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Luginsland

Otto Roquette: Luginsland - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorOtto Roquette
titleLuginsland
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1867
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Ich und meine Companie

Du willst wissen, lieber Freund, wie das Alles so überraschend gekommen ist, und verlangst einen ausführlichen Bericht über die seltsamen Abenteuer, welche meinem Leben eine so unverhoffte Wendung gaben? Gern will ich dir erzählen, doch befürchte ich, das Glück macht deinen Freund Friedhelm geschwätzig, und er geht gar zu sehr in die Breite über Dinge, die ihm selbst wohl bis in die kleinsten Einzelheiten von Interesse sind, deinen Antheil aber nicht in gleichem Grade herausfordern können. Denn es sind Schülergeschichten, die sich als die bunte Schale um den Kern meines Erlebnisses herumziehen, kleine, zum Theil sehr lächerlich unbedeutende Ereignisse einer Schulferienreise, die vor dir, der du jetzt ein gewaltiger Politiker geworden bist, wenig Gnade finden werden. Allein neben mir sitzt ein gewisser Jemand, der diese meine Besorgnisse nicht theilt, und, von der Handarbeit aufblickend, mir zuruft:

»Schreibe nur getrost drauf zu, Friedhelm, und laß mir nichts aus, würde selbst ein Buch aus der Geschichte! Dein Freund ist selbst Pädagog, und hat, wie du mir sagst, das gleiche liebevolle Interesse für die Jugend, er theilt mit dir die eingehende psychologische Beobachtung, das Charakterstudium der jungen Leute, also wird ihm deine Schilderung auch bis ins Kleinste willkommen sein. Und wächst dir das Manuscript für einen Brief zu mächtig an, nun so schenk es mir – oder besser, denke gleich, dieser Fall sei die Hauptsache, und dann schicke ich mein Eigenthum deinem Freunde leihweise. Also frisch ans Werk, ich störe dich nicht weiter!«

So sagte dieser gewisse Jemand, dessen Wünsche mir Befehle sind, und von dessen Mahnung freudig beflügelt ich folgendermaßen anhebe.

 

Es war in der letzten Woche vor den Sommerferien des vergangenen Jahres, als mir der Direktor unserer pädagogischen Musteranstalt den Wunsch eröffnete, eine Anzahl von Schülern, welche durch besondere Umstände verhindert waren ihre Familien aufzusuchen, unter meiner Führung auf eine Fußreise zu schicken. Es war ihm bedenklich, sie in der Anstalt zurückzuhalten, da unter den Kindern einiger Lehrerfamilien die Masern ausgebrochen waren, und die Gefahr einer umfassenderen Niederlage auch unter den Zöglingen mit höchst trüben Ferienaussichten drohte. Deshalb wollte mir die Frau Direktorin auch ihr elfjähriges Söhnchen, Fränzchen genannt, anvertrauen, um welches sie sehr ängstlich war.

Eigentlich war mir dieses ehrenvolle Anliegen Anfangs sehr unangenehm, da ich für meine Person bereits anders über die freie Zeit geplant hatte, allein das Dringen des Direktors und die Versicherung seiner Gattin, daß sie keinem Lehrer mit größerem Vertrauen die Knaben auf einige Wochen überlassen könnten, ja, daß sie sich in der größten Verlegenheit sähen, wenn ich sie dießmal im Stich ließe, gewannen die Oberhand bei mir. Dazu kam, daß ich von der Schaar unserer augenblicklich Heimathlosen, Großen wie Kleinen, umjubelt und bestürmt wurde, denn die Aussicht auf eine Fußreise, eine Aussicht, um die sie von den Heimfahrenden fast beneidet wurden, erschien als der süßeste Ersatz für die dießmal verwehrten Familienfreuden. Und endlich bin ich so mit Leidenschaft Jugenderzieher, daß mir auch die Arbeit dabei niemals eine Last gewesen, ja, daß ich sogar meine Freistunden gerne mit pädagogischen Dingen ausfüllte. Denn zu hoch steht mir der Beruf des Lehrers, des ersten Bildners der Menschheit, als daß mich vor einem idealen Gesichtspunkt die Zufälligkeiten und Kleinlichkeiten des Werkeltags oder der individuellen Unbildsamkeit jemals ernstlich hätten verstimmen oder lässig machen können. Ich gestehe, ich habe für meine Zöglinge ein Interesse, das ich geradezu Liebe nennen muß, ein persönliches Verhältniß zu jedem Einzelnen, verschieden je nach seiner Individualität, Eigenart und seinem Charakter. Das wußte der Direktor, das wußten auch die Jungens, die mich bittend umringten, und kurz, ich hatte meine anderweitigen Pläne bereits aufgegeben, und erklärte mich bereit zur dreiwöchentlichen Wanderschaft.

Nun begann mit dem Schluß der letzten Lehrstunde ein ungeheures Abreisen aus unserer von Wald und Bergen umgebenen Schulkolonie, und am Abend war es stiller als sonst, nur daß die Herzen der zehn Zurückbleibenden in Erwartung des nächsten Morgens lauter schlugen. Der Reiseplan war unter Mithülfe des Direktors, und Berücksichtigung billiger Wünsche der größeren Schüler genau entworfen, die Reisekleidung, welche wenig Umstände machte, fertig. Denn obgleich meine Schaar an Alter und Größe sehr verschieden war, – sie bewegte sich zwischen elf und neunzehn Jahren – so war doch für Alle die gleiche Tracht bestimmt, nämlich Hosen und Jacke von blau und weiß gestreiftem Drillich, dazu ein Strohhut, ein Ränzel, ein leichtes wollenes Plaid für alle Fälle, der Wanderstab nicht vergessen. Ich selbst war natürlich zu diesem Costüm nicht verpflichtet. Die drei Großen hatten Anfangs gegen eine solche Kleidung gemurrt, die sich zwar im Sommer für Schulbänke, Turnplatz und selbst Spaziergänge, als trefflich bewährte, aber auf einer Reise, wo man doch auch durch Städte und unter Menschen zu kommen hoffte, für fast erwachsene Jünglinge nicht passend erscheinen sollte. Ich wußte sie zu begütigen, und die Reisestimmung that das Ihrige, die Frage um die äußere Erscheinung in den Hintergrund treten zu lassen.

So waren wir glückselig ausgewandert, und bereits seit sechs Tagen unterwegs. Wir hatten neue Gegenden gesehen, Berge und Burgen bestiegen, uns in Hämmerwerken technische Belehrung geholt und in einer Glashütte mit Staunen die wunderbare Kunst, Bierflaschen zu machen, beobachtet; wir hatten viele schöne Lieder gesungen, uns von den Dorfhunden anbellen lassen, und manches Wirthshaus in Verlegenheit gesetzt. Denn wenn sich auch für die Nacht eine Streu meist leicht beschaffen ließ, so stand doch unser immer reger Appetit, der sich zu manchen Stunden zum Wolfshunger steigerte und uns wie eine Heuschreckenschaar über alle Vorräthe herfallen machte, oft nicht im richtigen Verhältniß zu dem Vorhandenen. In den ersten Hotels kehrten wir selbstverständlich nicht ein, meist jedoch waren wir willkommene Gäste, wo wir sonst Einlaß begehrten.

Wir hatten auch schon manchen kleinen Streit unter uns gehabt. Denn da wir sehr verschiedenen Alters waren, stimmten die Wünsche über das Maaß der Wanderziele oft nicht überein. Die Großen, die gern auf starke Leistungen zurückblicken mochten, drangen auf tüchtige Märsche, ich dagegen mußte, aus Rücksicht für den Kleinsten die Tagesrouten beschränken. Daher war den Ersteren Fränzchen ein Dorn im Auge. Zu Hause hatten sie den Knaben gehätschelt, jetzt auf der Wanderschaft, wo er sie behinderte, wurde er häufig ein Gegenstand ihrer Ungeduld. Doch ward der Streit immer bald beigelegt, und ich traf die Veranstaltung, daß ich bei graden und unverlierbaren Wegen die drei Großen als Quartiermacher vorausschickte, damit sie, Pflicht und Genuß vereinigend, ihre Beine mächtiger ausschreiten lassen könnten. Ein besonderes, uns Allen erfreuliches Mittel, die Schritte zu beflügeln, war das Singen, und wir sangen fast unaufhörlich. Jeden Morgen rückten wir aus mit dem Liede:

Hinaus in die Ferne
Mit lautem Hörnerklang,
Die Stimmen erhebet
Zu männlichem Gesang!
Der Freiheit Hauch
Weht mächtig durch die Welt!
Ein freies, frohes Leben
Uns wohlgefällt.

Hörnerklang hatten wir freilich nicht aufzuweisen, und ebensowenig beirrte es uns, daß Fränzchen seinen hellen Sopran in den männlichen Gesang mit erklingen ließ. Mit jauchzender Energie wurde stets der »Freiheit Hauch« betont, denn wir »hatten« ja frei, nämlich keine Schule, und waren in der Stimmung, uns um gar nichts auf der Welt zu kümmern. Und wenn dann die Strophe kam:

Der Hauptmann er lebe,
Er geht uns kühn voran!

dann sahen Alle mit glücklichen Gesichtern mich an, und schwenkten die Hüte, und brachten mir ein Hoch, das durch Wälder und Thäler erscholl. Das geschah alle Tage, und ich mußte meiner Companie für die täglich wiederholten Ehrenbezeugungen wohl dankbar sein.

Auch am siebenten Morgen waren wir mit diesem Liede aus einem kleinen Städtchen ausgerückt, und hielten jetzt nach mehrstündigem Marsche eine kurze Rast. Wir waren von der breiten Straße, die sich um die Höhe des Bergrückens herumzog, hinabgestiegen, und hatten uns einen hübschen Lagerplatz unter einer Buche ausersehen. In unserem Rücken der Berg, um uns her Rasen und Gesträuch, drunten eine Thalschlucht, ringsherum freier Blick über waldige Gipfel. So saßen wir in Gruppen und verzehrten unser aus Butterbrod und Obst bestehendes Frühstück, das wir aus der Herberge mitgenommen hatten.

Zu meiner Rechten lagerte Felix Brauser, der von Allen am Meisten fähig war seiner Begeisterung durch Worte Ausdruck zu geben, und Freudenrufe, wie: Reizend! Himmlisch! Entzückend! immer bei der Hand hatte. Er war das einzige Kind einer sehr schönen Frau, welche früh Wittwe geworden, und, bei augenscheinlichem Wohlstand, lebhaft in der Welt und Gesellschaft verkehrend, den Knaben schon in seinem achten Jahre unserer Anstalt übergeben hatte. Die Vortheile äußerer Erscheinung waren von der Mutter auf ihn übergegangen.

Der schlank aufgeschossene, kaum siebzehnjährige Jüngling war von einnehmender Gestalt, sein rosig frisches Gesicht und der goldbraune Krauskopf zogen die Blicke auf sich. Er hatte schon früh eine bei Knaben seltene Gewandtheit und Anmuth der Formen, die sich mit den Jahren zu einer alle Herzen gewinnenden Liebenswürdigkeit entwickelte. Die Schwester unseres Direktors, eine sonst sehr rechtschaffene Person, sagte einmal, der Junge sei, wenn seine Mienen ernst, »raphaelisch,« wenn er aber freundlich aussehe, »unwiderstehlich«. Irgend Jemand hatte ihn irgend einmal »Ganymed« genannt, und der Name war ihm geblieben, seine Mitschüler nannten ihn nie anders. Einer von ihnen, Damian Griesler, der eine böse Zunge hatte und ihn nicht leiden konnte, nannte ihn gern »Ganymädchen,« und in früheren Jahren nicht ganz mit Unrecht, denn Felix hatte damals in seinem Wesen etwas Mädchenhaftes. Jetzt, mit siebzehn Jahren, da er bereits Tenor sang, war das nicht mehr so hervortretend.

Ich glaube nicht, daß Felix Brauser den Ausspruch jener Dame jemals zu Ohren bekommen, aber ein gewisser, ihm selbst noch unverstandener Drang nach Unwiderstehlichkeit, ein eitler Zug, lag bei aller Unbefangenheit in seinem Wesen doch ausgeprägt. Keiner seiner Mitschüler wußte das Hütchen so keck aufzusetzen, keiner selbst die gestreifte Drillichjacke mit solcher Eleganz zu tragen. Wenn die Andern einen grünen Zweig auf den Hut steckten, fügte er für den seinen einen Blumenstrauß, den er am Wege pflückte, hinzu. Er wußte ihn sehr sinnig zu wählen, er trug auch Blumen im Knopfloch, er steckte sie sogar in den Gürtel, und wenn er bei sich selbst keine mehr anbringen konnte, schmückte er die Hüte der Kleineren damit. Er gehörte zu den Großen, beschäftigte sich aber auch sehr gern mit den Jüngeren, und führte mit Vorliebe Fränzchen an der Hand, dem er Geschichten erzählte.

Ganymed war mir sehr zugethan, er wußte mir seine Liebe mehr zu zeigen als die Andern, und ich fühlte mich seinem einschmeichelnden Wesen nur zu sehr zugänglich, allein ich zeigte es ihm um so weniger, und hielt ihn grundsätzlich in einiger Entfernung, denn die Gefahr ihn zu verwöhnen lag zu nahe. Wenn unsere pädagogische Musteranstalt, in welcher übrigens ebensoviel dumme Streiche gemacht werden als anderswo, einen Musterknaben hätte vorschieben wollen, um sich ganz besonders zu empfehlen, so brauchte sie nur Felix Brauser in's Feld zu schicken. Der glückliche Junge eroberte sofort die Herzen, auch wo er keine Ahnung davon hatte.

Aber meinen eigentlichen Liebling konnte ich ihn doch nicht nennen. Der saß, ein paar Schritte davon, biß tüchtig in sein Butterbrod, und wußte nicht und brauchte nicht zu wissen, daß er von der ganzen gestreiften Companie dem Hauptmann am meisten nach dem Sinne war. Fritz Haland hatte ein grundehrliches Gesicht, und Augen, aus welchen, bei aller Treuherzigkeit, der Muthwille recht lustig hervorblicken konnte. Ohne hervorragende Talente, war er tüchtig, zuverlässig, brav. Er stand im neunzehnten Jahre und sollte zu Michaeli zur Universität abgehen, um Philologie zu studieren. Und zwar zugleich mit dem Aeltesten meiner Companie, Benno Wolf, mit dem er ein ideales Freundschaftsverhältnis; geschlossen hatte. Die beiden Jünglinge schwärmten im Stillen für Poesie. Fritz Haland hatte Goethes Gedichte mit auf die Wanderschaft genommen; Benno Wolf, von leidenschaftlicherer Gemüthsart, den Faust, was eigentlich verboten war. Unsern Ganymed, der auch zu den Großen gehörte, nahmen sie nicht in ihren Bund auf, sie hielten ihn nicht für voll, wiewohl er für sein Alter ziemlich vorgeschritten und in der Schule nur ein Jahr hinter ihnen zurück war. Trotzdem galt er ihnen in manchen Dingen mehr als Autorität, als sie selbst wußten.

Während so meine Schaar vergnügt im Grünen lagerte und frühstückte, begann Fränzchen, der zu meinen Füßen saß, und in eine Frühbirne einbiß: »Herr Friedhelm, warum schreibt Benno Wolf schon wieder in sein Taschenbuch?«

Ich lenkte meine Augen nach dem Bezeichneten, der etwas entfernter saß und Notizen in sein Tagebuch eintragen mochte. – Da entgegnete Damian Griesler laut und mit hämischem Gesichte: »Er dichtet wahrscheinlich. Benno Wolf macht heimlich immer Liebesgedichte!« Die Andern lachten.

Damian Griesler war, wie schon gesagt, die böse Zunge unserer Companie, und selbst die Großen hatten sich vor ihm zu hüten. Für seine fünfzehn Jahre auffallend klein, wurde er zu den Kleinen gerechnet, denen er sich doch geistig überlegen fühlte. Er hatte nichts Einnehmendes. Seine Augen blickten stets mit einer gewissen Scheu empor, als hätte er Etwas zu verbergen, und da er sich in jenen Entwicklungsjahren befand, die manchen jungen Naturen besonders ungünstig sind, zeigte seine Gesichtsfarbe etwas Krankhaftes, brachte seine Stimme die unglaublichsten Töne hervor, die wider Willen zwischen höchster Fistel und männlicher Rauheit wechselten.

Damian hatte unter seinen Mitschülern keinen, dem er sich besonders angeschlossen, aber dafür einen, den er entschieden nicht leiden konnte, nämlich Ganymed. Ihrer beider Naturen stießen sich äußerlich wie innerlich ab, und Damian, dem dieß mehr zum Bewußtsein gekommen sein mochte, als den Andern, machte kein Hehl daraus. Aber er wagte sich spottend auch gern an Andere, und schon seit ein paar Tagen hatte ich bemerkt, daß er es auf Benno Wolf, unsern Aeltesten, abgesehen.

Während nun die Jüngeren lachten, bei der Eröffnung, die mir selbst neu war, daß Benno Gedichte, sogar Liebesgedichte mache, erhob sich der Angeschuldigte mit Ruhe, und schritt auf Damian zu, in der unzweideutigen Absicht, ihn einmal beim Kragen zu nehmen. Allein Damian schnellte empor wie ein Pfeil, schoß davon, jagte erst in Kreisen um uns herum, dann, verfolgt von dem Größeren, in das Gebüsch, wo Beide unsern Augen entschwanden. Ueberzeugt, daß Benno keinen Ernst aus dem Spaß machen werde, ließ ich sie laufen und jagen.

Da erhob sich in meiner Nähe eine Stimme, die sich nur selten geltend machte. Sie gehörte einem der dicksten und faulsten Jungen, die mir je vorgekommen, Namens Karl Schröder. »Das Dichten ist an sich doch keine Schande?« sagte er. »Männer, mit denen sich Benno doch wahrhaftig nicht messen kann, haben so was schon gethan, zum Beispiel Schiller. Na nicht wahr?« –

Konnte ich dem Sprecher und seinem gesinnungsvollen Eintreten für die Ehre der Dichtkunst auch vollkommen Recht geben, so überraschte es mich doch, daß die Vertheidigung gerade von dieser Seite kam. Denn Karl Schröders Trägheit in Allem, und auch in Worten, war bekannt, und der einzige Luxus, den seine Sprache sich erlaubte, war die bei ihm typisch gewordene Frage: »Na nicht wahr?« die er jedem seiner Sätze anhängte. Er besaß eine solche Körperfülle, daß man ihm gleich superlativisch den Beinamen »der Dickste« gegeben hatte, und bedurfte zu seiner Ernährung so reichlicher Portionen, als die beiden Großen, Benno und Fritz, die doch auch das Ihrige in gutem Appetit leisteten, zusammen kaum verzehrten. Wenn ihm bei Tische volle Freiheit gelassen wurde, nahm der Genius der Mäßigkeit händeringend die Flucht.

Ihm vor Allen war die Fußreise als Cur empfohlen, aber er zugleich war der Einzige, der ein solches Vergnügen nicht zu begreifen und zuweilen körperlich wie moralisch darunter zu leiden schien. Zumal seine Schwerfälligkeit die Neckereien der Uebrigen vielfach herausforderte. Er hatte dann zur Abwehr nichts Anderes, als den stets erfolglosen und doch stets wiederholten Ausruf: »Nich!« – Wenn Damian Griesler ihn mit einem Grashalm hinterlistig am Ohre kitzelte – »Nich!« Wenn Ganymed ihm die ausgezogene Jacke wegnahm und sie wo anders hintrug, um ihm etwas Bewegung zu machen – »Nich!« Wenn Fränzchen Miene machte ihm ein Butterbrod zu entführen – »Nich!« Er griff zu keiner andern Vertheidigung seiner Person und seines Eigenthums, und fühlte sich in seinem innersten Wesen gekränkt, wenn man diese nicht achtete und ihm Unbequemlichkeiten verursachte.

Mit solchen Kindereien waren wir, trotz der von Karl Schröder aufgeworfenen ästhetischen Prinzipienfrage, beschäftigt, als unsere Augen plötzlich auf etwas ganz Anderes hingelenkt wurden. Ein Wagen, worin eine junge Dame und zwei Knaben saßen, fuhr auf der ansteigenden Bergstraße hinter uns langsam aufwärts, ohne daß wir besonders darauf Acht gegeben. Jetzt machte Ganymed mich aufmerksam, daß der Wagen hielt, die junge Dame mit den Knaben ausgestiegen war und geradeswegs auf unsern Lagerplatz zugeschritten kam. Alle Augen starrten ihr verwundert entgegen. Ich erhob mich, zweifelhaft, ob der Besuch wirklich uns gelten sollte, und that ein paar Schritte, wahrend die der Dame, jemehr sie sich näherte, desto langsamer wurden, und trotz ihres freundlichen Lächelns, sich einige Befangenheit in ihrem Wesen zeigte. Ich grüßte und ging auf sie zu.

»Verzeihen Sie unsere Zudringlichkeit« – begann sie zögernd. »Ich konnte den inständigen Bitten meiner beiden kleinen Freunde nicht widerstehen, die Ihren Lagerplatz gar zu gern in der Nähe betrachten wollten. Sie sind der Lehrer und Führer dieser jungen Herrn?«

Sie blickte mit angenehm wohlwollenden Augen über meine Schaar hin, während ihre Begleiter und die Jüngsten meiner Companie einander schweigend wie die Meerwunder begafften. Ich gab der Dame Auskunft, wer wir wären und wo wir herkämen, und bemerkte, wie ihre Augen, während ich sprach, sich mit Ueberraschung auf Jemand zur Seite hinter mir wendeten. Ich täuschte mich nicht, der Blick galt Felix Brauser. Denn Ganymed war bei ihrer Annäherung sofort aufgesprungen, hatte in dem Gefühl, daß er den guten Ton hier mit zu vertreten habe, schnell den untersten Knopf der Jacke zugeknöpft, das Hütchen auf's Haupt geschwungen, und stand nun grüßend und mit einer Verbeugung da, wie nur natürliche Anmuth sie veranstalten kann. Die Dame sah den verführerischen, rosigen Burschen dastehen, mit Blumen geschmückt, halb kindlich, halb selbstbewußt, sie neigte lächelnd ihr Haupt zum Gegengruß, und sah darauf mich an mit einem Ausdruck, der schweigend zu verstehen gab: »Mit Dem können Sie Staat machen!«

Ich winkte Fritz Haland herbei, der etwas verlegner und linkischer grüßte, aber vor Ganymed den Vorzug und die Ehre erhielt, von unserem Gast angeredet zu werden. Unsere ganze Unterhaltung währte kaum fünf Minuten. Die Dame rief ihre beiden Begleiter zurück, mit der Frage, ob sie sich nun sattgesehen? und empfahl sich, nochmals für ihre Freiheit um Verzeihung bittend.

Sie hatte ihren Wagen noch nicht erreicht, als Felix Brauser mich hastig fragte, ob es die Höflichkeit nicht fordere, daß er ihr behülflich sei, in den Wagen zu steigen? Ich stutzte, und mir kam der beschämende Gedanke, daß ich selbst wohl so viel Lebensart hätte haben müssen. Allein ich war entschuldigt, dachte ich wieder, durch die Pflicht, bei meiner Heerde zu bleiben. Doch hatte ich nichts dagegen, daß Felix mein Amt übernahm, und so schoß er über den grünen Plan, gefolgt von Fritz Haland, der denn auch nicht zurück bleiben wollte. Ich sah, wie Beide die Dame erreichten, wie sie den Wagenschlag aufmachten, wie die Dame dankte und ihre Artigkeiten annahm, und wie der Wagen davon fuhr. Ja, ich mußte erblicken, wie Ganymed, der verwetterte Junge, sein Taschentuch zog und der Dahinfahrenden nachwehte, und wie die Dame belustigt und über's ganze Gesicht lachend, auch ihr Tuch ein wenig zurückwehen ließ.

Als die beiden Ritter zurückkehrten, konnte ich nicht umhin, Felix einen Verweis für seinen Ueberschuß an Höflichkeit zu ertheilen, den er verwundert und erröthend hinnahm. – Gleich darauf kamen Benno und Damian, die wir über unser Erlebniß aus den Augen verloren, wieder, und Felix berichtete dem Ersteren sofort, wieviel er versäumt habe. Ein »reizendes junges Mädchen« sei dagewesen, und wenn er es nicht glauben wolle – da fahre der Wagen noch!

Benno schien verwundert und zugleich verstimmt, bei einem solchen Hauptereigniß der Reise – denn so wurde es bereits aufgefaßt – gefehlt zu haben, ich aber rief zum Aufbruch, und bald schritten wir wieder auf der Landstraße hin. Schon fingen die Jüngeren wieder an im Chor anzustimmen: »Der Hauptmann er lebe,« ich aber war nun schon so überzeugt von der Aufrichtigkeit dieses Wunsches, daß ich Einhalt zu thun suchte und um ein anderes schönes Lied bat.

Eine Weile schritt ich schweigend inmitten meiner Schaar hin, denn meine Gedanken waren im Stillen bei freundlichen Erscheinung der jungen Dame, und ihre lieben blauen Augen, die so gütig über unsern Kreis hingeschweift, sahen mich noch immer an. Es that mir doch leid, gar nicht zu wissen, wer und woher sie sei, während ich ihr jede Auskunft über uns gegeben. Und nun war sie dahingefahren, und ich sollte ihr vielleicht in meinem Leben nicht wieder begegnen. Es machte mich fast betrübt, und ich ließ mich in immer tieferem Schweigen gehen.

Da wurde ich fast erschreckt und fühlte mich wie innerlich ertappt durch eine Frage, die neben mir laut wurde.

»Herr Friedhelm,« fragte Felix Brauser, der neben mir ging, »wie alt mochte die junge Dame wohl sein? Doch höchstens achtzehn Jahre!«

Das schien mir doch zu niedrig gegriffen, denn im Stillen schätzte ich sie wohl auf fünfundzwanzig Jahre, allein ich behielt es für mich.

»War sie nicht sehr hübsch?« fuhr Felix fort zu fragen. Statt meiner aber nahm mein biederer Fritz Haland das Wort, und entgegnete: »Wunderschön!«

Ich wünschte das Gespräch vom rein persönlichen auf ein allgemeineres Gebiet zu lenken, und suchte deutlich zu machen, daß die regelmäßige Schönheit meist weniger ansprechend sei, als der Ausdruck der Innerlichkeit bei weniger regelmäßigen Zügen, daß reine Herzensgüte, reiches inneres Leben, geistige Bedeutung, wo sie in den Zügen zur Erscheinung kommen, einen größeren Reiz ausüben, als die kalte Vollendung der Form. Ich verglich die moderne Schönheit mit der antiken – die ich übrigens auch nicht zu Schaden kommen ließ – und wies auf einige Bildwerke und Statuen hin, die wir in unserem Schulmuseum hatten. Meine Großen hörten mit Interesse zu, als der Vortrab der Jüngeren sich durch eine neue wunderbare Erscheinung gefesselt fühlte.

Am Waldwege saß eine zigeunerhafte Bettlerfamilie. Ein kleiner, mit geflickter Leinwand bespannter Wagen, den der Vater oder die Mutter selbst zu ziehen pflegte, barg einige geringe Habseligkeiten nebst den jüngsten Kindern, welche, wie die Alten, höchst schmutzig, zerlumpt und braun, dazu in hohem Grade hülfsbedürftig aussahen. Indessen hatten sie doch Etwas zu frühstücken, denn ich sah einige Stücke Brod in verschiedenen Händen. Ein paar Kinder wurden uns bettelnd entgegengeschickt, während die Alten sich mit gewohnter Bittgeberde und Miene erhoben. Ich gab ihnen eine Kleinigkeit, und sogleich flogen alle Hände meiner Companie in die Taschen, denn Jeder wollte aus seiner Privatkasse auch etwas beitragen. Die Bettlerfamilie hielt eine bessere Erndte, als ihr in manchem Landstädtchen geworden sein mochte, und war des Dankes voll. Sie hatte auf die Mehrzahl meiner Companie einen tiefen Eindruck gemacht.

Man sah sich noch oft um, knüpfte daran ernste Gespräche über das Unglück der Armuth im Allgemeinen, und theilte einander besondere Dinge mit über arme Leute, die man etwa kannte, und die entweder zu den guten oder auch zu den schlechten Menschen gehörten, wie es sich gerade verhielt.

Da näherte sich mir unser Dickster, mit der Frage, ob ich es wohl für rathsam hielte, daß er den Armen sein halbes Butterbrod, das er vom Frühstück aufbewahrt, noch brächte? Es war das zweitemal, daß ich heute durch Karl Schröder überrascht wurde. Denn da ich wußte, daß er nur das verschenkte, was er durchaus los sein wollte, genießbare Dinge aber nicht zu dieser Gattung gehörten, so mußte er entweder ungeheuer satt oder von höchstem Opfermuth ergriffen sein.

Vorerst ließ ich mir das in Rede stehende halbe Butterbrod zeigen. Ich bemerkte, daß es uralt war, also durch eine unbegreifliche Vergeßlichkeit seit mehreren Tagen in seiner Tasche geblieben sein mußte, übrigens auch durch diesen Aufenthalt in der Nachbarschaft mit andern Dingen sehr merklich gelitten hatte. Es schien mir jedoch der Untersuchung werth, ob er selbst wirklich den Schatz zurückgelegt und seine Tasche gewürdigt gewesen, ihn so lange zu beherbergen. Nach einigem Zögern gestand er denn, daß ein Anderer von den Jüngeren sich dieses Ueberschusses heute auf unserem Lagerplatze entledigt, er selbst ihn aber an sich genommen habe, um Nichts umkommen zu lassen. An einem Verweis für seine Unwahrheit ließ ich es nicht fehlen, doch beschloß ich zugleich seine mir verdächtige Opferfähigkeit zu prüfen. Jedenfalls hatte er sich die Sache nicht genau überlegt. Die Bettlerfamilie war in entgegengesetzter Richtung bereits aufgebrochen, wir ebenfalls schon einige hundert Schritt von dem Orte, wo sie gesessen, entfernt.

»Gut,« sagte ich, »bringe den Leuten das Brod, aber unter der Bedingung, daß du flink bist. Wenn du aus Leibeskräften rennst, holst du sie wohl noch ein, aber du mußt dich dran halten, denn wir können nicht auf dich warten.«

Er sah mich verblüfft an, und dann die Straße zurück, auf der von den Bettlern nichts mehr zu erblicken war. So hatte er sich die Sache nicht gedacht, wenn er sich überhaupt Etwas dabei gedacht. Sich eine so übermäßige Bewegung zu machen, nein, so weit ging seine Opferfreude nicht. Ich ließ ihn stehen, überzeugt, daß er uns folgen werde. Und als ich mich nach einer Weile umkehrte, schlich er richtig hinter uns her, und zwar mit aller Anstrengung seiner Kinnbacken kauend, einen letzten Bissen noch in der Hand. Er hatte vorgezogen seine schöne Opfergabe selbst zu verzehren.

Wir hatten Vormittag noch eine Blechhütte in Augenschein zu nehmen, die ziemlich entfernt und abseit von der Fahrstraße lag, und zu der wir uns den Weg erst suchen mußten. Ich für meine Person habe keine Vorliebe für Blechhütten, und hätte ihren Besuch gern preisgegeben, allein die Mehrzahl meines Trupps drang bittend darauf, den Reiseplan genau inne zu halten. So schlugen wir einen, wie es hieß, abkürzenden Waldpfad ein, der gar kein Ende nehmen wollte.

Die Mittagstunde war vorüber, Hunger und Müdigkeit stellten sich ein, und eine gewisse Ungeduld, die ich vergeblich zu zerstreuen suchte. Wir fanden die Blechhütte zwar endlich, allein ihre Betrachtung blieb bei Allen hinter der Erwartung zurück. Die allgemeine Sehnsucht stand bereits nach einem Wirthshause. Freilich war ein durch diesen Namen geehrtes niedriges Haus in der Nähe, allein mein durch den ersten Anblick erwecktes Vorurtheil, daß es für unsere Bedürfnisse und Ansprüche wenig geeignet sein werde, sollte sich bestätigen. Es war nur ein Nothbehelf für die Arbeiter der Blechhütte. Schnaps und schlechtes Bier wollte man uns bereitwillig reichen, allein die Eßvorräthe waren sehr beschränkt. Sie bestanden in einem Dutzend Eiern, Käse und Brod.

Wir hatten keine Wahl, ich legte also auf das Vorhandene Beschlag. Man bot auch Kaffee, den ich sogleich bestellte um den Durst zu löschen, denn das Bier erwies sich bei meiner Prüfung als für uns unbrauchbar. So saßen wir etwas erschöpft in einem engen, schmutzigen Raume um den Tisch, in Erwartung der Mahlzeit, die dann auch bald kam. Die Wirthin hatte Setzeier hergerichtet, wirklich zwölf Stück. Wir waren unser Elf, so kam auf den Mann ein Ei, und eines blieb in der Schüssel.

Jeder hatte das seine bald verzehrt, man half mit Brod und steinhartem Käse nach, und nun begannen wir Großen uns mit vieler Lebensart um das übriggebliebene Ei zu nöthigen. Die Aeltesten behaupteten, es käme mir zu, allein ich verzichtete, und um eine würdige Lösung der schwierigen Frage zu erzielen, schlug ich vor, das Ei solle auf denjenigen kommen, dem es von den Uebrigen am meisten gegönnt werde. Jeder habe mir einen Namen zu dictiren, und Stimmenmehrheit solle den Ausschlag geben.

Hatte mich nun Karl Schröder falsch verstanden oder gar nicht, kurz, kaum hatte ich ausgeredet, als er mit raschem Griff die Schüssel an sich heranzog, und im Nu das Ei auf seinem Teller hatte, um sich emsig an die Verspeisung zu machen. Ein allgemeiner Ruf der Entrüstung wurde um den Tisch laut, gewiß nicht aus Mißgunst, sondern um des ganz perfiden Vertragsbruches willen. Man appellirte an das Ehrgefühl des Dicksten – umsonst, er freute sich des Genusses und ertrug mit Gleichmuth den Sturm und die allgemeine Verachtung. Und als ich ihm mit schwer bekämpftem Lachen seine unredliche Gier vorhielt, entgegnete er halb verdutzt:

»Es ist doch besser, Einer hat es gegessen, als daß es übrig blieb, na nicht wahr?«

Der Kaffee wurde aufgetragen. Ein Gebräu aus Cichorien, Syrup und einem dritten Ingrediens, welches Milch vorstellen mochte, vorsorglich in der braunen Kanne gleich zusammengerührt. Ich wollte Felix Brauser schelten, der, nachdem er den ersten Schluck gekostet, ein Gesicht schnitt und schaudernd die Tasse von sich schob, allein nach eigener Prüfung dieses Getränkes mußte ich mir sagen, daß es grausam und entsittlichend gewesen wäre, Jemand zum Genuß dieses Produktes der Blechhütte zu zwingen. Es wurde doch nicht von Allen gleichmäßig verschmäht.

Die Nachmittagsstunde war vorgerückt, wir mußten an den Aufbruch denken. Mit nicht angenehmer Ueberraschung erfuhr ich von der Wirthin, daß man von hier aus noch vier gute Wegstunden bis zu dem Städtchen rechnete, wo wir übernachten wollten. Allein ein Waldweg über den Berg sollte ein gut Theil abschneiden, und das Maaß auf die Hälfte bringen. Der Pfad sei gar nicht zu verfehlen.

Wir wählten also die Richtung über den Berg. Gestiegen waren wir heute noch gar nicht, und so gewährte die Kletterei uns eine Weile viel Unterhaltung. Allein sie sollte bald aufhören. Auf dem breiten Bergrücken angelangt, sahen wir uns von pfadlosem Wald umgeben, wo wir allein der Richtung folgen konnten. Leider hatten wir sie verfehlt, und gingen völlig ins Irre. Die Stunden schwanden, das Singen hörte auf, die Stimmung begann zu sinken, und die Sonne neigte sich zum Untergange. Damian Griesler fing an zu hinken, und wollte sich den Fuß durchgelaufen haben, unser Dickster kroch wie die verzweifelnde Resignation hinter uns her, gesellte sich zu seinem Leidensgenossen, wurde aber von dem Hinkenden durch bissige Reden wieder verscheucht.

Ich gestehe, daß mir bei diesem Kreuz- und Querlaufen, für das ich jedenfalls die Verantwortung trug, nicht ganz wohl war, allein in der nächsten Viertelstunde sollten mich Schreck und Angst heftiger befallen als meine irre geführte Companie.

Fränzchen fing plötzlich an zu weinen, und behauptete, nicht weiter zu können. Ich suchte ihn zu ermuntern, und nahm ihn bei der Hand. Gleich darauf kündete der Knabe Halsweh und bald Kopfweh an. Ich faßte an seine Stirn und betrachtete ihn näher. Rothe Flecken standen in seinem Gesicht, auf seinen Händen, auf seiner Brust. Im Nu ging mir der entsetzliche Gedanke durch den Kopf: Der Knabe hat die Masern, denen wir hatten entgehen wollen! Ich sprach ihn nicht aus, aber Fritz Haland, der ihn mir von den Lippen las, that es, und die Schreckensnachricht lief durch den ganzen Kreis: Die Masern sind unter uns ausgebrochen! Hier oben im Walde! Während wir uns im Gebirge verlaufen haben, im Angesicht der Finsterniß, die schon hereinbricht!

Es war als stiege ein Gespenst plötzlich vor meiner Schaar auf, entmuthigend, die letzten Kräfte lähmend. Ich mußte Alles aufbieten, meine eignen Besorgnisse und zugleich den Schrecken meiner Companie zu beschwichtigen. So bestritt ich die Masern durchaus, suchte so lustig als möglich zu sein, und wurde von meinen Großen aufs Beste unterstützt. Sie machten ab und zu aus ihren Händen und Armen einen Tragstuhl für Fränzchen, und brachten ihn so vorwärts, verfolgt von den sehnsüchtigen Blicken des Dicksten, der sich, glaub ich, in diesem Augenblick auch so etwas wie Masern herbei wünschte.

Unsere Ausdauer wurde belohnt, denn endlich lichtete sich der Wald, wir standen vor einem Abhang, aus dem eine Thurmspitze emporragte. Aber die Stadt war es nicht, sondern ein Dorf mit einem Herrenhause, prächtigen Bäumen und einem kleinen See, der durch leise gesenkte Wiesenflächen mit den Parkanlagen verbunden war. Ein immerhin herzerquickender Anblick. Bald zeigte sich auch ein Weg, den wir einschlagen konnten. Eine Frau, welche Holz sammelte, gab uns Auskunft über den Ort, leider aber auch die Nachricht, daß die Stadt noch eine gute Meile entfernt sei. Rasch entschlossen, verkündigte ich meiner Schaar, daß wir den Gutsherrn um einen Leiterwagen nach der Stadt angehen wollten, und so hob sich der gesunkene Muth wieder, und ganz erheitert durch die angenehme Aussicht stiegen wir hinunter.

Wir traten in den Thorweg des Herrenhofes, empfangen von mächtigem Hundegebell. Aber zugleich traf unser Auge eine Erscheinung, die uns mit Freude und höchster Zuversicht erfüllte. Denn jene junge Dame mit den lieben blauen Augen, die uns Morgens auf unserem Lagerplatz besucht hatte, stand in der Hofthür, einigen Mägden Aufträge gebend, und – erkannte uns. Ganymed und Fritz Haland gingen oder liefen ihr vielmehr mit strahlenden Gesichtern, wie einer alten Bekannten entgegen, und die Dame selbst kam grüßend und in ihrer ganzen Freundlichkeit auf uns zu. Ich setzte ihr schnell unsere Unfälle auseinander, indem ich zugleich die Bitte um einen Leiterwagen aussprach. Sie bedauerte unser Mißgeschick, gab uns Hoffnung auf den Wagen, und nahm schnell Fränzchen bei der Hand, dessen Stirn sie befühlte. Sie schien besorgt.

»Der Knabe muß gleich zu Bett!« sagte sie. »O du armes Jüngelchen!«

In diesem Augenblick aber rief es aus dem Hause:

»Sie sind da! Sie sind da!«

Zwei Knaben, die Begleiter unseres Gastes am Morgen, sprangen herbei, gefolgt von einer starkgebauten, rüstig und blühend aussehenden Dame, und einem stattlichen, breitschultrigen Manne mit langer Pfeife. Es war der Gutsherr und seine Gattin. Ich wiederholte mein Anliegen, und der treffliche Mann war geneigt zu willfahren. Allein die junge Dame hatte der älteren bereits Fränzchen entgegengeführt, und nach wenigen rasch geflüsterten Worten erklärte die Hausfrau, daß sie den Knaben so nicht an ihrem Dache vorüber ließe.

»Ich werde den Arzt aus der Stadt holen lassen, der wird uns sagen was zu thun sei. Inzwischen schlagen Sie nur alle zusammen heut Ihr Nachtquartier bei uns auf, wir wollen Sie schon unterbringen. Freilich muß die Mehrzahl mit einer Streu fürlieb nehmen.« –

Der Gutsherr war ganz einverstanden, und ließ sogleich anspannen, um den Arzt herbei zu rufen.

Ich äußerte mein Bedenken, mit einem voraussetzlich Maserkranken bei einer Familie einzukehren, deren Kinder dadurch der Ansteckung ausgesetzt wären, aber die Hausfrau entgegnete:

»Seien Sie unbesorgt! Meine Knaben haben alle Kinderkrankheiten hinter sich, und mir ist nicht bange. Uebrigens konnten Sie nicht gelegener kommen, denn unsere Jungens haben uns den ganzen Tag von Ihnen erzählt, und wir bereiten den Kindern ein Fest, wenn wir Sie beherbergen.«

Der Gutsherr kam zurück.

»Ohne Complimente herein mit der ganzen Bande!« rief er in guter Laune. »Das Abendbrod soll nicht lange warten lassen!«

Und so zog meine Companie, aufathmend und mit glücklichen Gesichtern in das gastliche Haus, und geführt von dem Gutsherrn und der jüngeren Dame, in den Gartensaal. Ich dagegen stieg mit Fränzchen, unter Leitung der Hausfrau eine Treppe hinauf, um den Knaben zu Bett zu bringen. Sie ließ sichs nicht nehmen behülflich zu sein, und waltete ganz mütterlich sorglich dabei.

»Ich habe auch Kinder,« sagte sie, »und wenn einem von den Meinen dergleichen zustieße – Anne Marie! Besorge rasch eine Tasse Thee und etwas Zwieback für das Kind! Mehr wage ich ihm jetzt noch nicht zu geben.«

Sie verließ mich darauf, und Fränzchen, sehr ermüdet, schlief nach der leichten Abendkost bald ein, so daß ich dem Ruf zu Tische mit gutem Gewissen folgen zu können glaubte.

Unten in dem geräumigen Gartensaal fand ich meine Companie an langer Tafel bei kräftiger Mahlzeit bereits in hingebender Thätigkeit. An dem einen Ende der Tafel präsidirte Fräulein Therese, wie man unsere junge Dame hier nannte, mitten unter den Meinen, und sorgte, und legte vor, und machte die Wirthin in der anmuthigsten Weise. In halb mütterlicher, halb schwesterlicher Art neigte sie ihr Ohr bald Felix Brauser, bald Benno Wolf, der sich den andern Platz neben ihr erobert hatte, ging auf ihre Gespräche ein, und war mit ihren Augen doch überall, um sich jeden geleerten Teller sogleich zu neuer Füllung wieder reichen zu lassen.

Karl Schröder hatte, wie ich später erfuhr, bereits zwei starke Landportionen hinter sich. Ich bemerkte bei meinem Eintreten ein Lächeln auf Fräulein Theresens Lippen – es war der Moment, da sie ihm den Teller zum drittenmal gefüllt reichte. Ich ahnte beschämt dergleichen, und sprach ein entschiedenes Veto gegen jede Fortsetzung aus. –

Mein Platz war neben der Hausfrau, die mir in gleicher Weise vorzulegen trachtete, wie Fräulein Therese am andern Ende der Tafel meiner Companie. Der große Appetit der Meinen in dem gastlichen Hause war mir peinlich, aber die Hausfrau wie der Gutsherr lachten darüber, und meinten, auch in ihrer Familie könne man darin Etwas leisten, und sie hätten ihre Freude daran.

Das Nachtlager fanden wir in den Giebelstuben des zwar nur einstöckigen aber sehr tiefgebauten Hauses bereit. Für sechs Mann war in einem Zimmer eine bequeme Streu gebreitet, zu der sich auch Felix Brauser ohne Widerspruch verstand. Daran stieß eine schmalere Mittelkammer mit zwei Betten für Benno und Fritz, und an diese ein hübsches Zimmer für mich und Fränzchen, da ich den Knaben nicht von meiner Seite lassen wollte. –

Meine Leute, Kleine wie Große, schliefen bereits fest, als in später Stunde die Ankunft des Arztes gemeldet wurde. Er wollte zwar von Masern nichts entdecken, sprach nur von etwas Erkältung, etwas verdorbnem Magen, ein bischen Fieber, kurz, er machte, zu meinem großen Trost, nicht viel aus Fränzchens Zustand. Er wollte im Laufe des nächsten Tages wiederkommen, wir sollten den Knaben bis dahin im Bette halten. An ein Abmarschieren am andern Morgen war also nicht zu denken. Peinliche Lage!

Ich wurde ersucht noch einmal nach dem Gartensaal hinunter zu kommen, um mit dem Gutsherrn und dem Herrn Doktor ein Glas Wein zu trinken. Auch die beiden Damen gesellten sich zu uns, und es gab noch ein angenehmes Plauderstündchen. Der Oberamtmann Geyer, denn in seinem Hause befanden wir uns, so wie seine Gattin suchten mich darüber zu beruhigen, daß ich ihnen den nächsten Tag und voraussichtlich noch die folgende Nacht würde zur Last fallen müssen, lachten und sprachen von »angenehmen Gästen.«

Der Arzt war ein kleines behagliches Männchen, voll von Schnurren und lustigen Geschichten, und schien das nach Hause Fahren vergessen zu haben. Und ich saß neben Fräulein Therese, die mit der gewinnenden Natürlichkeit und Anmuth ihres Wesens den Gast das Fremde eines noch so neuen Verkehrs vergessen machte.

»Im Stillen habe ich mich heut früh recht sehr ausgescholten,« sagte sie zu mir, »daß ich so frei war, die Schritte nach Ihrem Lagerplatze hinzulenken! Aber die Knaben baten gar zu sehr, und waren endlich nicht zu halten. Ich dachte, lauter kleinen Buben zu begegnen, und war recht erschrocken, vor so erwachsenen jungen Herrn zu stehn.« –

Ich erwiederte dankbar, daß sie durch ihr Entgegenkommen unser rettender Engel geworden, und ich fühlte, daß ich bei dieser Bezeichnung etwas roth wurde, zumal sie dieselbe mit einer feinen Wendung ablehnte.

Fräulein Therese war, wie ich später erfuhr, schon seit zehn Jahren im Hause des Oberamtmann Geyer. Die Tochter einer Jugendfreundin der Hausfrau, früh elternlos, hatte sie hier herzliche Aufnahme und ein bleibendes Asyl gefunden. Sie war Gesellschafterin, Helferin in der Wirthschaft, berathende Freundin, sie wurde durchaus zur Familie gezählt.

Es schlug Ein Uhr, als der Doktor plötzlich aufspringend rief:

»Herr Gott, meine Frau wird eine schöne Angst ausstehen, was denn bei Ihnen vorgefallen sein mag, und thut kein Auge zu, bis ich wiederkomme! Also Adieu! Na und Sie« – wendete er sich zu mir – »machen Sie sich nur keine große Sorgen um ihren kleinen Zögling, er ist hier gut aufgehoben! Wollen morgen zusehen, was aus dem Fieberchen geworden.« –

Ich schlief die Nacht fast gar nicht, denn jeder lautere Athemzug meines Patienten brachte mir, trotz des ärztlichen Trostes, neue Besorgnisse. Trug ich doch die Verantwortung für sein Befinden auf dieser Reise! Und dazu die ängstliche Frau Direktorin, die mir ihren Knaben auf die Seele gebunden hatte! Meinem Versprechen gemäß mußte ich ihr jeden dritten Tag schreiben. Ich hatte es heut früh im Städtchen, vor unserm Ausrücken gethan – was werde ich ihr übermorgen mittheilen müssen? dachte ich mit schwerem Herzen. –

Der Arzt war zu meiner großen Freude schon in aller Frühe wieder da. Allein er nahm Fränzchens Zustand nicht mehr so leicht als gestern.

»Das Fieberchen muß in Acht genommen werden, meinte er, unter drei Tagen ist nicht an Aufstehen zu denken. Gefahr ist gar nicht vorhanden, sein Sie ruhig, aber Behutsamkeit sehr nöthig.«

Also drei Tage! Und so lange sollte ich mit meiner ganzen Companie in dem fremden Hause bleiben? Unmöglich! Und eben so unmöglich, den kranken Knaben hier zurückzulassen, und mit den Uebrigen weiter zu reisen! – Die Hausfrau kam dazu und fand mich in meinen Bedenken.

»Wenn Sie sich darüber doch beruhigen wollten!« sagte sie. »Sie sehen ja, daß wir uns einrichten können. Ein bischen aus dem Vollen geht es manchmal bei uns her, und wir haben schon mehr Gäste auf einmal im Hause gehabt, die fürlieb mit uns nahmen. Ich will nicht, daß Sie darüber noch ein Wort verlieren. Drei Tage also mindestens gehören Sie uns mit Ihrer ganzen Mannschaft. Und jetzt nehme ich und die Mägde das Kind auf einige Stunden in Beschlag, und Sie gehen hinunter frühstücken!«

Wieder fand ich, als ich in den Saal trat, meine Schaar schon um den langen Tisch beim Frühmahl. Die Sonne lachte herein, und durch die offnen Glasthüren sah man die Rasenflächen und Blumenstücke des Gartens. Ein vielstimmiges »Guten Morgen« scholl mir entgegen, der Oberamtmann aber rief:

»Gefangen! Gefangen mit Mann und Maus! Wir haben schon gehört, drei Tage müssen Sie mindestens bei uns campiren. Ihre Bande hat sich darein gefunden, also finden Sie sich nur auch!« –

Fräulein Therese reichte mir zum Morgengruß treuherzig die Hand, und sah so frisch, heiter und sonnig aus, wie der Morgen selbst. Während sie mir die Tasse reichte und für mich sorgte, wie sie für die Meinen gesorgt hatte, war das Gespräch allgemein und sehr belebt, und ich bemerkte, daß meine Schaar schon auf einem viel vertraulicheren Fuße mit ihr stand als ich selbst, der ich noch von einer ehrfurchtsvollen Scheu vor ihr befangen war. Sie hatte aber auch eine einzige Art mit den jungen Leuten umzugehen, die Schweigsamsten reden zu machen, sie schien, ohne daß man es merkte, Jeden in seinem Wesen zu beobachten, die Charaktere förmlich zu studieren. Mir fiel jedoch auf, daß sie gegen Benno Wolf, unsern Aeltesten, eine größere Zurückhaltung übte, vielleicht darum, weil dieser mit Blicken auf ihr verweilte, die auch mich befremdeten, und sich ihr dienstfertiger erwies, als es angebracht war.

»Jetzt also,« rief der Oberamtmann, »seht zu, was Ihr für Unterhaltung findet! Wer sich draußen tummeln will, findet in Garten und Hof Platz genug. Ein See zum Baden ist vorhanden, rund herum auf den Bergen und im Wald kann man sich müde machen so viel man will, und die verlorenen Wandertage einbringen. Ein Mühlenwerk und ein Kupferhammer sind auch in der Gegend. Oder wenn die Größeren studieren wollen, hier ist Material genug.«

Er öffnete den Bücherschrank, worin die deutschen Klassiker, einige historische und manches andere nicht zu verachtende Buch in Reih und Glied standen.

»Noch Eins!« rief er mit schalkhaftem Gesicht. »Wollen einige von den Herrn sich rasiren lassen? Mein Schäfer behauptet das trefflich zu verstehn.«

Die glatten Gesichter meiner Companie lachten vergnügt, während Benno und Fritz, die ihren ersten leisen Anflug nicht um die Welt an ein Scheermesser gegeben hätten, mit verbindlicher Verbeugung dankten.

Die Jugend zerstreute sich nach Belieben. Ich aber mußte dem Gutsherrn noch durch ein Anliegen beschwerlich fallen. Wir hatten in dem benachbarten Städtchen einen Reisekoffer auf der Post zu erwarten, der die nöthige Wäsche für uns Alle, so wie einen zweiten Drillichanzug für meine Companie enthielt. Da nun nach siebentägigem Wandern und mancher geselligen Balgerei im Grünen die Kleidung meiner Leute wesentlich gelitten hatte, schien mir für einen mehrtägigen Aufenthalt in der Familie des Gutsherrn ein Wechsel der Toilette höchst dringend.

»Nichts leichter als das!« meinte der Oberamtmann. »Therese will in wirthschaftlicher Angelegenheit heut Vormittag doch nach der Stadt, da fahren Sie mit, und holen Ihre Siebensachen ab. Es wird Sie ja nicht geniren, die Mittagsuppe bei unserm Arzt, dem Doktor Brinkmann, zu essen. Therese macht das immer so.«

Dieser Plan elektrisirte mich. Allein mit Fräulein Therese nach der Stadt fahren! Aber zugleich stiegen mir Gewissensbisse und leise Aengste auf. Durfte ich meinen kranken Zögling verlassen? Er war freilich so gut hier aufgehoben! Und dann, würden nicht, wenn nur eine Ahnung von Platz im Wagen blieb, meine Großen auch mitfahren wollen? Aber ich konnte ihnen ja befehlen zurückzubleiben. Und dennoch, mir war die ganze Schaar anvertraut – ich schwankte, ob ich sie auch nur auf einige Stunden in einem fremden Hause sich selbst überlassen durfte. Schon wurde angespannt. Ein lachender Leichtsinn überkam mich, ich war entschlossen. –

Rasch suchte ich mir die überall zerstreuten Glieder meiner Companie einzeln auf, um Verhaltungsregeln einzuschärfen. Benno und Fritz hatten bereits einen Spaziergang angetreten, Ganymed fand ich in einer Laube, in der Hand ein altes »Taschenbuch für Damen,« in rothe Seide gebunden, aus dem er eine herzbrechende Geschichte von Caroline Pichler genoß. Die Jüngeren folgten ihren Freuden im Gutshofe, wo sich zwei Esel, junge Hunde, junge Ferkel und wer weiß was sonst des Bewunderungswürdigen befand, Fränzchen hatte die Kinder des Gutsherrn und Bilderbücher – es war für Alle gesorgt. Und bald saß ich an Theresens Seite, und fuhr mit ihr in die lachende Landschaft hinaus.

So war ich in meinem Leben nicht gefahren. Die ganze Welt erschien mir ein einziger Festtag, und in meiner Seele klang es wie ein Gemisch von feierlichem Hallelujah und übermüthigem Daseinsjubel. Meine liebenswürdige Nachbarin war harmlos unterhaltend, und wenn wir auch einmal eine Minute schwiegen, die Aufnahme des Gesprächs zeigte, daß wir uns schweigend weiter unterhalten hatten.

Sie gab mir Auskunft über die Familie unseres Gastfreundes. Der Oberamtmann hatte mehr Kinder. Zwei Töchter waren jung verheirathet, zwei Söhne auf der Universität. Auch der Gutsherr hatte studiert, und wollte, daß seine Söhne etwas lernten.

»Und wenn dann,« fuhr Therese fort, »die ganze Familie zusammenkommt, wie es alle Jahre einmal geschieht, die Töchter mit ihren Kindern, und unsre Studenten, dann ist ein Leben im Hause, das man sich nur vorstellen kann, wenn man es gesehen und gehört hat. Weder Herrn Geyer noch seiner Frau, wird es jemals zu viel, sie haben gern bunte Bewegung um sich her. So sollte es auch jetzt werden, da in einigen Tagen der Geburtstag des Hausherrn ist, allein die Söhne sind so weit weg, und eine der Töchter kann auch nicht abkommen, so daß die Zusammenkunft bis auf den Herbst verschoben worden ist. Ach, Johann« – unterbrach sie sich, zum Kutscher gewendet – »halte doch bei Hagendorfs, es ist ein Brief abzugeben. Schon eine Einladung zum Geburtstage,« wendete sie sich dann wieder zu mir, »denn ohne Gesellschaft geht es bei uns an dem Tage nicht ab.« –

Nicht lange darauf hielten wir an der Gartenmauer eines hübschen Landhauses, das etwas höher über der Landstraße lag. Eine Familie aus einer entfernteren großen Stadt hatte hier ihren Sommeraufenthalt. Der Kutscher bat mich, die Leine inzwischen zu halten, und entfernte sich mit dem Briefe. Ich hatte in meinem Leben noch keine Rosse am Zügel gelenkt, und fühlte eine stille Verlegenheit. Das eine Pferd sah sich mit Erstaunen langsam um, während das Handpferd anzog. Ich rief »Brr!« in großer Besorgniß, mich vor meiner Dame zu blamiren, und meine Phantasie ging erfinderisch. das ganze Entsetzen durch, wenn die Rosse plötzlich von meiner Unkenntniß Gebrauch machten, und, davonrennend, mich in Schande und Theresen vielleicht in Unglück brächten. Schon sah ich den Wagen im Graben liegen, das Gespann losgerissen im Kleefelde – Gott sei Dank, es sollte dahin nicht kommen! Denn schon war Johann wieder da, er hatte nicht nöthig gehabt, bis nach dem Landhause zu gehen. Ein junges Mädchen, vom breiten Strohhut beschattet, luftig wie eine weiße Sommerwolke gekleidet, kam die Stufen der Terrasse hinunter gehüpft.

»Guten Tag, Fräulein Therese!« rief sie heiter. »Sie werden doch nicht vorbeifahren?« –

»Ich kann nicht einkehren, liebes Clärchen,« entgegnete Therese; »habe viel Geschäfte in der Stadt.«

Clärchen war näher getreten, und sah überrascht und lächelnd einen fremden Gast neben Theresen sitzen. Diese stellte mich rasch vor, und ich bemerkte wohl, wie Clärchen nicht recht wußte, was sie aus mir machen sollte, und Theresen nur fragender ansah.

»Sie kommen doch hoffentlich Alle?« fuhr Therese fort. »Adieu, liebes Clärchen für dießmal! Viele Grüße an die Mama!«

Wenige Worte wurden nur noch zwischen den Damen getauscht, dann rollten wir weiter.

»Die Kleine ist ein gar zu liebes Kind!« sprach Therese weiter. »Clärchen ist durch eine großstädtische Pension gegangen, lebt im Winter sehr in der Welt, liest und treibt alles Mögliche, und ist doch ganz unverbildet und natürlich geblieben. Ja, wenn die gelehrte und weltliche Frauenerziehung überall so gut anschlüge!« – Nachdem sie einige Augenblicke geschwiegen, fuhr sie fort: »Sie haben doch das Bessere gewählt, da Sie Männer und nicht Frauen zu erziehen streben!«

»Scheint Ihnen das letzte weniger interessant?« fragte ich.

»Sehr wenig, und für Einen, der es ernst nimmt, nicht einmal dankbar. Die Frauenerziehung gehört ins Haus, da macht sie sich ganz von selbst, und gedeiht am besten. Entwickelt sich unsre Natur auch schneller als die männliche, erreichen wir auch früher eine scheinbare geistige Reise, und in Jahren, wo der Knabe noch ganz Knabe ist, so ist diese Entwicklung doch nur eine scheinbare und eine nur vorläufige. Erfahrungen sind es doch allein, welche zu geistiger Reife führen. Sie sind der männlichen Jugend vorbehalten, uns nur in seltenen Fällen gewährt, und dann noch seltener zu unserm Vortheil. Uns geben frühe Erfahrungen meist eine verirrte Richtung für das Leben, dem Jüngling werden selbst frühe Verirrungen zu gediegenen Erfahrungen.«

»Aber warum nannten Sie die Erziehung der Mädchen eine nur vorläufige?« fragte ich.

»Weil sie eine ganz neue, unberechenbare Wendung annimmt, sobald wir ernste Lebens pflichten übernehmen, als Hausfrauen, als Mütter, manchmal auch in andrer Lebenslage. Wir sollen früher reif sein als die Männer, und fangen doch viel später an zu lernen als sie; wir tanzen früher als sie, und lernen doch viel später als die Männer selbständig gehen, wenn wir es überhaupt lernen!«

Ich wollte artig sein, und wendete ein und bestritt zu Gunsten der Frauen. Therese lachte.

»Sie brauchen mir gegenüber keine Schmeicheleien mühsam zusammen zu suchen! Doch gesteh ich zu, daß es Ausnahmen in meinem Geschlecht gibt, wie bei vielen Männern die rein männliche Entwicklung auch nicht Stich hält. Und doch wiederhole ich, es ist dankbarer und interessanter, Männer zu erziehen. Bei Knaben spricht sich jede Eigenheit, jeder Charakterzug rücksichtslos aus, was sie werden können oder müssen, zeigt sich schon früh, man hat es nicht mit Räthseln, sondern mit solidem Material zu thun, das die Arbeit lohnt.«

Ich war im Ernst der Ansicht, daß sie ihr Geschlecht zu hart beurtheilte, und wendete ein, daß es kein feineres psychologisches Studium gebe, als die Ergründung eines weiblichen Räthsels.

»Für den müßigen Beobachter oder für den Novellenschreiber mag das sein,« entgegnete sie, »allein für den Erzieher ist es doch furchtbar, erst alle Kraft einzusetzen, um ein Räthsel zu ergründen, und hernach zu finden, daß man auf ganz entgegengesetztem Wege noch einmal von vorn anfangen müsse, um dem sonderbaren Wesen seinen Weg anzuweisen. Und sie weisen ihm doch nicht den richtigen, denn eh Sie sich's versehen, hat es einen Seitenpfad eingeschlagen, und – wo ist der richtige? Aber – genug von uns Frauen! Ich habe mich bereits ergötzt an Ihren Zöglingen, die ein überreiches Feld für die Beobachtung bieten.«

Ich sprach mit einiger Beschämung davon, daß diese Beobachtung nicht überall zu unsern Gunsten werde ausgefallen sein.

»Alles in Allem wäre das auch gar nicht nöthig!« meinte sie. »Man braucht nicht immer gerührt, nicht immer angezogen zu sein, man will auch belustigt sein, und oft ist das Interesse da erst recht gefesselt, wo man sich durch Schroffheiten des Charakters abgestoßen fühlt. Was halten Sie zum Beispiel von dem kleinen blassen – wie heißt er doch? – dessen Stimme so unglücklich variirt?«

»Sie meinen Damian Griesler? Er ist ein boshaftes Geschöpf, aber er hat mir oft schon zu denken gegeben.«

»Ich glaub es!« fiel sie rasch ein. »Er ist gewiß eine der schwierigsten und complicirtesten Naturen. Ich bin überzeugt, hinter seinem herb abstoßenden Wesen liegt eine tiefe Weichheit des Gemüths. Wenn er zuweilen die meist gesenkten Augen aufschlägt, glaubt man in eine merkwürdige Tiefe zu schauen. Man empfängt zwar sofort einen dämonischen Strafblick, welcher zu sagen scheint: Was hast du hier zu suchen? Allein man hat doch erkannt, daß es da etwas zu suchen giebt. Dieser Knabe ist eine von den Sondernaturen des männlichen Geschlechts, und hier könnte man freilich schwer voraussehn, was sich daraus entwickeln werde.«

Diese Beobachtung überraschte mich in hohem Grade, denn so weit hatte ich Damian Griesler noch nicht aufs Korn genommen. Wir sprachen hin und wieder, auch über andere Dinge, als Charaktere und Erziehung, da rasselte der Wagen über schlechtes Steinpflaster. Hatten wir denn wirklich schon das Städtchen erreicht? So kurz war mir in meinem Leben noch keine Meile vorgekommen!

Wir hielten vor dem Hause des Doctor Brinkmann, wo wir gar heiter empfangen wurden. War der Doctor schon ein kleines Männchen, so zeigte sich die Frau Doctorin als ein noch kleineres dickes Frauchen, und besaß auch zwei kleine Töchterchen, allerliebste Mädchen von siebzehn und achtzehn Jahren, die mich vergnügt und neugierig begrüßten, da sie vom Papa schon von mir erfahren hatten. Es war lauter lustige Gesellschaft. –

Ich ging vor Tische nach der Post, um meinen Koffer zu besorgen, Fräulein Therese ihren eigenen Geschäften nach, und endlich fanden wir uns am Familientische zur Mittagssuppe wieder zusammen. In einem so heiteren Kreise mußte es wohl behaglich sein.

Die Tafel hatte sich etwas in die Länge gezogen, wir erhoben uns eben, als ein lautes und ungewöhnliches Gerassel die Straße herauf kam. Mariechen Brinkmann, die jüngere Tochter, sprang ans Fenster, rief ein lautes »Ach!« und wendete sich mit lachendem Gesicht zu uns zurück. Was mußte ich erblicken! Meine ganze blau und weiß gestreifte Companie (mit Ausnahme Fränzchens) kam auf einem Leiterwagen daher gerast, und machte Halt vor dem Hause des Doctors. Der rief ihnen ein lustiges Willkommen hinab, Mariechen und Hannchen streckten ihre rosigen Gesichter noch lustiger zum Fenster hinaus, ich aber flog hinunter, um, der ersten Regung folgend, ein scheltendes Strafgericht für diesen Ueberfall ergehen zu lassen. Ich blieb darin stecken, denn im Durcheinander aller Stimmen wurde mir mitgetheilt, daß der Herr Oberamtmann selbst den Vorschlag gemacht habe, mich bei Doctors zu überraschen.

»Ei das ist ja allerliebst!« rief die Frau Doctorin neben mir. »Steigen Sie nur allzusammen ab, und kommen Sie herauf!« Das geschah denn ohne Widerstreben, wiewohl ich durchaus nicht wünschte, meine ganze Schaar nun auch noch dieser Familie aufzubürden. Es half mir nichts. Hannchen und Mariechen waren durch die äußere Erscheinung der Meinen im ersten Augenblick humoristisch berührt, und meine Leute zum Theil recht verlegen, allein durch Therese wurde die Vermittlung schnell hergestellt. Ich konnte es nicht wehren, daß das Dessert von Wein und Obst in umfassenderer Weise erneuert wurde. Dann aber rief die Frau Doctorin:

»Und nun, meine Herrschaften, schlage ich vor, wir wandern gemeinsam nach der Bergschenke und nehmen da unsern Kaffee! Wir haben dort mehr Raum und Freiheit als in unsern Stuben.« –

Damit war ich und alle Andern einverstanden.

»Frisch ans Werk!« fuhr die kleine Frau fort. »Jeder muß tragen helfen, was wir brauchen – hier lieber Herr, bitte!«

Mehrere Packete mit Kuchen lagen schon bereit, und wurden zum Transport vertheilt. Schon wanderte Ganymed mit Mariechen voraus, Fritz Haland, ein großes Packet unter dem Arm, folgte mit Hannchen, dann Benno neben Therese, und endlich die Frau Doctorin, ihr Gatte und ich mit meinen jüngeren Zöglingen in geschlossener Gruppe.

Ich glaube, wir erregten Aufsehen im Städtchen. Einige Fenster öffneten sich und zeigten neugierige Gesichter. Die Frau Doctorin nickte hinauf, und wies auf uns, und lächelte, als habe sie heut was Besonderes.

»Paßt auf,« sagte der Doctor, »heut kommt noch mehr Besuch nach der Bergschenke!«

Er täuschte sich nicht. Leer war es, als wir eintrafen, in einer halben Stunde aber wimmelte es von hellen Sommerkleidern, und Mariechen und Hannchen hatten immer neue Freundinnen zu begrüßen und mit ihnen zu flüstern und zu kichern. Es wurde noch sehr schön auf der Bergschenke! Denn auf dem Rasenplatz am Walde bereiteten sich Spiele vor zwischen den Meinen und der weiblichen Jugend, und bald war ein Jagen und Lachen ohne Ende.

Der Doctor, Fräulein Therese und ich saßen inzwischen mit einigen Müttern zusammen um den Tisch, und führten verständige und würdige Gespräche, zum Theil über specielle Dinge sehr im Allgemeinen, zum Theil über allgemeine sehr im Speciellen, nicht ohne häufig nach der Jugend hinter uns zu blicken.

Da erschien Mariechen Brinkmann an unserem Tische mit der dringenden Bitte, Fräulein Therese möge mit ihnen spielen kommen, und hinter mir stand Felix Brauser, der mit dem gleichen Anliegen auch mich umschmeichelte.

Therese schien zu widerstreben, sich unter die jüngste Mädchenjugend zu mischen, der Doctor aber rief: »Ei was, ich spiele auch mit!« und so brachten die beiden Verführer, Mariechen und Ganymed, uns zu der fröhlichen Schaar, wo wir mit Jubel empfangen wurden.

Man war mit weltvergessender Hingabe gerade bei einem sehr schönen Spiel, wobei die ganze Gesellschaft paarweise hinter einander steht, an der Spitze aber ein Ungegarter, der von den zwei von hinten Hervorlaufenden Einen dem Andern wegzuhaschen suchen muß. Nach einer Weile stand ich an der Spitze, und sah, wie Therese und Benno von verschiedenen Seiten herauf gelaufen kamen. Ich wußte, Benno hatte Beine wie Achill, und durfte kaum erwarten, den Preis vor ihm zu erjagen. Allein der Preis war Therese, das electrisirte mich zu gewaltigem Einsatz, und ich rannte aus Leibeskräften. Doch schien es, als wollte Therese sich von keinem von uns beiden fangen lassen. Sie war schnell wie der Wind, und trotzdem, daß Benno sie beinah schon am Gewand erwischt hatte, wußte sie sich ihm durch eine Wendung zu entziehen. Jetzt aber, – jetzt – er mußte sie gleich haben – da machte ich eine noch raschere Wendung, und ehe sie sichs versah, fing ich sie in beiden offnen Armen auf, stolperte und sank in die Knie vor ihr – aber ich hatte sie! Lautes Händeklatschen scholl dem Sieger entgegen, während Therese, über unsere Thorheit lachend, ihr Gewand ordnete, und Benno etwas verstimmt drein sah. –

Es würde zu lang sein, alle Genüsse dieses Nachmittags zu schildern. Wir trennten uns endlich von den liebenswürdigen weiblichen Eingebornen des Städtchens, nicht ohne den Wunsch baldiger Wiederholung einer so erhebenden Gemeinsamkeit.

Ich war bei der Heimfahrt viel mit der merkwürdigen Beobachtung beschäftigt, die mir Therese über Damian Griesler mitgetheilt hatte, und nahm mir vor, den Charakter dieses Knaben doch etwas eingehender zu prüfen. Allein noch an diesem Abend sollte mir ein Zug an ihm entgegen treten, der die Annahme eines weichen Gemüths und schöner Innerlichkeit durchaus umstieß.

Bei der Rückkehr fand ich Fränzchen viel besser. Die Hausfrau erzählte, der Knabe habe aufstehen wollen, und werde es morgen ohne Gefahr dürfen, da an Masern nicht mehr zu denken sei. Ich war beruhigt, und hoffte die übermäßige Gastfreundschaft nun nicht länger zu mißbrauchen.

Eben wollte ich mich anschicken zu Bette zu gehen, als mir einfiel, daß ich das Licht in dem Gemach, worin meine Sechst auf der Streu lagen, noch nicht gelöscht hatte. Zugleich aber erscholl aus besagtem Gemach ein Geräusch, welches anzeigte, daß es darin noch recht munter und zwanglos hergehe. Ich trat in die Kammer der Großen, fand sie, aus den Betten gesprungen, in der offnen Thür stehen, und durch tadelnden Zuruf eine Gruppe zu beschwichtigen suchend, die sich in wilder Bewegung über die Streu wälzte. Es war eine Schlachtgruppe, welche im Kampfe Aller gegen Alle sich in einen unentwirrbaren Knäuel verschlang, und in zorniger Verbissenheit keine Mahnung, keinen Zuruf mehr vernahm. Selbst Ganymed schwang rüstige Fäuste, und wurde von der Kampfeswoge bald gehoben, bald wieder überfluthet. Nur Karl Schröder saß am Ende des Zimmers aufrecht auf seinem Lager, und schaute mit unbetheiligtem Gleichmuth der Entwickelung zu.

Mit Mühe – denn selbst die Großen ließen sich hinreißen, ihre Friedensvermittlung gewaltsamer in Scene zu setzen – nur mit Mühe gelang es mir, die Gruppe zu entwirren und die Veranlassung zum Kriege zu erfahren. Es stellte sich heraus, daß Damian Griesler einen Strauß Brennnesseln heimlich unter Felix Brausers Schlafdecke zu befördern gewußt hatte. Dieser, heftig aufgestachelt, und den Geber des Geschenks ahnend, war über Damian hergefallen, während derselbe mit frecher Stirn einen Andern für den Thäter angegeben hatte. So im Streit der Meinungen, war es zur Vergeltungsthat und zur Parteinahme für und wider gekommen.

Es versteht sich, daß ich es nicht an den geeigneten Vorwürfen und Drohungen fehlen ließ, und endlich schickte ich Felix, um ihn aus der Schußweite zu bringen, in mein Bett, und legte mich an seiner Statt auf die Streu neben Damian Griesler. Zu meiner Verwunderung schlief er bald darauf den Schlaf des Gerechten. Der Junge sollte mir auf dieser Reise noch etwas zu rathen aufgeben.

Am andern Tage erklärte der Arzt, daß es mit Fränzchens Zustand nun nichts mehr auf sich habe, und wir, wenn wir müßten, morgen schon unsere Reise fortsetzen könnten. Freilich wär's besser, wenn wir noch den besprochenen dritten Rasttag zugäben, damit der Knabe erst wieder ganz zu Kräften käme. Als dieß bei Tische zur Sprache kam, sagte die Hausfrau:

»Da würden Sie grade an dem Tage ausrücken, wo wir im Hause ein Fest haben! Das wäre nicht recht! Es ist meines Mannes Geburtstag. Ohne Umstände, bleiben Sie noch den vierten Tag bei uns!«

»Versteht sich!« rief der Oberamtmann. »Unsere eignen Kinder sind diesmal nicht bei uns, so haben wir Raum genug. Ich bitte mir die ganze Bande zum Geburtstage aus. Meine Herrn, Sie sind hiermit in aller Form eingeladen.«

Die Genugthuung meiner Companie schien nicht gering, und meine Widerspruchsversuche fanden kein Gehör. Gesteh ich's nur, ich blieb nur zu gern, denn jede Stunde länger in Theresens Nähe erschien mir wie ein Gewinn für das Leben. So versprachen wir dankbar, noch länger des Hauses Gäste zu bleiben.

Nun aber muß ich einer Persönlichkeit gedenken, die sich heut zum erstenmal auffallender zur Geltung brachte, und in den folgenden Tagen zu dramatischen, ja fast tragischen Conflicten mit uns Gelegenheit gab. Dies war der Inspector des Gutes, Herr Schellendorf, Volontair bei dem Oberamtmann, von wohlhabender Familie. Herr Schellendorf hatte nicht die anziehendste Erscheinung. Kurz, untersetzt, breitschultrig, mit etwas malitiösem Gesicht, war er von selbstgefälligem und hochfahrendem Wesen, in Manieren ohne Takt, manchmal plump, zuweilen roh. Er war im Hause des Oberamtmanns nicht gar beliebt.

Dieser selbstbewußte Landjunker, der uns bisher kaum seine Beachtung geschenkt hatte, schien uns heut durch herausforderndes Wesen plötzlich Fehde ankündigen zu wollen. Wenn meine Großen sich durch eine Frage über landwirthschaftliche Dinge zu unterrichten suchten, fuhr er ihnen in beleidigender Weise über den Mund, oder lachte laut und verächtlich auf, auch wenn sie gar nichts Dummes gefragt hatten. So viel der Oberamtmann und die Damen einzulenken suchten, Herr Schellendorf blieb bei seinem unartigen Betragen

Ganz besonders aber hatte er es auf Benno Wolf, unsern Aeltesten, abgesehen, der bei Tische neben Theresen saß und von gehässigen Blicken des Inspectors fast angebohrt wurde. Therese suchte Benno mehr ins Gespräch zu ziehen, und als dieser irgend eine gleichgültige Bemerkung laut werden ließ, lachte Herr Schellendorf wieder laut auf und ließ etwas von »Kindergeschwätz« verlauten. Ich sah, wie Benno das Blut ins Gesicht stieg und seine Augen wild funkelten, trotz meines Winkes, daß er an sich halten und die Form nicht wie sein Widersacher verletzen solle. Der Oberamtmann gab seinem Inspector einen Auftrag in der Wirthschaft, um ihn vom Tische zu entfernen. Aber eine kleine Verstimmung war geblieben, und mein Zögling konnte das Gefühl einer Beleidigung schwer überwinden.

Es nahm dennoch ab im Laufe des Nachmittags, denn ganz neue Fragen traten aufregend in den Vordergrund. Die bevorstehende Gesellschaft gab meinen Großen zu denken. Ich saß mit den Damen, die ihre Handarbeit vorhatten, in einem schattigen Boskett nah am Hause, während Fränzchen mit den Kindern des Hauses sich bereits um uns her tummelte, als die drei Großen, lebhaft mit einer Costümfrage beschäftigt, zu uns traten. Es war nämlich verlautet, daß man den bevorstehenden Festtag wahrscheinlich mit einem Tänzchen beschließen werde, welches nun von den Meinen sofort zum »Ball« erhoben wurde. Da erschien es ihnen nun ganz undenkbar, sich in ihren Reisekleidern sehen zu lassen, und Felix Brauser, der die Sache wahrscheinlich angeregt hatte, gab durch Mienen und Worte zu verstehen, er werde eher sein Leben als indischer Büßer auf einem Ameisenhaufen zubringen, als auf einem Balle in blau und weiß gestreifter Drillichjacke erscheinen. Gesellschaftskleider wären unbedingt nöthig, und wenn Einer von ihnen flugs nach Hause reisen müßte, um sie abzuholen. Ich machte meinen jungen Herrn nur durch ein Achselzucken und durch den Ausruf: »Thorheit!« begreiflich, daß ich eine solche Erlaubniß nicht geben würde.

»Aber was wollen Sie denn?« nahm die Hausfrau das Wort. »Ihre Kleidung ist so hübsch, und wer wird es auf Reisen so genau nehmen? Ihre Tänzerinnen aus der Stadt haben Sie ja doch schon so gesehen. Ihren ersten Anzug hab ich in die Wäsche gegeben, zu übermorgen bekommen Sie ihn rein und sauber, und werden wie aus dem Ei geschält aussehen.«

Während auch Fräulein Therese gestand, daß sie die Tracht allerliebst und sehr kleidsam finde, kam der Oberamtmann herbei, und wurde in die Streitfrage eingeweiht. Er lachte.

»Jungens,« begann er, »wenn ihr in eurer Eitelkeit doch euren Vortheil wahrnehmen wolltet! Bildet ihr euch denn ein, in schwarzem Tuch besser auszusehen, als in hellem Sommerzeug? Ist denn unsere Gesellschafts- und Ballkleidung etwa hübsch oder bequem? Schwarze Beine, schwarze Zipfeljacke, Frack genannt – ein ganz verfluchtes Kleidungsstück, von der nüchternsten Armseligkeit der Phantasie im Katzenjammer ausgedacht! Und da springt nun eine solche schwarze Gesellschaft durcheinander, wie ein Corps von verrückt gewordenen Leichenbittern – es ist nicht nur häßlich, mordhäßlich, es ist sogar lächerlich! Und danach steht euch der Sinn? Geht, ihr seid dumme Kerls, und wißt nicht, wie junge Leute sich gut ausnehmen! Und jetzt schlagt euch die Marotten aus dem Sinn – Drillich bleibt die Losung!«

Meine Großen lachten, und waren belustigt durch den wackeren Herrn, vielleicht sogar etwas geschmeichelt, und damit schon wesentlich leichter gestimmt. Es galt aus der Noth eine Tugend machen, auch hörte ich nicht, daß die Costümfrage wieder berührt wurde.

Allein gegen Abend, da wir vom See kamen, wohin ich meine ganze Companie zum Baden geführt hatte, umringte mich das Dreiblatt der Großen mit einem neuen Anliegen. Ich sollte ihnen erlauben, am nächsten Tage allein nach dem Städtchen zu gehen, da sie einige Vorbereitungen zum Feste zu treffen hätten.

Vorbereitungen? Ich wußte nicht, was sie im Sinne trugen, zumal sie sehr heimlich thaten. Die Kleiderangelegenheit fiel mir zuerst ein, und ich verbat mir dergleichen nochmals ernstlich. Sie aber versicherten, dies sei überwundener Standpunkt, dagegen fiel so ein beiläufiges Wort von »Feuerwerk.« Ich wollte ihnen den Spaß nicht rauben, ordnete aber an, daß sie morgen mit dem Frühsten ausmarschiren müßten, und sich nicht etwa bei Doctor Brinkmanns sehen ließen, denn ich witterte, daß dann vor Nacht an kein Zurückkehren zu denken wäre.

Wirklich zogen meine drei Abenteurer am andern Morgen früh ab, seelenvergnügt und mit geheimnißvollen Plänen. Ich glaubte ihrer sicher zu sein, und ließ sie ziehen. –

Es war auch im Hause ein Tag voll von Vorbereitungen. Therese und die Hausfrau waren in der Wirthschaft sehr beschäftigt, und gern nahm auch ich mit den Kleineren eine Anstellung an, im Walde Eichenlaub zu Kränzen und Gewinden einzusammeln. So brachten wir den Vormittag im Freien zu, und als wir zu Mittag, beladen mit Körben voll Laub, zurückkehrten, traten auch die Großen, vom starken Spaziergang erhitzt, aber sehr befriedigt, wieder in das Hofthor. –

Nachmittag gab es allerhand Geflüster und Zusammenrottung, die Jüngeren schienen in das Geheimniß gezogen zu sein, und damit steigerte es sich zu ungeheurer Wichtigkeit. Einmal war es mir, als hörte ich aus der Entfernung, wie aus einer Scheune her, lauten Chorgesang. Später war Alles in einer Gartenlaube mit Kranzwinden beschäftigt, bis ich meine Schaar, wie gestern, zum Baden führte. Nur Benno und Fritz Haland fehlten. Ich mochte ihr verborgenes Treiben jetzt nicht untersuchen.

Als wir vom See zurückkehrten, waren meine Gedanken etwas zerstreut, so daß ich übersah, wie bald hier, bald da Einer aus meiner Schaar vom Wege abschweifte, was ich sonst, um der besseren Uebersicht willen, nicht duldete. Ich hatte nämlich Fräulein Therese heut nur flüchtig bei Tische gesprochen, und so war mein Denken um so lebhafter mit ihr beschäftigt. Als ich in den Garten trat, fand ich sie zu meiner freudigen Ueberraschung in der Laube, und zwar mit Benno und Fritz eifrig beim Kränzewinden beschäftigt. Ich wollte nun auch mein Theil von ihrer Unterhaltung, und schickte die beiden bisher Begünstigten ohne Weiteres zum Baden. Allein zugleich erschien die Hausfrau, welche Theresen bat, sie in der Wirthschaft wieder abzulösen, und mich zu einem Spazierweg durch das Dorf, wohin ein Geschäft sie rief, aufforderte.

Die Gutsherrin hatte mich mancherlei zu fragen. Sie sagte mir Angenehmes über meine Art, die Zöglinge zu nehmen, mit ihnen umzugehen, und ich nahm es als eine Aufforderung, ihr meine Erziehungsmethode und Grundsätze darzulegen. Sie ging sehr darauf ein, und schien befriedigt. Dann mußte ich ihr eine genaue Schilderung unserer heimischen Schulcolonie machen, und endlich eröffnete sie mir, daß sie und ihr Gatte, durch mich gewonnen, große Lust hätten, ihre beiden jüngsten Knaben unserer Anstalt künftig zu übergeben. Dieses Vertrauen war denn allerdings ein Gewinn für mich, den ich hoch anzuschlagen hatte. –

Während wir an einem umzäunten Rasenplatze vorüber gingen, hörten wir weibliche Stimmen reden und lachen.

»Du mußt sie nicht so durcheinander aufhängen!« rief die Eine. »Sie müssen hängen wie die Orgelpfeifen, nach der Größe, erst die langen, und dann immer kleiner!« –

Die Herrin blickte über den niedrigen Zaun und lachte.

»Da sehen Sie die abgestreiften Schlangenhäute Ihrer Companie auf der Leine!« rief sie, und ich hatte den ergreifenden Anblick, unsern gestreiften Drillich, aus der Wäsche kommend, in Reih und Glied zum Trocknen aufgehängt zu sehen. Ich dankte für das Uebermaß von Güte, das die treffliche Hausfrau an uns wendete, sie aber meinte, das verstände sich ja von selbst, und sie freue sich darauf, ihre Knaben mit der Zeit auch in Drillich aus der Anstalt zu bewillkommnen. Sie war eine tüchtige, gesunde Natur, ohne alle Prüderie, und wußte selbst einen derberen Scherz, wie ihr Gatte ihn gern übte, zu würdigen. Sie sagte selbst:

»Ich bin, trotz meiner zwei Töchter, eine ächte Jungens-Mutter, wohl zu unterscheiden von einer Mädchen-Mutter, wie ich deren kenne, bei welchen Alles zimperlicher hergeht.«

Wir hatten unsern Geschäftsgang durch das Dorf beendet, und traten durch eine Seitenthür in den Garten, indem wir uns bei reger Unterhaltung noch einmal vom Wohnhause entfernten, und dem unteren Theil des Parks, gegen den See hin, zuwandelten. Da berührte die Hausfrau plötzlich meinen Arm, winkte mit den Augen nach einer bestimmten Richtung hin, und eilte mit kaum bekämpftem Lachen rechts in einen bedeckten Seitenweg, worin sie verschwand.

Ich folgte dem Wink ihrer Augen, und hatte einen Anblick – daß ich im ersten Moment wie angewurzelt stand, im nächsten mich, von Erstaunen und Unwillen beflügelt, in Bewegung setzte. Denn meine beiden Großen, Benno und Fritz, kamen gleich den unsterblichen Göttern, in gewandverschmähender Nacktheit, den Gang herauf gelaufen.

»Habt ihr den Verstand verloren?« schrie ich ihnen entgegen. »Was ist das für eine Aufführung?« –

Benno zeigte sich über seine Situation selbst so bestürzt, so von Zorn erfüllt, ja so verzweifelt, daß er nur unverständlicher Worte mächtig war; Fritz dagegen, unbefangener und harmloser, gab mir mit fliegender Hast Auskunft. Wie sie in den See hinaus geschwommen, und endlich am Ufer vergeblich nach ihren Kleidern gesucht hätten, die ihnen eine verruchte Hand heimtückisch weggenommen haben müsse; wie sie umsonst gesucht, gerufen, eine halbe Stunde lang vergeblich am See umhergelaufen, in der Erwartung, irgend Jemand zu begegnen, den sie zu mir schicken könnten; wie sie sich gescheut, unbekleidet durch das Dorf zu gehen, und schließlich den Weg durch den Park eingeschlagen hätten, in der Hoffnung, unentdeckt durch die Boskets nach dem Gärtnerhause zu gelangen.

Mein Zorn mußte sich bei dieser Eröffnung wohl geben, aber eine gräßliche Inquisition nach dem Urheber des Verbrechens, und ein finsteres Strafgericht sah ich doch mit Nothwendigkeit vor meiner Seele aufsteigen. Zuvor aber galt es, meine beiden waldursprünglichen Zöglinge in Sicherheit zu bringen. Ihnen auf zwanzig Schritte voranschreitend, untersuchte ich die Wege, und so gelangten wir wirklich ungesehen nach dem Gärtnerhause. Nachdem ich ihnen durch den Bewohner rasch eine Interimskleidung aus seinen eigenen Vorräthen ausgewirkt, eilte ich nach dem Herrenhause, um durch den Oberamtmann untersuchen zu lassen, ob sich in den Schränken vielleicht dies oder jenes Kleidungsstück von den erwachsenen Söhnen des Hauses befinde. Allein die Hausfrau, welche auf der Schwelle stand, schien mich schon erwartet zu haben. Ich berichtete schnell.

»Die Kleider sind schon gefunden, unterbrach sie mich. Eine Magd hat sie hinter einer Scheune im Kartoffelfeld entdeckt, und nach Hause gebracht. Aber wie, um Alles, ist das zugegangen?«

Die wackere Dame lachte, und ich war froh, daß sie es leicht nahm, vor allen Dingen aber bemächtigte ich mich der wiedergefundenen Kleider, und trug sie, um sonst Niemand in das Geheimniß einzuweihen, selbst nach dem Gärtnerhause. Benno und Fritz versprachen sehr gern über das Abenteuer zu schweigen und mir die Untersuchung zu überlassen. Sie führte noch während des Ankleidens auf eine Spur, die nur zu wahrscheinlich ein baldiges Ergebniß versprach. Es war nämlich mit den Kleidern ein Taschentuch gekommen, welches die Großen nicht als das ihrige erkannten, das sich aber nach dem Zeichen als Damian Griesler zugehörig entdeckte. Ich mußte den Kopf schütteln, wenn ich an Theresens für Damian so günstige Beobachtungen dachte!

Zuerst beschloß ich, jene Magd, welche die Sachen heimgebracht, ins Verhör zu nehmen. Sie wollte das Taschentuch nicht bei den Kleidern, sondern auf dem Wege gefunden haben, welchen ich mit meinen Zöglingen zu nehmen pflegte, wenn ich sie zum Baden führte. –

Darauf suchte ich Damian auf. Ich fand ihn in einer Laube und zwar mit Felix Brauser zusammen. Dieser war eifrig beschäftigt, in ein frisches Haselstöckchen einige Namen einzuschneiden, während Damian, auf einem Stuhle knieend, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, ihm zusah, und beißende Bemerkungen über diese kindische Beschäftigung des Größeren und Aelteren machte. Dieser gab ihm den Spott mit lächelnder Ruhe zurück, und beide waren so sehr in ihr leichtes Wortgeplänkel versunken, daß sie meine Gegenwart einige Augenblicke nicht bemerkten.

Ich setzte mich zu ihnen, erzählte die verbrecherische That, und legte endlich das Taschentuch auf den Tisch. Felix war so entsetzt über eine solche Ruchlosigkeit, daß er kaum ein Wort zu sagen wußte, und endlich nur in den Ruf ausbrach:

»Gott sei Dank, daß ich früher mit Ihnen baden ging!«

Diese egoistische Genugthuung war ihm im Grunde nicht zu verargen, obgleich er sich, wie sein mythologischer Namensvetter, schon hätte sehen lassen können, allein darauf kam es hier nicht an. Während aber Felix erröthend und mit allen Zeichen des Schreckens dastand, beobachtete ich Damian. Ich glaubte zu bemerken, daß sein schlechtes Gewissen sich regte, dann aber sah ich ihn einen Blick auf Felix werfen, darin ich zu meinem Erstaunen Theresens Beobachtung bestätigt fand. Es war ein langer Blick aus plötzlich groß geöffneten Augen, fragend, von Innen kommend, ein Blick, der meine Vermuthungen verwirrte.

»Felix!« rief ich – »hast du die That gethan? Oder hast du darum gewußt?« –

Felix stand vor mir, sah mich ruhig und sicher an, flammenden Stolz in seinen Zügen.

»Herr Friedhelm,« rief er, »trauen Sie mir das im Ernste zu?« –

»Nein,« entgegnete ich mit vollkommener Ueberzeugung; dann aber zu Damian gewendet, der wieder mit gesenkten Augen da saß, fuhr ich fort:

»Der Schein ist gegen dich! Sei aufrichtig! Hast du Benno und Fritz diesen häßlichen Possen gespielt?«

»Ja! Ich hab es gethan,« sagte Damian.

Felix trat von ihm hinweg; als müsse er sich vor unreiner Nähe wahren. Ich aber war überrascht, denn ein so rasches Geständniß hatte ich nicht vermuthet, ja, es waren mir sogar einige Zweifel gekommen; denn jenes Taschentuch konnte noch nicht als überführender Beweisgrund gelten. Doch war die Sache mit dem Bekenntniß sehr vereinfacht. Ich kündigte Damian Stubenarrest an, und Ausschluß von den bevorstehenden Festlichkeiten, bis zu unserer Abreise. Er folgte mir schweigend in die Clausur, während Felix neugierig die beiden Großen aufzusuchen eilte.

Es läßt sich denken, daß Damians Einkerkerung in die Schlafkammer gewaltige Sensation unter den jüngeren Zöglingen machte, und daß die Hoffnung der Großen, ihnen die Ursache verborgen zu halten, sich unerfüllbar zeigte. Das ganze Haus wußte bereits um die haarsträubende Geschichte. Fräulein Therese näherte sich mir mit betrübtem Gesicht, um für den Schuldigen zu bitten. Was hätte ich ihr abschlagen mögen? Ich fühlte mich einen Augenblick schwach, allein ich überwand mich, und blieb auch ihr gegenüber bei meinem strengen Richterspruch. –

Indessen war man überein gekommen, über das unglückliche Ereigniß nicht mehr zu reden. Allein bei der Abendtafel sollten wir in neue Aufregung darüber gerathen. Denn Herr Schellendorf machte fortwährend so ungezogen malitiöse Anspielungen, zeigte seine hämische Freude über den Streich so offen, daß ich mich veranlaßt fühlte, für meine Jünger einzutreten. Er fertigte mich sehr grob ab, es war keine Entgegnung mehr möglich, und der Gutsherr sah sich zu dem heftigen Verweis veranlaßt:

»Herr Inspector, verlassen Sie den Tisch! Ich dulde bei mir keine Flegeleien!« –

Der Herr Inspector lachte, und mit gewaltig polternden Tritten verließ er den Saal.

Man weiß, welche unbehagliche Pause solchen gewaltsamen Scenen zu folgen pflegt. Die Stimmung war beeinträchtigt. Als wir uns erhoben hatten, hörte ich den Gutsherrn zu seiner Gattin sagen:

»Er soll mir aus dem Hause, ich habe den rohen Gesellen satt!«

Aber dann, in die offene Gartenthür tretend, rief er mit ganz verändertem Ton:

»Victoria! Es regnet! Eine größere Geburtstagsfreude konnte mir nach dieser dürren Zeit nicht widerfahren!«

Wirklich plätscherte ein erquickender Regen über das Laub, und schien auch im Zimmer die schwüle Stimmung fortzunehmen. Der Gutsherr war schnell wieder guter Laune, und so wurden wir es auch.

Und es rieselte und plätscherte die ganze Nacht über, eine Musik, die den Landmann in glücklichen Schlaf schaukelte. Mir war es zu schwül im Zimmer, ich öffnete das Fenster noch spät, sah in den Regen hinaus und verfolgte meine wachen Träume. Ach, sie waren schon zu lebendigen Wünschen geworden! Ich durchging mein Leben, suchte mir meine Heimkehr, meine Zukunft zu vergegenwärtigen. Wie mancher meiner Collegen, dachte ich, hat sich früh gebunden, und sieht mit seiner Verlobten lange harrend einer Stellung entgegen, um sich endlich mit ihr verbinden zu können. Ich war ohne viel Bekanntschaft mit Frauen, aber doch auch ohne pedantische Scheu vor ihnen aufgewachsen, ich hatte bereits eine Stellung, genügend für einen jungen Hausstand, ich war in einem Lebensalter, wo Andere sich längst nach einer Gefährtin umgesehen hätten. Erst vor wenigen Monaten hatte mir unsere Frau Directorin an meinem neunundzwanzigsten Geburtstage den Wunsch ausgesprochen, daß ich mich in diesem Jahre verheirathen möge! –

Und nun war mir Therese entgegen getreten, innerlich näher als alle Frauen, die ich kennen gelernt, und so kurz unsere Bekanntschaft war – ich verschwieg es mir nicht, ich liebte sie! Und konnte ich erwarten, jemals einem weiblichen Wesen zu begegnen, das so mit meinen Ansichten, meinen Lebensplänen, mit meinem ganzen eigenen Wesen übereinstimmte? Der Gedanke, von ihr geliebt zu werden, sie als mein Weib heim zu führen, beseligte mich – aber durfte ich mich diesem Gedanken hingeben? Unsere Bekanntschaft war vier Tage alt, und außer bei jener Fahrt nach der Stadt war mir kaum Gelegenheit geworden, sie länger als zehn Minuten lang allein zu sprechen. Meine Schüler hatten es besser gehabt, mit ihnen sprach sie des Tags wohl zehnmal, ich hätte die Jungens darum beneiden mögen.

Was mich aber am meisten in Unruhe versetzte, war eine Entdeckung, die ich erst heut gemacht. Therese trug an der linken Hand einen kleinen Ring, grade wie ein Verlobungsring. Gehörte ihr Herz und ihre Pflicht schon einem Andern? Wie sollte ich und wen danach fragen, ohne taktlos zu erscheinen, oder mich zu verrathen? Therese zeigte mir freundliches Wohlwollen, ich erkannte es mit Freude, aber wenn ich es recht überlegte, sie bewies mir nicht mehr, als jedem Andern, den ich in ihrer Nähe gesehen.

Ich schlief die Nacht kaum zwei Stunden. Als ich aber sehr früh erwachte, sah ich einen grauweißen Himmel und in einen Landregen hinaus, der sich breit und ausgiebig über die Landschaft gelagert hatte. Für ein ländliches Fest ein Querstrich durch die Pläne im Freien! –

Gleichwohl vernahm ich bereits lebhafte Bewegung um mich her. Ich fand meine Companie zum Theil schon in den Kleidern, und sollte nun auch hinter eines ihrer Geheimnisse kommen. Auf dem Tische lagen mehrere mit Versen beschriebene Blätter. Es waren Abschriften eines Gedichtes, welches Benno verfertigt hatte, und zwar auf die beliebte Melodie: »Hinaus in die Ferne.« Der Gutsherr wurde darin begrüßt, und für seine Gastfreundschaft dankend gerühmt. Sie wollten es im Chor singen und hatten gestern in einer Scheune bereits Proben gehalten. In einer Ecke lehnte eine Fahne, mit der Inschrift: »Der Gutsherr hoch!« Darunter in kleinerer Schrift die Worte: »Drillich ist die Losung!« Unter Vortritt dieser Fahne wollte meine Companie, verstärkt durch die rasch geworbene Dorfjugend, vor dem Gefeierten unter Absingung des Liedes aufziehen.

Ich fand den Zusatz der Fahneninschrift zwar nicht recht passend, allein es hieß: Fräulein Therese sei im Geheimniß und finde nichts dagegen einzuwenden! So wollte ich denn auch nichts einwenden, und sah die Gesellschaft davon eilen, da sie sich in besagter Scheune mit ihrem Contingent aus dem Dorfe sammeln wollten.

Meine Großen waren mit solchem Eifer bei der Sache, daß ich ihre gestrige Verstimmung vollkommen überwunden glauben konnte. Damian Griesler mußte natürlich zurück bleiben. Ich nahm ihn noch einmal ins Gebet, suchte ihn durch Entgegenkommen offener zu machen, forschte nach dem Grunde seines hinterlistigen Streiches, und fand nur Ablehnung und schweigenden Trotz. Ich gestehe, ich hätte seine Strafe gern gemildert; da aber meine Bemühungen nichts halfen, mußte ich ihn seinem Kerker in der Giebelkammer überlassen.

Als ich in den Gartensaal trat, der heut im Festschmuck grüner Laubgewinde prangte, kam ich eben zurecht, um den jugendlichen Zug mit der Fahne trotz des Regens durch den Garten ziehen zu sehen.

Der Oberamtmann, umgeben von den Damen und seinen beiden Knaben, war sehr überrascht, und rief, als meine Companie sich draußen aufstellte: »Nur nicht im Regen bleiben, Kinder! Herein Alle miteinander!«

So erscholl denn Benno's hochpoetischer Erguß, von beliebter Melodie getragen, im Gartensaal, und es war sichtbar, daß der Oberamtmann mit einer gewissen Rührung zuhörte. Kaum war der Gesang zu Ende, als er meine Großen bei den Ohren nahm, jedem einen derben Schmatz gab, und ähnlich unter den Jüngern zu hantiren begann. Die Fahneninschrift begrüßte er mit jubelndem Lachen, und reichte mir die Hand zum Dank für die »hübsche Aufmerksamkeit,« den ich jedoch ablehnen und ganz auf die Rechnung meiner Companie setzen mußte.

Nach dem Frühstück trat Therese an mich heran. Sie sah fast traurig aus.

»Ich habe Ihrem Sträfling sein Frühstück hinauf geschickt,« sagte sie. »Soll er denn wirklich den ganzen Tag eingesperrt bleiben?«

Ich erzählte ihr von meinem mißlungenen Versuch, auf ihn einzuwirken, und bat sie, sich nicht weiter für ihn zu verwenden. Sie mochte aber noch nicht ablassen.

»Es ist noch gar nicht erwiesen,« sagte sie mit einem gewissen Eifer, »daß er den Streich vollführt hat! Trotz seines eigenen Geständnisses kann er schuldlos sein!«

»Aber was in aller Welt,« fragte ich, »könnte ihn bewegen, sich für den Schuldigen auszugeben?«

»Ich weiß nicht,« meinte sie – »ich kann den Verdacht auch auf keinen Andern hinlenken, und doch, ein Gefühl sagt mir, dem sonderbaren Knaben geschieht Unrecht!«

Ich ging noch einmal zu Damian hinauf, um mein eigenes Gewissen zu beruhigen. Allein ich fand ihn nur noch verstockter.

»Ich hab es gethan, ja, ich hab es gethan!« rief er mit scharf betonten Trotzesworten. »Ich will auch nichts von dem ganzen Feste sehen! Ich will ausgeschlossen bleiben!« –

»Nun, so habe deinen Willen!« sagte ich, und ging, um Theresen von meinem neuen Mißlingen zu berichten.

Wenn ich aber auf dieser Reise jemals geschwankt habe zwischen ernstem Verweisen und innerer Belustigung, so geschah es an diesem Nachmittag über die jugendliche Eitelkeit meiner Großen. Denn es zeigte sich, daß die Costümfrage doch nicht ganz erledigt gewesen, und jene Losung unseres Gutsherrn einigen eigenmächtigen Erweiterungen unterworfen worden war. Denn als ich das Dreiblatt der Großen bei der Toilette ertappte, ergab sich, daß sie im Städtchen Einkäufe gemacht hatten, durch welche sie ihre Erscheinung in Drillich zu einer edleren Sphäre empor zu heben gedachten.

Sie trugen kleine seidene Halstücher mit flatternden Zipfeln, Benno ein rothes, Fritz ein grün und weiß gewürfeltes, Ganymed natürlich ein himmelblaues. Auch kamen weiße Glacehandschuhe für das Tanzen zum Vorschein. Die leichtfüßigeren Tritte fielen mir auch auf, und gewiß konnte es rücksichtsvoll gegen die Dielen der Frau Oberamtmann genannt werden, daß die starken rindsledernen Stiefel, deren Sohlen sogar einen Beschlag mit Nägeln trugen, heut durch leichtere Tanzschuhe ersetzt worden waren. Felix hatte Damenschuhe nehmen müssen, die ihm, wie er sagte, wie angegossen saßen; Benno gestand, daß die seinen ein wenig drückten, wogegen Fritz Haland, dem die Natur ein tüchtiges Fußgestell gegeben, gleich von der größest vorhandenen Sorte genommen hatte. Ich schalt zwar über die grenzenlose Eitelkeit, rief jedoch heut nur geringe Wirkung hervor.

Die Gäste aus der Stadt und sonstigen Nachbarschaft ließen nicht auf sich warten. Zuerst kam die Familie Brinkmann angefahren, dann Frau Hagendorf mit ihrer schönen Tochter, dann Andere, und es fehlte auch nicht an einigen jungen Herrn. Geistreiche Spiele füllten den Nachmittag aus, wobei die Meinen sich vortheilhaft auszeichneten, sehr früh aber lenkte man in das sehnsüchtig erwartete Tänzchen über. Ein altes und nicht eben rein gestimmtes Clavier wurde geöffnet, und die Hausfrau legte ein altergraues Notenheft mit längst verschollenen Tänzen auf, um selbst aufzuspielen. Sie wurde von einer andern Dame abgelöst, und als Dritter trat ich ein, um den Platz am Clavier am längsten zu behaupten. Es war gewiß Selbstverleugnung von Felix Brauser, daß auch er sich erbot, dem Vergnügen der Uebrigen zu dienen, und einen der neuesten Modetänze spielte, eine Aufgabe, deren er sich in brillanter Weise entledigte. So drehten sich etwa zehn jugendliche Pärchen, unter welche sich ab und zu auch ein gesetzteres mischte, aus dem Nachmittag in den Abend hinein, grundvergnügt und hübsch anzusehen.

Allein zur Ueberraschung der Wirthe trat nun auch Herr Schellendorf in den Tanzsaal. Er hatte zwar keine Einladung erhalten, mochte diese aber als selbstverständlich angenommen haben. Ich hörte, wie die Hausfrau ihren Gatten zu beschwichtigen suchte und ihn bat, den unangenehmen Gast heute noch zu dulden, da seines Bleibens im Hause ja doch nicht mehr lange sei.

Herr Schellendorf suchte sich gleich bei seinem Eintreten als selbstbewußter Tanzbodenkönig in den Mittelpunkt zu stellen. Er trug einen lichtbraunen Frack mit blanken Knöpfen, und sah sehr unternehmend aus. Sein Tanzen war ein wildstampfendes Galoppiren und Fegen, wobei seine kurzen Beine weiter ausgreifen zu wollen schienen, als die Natur gestattete. Dazu hatte er die Eigenheit, seinen linken Arm hoch in die Höhe zu strecken und zugleich den seiner Dame über sein Haupt empor zu reißen, gleichviel, ob dieser dabei verrenkt wurde oder sonst zu Schaden kam. Unter den jungen Herrn aus der Stadt machte sich Herr Schellendorf sehr laut und cordial, den Meinigen zeigte er höhnische Verachtung.

Therese tanzte gar nicht, sie zeigte sich überhaupt nicht viel im Saal, wie sehr auch meine Großen um einen Tanz bettelten, wie selbstbewußt auch Herr Schellendorf bei ihrem Wiedererscheinen sie immer neu in die Reihen zu ziehen versuchte. Er schien zeigen zu wollen, daß er allein diese Gunst erzwingen könne, und gab seiner Verstimmung über die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen eine nicht feine Form. Er mißfiel, wie ich bemerkte, allgemein, und seine höhnischen Bemerkungen über das Feuerwerk, welches natürlich im Regen völlig mißlang, trugen ihm einen wiederholten Tadel des Gutsherrn ein. Das verschlug freilich nichts bei ihm. Er tanzte, trank viel Bowle, und erging sich in Witzen, über die er zuerst lachte. Allein, Alles in Allem, ließ man sich durch ihn nicht sonderlich im Vergnügen stören, und es war ersichtlich, daß meine Leute, die im Gegensatz zu ihm sich um so besser darstellten, von den Damen besonders begünstigt wurden.

Es war neun Uhr, als ich mich, nach längerem Trommeln auf den Tasten, erhob, um einmal nach meinen Jüngeren zu sehen, die ich schon seit einer Weile im Saal vermißte.

»Sie sind oben,« sagte die Hausfrau. »Aber schelten Sie nur nicht! Heut soll man es so genau nicht nehmen.«

Schon auf der Treppe vernahm ich lebhafte Stimmen aus dem Giebelzimmer, und als ich die Thür öffnete, sah ich Damian Griesler in den angenehmsten Umgebungen. Hatte schon der Regentag, der meine Companie an das Haus fesselte, die Einzelhaft des Sträflings gemildert, so erblickte ich jetzt den Kerker zu einem Schauplatz der Freude umgestaltet. Denn am großen Tische sah ich sechs von den Meinen, den Verbrecher darunter, nebst den Kindern des Hauses beim Lotteriespiel um Pfeffernüsse, und zwar unter dem Vorsitz – Theresens. Sie machte eine bittend abwehrende Bewegung gegen mich, und wirklich ließ ich mich dadurch bestimmen, kein Wort über die Ueberschreitung meines Befehls zu verlieren. Ich überblickte den Kreis – Karl Schröder fehlte. Ich hatte ihn doch unten im Saal auch nicht bemerkt! Damian, neben dem Therese Platz genommen, schien jetzt mehr aufgethaut zu sein. Er fragte mich, ob Felix viel tanze? Ich konnte ihm die Versicherung geben, daß er seine Beine nicht schone. –

Nach einer Weile erhob sich Therese, da, wie sie sagte, es Zeit sei, den Cotillon einzurichten.

»Und ich bleibe dabei« – flüsterte sie mir im Abgehen zu – »der Knabe ist unschuldig!« –

Ich nahm ihren Platz ein, das Lotteriespiel scheinbar verfolgend, hauptsächlich aber mit der Beobachtung von Theresens Günstling beschäftigt. Es fiel mir auf, daß er noch öfter nach Felix fragte. Woher kam heut sein Interesse für ihn, den er doch augenscheinlich nicht leiden mochte, und den er überall zu plagen suchte?

Als ich nach einer halben Stunde wieder in den Saal trat, war der Cotillon mit Sträußchen und Orden im schönsten Gange. Felix saß mit mehreren Gunstzeichen geschmückt zwischen zwei jungen Damen, deren weite, luftige Gewänder ihn zur Hälfte einhüllten, eine Situation, die er, nach seinem vergnügten Gesicht zu schließen, recht gemüthlich fand.

Allein ich suchte nach Karl Schröder, und fand ihn in einer Ecke sitzen, starr in den Tanz hinein blickend. Es war dem Hause gelungen, ihn durch Kuchen, Braten und Obst so voll zu stopfen, daß ich nun die Ueberzeugung hegen konnte, es gehe nichts mehr in ihn hinein. Befriedigt, satt, und durch ein paar Gläser Bowle schläfrig gemacht, hatte er sich ein sicheres Asyl gesucht, um sich rein und unbehelligt seiner beglückenden Lage zu widmen. Er hatte sogar die Unruhe des Lotteriespiels verschmäht, doch bleibt unentschieden, ob er gewußt, daß Pfeffernüsse der Preis waren. Und nun saß er da mit blassen Wangen, die wie zwei aufgegangene Hefenklöße aussahen, und blinzelte jedesmal mit den Augen, wenn der kühlere Luftzug der vorüberschwebenden Gewänder sein Gesicht umwehte.

Allein von diesem Anblick sollte ich bald durch ein Ereigniß abgelenkt werden. Benno hatte nämlich Theresen ein Sträußchen überreicht, und ich sah, wie sie, die den ganzen Abend nicht getanzt hatte, durch den gutmüthig barschen Zuruf des Oberamtmanns bewogen, Benno's Arm annahm, und mit ihm durch den Saal flog. In diesem Augenblick aber ergriff Herr Schellendorf seine Tänzerin, und fuhr mit absichtlichem und wohlberechnetem Anprall dermaßen gegen Benno, daß dieser das Gleichgewicht verlor, und der Länge nach zu Boden fiel. Therese schwankte nur, hielt sich aber aufrecht.

Der erst so begünstigte und nun so verunglückte Tänzer erhob sich schnell, flammend vor Scham und Empörung, und es wäre sicherlich schon jetzt mitten im Saal zu Conflicten gekommen, hätte der Gutsherr sich nicht ins Mittel gelegt. Er beruhigte Benno, der übrigens die gute Meinung durchaus für sich hatte, da die schlechte Absicht des Herrn Inspectors zu deutlich vor Aller Augen gelegen. Benno tanzte wirklich weiter, Herr Schellendorf aber wurde, wahrscheinlich auf Veranlassung des Oberamtmanns, nicht mehr im Saale gesehn.

Bald nach zehn Uhr war der Tanz zu Ende, und nach einer Stunde der Abkühlung, die jetzt, nachdem das unlautere Element des Abends entfernt war, noch mit gedoppeltem Vergnügtsein genossen wurde, rüsteten die Gäste sich zum Aufbruch. Der Regen hatte aufgehört, die Luft war wundervoll, und nachdem der letzte Wagen abgefahren, und meine Companie ihr Lager aufgesucht hatte, schritt ich mit dem Gutsherrn noch einmal durch den frisch erquickten Garten. Endlich in meine Kammer eintretend, vernahm ich nebenan ein Gespräch, welches wohl nur so laut geführt werden konnte, weil Benno und Fritz meine Rückkehr überhört hatten. Ich wollte mich bemerkbar machen, aber es schlugen Eröffnungen an mein Ohr, die mich stutzig und neugierig machten, und so schwieg ich. Ich brauchte nicht zu horchen, die dünne Bretterwand ließ mich ohne Mühe hören.

»Siehst du,« rief Benno, »ich hasse diesen Menschen, ich könnte ihn morden! Und ich spiele ihm auch noch einen Streich, daß er an mich denken soll!«

»Du kannst nichts gegen ihn thun,« entgegnete Fritz, »ohne hier das Gastrecht zu verletzen. Es ist abscheulich, was dieser Mensch uns bietet, aber wir können nichts gegen ihn aufbringen.«

»Und dennoch!« rief der Andere leidenschaftlich – »und dennoch! Mich grade vor Theresen so fürchterlich zu blamiren! O Gott, ich weiß nicht, wie ich hier weg soll! Ich liebe sie, ich könnte mein Leben für sie hingeben!«

»Benno,« erwiederte Fritz, »ich glaub' es ja gern, und weiß es längst, daß du sie liebst, aber was soll denn draus werden? Du kannst dich doch nicht mit ihr verloben!«

»Nun, wenn auch nicht gleich – aber warum nicht? Sie hat mir doch gezeigt, daß sie –«

»Ach, sei doch nicht albern! Denk lieber an unser Abiturientenexamen! Du mußt den Verstand nicht gänzlich verlieren! Uebrigens weiß ich Jemand, der sie ebenso liebt wie du, und dem Theresens Liebe, glaub' ich, sicher ist. Du bist mein Freund, Benno, aber dem Andern kommt Theresens Liebe mehr zu, als dir!«

»Wer ist es? Ich muß es wissen!«

»Du hast deine eigenen Augen zum sehen.«

»Ist es der Schuft, der Schellendorf?«

»Unsinn!«

»Wer ist's? Sag's um Gottes willen!«

»Er ist gar nicht hier vom Gute – er ist – nein, nein! Ich ärgere mich selbst, daß ich's angedeutet habe. Laß mich jetzt zufrieden!«

Ich hatte genug gehört, der Schreck ging mir bis ans Herz. Leise schlich ich aus dem Zimmer, bis zur Treppe, nahm dann starke Tritte an, als käme ich eben erst herauf, und trat in die Kammer der Freunde. Ich fand sie noch in den Kleidern.

»Kommt noch ein Viertelstündchen hinab in den Garten!« rief ich. »Die Luft ist herzerquickend.«

Ich wollte um Alles Benno's weitere Fragen und Fritzens etwaige Vermuthungsäußerungen aufhalten. Sie folgten mir gern. Wir schritten eine Weile durch die Gänge, sprachen über das heutige Fest, über unsere gastlichen Wirthe, und eh ich mich's versah, war unser Gespräch bei Fräulein Theresen angelangt. Ich faßte einen raschen Entschluß. Was mich selbst mit räthselhafter Frage quälte, stellte ich als Gewißheit hin, um meines Schülers extravagantes Gemüth in Schranken zu halten.

»Sie ist seit längerer Zeit Braut,« sagte ich, und fühlte selbst einen Stich im Herzen.

»Fräulein Therese – Braut?« rief Benno.

»Du hast ja wohl den Ring an ihrem Finger gesehen?«

»Das ist ja aber kein Verlobungsring!«

»So? Nicht?« rief ich, indem ich fast aus der Rolle fiel, voll Erstaunen aus.

»Aber nein! Es ist ein Ring, aus zwei verschlungenen Händen bestehend –«

»Nun also!« entgegnete ich, wieder gesammelt. »Sie ist verlobt. Der Bräutigam lebt entfernt von hier – ich habe den Ort vergessen.«

Während ich noch sprach, näherte sich uns eine Gestalt, mit der Bitte, uns etwas mittheilen zu dürfen. Wir erkannten Augustin, den Nachtwächter, dessen Bekanntschaft uns schon bei Tage zu Theil geworden.

»Ist es wahr,« begann er leise, »daß Einer von den jungen Herrn schwer bestraft worden ist, weil er den großen jungen Herrn die Sachen vom Badeplatz weggenommen haben soll?«

Wir bejahten, aber erwartungsvoll, denn es stand etwas Ueberraschendes in Aussicht.

»Dann muß Unrecht an den Tag kommen!« fuhr der Nachtwächter fort. »Der kleine junge Herr hat es nicht gethan.«

»Nicht? Wer sonst?« riefen wir aus Einem Ton.

»Ich mocht' es nicht verrathen, weil ich eine Furcht hatte, aber jetzt kann's nicht verschwiegen bleiben. Ich war jenes Tags gegangen, zu sehen, wie meine Kartoffeln stehen, die da hinterm Haselbusch sind. Und weil das Feld etwas höher liegt, konnt' ich sehen, wie da Jemand am Gesträuch zum Wasser heran schlich, die Sachen ergriff, und damit weglief.«

»Wer war es? Geschwind!«

»Aber Sie müssen mich nicht angeben! Der Herr Inspector Schellendorf ist es gewesen. Er trug die Sachen hinter die Scheune, und machte sich davon.«

Ein halb erstickter Racheschrei drang aus Benno's Brust. Ich selbst war betroffen, ich hatte Damian wirklich Unrecht gethan. Aber was bewog den Knaben, sich für den Thäter auszugeben?

Wir waren in die Nähe des Hauses gelangt. Da kam Jemand pfeifend über den Hof. Im Nu setzte sich Benno trotz meines Rufens in Bewegung, stand vor Herrn Schellendorf, und rief:

»Sie sind es, der die Niederträchtigkeit begangen hat, uns neulich die Kleider zu rauben, Sie sind ein Schuft!«

Und zugleich saß eine wohlgezielte Ohrfeige klatschend in des Herrn Inspectors Gesicht. Dieser aber, in solchen Einleitungen vielleicht nicht ganz unerfahren, packte Benno, und einige Augenblicke gab es ein Ringen, worin Wuth gegen Wuth arbeitete. Wir sprangen hinzu, in diesem Augenblick aber glitt Benno aus, fiel rücklings nieder, und Herr Schellendorf über ihn hin. Jetzt aber hielt sich Fritz auch nicht mehr. Wüthend stürzte er über den Feind, und zerbläute ihm den Rücken dermaßen, daß ich in Beschämung und Unwillen hätte vergehen mögen. Die Hunde hatten Lärm gemacht, der Nachtwächter schrie verzweifelt nach Hülfe. Knechte kamen herbei und schon auch der Gutsherr. Das Gefühl der Schmach, das ich bei seinem Erscheinen empfand, werde ich nie vergessen. Morgen sollten wir Abschied nehmen, und in den letzten Stunden, nach all der Unordnung, die wir schon ins Haus gebracht, befleckten wir den gastlichen Boden noch durch eine ganz gemeine Prügelei!

Freilich war Fritz schnell aufgesprungen, freilich hatten sich auch die beiden andern Kämpfer erhoben, und waren durch mein und der Uebrigen Dazwischentreten von einander getrennt worden; freilich jagte der Gutsherr, der nach wenig Worten der Erklärung den Sachverhalt schnell übersah – freilich jagte er seinen Inspektor noch in dieser Nacht vom Gute; meine Beschämung wurde dadurch nicht gemildert.

Und es sollte neuer Schreck hinzukommen. Denn Benno wankte plötzlich, und fiel noch einmal, und diesmal ohnmächtig zu Boden. Es zeigten sich große Blutflecken um seinen Halskragen. Wir trugen ihn hinein. Er erholte sich zwar, und konnte, von Fritz unterstützt, nach dem Schlafgemach hinauf gehen, hier aber sank er bewußtlos auf das Lager, und ließ uns in Bestürzung und Aengsten. Wir entkleideten ihn, und fanden eine starke Wunde am Hinterkopfe. Er mußte auf einen Stein gefallen sein.

Fräulein Therese kam mit besorgten Gesicht herein, und brachte Essig, starke Essenzen und Linnen zum Verband, womit sie sogleich hülfreich ans Werk ging. Auch die Hausfrau und der Gutsherr kamen herauf, um nach dem Verwundeten zu sehen. Er erholte sich, sah mit erstauntem Auge Therese an seinem Lager sitzen, und wandte die Blicke wieder ab. Er schien tief zerknirscht zu sein.

Wir waren indessen alle nicht der Ansicht, daß eine Gefahr vorhanden sei, und so verabschiedeten sich der Oberamtmann und seine Gattin, doch hießen sie es gut, daß Fräulein Therese noch bei uns blieb, und am Lager ihre ärztliche Hülfeleistung fortsetzte. Ich unterstützte sie, und auch Fritz, der zwischen Ermüdung und Aufregung kämpfte, suchte uns beizustehen, bis er auf Theresens wiederholten Rath sein Lager in der Nebenkammer aufsuchte. Er schien es ungern zu thun.

Bei Benno stellte sich, als das Blut mühsam gestillt war, nach dem starken Verluste ein Wundfieber ein. Therese und ich saßen am Lager, und hörten auf die unruhigen Athemzüge des Kranken. Wir waren jetzt allein, aber wir schwiegen. Endlich fand ich Worte, ihr für ihren Beistand zu danken. Sie lehnte den Dank ab, zürnte mir aber nicht, daß ich ihre Hand ergriff, und – ich weiß nicht, wie mir geschah – einen Kuß daraus drückte.

Leise zog sie die Hand zurück, und rasch das Gespräch wendend, begann sie: »Hatte ich nicht dennoch Recht? Damian ist nicht schuldig!« –

Wir grübelten eine Weile über die Ursache seiner Selbstanklage. Dann erhob sich Therese. »Der Kranke scheint zu schlafen,« sagte sie, leise sich über ihn beugend.

Mein Herz war so voll, zum Zerspringen voll! Ich hatte Worte die Fülle auf den Lippen, und scheute mich doch zu reden. Endlich hielt ich mich nicht mehr. »Fräulein Therese,« begann ich – »wüßten Sie, was der Aufenthalt in diesem Hause, was mir diese Stunde bedeutet!«

Sie verstand mich, ich bemerkte es an dem leisen Zucken, das durch ihre Züge ging, aber sie suchte mir auszuweichen. »Wir wollen gern an diese Tage zurückdenken!« entgegnete sie, und trat von dem Lager weg, um sich am Tische ein Geschäft zu machen.

Ich schwieg einige Augenblicke, zurückgescheucht. Allein ich sammelte mich wieder, wenn auch empfindend, daß die Stunde mir nicht ganz günstig sei.

»Morgen sollen wir von hier Abschied nehmen!« begann ich wieder. »Darf ich Ihnen einmal schreiben?«

»Sie werden morgen noch nicht fort können,« entgegnete sie. »Der Kranke wird noch Ruhe brauchen. Aber er scheint jetzt sanfter zu schlafen, drum gute Nacht für heut!«

Ich sah bei einer Handbewegung den Ring an ihrem Finger glänzen, und fühlte mich kalt durchschauert. Sie war rasch hinaus, und ich saß allein an Benno's Lager, am Lager meines Schülers und Rivalen, dem in seinen Fieberträumen vielleicht das gleiche Bild wie mir vorschwebte. Wie ich diese Nacht, schlaflos, von Sorge und Unruhe gepeinigt, zugebracht, werde und will ich nie vergessen. Man lächelt später über Vieles, was man hinter sich hat, und doch bleibt Einem auch im kleinen Leben manche Stunde so werth und ehrwürdig, daß man nur mit ernster Rührung daran zurück denkt.

Der Morgen kam. Es war der Morgen, da ich mit meiner Companie abmarschiren sollte. Allein Benno fühlte sich sehr erschöpft, wenn gleich er mir schon früh um fünf Uhr erklärte, er werde nicht zurückbleiben. Ich drang darauf, daß er sich noch eine Stunde ruhig verhielte.

Da wurde mir ein blauer Brief gebracht, es war eine telegraphische Depesche von unserer Frau Directorin! Sie telegraphirte: Wir sollten nicht weiter wandern, sie werde Mittags selbst eintreffen, und erwarte mich mit einem Wagen auf dem Bahnhofe des benachbarten Städtchens. –

Ich sprang entsetzt auf. Da hatten wir auch noch unsere ängstliche Frau Directorin auf dem Gute! – Aber den Zusammenhang sah ich klar. Ich hatte ihr gestern früh geschrieben, daß Fränzchen etwas unwohl gewesen, aber wieder hergestellt sei, daß wir aber noch einen Tag in unserer gastfreundlichen Herberge zugegeben hätten. In ihrer Herzensangst hatte die gute Frau den längeren Aufenthalt für eine Umschleierung schlimmerer Zustände genommen, und wollte nun selbst zusehen. So war's! Zwar Fränzchen sprang ganz gesund umher, aber Benno war jetzt der Patient, und Benno war der Neffe der Frau Directorin. Sie hatte den elternlosen erzogen. War sie auch sonst um ihn nicht grade so sehr besorgt, so war sie es in Krankheitsfällen immer, und in gegenwärtigem Falle sah ich ihrer Ankunft wirklich mit Schrecken entgegen.

Was half's? Ich mußte mich rüsten sie zu empfangen, und beschloß, Fränzchen zu ihrer Beruhigung gleich mit zu nehmen. Vielleicht ließ es sich auch thun, so hoffte ich, daß ich mit meiner ganzen Companie sie empfangen konnte, und dann war der Frau Oberamtmann der Zuwachs an Besuch erspart.

Allein der Arzt, der mehr zum Vergnügen ein wenig vorsprach – man hatte ihn schon in der Frühe auf ein benachbartes Gut holen lassen – machte, als ich ihn zu meinem neuen Patienten führte, ein befremdetes Gesicht.

»Den wollen Sie auf die Fußwanderung mitnehmen?« fragte er. »Nicht dran zu denken! Hat ja das schönste Fieber! Hübsch wieder zu Bette, junger Herr! Morgen wollen wir weiter sehen!«

Da saßen wir denn noch einmal fest, und der Oberamtmann machte noch einmal gute Miene zum bösen Spiel. Ich nahm des Doctors Wagen nach der Stadt gerne an, vorher aber fand ich noch Zeit, ein Wort unter vier Augen mit Damian Griesler zu sprechen. Seine Hand nehmend führte ich ihn mit mir zu einem Platz im Garten.

»Damian,« begann ich, »dir ist bitteres Unrecht geschehen, und es thut mir sehr leid, aber du hättest es selbst abwenden können. Jetzt laß uns aufrichtig reden! Warum gabst du dich so schnell für den Thäter aus?«

Einen Augenblick schwieg Damian, dann begann er mit halb erstickter Stimme: »Ich glaubte, Felix Brauser hätte die That gethan.«

»Wie kamst du darauf?«

»Ich wußte, er hatte sich um diese Zeit ein Haselstöckchen in der Nähe des Sees geschnitten, und – er sah so sehr erschrocken aus, als Sie die Nachricht brachten.«

»Damian, ich begreife immer noch nicht! Du hast oft genug eine Art Widerwillen gegen Felix gezeigt, hast ihm gern jeden Possen gespielt, wie kommt es, daß du dich nun für ihn gleichsam zu opfern gedachtest?«

Der Knabe schwieg. Er schien in heftiger Bewegung zu sein. Ein lebhaftes Roth bedeckte sein sonst blasses Gesicht, und plötzlich in schluchzendes Weinen ausbrechend, rief er: »Ich kann nicht –kann's nicht sagen!« Er lief mir davon.

Dies war doch auffallend. So hatte ich ihn nie gesehen. – Allein der Doctor rief, ich durfte mich nicht länger aufhalten. Benno ließ ich unter Fritzens Obhut, Felix würdigte ich, ihm die Jüngeren anzuempfehlen, und bald rollte ich mit dem Doctor und Fränzchen im Wagen auf der Landstraße fort.

Wenn man so am Sommertag, in schöner Landschaft und im offenen Wagen dahin fährt, da zerstreuen sich manche Besorgnisse. Der Doctor war zudem ein lustiger Mann, und wußte zu unterhalten. Mir kam der Gedanke, ihn über jenen Ring Theresens auszuforschen, der meine schönsten Hoffnungen gefährdete. Der Doctor, der von Menschen und Verhältnissen dieser Gegend so viel wußte, konnte gewiß Auskunft geben. Unschwer ließ sich das Gespräch auf Fräulein Therese lenken, und das reichliche Lob, das mein Begleiter ihr spendete, klang wie Musik durch meine Seele.

Da begann ich in scheinbar gleichgültiger Weise, aber mit klopfendem Herzen: »Sie ist ja wohl Braut – mir war als hörte ich –?«

»Braut? Die Therese? Nicht daß ich wüßte!« meinte der Doctor. »Aber sie könnte es sein, wenn sie wollte! Warum meinen Sie? Haben Sie etwas gehört?« fuhr er neugierig fort.

»O nein –« stotterte ich. »Der Ring, den sie am Finger trägt, schien mir nur –«

»Ach so!« entgegnete er in gedehntem Ton. »Nun ja, das ist freilich ein Verlobungsring, aber nur ein Andenken an längst gelöste Bande. Die Therese war allerdings als ganz junges Mädchen schon einmal Braut. Der Mann der um sie geworben, hatte zwar die Jugend schon hinter sich, aber sie mochte ihn gern, und sie hätten ganz gut zusammen leben können. Der Hochzeitstag war schon bestimmt, da kommt ein Brief aus der Hauptstadt, daß der Bräutigam vom Schlag gerührt und plötzlich gestorben sei. Das machte einen tiefen Eindruck auf sie, und von dem Verlobungsringe scheint sie sich in stiller Pietät noch immer nicht trennen zu wollen. Und doch ist's schon eine Weile her – sie mag jetzt so zwischen sechs- und siebenundzwanzig Jahren stehen –«

»Das hätt' ich nicht gedacht!« fuhr ich dazwischen, und mußte mich abwenden, denn ich fühlte, daß ich erröthete.

Mein Begleiter schien arglos dabei.

»Man sieht es ihr nicht an,« fuhr er fort, »sie ist noch eine angenehme Erscheinung, sieht sehr gut aus, ich finde sie sogar hübsch. Und, wie gesagt, an Anerbietungen fehlt es ihr nicht, obgleich sie gar kein Vermögen hat. Da ist hier in der Nähe ein junger Gutsbesitzer, schmuck, wohlhabend, eine gute Partie, nach der alle Mütter in unserem Krähwinkel mit Sehnsucht ausschauen – ja, wenn sie den haben wollte! Er läßt es an Eifer für sie nicht fehlen.«

Mein Herz war bereits weit geworden, jetzt zog es sich wieder zusammen. Warum mußte sich mir dieser reiche junge Gutsbesitzer breit vor Theresens Bild stellen? Ach, ich selbst war ja nur ein armer Schulmeister! – Aber weiter fragen durfte ich nicht, ohne mich zu verrathen. Zwar war ich einen Augenblick schon entschlossen, den Doctor gradezu zu meinem Vertrauten zu machen, allein der schweifte mit dem Gespräch bereits wo anders, und in der nächsten Viertelstunde war ich zufrieden, den fremden Mann nicht in mein Geheimniß gezogen zu haben.

Im Städtchen nahm ich einen andern Wagen, der mich und Fränzchen in noch einer Stunde zum nächsten Haltepunkt der Eisenbahn brachte. Die Frau Directorin war glücklich, ihren Knaben gesund und frisch wieder zu sehen, und hatte nicht übel Lust, mit dem nächsten Rückzuge wieder heimwärts zu steuern. Aber Fränzchen verrieth unsere Geheimnisse, noch ehe ich gesprochen.

»Benno hat ein Loch im Kopfe, blutet und muß zu Bett liegen!«

Das war genug, um die gute Tante vorwärts zu treiben, mochte ich immer den Fall als leicht und unbedeutend schildern. –

Wir kamen auf dem Gute an. Die Frau Directorin sprach viele Entschuldigungen für ihren Ueberfall aus, die Frau Oberamtmann war verbindlich, und wünschte nur eine weniger besorgliche Veranlassung für so angenehme Bekanntschaften. –

Daß Benno nun nicht aus dem Bette durfte, verstand sich von selbst, denn die Tante pflanzte sich an seinem Lager auf, und behandelte ihn als Kranken. Der gute Junge war eigentlich unglücklich darüber, denn er fühlte sich bereits kräftiger, und vorzüglich suchte er sich der Anordnung zu widersetzen, daß er unter der Obhut der Tante hier zurückbleiben sollte, während für uns Uebrige der Abmarsch auf morgen früh festgesetzt ward. Aber die Frau Directorin kannte in solchen Dingen keine Gnade.

Nun, Gott sei Dank, es stellte sich unserer Abreise kein neues Hinderniß entgegen, aber der Abschied lag mir doch schwer auf dem Herzen. Gar zu gern hätte ich Fräulein Therese morgens noch einen Augenblick allein gesprochen, aber es sollte nicht sein. Die Jungens schienen das gleiche Anrecht zu beanspruchen, und waren mir überall im Wege. Sie nahmen freilich den Abschied leichter, bis auf Karl Schröder, der hier das gelobte Land und die Fleischtöpfe Egyptens vereinigt gefunden hatte, und in Erwartung neuer Wanderqualen ein bedenkliches Gesicht machte.

Nach dem Frühstück brachen wir auf. Nicht nur unsern Aeltesten ließen wir zurück, sondern auch Fränzchen, und zwar auf besondere Bitte der Hausfrau. Mir war es Recht, und dem Rest meiner Companie auch. Wir schieden von dem Gutsherrn und seiner Gattin wie von Freunden. Es war im letzten Augenblick, als Fräulein Therese noch einmal zu mir trat. Sie reichte mir freundlich die Hand. Ich hielt sie fest – ich konnte nicht fort ohne ein letztes Wort aus der Fülle meines Herzens.

»Und soll ich scheiden,« fragte ich leise, »ohne die Versicherung, hier nicht ganz vergessen zu sein?«

Therese sah mich mit vollem, gütigem Blick an. »Sie haben versprochen, einmal zu schreiben,« sagte sie – »halten Sie Ihr Versprechen!«

Ein Händedruck, dem sie sich nicht mehr entzog; ein fröhlicher Gruß zum Abschied – ich war hochbeglückt, und schied, von neuer Hoffnung beflügelt. Meine Companie rief im Gutshofe »Hurrah!« und schwenkte die Hüte, und stimmte an »Hinaus in die Ferne« – so wanderten wir wieder vergnügt hinaus in die lustige Ferienfreiheit.

Neue Abenteuer von Belang bestanden wir nicht mehr. Desto heiterer waren wir, ja ich war am ersten Tage vielleicht der Heiterste von Allen. Fritz Haland vermißte Anfangs seinen Kameraden sehr, und verhielt sich stiller. Am zweiten Tage war ich der Stillere, und er hielt sich an meiner Seite. Es war mir oft, als unterhielte ich mich schweigend mit ihm, denn ich wußte wohl, er hatte mich innerlich ausgespäht. Und richtig, als er einmal nach längerem Schweigen das Wort nahm, kam bald der Name »Fräulein Therese« zum Vorschein. Der brave Junge schien selbst zu erschrecken, er wurde roth – ich sagte nichts. Aber doch ward er so im Stillen mein Vertrauter, und es erschreckte mich nicht mehr. Wir sprachen nicht von dem, was uns in Gedanken vereinte, sondern viel von seinem Abiturientenexamen, seinen künftigen Studien, und der ersehnten Studentenzeit.

Eigentümliche psychologische Beobachtungen drängten sich mir schon in den ersten Tagen auf. Als ich mich einmal nach Felix Brauser und Damian umsah, erblickte ich beide in angeregtem Gespräch hinter uns her kommen. Und zwar hatte Felix, der größere, seinen Arm um Damians Nacken geschlungen, während dieser von lebhafterer Gesichtsfarbe als sonst überflogen, sprach und erzählte. Der nächste Tag zeigte mir denselben Anblick, und die beiden, einander sonst so abstoßenden Naturen, schienen sich bis zur Unzertrennlichkeit vereinigt zu haben.

So begierig ich auf die Erklärung dieser merkwürdigen Erscheinung war, that ich doch keine Frage, gab mir sogar den Anschein nichts davon zu sehen, denn ich erwartete, daß Felix, bei seiner sonstigen Zuthulichkeit zu mir, mir wohl von freien Stücken Aufschluß geben werde. Und ich täuschte mich nicht. Am dritten Abend, da wir uns unserm Nachtquartier näherten, gesellte er sich zu mir, und begann eine Unterhaltung.

»Es ist auch jetzt heraus« – sagte er nach einer Weile zögernd – »warum Damian sich für mich hat opfern wollen.«

»So?« fragte ich. »Aus bloßem Corpsgeist war es wohl nicht?«

»Nein! Aber ich begreife selbst immer noch nicht, wiewohl er es mir unter Thränen gestanden hat. Er sagt – weil er mich – so sehr geliebt habe –«

Felix erröthete.

»Das hatte er dir bis dahin nicht eben gezeigt,« warf ich ein.

»Er glaubte, ich würde ihn doch niemals lieben können, weil er so häßlich und so böse sei. Und in der Meinung, ich verachte ihn, beschloß er mich zu peinigen, und mir jeden Possen zu spielen. Aber es habe ihm dabei stets einen Stich in's Herz gegeben, er hätte sterben mögen vor Wuth über sich selbst. Und trotzdem habe er mich geplagt, und nicht aufhören können mich zu lieben. So sei ihm der Gedanke plötzlich gekommen, eine Strafe, die ich verdient, auf sich zu nehmen, und so –«

»Daß er dir aber ein so dummes Vergehen zutraute, war doch auch nicht edel!« wendete ich ein. »Hatte er keine bessere Meinung von dem, den er liebte?«

»Das ist wahr, und er macht sich selbst die bittersten Vorwürfe darüber. Aber doch ist der Damian viel besser, als wir Alle geglaubt haben. Wir kannten ihn nicht, weil er sich vor uns verschloß, und er that es, weil er fürchtete, von uns ausgelacht zu werden. Er wollte lieber unsern Zorn, als unser Gelächter erregen. Jetzt weiß ich, wie er ist, und werde ihn nicht mehr verkennen.«

»So glaubst du seine Freundschaft ganz erwiedern zu können?«

»Ja!« entgegnete Felix mit ehrlichem Gesicht.

»Das soll mir sehr lieb sein,« sagte ich. »Suche auf seine besseren Seiten zu wirken, damit er sich auch vor uns Andern zeige, wie es ihn innerlich treibt. Weiß denn Damian, daß du mir diese Enthüllung machen wolltest?«

»Ja, ich habe ihm gesagt, daß es recht und billig sei, Sie in das Geheimniß einzuweihen. Er war endlich einverstanden, aber – er schämt sich, mit Ihnen davon zu sprechen.« –

Ich wollte diese zarten, und, wie ich sah, noch sehr empfindlichen Saiten bei Damian denn auch nicht weiter berühren. Als ich aber noch in derselben Stunde von ungefähr neben ihm ging, schien es mir, als ringe er danach, sich mir irgendwie mitzutheilen. Ich klopfte ihm auf die Schulter und rief: »Frischauf, Damian! Keine Grübeleien! Wir wollen fortan auch gute Freunde sein!«

Er zuckte zusammen, aber er hatte mich verstanden. Zwar schwieg er, aber er erhob die Augen zu mir mit einem Blick, wie ihn nur Therese zuerst richtig erkannt hatte. Ich glaubte Dank und Freude darin aufleuchten zu sehn. –

Wir hatten ein Gebirgsstädtchen, das uns zu Nacht den Hafen öffnen sollte, erreicht, und schritten auf das Wirthshaus zu, als ich ein plötzliches Jubelgeschrei meiner Companie vernahm. Benno Wolf, der Wiedererstandene, sprang uns aus der Thür entgegen. Er war von der sorgsamen Tante entlassen worden, und hatte den kürzesten Weg gewählt, um sich uns wieder anzuschließen! Was gab es nicht Alles zu erzählen, und wie lauschte ich vor Allem seinen Mittheilungen! Die Frau Directorin war mit ihm zugleich abgereist, hatte ihren Knaben aber in der bereits befreundeten Familie zurückgelassen. Es war beschlossen worden, daß – Fräulein Therese ihn in einigen Wochen nach unserer Schulcolonie bringen, und einige Zeit zum Besuch bei der Frau Directorin bleiben sollte.

Beglückende Hoffnung eines so baldigen Wiedersehens! Die Wandertage wurden jetzt paradiesisch, ich selbst war der Lustigste unserer ganzen Schaar, und trieb mit Kleinen und Großen allerlei Thorheit. Wir schritten wacker aus, wir sangen, wir lachten, wir jagten uns, ich forderte Benno sogar einmal zum Ringkampf heraus, und fühlte die höchste Genugthuung, stärker als er zu sein. So vergingen uns die Tage im Umsehen, und von guter Laune beflügelt zogen wir am letzten Abend unserer vorgeschriebenen drei Wochen wieder in das Schulgemäuer ein.

Noch war Fräulein Therese nicht eingetroffen, aber bald sollte sie kommen, bald! Inzwischen galt es den ganzen Kopf beisammen haben, damit die Berufsarbeit nicht zu Schaden käme. Und die Erwartete kam, und fortan durfte ich sie alle Tage sehen. Was soll ich noch groß erzählen – kurz, in drei Wochen war Therese meine Braut, und ich der glücklichste Schulmeister, den die Welt gesehen!

Noch an demselben Abend ward das Ereigniß ruchbar unter meiner einstigen Companie. Fritz Haland war der Erste, der mit freudigem Gesicht gelaufen kam, um mir – in die Arme zu fallen, denn ich konnte ihn in diesem Augenblick nicht anders empfangen. Stiller kam Benno zu gleichem Empfang, und endlich mit erröthender Verwunderung Ganymed. –

Nach einigen Wochen kehrte Therese noch einmal in das Haus des Oberamtmanns zurück, aber schon in den Herbstferien rüstete ich mich zur Hochzeitsreise. Wir hatten auf nichts zu warten. Und jetzt ist Therese mein Weib, und sitzt bei mir, wie ich dies schreibe, und fragt nur zuweilen, ob ich dies oder jenes namhafte Ereigniß in meinem Bericht nicht vergessen habe?

So hat sich die Geschichte meiner Wanderfahrt, von der ich alles Glück des Lebens zurück brachte, etwas in die Länge gesponnen. Ja ich soll sogar noch hinzufügen, daß Felix Brauser und Damian, der ein bevorzugter Günstling meiner Frau ist, Freunde in des Worts verwegenster Bedeutung geworden sind, sehr zum Vortheil beider. Ferner, daß Fritz Haland und Benno die Universität bezogen haben, und sehr heitere und glückliche Briefe an uns geschrieben haben; endlich, daß es mit Karl Schröder bei seiner Himmel und Erde vergessenden Faulheit zwar gar nicht vorwärts will, daß aber Therese die Hoffnung noch nicht aufgeben mag, ihn zu einer idealeren Lebensanschauung zu gewinnen; und allerschließlichst soll ich hinzufügen, daß wir zu Ostern wirklich die beiden Knaben des Oberamtmann Geyer in unsere Anstalt aufnehmen werden.

So, nun lache, wann du mußt, über unsere kleinen Dinge und kleinen Interessen! Ich aber sage, wer nicht auch kleinen Dingen eine Seite für die Beobachtung, für das Leben abzugewinnen weiß, der wird auch mit größeren nichts von Belang anzufangen wissen.

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