppe ...«

»Nein,« beharrte er, »isch haben bestellt ganzen Schpeisekarten, isch immer haben bekommen Suppen.«

»Vielleicht sprachen Sie nicht genügend klares Deutsch?«

»O, isch sprach damals so klares, wie isch heute sprechen klares. Aber was isch haben bestellt, immer isch haben bekommen Suppen. Hab isch erster Tag mittags gelesen auf Schpeisekarten etwas mit Ei, isch essen sehr gern Ei, isch haben bestellen das mit Ei, isch haben bekommen Suppen

»Ach, das war gewiß Fleischbrühe mit Ei?«

»Ganze rischtik, Domnule! Fleischbruhe – so stand auf der Schpeisekarten. Isch erster Tag abends bestellen etwas mit Blumkohl, isch sehr gerne esse Blumkohl, isch wieder haben bekommen – Suppen

Was stand damals auf dem Menu?«

»Sowas ... warten mal! ... So was wie Consommé ... kann das stimmen? Jawoll? Isch zweiter Tag mittags bestelle ganz was Fremdes, frag isch Kellner, ob is auch wirklich Fleisch, er sagt jawoll, isch bestellen also » Königsberger Fleck« – was bringen er mir? Wieder Suppen

»Ja ... allerdings ... »Königsberger Fleck« ist so ne Art Suppe!«

»Isch zweiter Tag abends bestellen ein Chun«

»Was ist das?«

»Ein Chun, Domnule! Ein Chun im Kopf!«

»Sie meinen ein »Huhn im Topf«?«

»Jawoll. Er mir bringen wieder Suppen. Und isch für mein Lebe nischt gerne esse Suppen. Dritten Tag mittags isch bestelle Schwein; Schweinsohren. Mit dicke Erbse.«

»Umgekehrt, lieber Herr Rumäne! Dicke Erbsen mit Schweinsohren!«

»Jawoll, Domnule! Und was bringen er mir? Wieder Suppen. Und dritter Tag abends. Isch Wille gehen ganze sischer. Isch nachsehen jedem Wort in Lexikon. Isch bestellen Rind, Rinderbrusten. Mit Kartoffeln.«

»Mit Bouillonkartoffeln?«

»Nein, Domnule, Mit Bruhkartoffeln! – Bringen er mir wieder Suppen! Bin isch mit das Nachtzuk abgereisen von Deutschland, hab isch gegessen nächsten Mittag in Budapest eine Spanferkell, was is gewesen wirklich eine Spanferkell. Seitdem ich nie wieder gehen nach das Deutschland, wo es nischt gibt als wie Suppen.«

 

Er hatte nicht ganz recht, der liebenswürdige Rumänenjüngling von Mamaja! Es gibt in Deutschland schon noch einige andere leibliche Genüsse – außer »Suppe«! Soll ich mal einige davon aufzählen?

Vieles hat uns der Weltkrieg genommen,
Mars ist ein Räuber, ein ruchloser Dieb,
Doch nun ist manches wiedergekommen,
Was uns noch immer begehrenswert blieb.
Deutsche Dörfer und deutsche Städte!
Wer eure lieblichen Namen hört,
Ahnungsvoll knüpft er Gedankendrähte
Zu dem Erwünschten, das wiedergekehrt:

Kiel, die Stadt der Revolution,
Kann wieder Sprotten ins Binnenland senden.
Ahlbeck darf wieder, seit langem schon,
Räucher-Flundern dem Reiche spenden!
Danzig kann allen sein Goldwasser schicken,
Lübeck den schmelzenden Marzipan;
Liegnitz kann alle mit » Bomben« beglücken,
Die keinem Menschenkind Leides getan.
Freiburg, im Breisgau, schickt Freiburger Brezel,
Lübben schickt Gurken, und nicht zu knapp,
Görlitz, wo Ablaß verkaufte Herr Tezel,
Läßt uns die Görlitzer Erbswurst ab.
Hamburg kann herrliches Rauchfleisch schicken,
Kisten Zigarr'n, daß es bloß so glimmt,
Spickaal und recht viele »Hamburger Küken«,
Deren jedes in Butter schwimmt.
Dresden schickt Dresdner Zigaretten,
Aepfel von Borsdorf sind bald unterwegs,
Und Hannover verfrachtet die fetten,
Netten, knusprigen Butterkeks.

Aachen liefert die Aachener Printen,
Nürnberg schickt Pfefferkuchen her,
Bremen versorgt uns mit Krabben und Stinten,
Stonsdorf mit bräunlichem Bitterlikör.
Bleibt kein Markt mehr ein gesperrter!
Treptower Honig gibt's ohne »Kunst«,
Spargel aus Schwetzingen, Kirschen aus Werder,
Friedrichsdorf setzt sich durch Zwieback in Gunst.
Königsberg füttert die deutschen Lande
Erstens mit » Klops« und zweitens mit » Fleck«,
Und das westfälische Münster versandte
Pumpernickel und Schinkenspeck.

Kiebitzeier schickt Jever vom Walde,
Kassel schickt Rippespeer als Gruß,
Sprrritzkuchen kommen aus Eberswalde,
Aus Tangermünde das herrlichste Mus.
Und aus Deutschöst'reich sehn wir was winken,
Davon wünschen wir ganze Karr'n:
Nockerln, Gugelhupf, Palatschinken,
Kipfel, Backhändl, Strudel
und Schmarrn.
Dresden schickt Stollen von feinster Sorte,.
Prunkend von Füllung bei jedem Schnitt,
Linz die duftige Linzer Torte,
Nienburg das köstliche Biskuit.
Altenburgs duftiger Ziegenkäse
Kommt uns wieder in Fülle zu.
Harzer – wer den nicht gerne äße! –
Limburger, Mainzer, »Berliner Kuh«.
Dresdener Bierkäse, Koppenkäse,
Tilsiter, Ragnitzer
, der aus Worin,
– Ach, mir ist, als könnt in die Näse
Schon die berauschenden Düfte ich ziehn.

Und erst die Würste! Mich faßt schon ein Schauer,
Eß' ich da nur in Gedanken mich satt:
Braunschweig, Regensburg – Nürnberg – Iauer –
Gotha – Göttingen – Halberstadt.
»Heiße Wiener« in holden Pärchen.
Rosige Würstchen aus Frankfurt am Main.
Münchener Weißwurst – – – jedes Jährchen
Muß ich mit dir beisammen sein.
Bier – kein elendes »zweiprozentiges«
Wässriges, magenverblödendes Naß,
Nein, ein verständiges, schäumend lebendiges,
Rinnt uns wieder vom Faß ins Glas –:
Nürnberger Sucher, Münchener Spaten,
Bürgerbräu, Löwenbräu, Pschorr und Leist,
Dortmunder, Kulmbacher, dunkel geraten,
Und dann noch eins, das » Hofbräu« heißt.
Köstritzer Braunbier, das tadellose,
Lichtenhainer, gleich blondem Gelock,
Braunschweiger Mumme, Leipziger Gose,
Berliner Weiße, Pfungstädter Bock.
Aber wenn ich des Weines gedenke,
Den uns die heimische Rebe beschert,
Wird mir, als säß' ich schon drin in der Schänke,
Wo man die blumigen Namen verehrt –:
Markgräfler, Piesporter, Scharlachberger,
Forster Kirchenstück, Geisenheim,
Berncastler Doktor, Johannisberger,
Walporzheim, Nierstein und Rüdesheim
.

Deutsche Dörfer und deutsche Städte,
Eure Namen klingen so schön –
Dieser Klang, der gewaltig beredte,
Sagt uns, wir werden nicht untergehn,
Deutsche Dörfer und deutsche Städte,
Eure Namen stärken den Mut;
Wahrlich, es ist kein schlechter Prophete,
Wer euch verkündet: bald geht es uns gut.
Und die Hoffnung, sie wird nicht blasser,
Die uns am Zukunftshimmel blaut,
Wenn auch mancher heute noch Wasser
Trinkt und trocken Brot dazu kaut!
Deutsche Dörfer und deutsche Städte,
Wieder lebt ihr im alten Fleiß,
Und der Segen, der heiß erflehte,
Naht als der ehrlichen Arbeit Preis!

Um wieder zu unserem Thema zurückzukehren! –: Auf die Ufer der Nordsee, des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres, habe ich Sie, meine Damen und Herren, in dieser Viertelstunde einen Blick werfen lassen ... kehren wir noch einmal zurück zur heimatlichen Ostsee. Bei meinem letzten Aufenthalt habe ich mir dort die Strandgespräche aufgeschrieben, die Bruchstücke, die ich so im Vorübergehen aufschnappen konnte. Und dabei habe ich die Entdeckung gemacht, daß diese Strandgespräche an allen Meeresufern Europas die gleichen bleiben. Man könnte beinahe hinzufügen: Hunderttausend Mark demjenigen, der mir ein Seebad nachweist, wo das nicht gesprochen wird, und der mir dort Badegäste zeigt, die das nicht gesprochen haben!

Also, die Strandgespräche. Sie lauten:

»Haben Sie schon gehört? Das Feuerwerk fällt heute abend aus.«

»Auf dem Kinderfest gestern war wieder gar nichts los.« ...

»Ich spüre noch von vorgestern das Schiff in meinen Gliedern, also, auf mein Ehrenwort, ich spür's noch.« ...

»Denken Sie mal an, der Kellner hat sich beim Mittagessen heute schon wieder geirrt.« ...

»Also wissen Sie, Frau Meier, die gestrickte Jacke wärmt soooo schön, kann ich Ihnen sagen!«

»Ich weiß nicht, aber die Zigarre schmeckt hier nicht.« –

»Wie ich vorhin ohne meinen Mann am Strand sitze, spricht mich doch dieser freche Mensch an! Und ohne sich vorzustellen!« –

»Schade! Die Aufnahmen sind nichts geworden, ich hatte vergessen, die Platte zu wechseln.« – »Ich will Ihnen einmal etwas erzählen. Eines schönen Tages saß ich im Hotel, es regnete gerade so furchtbar.. – – –

»Denken Sie bloß, das Zimmermädchen in meiner Pension muß das ganze Trinkgeld an die Inhaberin abgeben!« – – –

»Komm' ich runter an den Strand, sitzt da ein fremder Kerl in meinem Korb, als ob er ihm gehörte.« – – –

... »Und Butter und Käse. Das ist das kleine Diner. Beim großen haben Sie noch...« – – –

»Wie ein grauer Himmel aussieht, weiß ich

nun ganz genau.« – – –

»Ich komme an, mache meinen Koffer auf, liegt oben auf mein Handspiegel, zerbrochen.« – –

»Nach Tisch les' ich dann ein paar Zeilen in meiner Zeitung – da schlaf' ich gleich ein.« – –

 

Und dann gibt es, das sei der Schluß meiner Beobachtungen und meines heutigen Vortrages, – und dann gibt es bei den verheirateten weiblichen Badegästen aus Europa zumeist eine unheimliche Leidenschaft. Nämlich: die Sucht, mit einander verwandt sein zu wollen! Das geht meist folgendermaßen zu:

Frau Mayer geht zum Wandkorb
Und nimmt die Stickerei
Und setzt sich in den Strandkorb;
Im nächsten sitzt Frau May.

Erst schied die beiden Damen
Noch streng die Strandkorb-Wand:
Bald nannten sie ihre Namen
Und wurden einander bekannt.

Die Zeit war keine verlorene,
Man gab sich die Biographie:
»Was sind Sie für eine Geborene?«
»Geborene Schmalz – und Sie?«

Und Jede unverdrossen
Hält allen Fragen stand.
Eh' eine Stunde verflossen,
Da waren beide – – verwandt.

 

Schade, daß die Zeit schon um ist, die mir für den heutigen Vortrag zur Verfügung steht! Ich hätte Ihnen, meine Damen und Herren, über den badenden Europäer und über die badende Europäerin noch so manches zu erzählen. Aber vielleicht reisen Sie nächstens selbst, dann werden Sie ja persönlich genug erleben! – – – Denjenigen zahlreichen Herrschaften, die in diesen schweren Zeiten das Reisegeld nicht beisammen haben, hat wenigstens diese Viertelstunde drahtlos ein bißchen Seeluft ins eigene Heim gebracht! Auch bei ihnen wird sich alles zum besseren wenden. Ein, zwei Jahre später wird auch ihre Reisekasse wieder gefüllt sein –

Dann wallen auch sie aus dem Binnenlands
Hinaus zum lockenden Meeresstrande,
Dann werden auch sie wieder schwimmen und segeln
Und baden, nach strengen Strandvorschrifts-Regeln,
Zwischen Krabben, Stinten, Krebsen und Stören.
Jawohl! Und inzwischen: Auf Wiederhören!

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