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Luginsland

Otto Roquette: Luginsland - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorOtto Roquette
titleLuginsland
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1867
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Lorelei.

I.

Nach den entzückenden Landschaften von Oberwesel biegt der Rhein plötzlich um die schroffen Felsen des Roßsteins, und stürzt sich auf eine Reihe hochgethürmter Felsenklippen zu, die »sieben Jungfrauen« genannt. Bald wird des Flusses Strömung von kahlen, dunklen Felsen umstarrt und eingeengt, in unergründlicher Tiefe wie regungslos, scheint der Rhein ein ausgangloses finsteres Felsenbecken, auf dessen furchtbar zerklüfteten Ufern alles Leben erstorben ist. Da bäumen sich mit einem mal himmelhoch die gewaltigen Felsenmassen der Lurlei empor, als wollten sie den Weg mit einem drohenden Zurück! versperren. Finsterniß, Einsamkeit, Enge beklemmen die Brust des Reisenden, und erwecken in ihm das Gefühl – –«

Der Reisende warf das Reisehandbuch, worin er diese Zeilen gelesen, bei Seite, er hatte ein ganz anderes Gefühl, als das vorgeschriebene, und ließ die Blicke über die sonst nicht unrichtig geschilderte Umgebung schweifen. Nur daß es mit der Finsterniß keine Richtigkeit hatte, denn es war heller Mittag, die Sonne prallte grell und blendend auf die Felsen, die Situation war jedem Eindruck des Schaurigen entgegen. Auch von Einsamkeit hätte der Reisende sich mehr gewünscht, da das Dampfschiff überfüllt war, und so blieb ihm nur die Enge als unwiderlegliche und lästige Thatsache bestehen. Er hatte diesen Weg öfter gemacht, zu Schiff und zu Fuß, allein und in Gesellschaft, kannte die Gegend ziemlich genau, und bedurfte keines Reisehandbuchs. Es gehörte einem jungen Mann, der sich auf dem Dampfer zu ihm gesellt und augenblicklich eine Wanderung nach dem Vordertheil des Schiffes angetreten hatte, wo die üblichen Böllerschüsse gelöst werden sollten.

Auch unser Reisender verließ seinen Platz, auf den die Mittagssonne unbarmherzig brannte. Jetzt dröhnten die Schüsse, welche das berühmte Lurlei-Echo zu wecken hatten, und von einer entfernten Höhe ließ ein angestellter Höhlenbewohner ein Hornsignal hören, um den Wiederhall auch dieses Instrumentes aufzurufen. Jeder gewissenhafte Reisende, der den Rhein zum erstenmal befuhr, fühlte sich erhoben und befriedigt, daß ihm für sein Fahrgeld auch diese Naturgenüsse zurecht gemacht wurden. Eine junge Dame flüsterte: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin?« Und als der Troglodyt oben ins Horn stieß, lächelte die wohlbeleibte, und von der Hitze fast aufgelöste Frau Mama voll Verständniß; »Und das hat mit ihrem Singen die Lorelei gethan!«

Diese verwünschte Lorelei-Poesie! dachte unser Reisender zwischen Mißbehagen und Belustigung. Am hellen Mittag, wo die Sage sich glücklich priese, wenn sie ein Schläfchen halten könnte, wird sie herausgequält, um recht prosaische Kellnerdienste zu thun. Ja, wenn es noch um Mitternacht wäre, wo sie nach Gespensterart umgeht – aber damit will sich dieser bequeme Reisepöbel nicht zu schaffen machen!

»Professorchen!« rief neben ihm eine Stimme, »es ist wieder ein Act aus, benutzen wir die Pause, um auf das Wohl der Heldin des Stückes, genannt Lorelei, anzustoßen!« Der Sprecher war ein hübscher junger Mann mit blondem Schnurbart, in eleganter Reisekleidung, und von weltmännisch gewandtem Anstand. Er brachte eigenhändig eine Flasche Wein nebst zwei Gläsern, und suchte dafür die Ecke eines Tisches von Tüchern, Taschen, Schirmen und anderem Damengepäck frei zu machen.

Das »Professorchen« – welches sich zwar als einen fein gebauten, aber keineswegs winzigen oder unansehnlichen jungen Mann darstellte, denn seine Gestalt und sein ausdrucksvolles Gesicht waren schon einigen Damen auf dem Schiff angenehm aufgefallen – hatte keine rechte Lust zum Trinken, ließ sich's aber endlich gefallen, und mußte mit dem Blonden anstoßen. »Lorelei!« rief dieser – »aber irgend eine hübsche Darstellerin der Rolle, eine lebendige, nicht die unsichtbare Heldin! Schade,« fuhr er fort, »daß keine rechte Vertreterin auf unserm Schiffe ist! Außer ein paar blauen Augen, die sich zwischen den Ufern und einem Gedichtbuche voll Rheinsagen hin und her bewegen, und Bildung für die nächste Wintersaison einsaugen, ist nichts von Belang da.«

Der Professor setzte sein Glas weg. »Ist es nicht ein Mißbrauch,« begann er, »hier auf dem Schiffe Wein zu trinken! Da fährt man an den gesegnetsten Rebenorten vorbei, deren Anblick und Name schon die Zunge lechzen machen, überall verschieden, charaktervoll, mannigfaltig, während Einem von Mainz bis Köln auf dieser Nußschale immer dieselbe Sorte von Säuerling aufgetischt wird!«

»In der That,« rief der Blonde, »das Zeug ist abscheulich! Wissen Sie was, Professorchen, steigen Sie mit mir in St. Goar aus. Wir machen Mittag dort, ich weiß, daß was Besseres dort zu finden ist.«

»Vielleicht Ihre Lady?«

»Nicht doch, die find' ich erst in Düsseldorf wieder. Inzwischen hab' ich Zeit, und möchte mir den Glücksfall nicht entgehen lassen, mit Ihnen nach sechs Jahren wieder zusammengetroffen zu sein. Fast hätt' ich Lust, mich Ihnen aufzudrängen, wie in unsern Universitätsjahren, und, ohne nach Ihrer Einwilligung zu fragen, Sie in Ihr angenehmes Seitenthal zur ›schönen Rosa‹ zu begleiten.«

»Sie würden sich über die Dame sehr enttäuscht finden.«

»Gar nicht. Ich weiß, sie könnte Großmutter sein. Schon ihre Mutter, die demselben Wirthshause vorstand, hieß die schöne Rosa, und die Tochter wieder, und wär' eine Enkelin da, so wär' auch die eine ›schöne Rosa,‹ der Name ist eben nur eine berühmte Firma. Sie sehen, ich bin, noch von meiner Studentenzeit, genau über diese Dinge unterrichtet. Was wollen Sie aber da?«

»Studien machen.«

»Studien, und immer Studien! Ist denn der Ort so günstig dafür?«

Der Professor lächelte. »Vielleicht nicht ungünstig für meine Zwecke. Die breite Heerstraße ist abgefahren, im Leben wie in der Wissenschaft. Die Seitenthäler bieten noch Ausbeute genug, und mehr Interesse als der große allgemeine Weg, wo dem Auge Alles hüllenlos und zudringlich entgegenspringt.«

Der Blonde sah den Sprecher von der Seite an und schwieg einen Augenblick. Dann begann er: »In der Wissenschaft mag es sein, da kann ich Sie nicht widerlegen, verstehe auch nicht ganz, was Sie meinen. Aber, Professorchen – im Leben ist die große Heerstraße doch nicht so uninteressant, als Sie sich einbilden. Jeder neue Menschenzug, mag er immer in den bekannten Formen vorübergehen, hat sein Eigenthümliches, denn die Menschen, so gleich oder ähnlich sie einander im Ganzen sehen, sind eine unergründliche Race, deren jedes Individuum uns ein neues Problem zu lösen aufgiebt. Und zwar Männlein wie Weiblein – doch gesteh' ich gern, daß die letzteren meine Forschungslust bisher vorwiegend genährt haben. In Ihren Seitenthälern, wo Sie dem großen Strom aus dem Wege gehen, ist freilich der Einzelne besser ins Auge zu fassen, und meist scheint er nur darum interessant, weil er der Einzige ist, der Einem begegnet. Aber interessanter däucht es mir, und mehr Uebung erfordert es, auf der Heerstraße und in der Masse des Gleichartigen das Besondere herauszufinden. Ich bin nicht eingebildet auf mein Studium, aber für die Welt, in die man doch einmal gesetzt ist, wirft es mir ebenso viel Nutzen als Vergnügen ab, und läßt mich das Lehrgeld, das man zum Verkehr und zur Kenntniß der Menschen aufwendet, nicht bereuen.«

Der Professor sah den Sprecher verwundert an, er hatte ihn für eine seichtere Natur gehalten, als er ihm jetzt erschien. Der Andere aber fuhr fort.

»Wenn ich sagte, daß bisher die Weiblein mich vorwiegend angezogen, so wissen Sie selbst davon zu sagen, wie ich auch hin und wieder den Charakter eines Männleins zu ergründen suchte. Denn Sie, Professorchen, waren der erste Gegenstand meiner derartigen Studien. Wir wohnten als Musensöhne in einem Hause. Sie gingen mir geflissentlich aus dem Wege, denn Sie hielten nicht viel von mir, ich aber machte mich, wie heut, schon damals gern zudringlich bei Ihnen. Freilich gab es, obgleich wir von gleichem Alter waren, nicht leicht zwei verschiedenere junge Leute. Sie bildeten sich zum Gelehrten aus, waren zwar kein menschenscheuer Bücherwurm, aber doch ein großer Philister. Ich verfolgte gar keinen Bildungsplan, gab mehr Geld aus als nöthig war, und genoß den Tag, und meist die Nacht dazu, als ein ziemlich lockerer Gesell. Wenn ich spät heim kam, und, wie gewöhnlich, den Hausschlüssel vergessen hatte, sah ich regelmäßig in Ihrem Zimmer noch Licht. Dann klatschte und rief ich unter dem Fenster so lange, bis Sie mir verstimmt das Instrument herabwarfen, das mir den gemeinsamen Hafen öffnete. Oft konnt' ich es Ihnen nicht ersparen, noch persönlich Ihre Treppe hinaufzupoltern, und Sie aus Ihrem gelehrten Eulennest aufzustören. Ich weiß sogar einen Fall, wo Sie mich in liebevollem Aerger beim Arm nahmen, mich in mein Zimmer hinabführten, und mir eigenhändig die Stätte bereiteten, welche selbständig zu finden mir der Moment versagte: Ich weiß nicht, was mich trieb, gerade Sie zu meinem Vertrauten zu machen, da ich doch leichte Kumpane meiner eigenen Art genug hätte haben können, und Sie jede Gegenseitigkeit so entschieden ablehnten. Sie waren eben mein Opfer, und ich bin schlecht genug, mit Freude an die Zeit zu denken, da Sie meine unbequeme Gegenwart ertrugen. Sie erfuhren alle meine thörichten Streiche, meine Liebesgeschichten und Heimlichkeiten, Sie erhielten einen unverhüllten Blick in alle meine Verhältnisse. Von ihnen erhielt ich freilich nichts Derartiges zurück, aber doch vieles Andere, womit ich vorerst auch zufrieden seyn mußte. Reichlichen Tadel und starke Zurechtweisungen, die zwar mit etwas moralischem Hochmuth ausgesprochen wurden, aber mich von Ihnen nie verletzten. Wir stritten oft, ohne uns vereinigen zu können. Nun, das werden Sie mir zugestehen müssen, daß ich wenigstens kein schlechter Gesell war, bei allem Leichtsinn. Von ihrem Büchertische nahm ich mir mancherlei mit, das heißt Romane und Gedichte, für die ich nicht unempfänglich bin, und so bleibt Ihnen das Verdienst, auch meine Bildung gefördert zu haben. Sie wissen, daß ich in Briefen an meine Familie die ausschweifendsten Schilderungen über Ihre Vortrefflichkeit machte, so daß von Hause die Aufforderung erging, dieses Ideal eines sittlichen und fleißigen jungen Mannes zu den Ferien mitzubringen. Sie schlugen die Einladung kurz und entschieden aus, was mich damals im Stillen recht sehr ärgerte. Aus alledem sehen Sie, daß, während Sie glaubten, daß wir beide nur in ganz oberflächlichem Verkehr ständen, der Verkehr von meiner Seite so ernst genommen wurde, wie ich damals im Stande war, etwas ernst zu nehmen, ja, daß Sie, Professorchen, eigentlich der Einzige sind, mit dem ich in innerem Verkehr gestanden, oder hätte stehen mögen. Nun, ich nehm' es Ihnen nicht mehr übel, daß Ihnen die Sache nicht von Interesse war. Ich kann es Ihnen nicht einmal übel nehmen, daß Ihnen heut, nach sechs Jahren, unser Wiedersehen auf dem Schiffe kein bemerkenswerthes Ereigniß erscheint, mir aber müssen Sie die Freude darüber erlauben. Sie sind ein gelehrter Mann geworden, vielleicht schon ein Licht in der Wissenschaft, geachtet und vielgenannt, ich bin – nun gestehen Sie's nur, Sie finden mich noch ganz als den alten, leichtfertigen und zudringlichen Menschen, der nur dazu geschaffen scheint, Ihnen die gute Stunde zu verderben!«

Der junge Professor hörte mit Ueberraschung zu, die Mittheilungen seines Reisegefährten machten ihn eben so verlegen, als sie ihn wohlthuend berührten. Er reichte ihm die Hand, die der Andere freundlich ergriff, und begann: »Sie beschämen mich, Herr von Wilda – ich muß in der That bereuen –«

»Warum nicht gar!« rief der Andere. »Ich habe in der Stunde des Wiedersehens so herausgeplaudert, was mir auf die Lippen kam, Sie haben darum nichts zu bereuen. Es wird zwischen uns doch Alles – beim Alten bleiben (fügte er scherzend hinzu), denn jeder hat seine Eigenart nur noch selbständiger herausgebildet. Sie sehen aber, mein werther Herr Professor Hildebrand Wittig, daß man auch auf der großen Heerstraße allerlei findet, ja oft ohne Studium entdeckt, was man nicht erwartet hatte.«

»Sie haben Recht, und ich freue mich dessen von Herzen! Lassen Sie uns Versäumtes nachholen. Kommen Sie mit in mein Seitenthal zur ›schönen Rosa,‹ dort wohnen wir einige Wochen ungestört beisammen und genießen unsere jetzt erst befestigte Gemeinsamkeit. Ich war in meiner Jugend schroffer und einseitiger als heut. Sie finden keinen Pedanten in mir, ich bin dem Leben und seiner Bewegung nicht so entfremdet oder abgeneigt, als Sie glauben. Aber ich vergesse, daß Sie ein anderes Ziel haben, Ihre Lady –«

Herr von Wilda lächelte. »Meine Lady ist eine flüchtige Reisebekanntschaft, und würde mich nicht hindern, Ihren freundlichen Vorschlag anzunehmen. Allein es rufen mich ernste Geschäfte in Angelegenheiten meines Oheims nach Düsseldorf. Sind diese erledigt, dann könnte ich in freier Muße mit Ihnen in der Einsamkeit Ihre Ferien verleben. Aber dennoch – ich muß zurücknehmen, womit ich selbst noch vor wenigen Minuten drohte. Sie wollen dort Studien machen, also wahrscheinlich arbeiten, Sie brauchen Ruhe und Stille; ich habe nichts zu thun, bin unstät, bedarf viel Gesellschaft, würde Sie nur stören, Sie zu einem Opfer Ihrer Gutmüthigkeit machen, wie vordem. Wäre die jüngste ›schöne Rosa‹ (von der ich weiß, daß sie vor sechs Jahren keine Töchter hatte) achtzehn Jahre statt ihrer fünfzig, so dürfte ich's wohl einige Wochen aushalten, allein so – Sie verzeihen mir, Professorchen! – fürchte ich, wir holen die Gemeinsamkeit nicht nach, die wir uns vor sechs Jahren unter den Händen haben entschlüpfen lassen. Vielleicht erkenne ich Sie besser als Sie sich selbst. Wir leichtfertigen Weltleute gewinnen so einen gewissen Blick auch in feinere Naturen, denen wir sonst mit unserer Bildung, unserem Wissen, unserm ganzen inneren Wesen durchaus nachstehen.«

»Sie sprechen von sich, als von einem Theil jener Masse leichtfertiger Weltleute, Herr von Wilda,« entgegnete ernsthaft der Professor, »während Ihre Worte mir doch zeigen, das Sie über ihr stehen.«

»O nicht doch, lieber Herr,« unterbrach ihn Wilda, »ich mache mir selbst keine Illusionen, und möchte auch Sie nicht täuschen. Sie selbst dürfen es nicht durch ein paar im Fluge aufgeraffte Beobachtungen, die nun einmal mein kleines Privatstudium sind. Unter meinesgleichen bin ich nur Durchschnittsmensch. Da durch nichts das Gefühl eigener Wichtigkeit und Bedeutung so sehr genährt wird als durch die Einsamkeit, so fliehe ich diese, um in der Masse aufzugehen, denn ich fühle mich durch nichts zur Ausbildung jener Eigenschaften berechtigt. Nichts ist lächerlicher als ein eingebildeter, selbstgefälliger Mensch. Hält man sich einmal in einem Stücke für vollkommener als Andere, so ist man schon mit dem ersten Schritt auf dem Wege zur Lächerlichkeit. Freilich haftet davon uns Allen mehr oder weniger an, und die Menschenmasse ist im Ganzen so spaßhaft anzusehen, daß ich über meine lieben Mitnarren oft von Herzen auflachen kann. Unter ihnen zu wandeln ist auch eine Bildungsschule, in der man lernen kann, eine Schlangenhaut der Thorheit nach der anderen abzustreifen.«

»Also doch wieder, um besser und vollkommener zu werden!« fiel der Professor ein. »Und das ist in der That die Aufgabe unser Aller, ohne daß wir darum auf dem Wege zur Lächerlichkeit sind. Nehmen Sie der Menschheit das Bewußtsein ihrer Aufgabe, ihrer Fähigkeit der Vervollkommnung, so nehmen Sie ihr Alles. Wer die Welt bloß von der spaßhaften Seite ansieht, ist auch auf jenem Wege der Vereinsamung, den Sie fliehen, um das Gefühl der eigenen Wichtigkeit und Bedeutung nicht in sich aufkommen zu lassen. Denn das selbstüberhebende spottende Beobachten schließt jenes Gefühl bereits in sich. Man ist aber nicht da um zu lachen und zu spotten, der Mann hat einen ernsteren Lebenszweck, den er vollenden soll, unbekümmert um den Anschein der Lächerlichkeit, den leichtfertige Thoren ihm abgewinnen möchten.«

»Da haben wir meinen eifernden Mentor von der Universität wieder!« rief Wilda vergnügt. »Professorchen, Sie haben Recht wie immer, nämlich Recht für sich, für Ihre Lebensaufgabe. Aber da Sie auch den Troß leichtfertiger Thoren statuiren, so werden Sie mich wohl unter diesen zu suchen haben, wo denn doch auch von Rechten zu sprechen ist. Männer wie Sie, die an dem großen Werk der Fortentwicklung des Lebens arbeiten, sind mir ehrenwerth. Die Natur hat sie für die Zukunft der Menschheit geweiht, und ihr pflichtgetreues Wirken belohnt sich selbst. Aber was bleibt für uns Andere, die wir keine derartige Pflicht, keine Arbeit haben, welche für den großen Curs zu verwerthen wäre? Nichts als der Genuß! Das ist auch ein Recht des Daseins. Je mehr ihr fleißigen Arbeitsbienen davon verschmäht, desto mehr fällt es uns Drohnen zu, und wir müssen uns gefallen lassen, daß ihr uns für unnützen, leichtfertigen Menschentrödel erklärt.«

»So dürfen Sie nicht reden, Herr von Wilda,« eiferte der Professor, »nachdem Sie bereits Gedanken ausgesprochen haben, die mich Besseres in Ihnen erkennen ließen. Den bloßen Genuß halten auch Sie nicht für Ihren Lebenszweck.«

»Der Begriff Genuß ist vieldeutig, lieber Herr Professor. Wenn ich die Vortheile des gelehrten Forschens, der Wissenschaft hinnehme, die Früchte aller stillen Arbeit, welche nun lebendig über das ganze Leben sich ausbreiten, und als Kunst, Comfort, Verkehrmittel, Handel, gesellschaftlicher Verein und Staat mich beschäftigen und bilden, so ist das auch ein Genuß, der dem Würdigen und Unwürdigen (Letzterem meist noch mehr) zu Gute kommt. Wir genießen, was Bessere für uns geschaffen haben, und wir thun wohl, uns darauf zu beschränken, wenn wir nicht die Fähigkeit in uns fühlen, mit irgend etwas in die große Arbeit einzutreten.«

»Sie unterschätzen Ihre Fähigkeiten,« sagte der Professor ernst. »Ich mache mich anheischig, Ihnen darzulegen, wo Sie die Arbeit Ihres Lebens zu beginnen haben, und ich bin überzeugt, Sie werden sie finden.«

Herr von Wilda klopfte dem Gefährten auf die Schulter und rief ablehnend, mit gutmüthigem Leichtsinn: »Ja, Professorchen! Aber heut nicht. Ein andermal! Wir sind noch jung, sechsundzwanzig Jahre – nämlich ich, denn Sie, obgleich von gleichem Alter, sind von den Frühgeweihten, denen das Geschick für große Lebensgaben doch den Schmelz der Jugend vorzeitig weggeweht hat. Ich bekenn' es Ihnen gern, daß es mir noch großen Spaß macht, jung zu sein, und daß ich mir die reiferen Jahre nicht gern verfrühen möchte. Sie sehen, wir sind noch ganz in dem alten Verhältniß, ich bin der Zudringling, der nach wie vor für seine Bekenntnisse sich Ihren Unwillen und Tadel zu holen kommt.«

»Doch nicht, Herr von Wilda! Ich glaube eher, das Verhältniß hat sich umgekehrt. Unser Gespräch läßt mich bedauern, daß Sie der Aufforderung, mein Reiseziel für einige Zeit zu theilen, nicht nachkommen wollen. Ich bin jetzt der Werbende, zumal nach den freundschaftlichen Erklärungen, die Sie mir gethan haben.«

»Ja,« rief der Andere heiter, indem er des Professors Hand ergriff, »ich habe Ihnen eine Art von Liebeserklärung gemacht, und kann Sie versichern, daß Sie der Erste sind, der dergleichen von mir zu befahren hatte. Und damit Sie sehen, daß ich mich Ihren freundlichen Vorwürfen und Zurechtweisungen gern von Neuem aussetze, komm ich sicher nach einigen Wochen auf ein paar Tage nach Ihrem Asyl zur schönen Rosa. Meine Hand darauf!«

Unter solchem Gespräch der Reisenden war das Schiff längst bei St. Goar vorübergeglitten und folgte der Strombiegung bei Boppard. Immer lebendiger wurde der Redeaustausch der Gefährten, und ließ sie bedauern, daß aus der Entfernung schon die prächtige Feste Marxburg auf ihrem Felsen sichtbar ward, der heutige Grenzstein ihres Beisammenseins. Hier wollte der Professor das Schiff verlassen. Von Braubach kamen die Kähne, welche dem Dampfer neuen Zuwachs brachten, und die Aussteigenden aufnahmen. Nochmals versprach Herr von Wilda seinen Besuch, und der Professor sprang in den Kahn, der ihn an's Land trug. Hier stieg er auf bekannten Pfaden über die Berge, die ihn seinem Reiseziel entgegenführten.

Er hatte heut eine merkwürdige Erfahrung gemacht, der er lange nachdachte. Ein Mensch, den er niemals besonders geschätzt, und den wenige Jahre aus seiner Erinnerung fast verlöscht hatten, war seinem Interesse plötzlich näher getreten. Vergegenwärtigte er sich das Wesen Alfreds von Wilda, so mußte er sich bekennen, daß ihn dies Gemisch von weltmännischer Gewandtheit, Leichtsinn, Naivetät und Nachdenken, als durchaus liebenswürdig und anziehend berührte. Dachte er an die Jahre ihrer Hausgenossenschaft zurück, so mußte er sich sagen, daß er diese Züge wohl auch schon damals an ihm hätte wahrnehmen können. Er hatte sie übersehen. Die Gesellschaft, worin jener lebte, mißbehagte ihm, und knabenhafte Feindseligkeiten akademischer Corporationen stimmten ihn ablehnend gegen den Zuvorkommenden. Jetzt mußte er gar ein gewisses Schuldgefühl gegen ihn mit sich forttragen. Ueberdies war er nachdenklich geworden über manchen Gedanken, den Jener im Gespräch leicht hingeworfen, und der, auf ihn selbst bezogen, ihn anfangs stutzen machte, dann aber zu genauerer Prüfung aufforderte.

Hildebrand Wittig war ein junger Mann, der in seiner Erscheinung nicht eben den Büchermenschen vergegenwärtigte, am wenigsten heut, wo er mit dem Wanderstab und Ränzel über die Berge stieg und seine Gesichtsfarbe sich lebhaft geröthet hatte. Und doch verkehrte er sonst mehr unter Büchern als unter Menschen. Gelehrte Studien und Glück hatten ihm früh einen Namen, Titel und erwünschten Wirkungskreis gebracht, aber auch sein Leben in eng gezogene Gleise gelenkt. Während er der Wissenschaft lebte, kümmerte ihn die Gesellschaft, die Welt nur wenig, ohne daß er sich ihr absichtlich verschlossen hätte. Und dennoch hatte er sich vereinsamt, er wußte es selbst nicht. Zwar pflegte er seine Ferien gern zu Ausflügen zu benutzen, meist aber galt es ihm, in irgend einer auswärtigen Bibliothek auf irgend ein Buch zu fahnden, vergilbten Blättchen alter Volkslieder nachzuforschen, und so pflegte er selbst auf seinen Reisen mehr Bekanntschaften mit Büchern denn mit Menschen anzuknüpfen. Diesmal jedoch war er dem Dringen des Arztes gewichen und hatte sich ein anderes Ziel ausersehen. Freilich nicht ohne einen reichlich mit Büchern beschwerten Koffer, der, an bestimmten Ort vorausgeschickt, auf der Post seiner harrte.

Wie schön war der Weg, den sein Fuß ihn heut dahintrug! Felsen, Berge, Wald und tiefe Schluchten, köstliche Fernblicke in eine segenduftende Landschaft! Er genoß die Geschenke der schönen Natur mit offener Seele, und der Abstand zwischen dieser Herrlichkeit und dem Dunstkreis der Gelehrtenstuben und Bibliotheken kam ihm ganz erstaunlich vor. Sehr beschäftigten ihn dabei die Gespräche mit dem Reisegefährten. War er wirklich mit seinen Jahren noch so jung, wie Jener gemeint? Er hatte nie darüber nachgedacht. Eigenthümlich berührte ihn Wilda's Ausspruch, daß das Geschick aus seinem Leben früh den Schmelz der Jugend hinweggeweht haben sollte! Eigenthümlich auch fühlte er den indirecten Vorwurf gelehrten und moralischen Hochmuths als einen kleinen Stich im Gewissen. Und eigenthümlich endlich, wie leise Beschämung, drang ihm die Erkenntniß in's Herz, daß der leichtlebige junge Weltmann, der Repräsentant einer Menschenklasse, die er wenig schätzte und tief unter sich sah, daß Jener sein Wesen mit sichrerer Beobachtung durchdrungen hatte als er selbst. Er fühlte, daß Wilda in manchen Stücken Recht behielt. Das verletzte ihn nicht grade, denn Jener hatte ihn durch Liebenswürdigkeit sehr gewonnen, es beschäftigte ihn aber prüfend innerlich, und ließ ihn dem Besuche des Gefährten mit Interesse entgegensehen. Und als er, angelangt auf einer Felsenhöhe, athmend und erregt hinausblickte in das sonnige Land, da warf er lächelnd den Kopf zurück, und sein Auge glänzte heller auf, als habe er hinter sich geworfen, was ihn lange beschwert, und das Leben dürfe heiter einziehen in seine Brust.

II.

»Es steht ein Wirthshaus an der Lahn« – so beginnt ein Volkslied, welches merkwürdige Dinge von Wirth und Wirthin, Knecht und Magd erzählt. Heutzutage stehen an der Lahn sehr viele Wirthshäuser, worin wohl noch merkwürdigere Dinge vorgehen. Das, welches seit einigen Menschenaltern den Namen der »schönen Rosa« trägt, ist eines der stattlichsten, wenn es gleich nichts von einem modernen Hotel hat, kein prahlerisches Aussehen, das den ermüdeten Fußreisenden abschreckt, keine Kellner, nichts von all den eleganten Vortheilen, die der Einkehrende bezahlen muß, auch wenn er sie nicht genossen hat. Sogenannte feine Leute fahren vorüber, denn was würde man sagen, wenn sie, nicht viele Stunden von einem berühmten Badeorte entfernt, bei der »schönen Rosa« eingekehrt wären? Sie brauchen für ihren Ruf und ihr Reisegewissen einen großen Hotelnamen, der sehr prosaisch nach irgend einer Stadt, einem europäischen Fürsten, oder gar einem Raubthier gewählt ist. Wer aber ein Verständniß hat für die Poesie der freien Landstraße, wer das süße Behagen kennt, die wegemüden Glieder auch auf harten Herbergebänken und in gemischter Gesellschaft auszustrecken, wer ein Auge hat für malerischen und landschaftlichen Reiz, der wird sich von dem Wirthshause der schönen Rosa gastlich angeheimelt fühlen.

Da steht es an der aufsteigenden Straße, die breite Giebelfront ihr zugekehrt, im Schatten uralter Nußbäume. Eine hölzerne Galerie läuft rings um das Obergeschoß. Die Bedingungen des Bodens haben dem Haus Mannigfaltigkeit und malerisches Ansehen gegeben. Links hebt es sich auf einem gewaltigen Unterbau, den die Menschenhand mit Benutzung des natürlichen Felsengrundes aufgeführt hat. Hier finden sich gewölbte kühle Kellerräume, voll köstlicher Habe in Reihen von Fässern, denn die schöne Rosa treibt den Weinbau und Handel eigentlich als ihr Hauptgeschäft. Vor der Thür auf der breiten steinernen Rampe stehen Tische und Bänke, die vom Blätterknospen bis zum Fallen des Laubes von Gästen nicht leer werden. Links ist der große geebnete Hof, mit seinen Ställen und Nebengebäuden, die gleichfalls wie in einem Walde von Nußbäumen liegen, und hinter denen die Felsenwände hoch emporsteigen. Selbst am wolkenlosen heißen Sommertage ist es hier kühl und schattig, der Wein berühmt in der Umgegend, ebenso rühmlich bekannt das gastliche Entgegenkommen der schönen Rosa.

Die jüngste Trägerin dieses Namens stand vor der Thür, im Gespräch mit einigen Männern, die sich das Abendessen schmecken ließen, und beaufsichtigte die Bedienung der ab- und zugehenden Magd. Die Gäste waren Herren aus dem benachbarten Städtchen, alte Bekannte von ihr, die den behaglichen Platz auf der Rampe nur zum Ziel eines Spazierganges gewählt hatten. Trotz ihrer fünfzig Jahre war Frau Rose noch eine wirklich rosige Frau. Hochgewachsen, stattlich, nicht ohne einige Fülle, immer freundlich, dabei von einer gewissen Vornehmheit des Wesens. Sie trug sich städtisch, halb nach der Mode, wenn auch nicht der neuesten, halb nach eigenem Geschmack und Bedürfniß. Das helle lilafarbene Cattunkleid und die weiße Schürze waren von höchster Sauberkeit, die Haube mit grünen Schleifen saß auf dem gescheitelten Haar, das noch keine Spur von Grau zeigte, sehr wohlanständig und bieder. – Da bemerkte Frau Rose, wie von dem gegenüberliegenden Felsenpfad ein Wanderer herabstieg. Das war nichts Ungewöhnliches, sie ließ sich dadurch im Gespräch nicht stören. Jetzt aber kam er die Stufen der Rampe herauf und fragte grüßend: »Kennen Sie mich noch, Frau Rose?«

Sie sah ihn überrascht an, und plötzlich ging ein Ausdruck lebhafter Freude durch ihre Züge. »Herr Wittig!« rief sie. »Ja freilich sind Sie's! Willkommen, gottwillkommen!« Sie reichte ihm beide Hände, ließ es aber dabei nicht bewenden, sondern faßte ihn bei den Schultern und schüttelte ihn herzhaft. Es war etwas von mütterlicher Freude in ihrer frohen Aufregung. Sie ließ ihre übrigen Gäste, setzte sich zu ihm auf die andere Seite der Rampe, fragte ihn aus, lachte und gab Winke und Aufträge. Christian, der Knecht, auch noch ein alter Bekannter des Professors, wurde gerufen und mit der Schubkarre nach dem Städtchen unten geschickt, um Hildebrands Gepäck von der Post zu holen. Eine Magd deckte vor ihm auf, während eine andere sich des Ränzels bemächtigte. »Sie sollen Ihr altes Zimmer haben,« rief die Wirthin, »das mit der Aussicht über die Weinberge hinunter, und Alles wird wieder so gestellt und eingerichtet, wie Sie's damals hatten!« Dabei legte sie ihm den Imbiß selbst vor, schenkte ein, nöthigte, fragte nach seiner Gesundheit, seinen Erlebnissen, schlug die Hände zusammen, daß er schon Professor sei, und klopfte ihn auf die Schulter, weil er sich so brav gehalten. Dann erzählte sie von ihren eigenen Angelegenheiten. Ihre übrigen Gäste mußten heut mit kurzen Begrüßungen fürlieb nehmen, sie kehrte immer wieder zu ihm zurück, um über Altes und Neues zu plaudern.

Als junger Student, vor bald neun Jahren, war Hildebrand Wittig mit Kameraden auf einer Ferienreise hier zuerst eingekehrt. Er erwachte Morgens mit einem Unwohlsein, das ihn hinderte, die Wanderung fortzusetzen. Die Freunde mußten ihn zurücklassen, sie wußten ihn gut aufgehoben, und ein neuer Rastort wurde zur Wiedervereinigung verabredet. Aber die leichtgenommene Unpäßlichkeit steigerte sich zu einem Nervenfieber, das den jungen Gast vier Wochen lang niederwarf und ihn noch fast eben so lange bis zur völligen Genesung bei der schönen Rosa festhielt. Sie nahm sich des kaum achtzehnjährigen Studenten mit mütterlicher Sorge an, sie wußte, daß er keine Eltern hatte, wußte, daß er von Haus aus mittellos war und von Stipendien lebte. Das hielt sie nicht ab, Alles für seine Pflege zu thun, und bei dem armen kranken Knaben, selbst mit Vernachlässigung ihres Hausstandes, auszudauern. Ihre mitleidige Seele dachte nicht daran, jemals eine Vergütigung dafür zu verlangen, sie fühlte sich belohnt genug, als ihr Pflegling endlich genas, und wies auch späterhin jede Entschädigung standhaft ab. Sie hatte selbst drei Söhne im Knabenalter unter ihren Händen sterben sehen, der Fremde, der in ihrer Pflege zum Leben gedieh, war ihr jetzt nicht minder theuer als ein eigenes Kind. Sie verschmähte jeden Lohn, wo sie allein ihrem Herzen gefolgt war. So hatte sich zwischen der wackern Dame und dem Studenten ein Verhältniß gebildet, das dem einer angeborenen Verwandtschaft wenig nachgab. Sie entließ ihn mit Thränen. Er schrieb ihr seitdem häufig und dankerfüllt, und während seiner drei Studienjahre gingen fast alle seine Ferienreisen zur schönen Rosa. Aber seitdem er, weit entfernt, im nördlichen Deutschland eine Anstellung gefunden, war ihm das Wirthshaus an der Lahn nicht mehr das vorzügliche Reiseziel. Zwar unterließ er nicht, ab und zu seiner einstigen treuen Pflegerin Nachricht von sich zu geben, doch aber waren sechs Jahre vergangen, seit er nicht persönlich bei der schönen Rosa vorgesprochen.

»Ich sehe schon,« begann sie, »daß ich Sie wieder einmal als Herbergsmutter nach alter Art in die Kur nehmen muß, und mein Haus soll Ihnen besser thun als ein kostspieliger Badeort. Ihr Arzt ist ein verständiger Mann, daß er Ihnen das Stöbern in Bibliotheken einmal verboten hat. So eine große Scheune voll Bücher läßt nichts als Staub in die Seele dringen. Ich hab in meinem Keller eine andere Bibliothek, Alles schön numerirt nach Jahrgängen, da mögen Sie studiren. Sie waren sonst kein Feind davon, so ein schmales Bürschlein Sie auch damals vorstellten. Jetzt sind Sie wahrhaftig gewachsen und männlicher geworden, Sie sehen ganz schmuck aus – ei warum nicht? Eine alte Frau, wie ich, darf Ihnen das sagen. Nur die Gesichtsfarbe ist nicht die beste. Kathrin', einen frischen Schoppen für den Herrn Professor! Da sollen Sie meinen Julian sehen, was das für ein Bursch geworden ist. Erinnern Sie sich seiner noch? Freilich damals war er noch ein kleiner Bub.«

»Ich habe Ihren Sohn merkwürdigerweise niemals gesehen,« entgegnete Wittig. »So oft ich hier einsprach, war er in der Pension. Erzählt haben Sie mir Manches von ihm, aber zu Gesicht bekam ich den Erben der schönen Rosa niemals.«

»Ei nun,« entgegnete Frau Rose, mit Bezug auf die letzten Worte, in ihrem mütterlichen Stolz etwas geschmeichelt – »mein Julian kann sich auch Wohl sehen lassen! Aber daß Sie ihn gar nicht kennen sollten, wär' in Wahrheit merkwürdig. Es ist richtig, ich hab ihn früh nach Düsseldorf in die Pension gegeben, hier bei der Mutter that er nicht gut. Er sollte lernen. Daß er überstudirt heimkommen würde, darum braucht' ich nicht zu sorgen. Aber eine Angst hatt' ich doch um ihn, als er eine Zeit lang den Einfall bekam, etwas Anderes zu werden als mein Nachfolger in Haus, Hof, Keller und Geschäft. Er hat sich später gegeben, denn er ist ein braver Bub. Jetzt dient er sein Jahr ab in Coblenz. Er hätte loskommen können, da er mein einziges Kind ist, und ich hätte sagen können, daß ich ihn nothwendig im Geschäft brauchte. Aber so arg ist's nicht, ich kann mich noch behelfen, und ihm war's gar zu sehr um das Jährlein in zweierlei Tuch zu thun. Auf Michaelis ist er ja auch damit fertig.«

Christian kam mit dem Gepäck des Professors zurück. Frau Rose bemerkte, daß der Knecht schwer an dem Koffer trug, und rief: »Da stecken doch nicht etwa Bücher drin? Nein, damit wird's diesmal nichts, lieber Herr, und ich thät' am besten, sie gleich in Verschluß zu nehmen! Jetzt sollen Sie aber Ihr Zimmer sehen und mir sagen, was Sie noch hinein verlangen.« – Sie stiegen hinauf und traten in die zwar niedrige, aber helle und geräumige Stube. Sie war sauber, blank, wohnlich, die Aussicht herzerfrischend. »Da,« rief Frau Rose, über den Sopha deutend, »da sind auch noch Ihre drei Freunde! Als Sie so krank waren, und fortwährend von Honolulu und Kosinski und Pomare phantasirten, dacht' ich, Sie sprächen lateinisch, bis der Arzt erklärte, die Bilder wären dran Schuld, und sie wegnehmen ließ. Nach der Genesung wollten Sie sie wieder haben, weil Ihnen die fremdländischen Herrschaften Spaß machten, und da sehen Sie, hängt das Dreigestirn noch heut in aller Pracht.« Der Professor lachte, als er seine alten Jugendfreunde wieder erblickte. In der Mitte ein größeres Bild, Karl Moor unter seinen Räubergenossen im Walde darstellend; rechts und links zwei buntgemalte Steindrucke. Das Porträt eines Häuptlings von den Südseeinseln, das andere ein lithographischer Frevel an einer einst dramatisch schriftstellernden deutschen Prinzessin. Niemand, auch Frau Rose nicht, wußte, wie diese beiden Größen, die nie in nachweisbarer Verbindung unter einander, noch zu diesem Lande, noch auch zu diesem Hause gestanden, unter einem Dach zusammengekommen waren. Die Besitzerin stimmte in das Lachen ihres Gastes mit ein. »Ich hatte mich,« rief sie, »um diese Herrschaften nie gekümmert, bis Sie kamen und ihnen Ihre Gunst schenkten. Seitdem sind sie mir werth geworden. So weiß man oft gar nicht, was man für Schätze in Besitz hat, bis Einer kommt und drauf aufmerksam macht. Jetzt aber gute Nacht, es ist spät geworden. Und daß Sie mir nicht noch im Bette lesen, das ist eine von Ihren schlimmsten Gewohnheiten!«

Wittigs Zimmer hatte eine Thür nach der Galerie hinaus. Er öffnete sie, sobald er allein war und seine Sachen ausgepackt hatte, um die frische Nachtluft hineinströmen zu lassen. Es war die Seite des Hauses, wo der natürliche Felsengrund das Fundament abgab, und der Berg sich mit seinen Weinterrassen steil und tief hinabsenkte. Gegenüber hoben sich die dunklen Umrisse der Berge vom Nachthimmel ab, das Thal lag wie ein stummes Chaos drunten unter dem dunklen Schleier der Nacht, während droben unergründlich hoch der Sternenhimmel seine Glorie entfaltete. Erquicklich angeweht von Kühlung, Stille und Einsamkeit, lehnte Wittig sich an einen Pfeiler der Galerie und ließ die Blicke zwischen Höhe und Tiefe schweifen. Minutenlang schien die Welt unter ihm lautlos dazuliegen. Dann kam wohl eine wie aus Träumen erwachte Luftwelle und spielte über die Wipfel der Nußbäume hin, daß auch sie aus der Ruhe aufgestört rauschten, oder es schwoll aus dem unterscheidungslosen Dunkel herauf ein Ton an, wie fernes Brausen eines Wehrs, oder ein Ruf, räthselhaft, verhallend, wie er gekommen war. Dann war's wieder still, drunten, droben, und still auch längst im Hause.

Da wurde der leise Gesang einer weiblichen Stimme hörbar. Er kam aus der Nähe, schien aus einem geöffneten Fenster zu dringen, das auch auf die Galerie hinaus ging. »So viel Stern' am Himmel stehen –« die alte Volksweise, klang an Wittigs Ohr. Er wandte sich um. Die Fenster an der Thalseite des Hauses, wo er stand, waren dunkel und geschlossen, die Sängerin mußte sich an einem Fenster um die Ecke des Hauses herum befinden. Doch schien sie nicht um des Singens willen zu singen, es hörte sich an, als ob Jemand, dem der Gesang zur andern Natur geworden, bei irgend einer Beschäftigung den Liedertönen nur freien Lauf ließe, und halb bei dem Inhalt, halb bei anderer Thätigkeit verweilte. »So viel mal seist Du gegrüßt –« jetzt schwollen die Töne lauter an, um bei der Wiederholung leise und wehmüthig auszuklingen. Die Sängerin schien sich vom Fenster zu entfernen, aber man hörte den Anfang der nächsten Strophe noch; er tönte wie verstohlen, und auch als sie sich wieder näherte, halblaut, leise wie Bienensummen, wurde bald abgebrochen, bald wieder aufgenommen. Hildebrand ließ den holden Wohllaut rein in sein Gemüth dringen. Das Volkslied war seine Lieblingspoesie, war sein Studium – hier fand er es in stiller Lebensfülle, er belauschte es in dem geheimen Ausdruck seiner Innerlichkeit. Es fiel ihm nicht ein, dem Gesang nachzugehen, und die Sängerin zu entdecken, was ihm auf dem Wege der verbindenden Galerie wohl ohne Mühe möglich gewesen wäre, er stand nur und lauschte, und hörte auf die weiche, gedämpfte Stimme, die der Nacht vielleicht ein stilles Geheimniß wider Willen verrieth. »Alle Abend will ich sprechen, wenn mir meine Augen brechen, o mein Lieb, gedenk' an mich!« Das kam noch einmal heller aus der Brust, wie aus tiefster Seele – dann hörte man ein Fenster schließen, und dann war Alles stumm und still, droben, drunten und im Hause. Hildebrand verließ die Galerie und ging zur Ruh.

III.

Morgensonne in den Fenstern, ein lachendes Thal zu Deinen Füßen, Rebenberge, tanzende Goldlichter über Baumwipfeln, Thaugefunkel im Gras, und blauen Himmel drüber – jauchze auf, Menschenherz, wenn du das gefunden und dein nennst zu Genuß und Muße, darin du allen Staub, Ingrimm und Unsinn, den der Mensch in steinernen Arbeitshöhlen sammelt und hegt, vergessen kannst! Reichlich erquickt vom Schlummer sprang unser Freund in den Tag hinein. Ihm war zu Muth wie damals vor neun Jahren, als er nach der Krankheit in demselben Zimmer genesungskräftig seine Jugend erstarken fühlte. Er eilte vor die Thür. Noch war kein Verkehr hier, er bestellte sein Frühstück auf die Rampe.

Ein munterer Knabe gesellte sich zu ihm, brachte einen Gruß von der Base, und der Herr Professor möchte sich die Zeit nicht lang werden lassen, sie werde gleich selber kommen. Der Bub sah ihn mit hellen Augen an, und setzte sich dem Professor gegenüber auf die Bank. »Gehörst du ins Haus, Kleiner?« fragte Hildebrand. »Ja freilich,« entgegnete die Magd für ihn, während sie aufdeckte, »es ist unser Friedel, die Frau ist seine Bas'.«

»Ich kann auch lateinisch –« begann der Knabe wichtig, und wie es schien erwartungsvoll.

»Du?« rief lachend der Professor, und die Magd lachte auch und schlug die Hände zusammen. Und als der Knabe, unaufgefordert und mit höchstem Ernst sein »amo, amas, amat, amamus –« zu conjugiren begann, schrie die Kathrin' vor Lachen laut auf, und lief ins Haus zurück. Der Professor aber verbiß das Lächeln, begann sein Frühmahl, und ließ den jungen Gelehrten mit Ruhe ein Pensum abschnurren. Der war nicht zu unterbrechen, und steuerte bereits mit Sicherheit auf das Futurum los, als Wittig ihm mit der Frage dazwischen fuhr: »Wo hast du das gelernt, Junge?«

»Bei meinem Vater ... amabimus, amabitis, amabunt.«

»Wer ist dein Vater?«

»Der ist schon todt. Amans, amatus, amaturus – –«

»Halt! Du wüthiger Lateiner,« rief der Professor, zugleich mit seinem Ruf aber fuhr er komisch erschreckt auf, denn aus seiner Kaffeetasse hüpfte es wie ein kleiner Springbrunnen, und spritzte ihm ins Gesicht. Eine grüne Nuß war von oben herabgefallen, auf den Tisch geschlagen, und hatte sich wieder aufspringend ein Ziel in des Gastes Tasse gesucht. »Oho!« rief er, indem er mit dem Löffel den Eindringling herausfischte, der Knabe aber sprang von der Rampe und sah nach der Galerie hinauf. Ein leichter huschender Tritt wurde oben gehört, der sich um die Ecke verlor. Zu sehen war Niemand.

»Die Nuß ist nicht gefallen, man hat sie geworfen,« sagte der jüngere der beiden Gelehrten. »Hierher reichen gar keine Zweige, so kann auch nichts abfallen. Die Kathrin' muß es gewesen sein, die hat immer –«

»Verdirbst du unserm Herrn Professor hier schon frühzeitig den Tag, du böser Bub?« so ertönte Frau Rosens Stimme in der Hausthür. »Ich hör', du plagst ihn mit deinem Lateinisch. Jetzt pack aber dein Ränzel auf, und mach, daß du in die Schule kommst. Guten Morgen, Herr Professor! Wie ging's die erste Nacht im alten Neste? Doch nichts von Räubern und Honolulu geträumt?«

Frau Rose sah frisch wie der Morgen aus, und glänzte schon in sauberster Tageskleidung. Heut trug sie ein helles gelbliches Kleid, das Band auf der Haube war purpurroth.

»Was hat Ihr Haus da für einen kleinen wissenschaftlichen Zuwachs bekommen?« fragte Wittig nach den ersten Begrüßungen. »Sie scheinen es auf die Gelehrten abgesehen zu haben.«

»Das Bürschlein da meinen Sie? Ja. was die Gelehrten angeht, die hab' ich immer gern gemocht, und ihrer manchen hat mein Haus beherbergt, Studenten, Professoren, Lehrer und Herren von Buch und Feder aller Art. Aber der kleine Bub da macht mir Sorge. Er ist meiner Schwester Kind. Ihr Mann war Schullehrer da unten im Schwäbischen, in einer kleinen Stadt. Es ist eine traurige Geschichte, ich erzähl' sie Ihnen wohl einmal. Vergangenen Winter starb der Mann, meine Schwester war im Elend, und, krank wie sie lange gewesen, starb sie gleich hinterher. Da nahm ich die Kinder zu mir, den Knaben und seine Schwester. Es sind sonst gute Kinder –«

»Brav und großmüthig wie immer, Frau Rose!« unterbrach sie Wittig. Sie aber machte eine abwehrende Handbewegung, und fuhr mit ernstem Gesicht fort. »Der Schwager war selbst ein Stück Gelehrter, aber es ging ihm schlecht mit seinem Theil. Von jung auf hat er das Bürschlein auch dazu erzogen, jetzt weiß ich nicht, was mit ihm anfangen. Ich hab' ihn da unten in die Stadtschul' gethan, aber da gibt's kein Lateinisch, und wird nicht auf Gelehrtenthum gearbeitet. Das aber kann unser Friedel nicht mehr aus dem Sinn bekommen. Da waren letzthin Studenten hier, die kriegten mir den kleinen Bub vor, und verdrehten ihm wieder von Neuem den Kopf, und als er gestern hörte, ein gelehrter Herr Professor sei im Haus, war er gar nicht mehr zu halten. Schon zehnmal hat er heut gefragt, ob Sie noch nicht aufgestanden wären? Reden Sie ihm die Sach' aus. Studiren wollt' ich ihn wohl lassen – aber hernach?« Frau Rose seufzte und schwieg.

»Nun, und hernach?« nahm der Professor die Frage auf. Er war zu sehr Gelehrter, als daß er nicht in der frühen Regung des Knaben eine entschiedene Bestimmung für das Leben hätte sehen sollen. Sein Interesse erwachte. »Hernach (so fuhr er fort) hilft sich der Knabe weiter, wie er kann und muß! War es mit mir anders –?«

»Ja, mit Ihnen! Solcher giebt's auch nicht Viele!«

»Tausende! Wir Männer der Wissenschaft kommen selten aus wohlgeordneten und gesicherten Verhältnissen herauf, und unser Stolz ist es, wenn wir etwas aus uns gemacht haben.«

»Ja ja, mein lieber Herr Wittig, ich versteh' es gewiß! Aber es giebt auch Beispiele, wo Alles fehlschlägt, wo der bravste Mann den Kopf voll Wissen hat, und es zu Nichts im Leben bringt, weil er wohl für das Bücherwesen, aber nicht für's Leben paßt. So ein Mann war der Vater meines Friedel! Ich sag es sonst nicht gern aus. Der Mensch soll die Augen offen halten für die Dinge der Welt, und die Arme fleißig rühren, daß er nicht mit all seinem Geist und Wissen zum Spott der Leute wird, weil er im Traume geht, und nicht sieht wie die Welt steht und was sie von ihm verlangt. Es ist gar schön, wenn Einer stolz ist auf das, was er aus sich gemacht hat, aber dann muß er auch was Rechtes vorstellen und sagen können, ich weiß mit der Welt und dem Leben so gut Bescheid, wie mit meinen Büchern, und ich habe mir damit etwas genützt, und darum kann ich auch der Welt nützen.«

Wittig schlug die Augen nieder. Gleich aber rief er mit Eifer: »Vortrefflich, Frau Rose! Hat Ihr Pflegebefohlener ein solches Vorbild, wie Sie sind, dann ist er ja wohl vor dem Verstauben gesichert! Wenn es Ihnen recht ist, will ich mich jeden Morgen eine Stunde mit ihm beschäftigen und seine Fähigkeiten prüfen. Inzwischen überlegen wir, was zu thun sei.«

»Na mit Gottes Willen mag geschehen, was nicht zu ändern ist!« rief Frau Rose wieder heiter. »Obgleich ich's gar nicht dulden sollte, daß Sie hier Allotribus treiben. Ich hab' auch schon nachgespürt – den halben Koffer voll Bücher haben Sie mitgebracht! Ja doch, ich weiß, Sie können nicht ohne Ihr Handwerkszeug leben, und würden sich nur langweilen, aber machen Sie's mit Maß, lieber Herr! Ich hab' mir vorgenommen, daß sie bei mir rothe Backen bekommen sollen, also stören Sie auch mir nicht das Handwerk. Und jetzt ist das Erste, daß Sie mir spazieren gehen, und nicht gleich auf die Stube. Gehen Sie hinauf nach der Mühle, der Weg ist jetzt schattig. Sie hatten ja sonst Ihre Freud' an den Leuten, und die Brigitt' ist ein stattliches Mädchen geworden. Einen Gruß von der Pathe können Sie ihr auch mitnehmen.«

»Es scheint, ich komme hier unter einen strengen Pantoffel, Frau Rose!« sagte der Professor heiter.

»Ja ja, ich bin mit Ihrem Arzt verschworen, mein lieber Herr, und wenn Sie nicht gutwillig gehen, so werd' ich Sie zu Zeiten mit Gewalt aus dem Hause treiben!«

Sehr befriedigt kehrte Wittig gegen Mittag zurück von seinem Gang, den er ziemlich weit ausgedehnt hatte, und brachte zur Freude seiner Freundin den besten Appetit mit. Nachmittags pflegte vor der Thür unter den Nußbäumen viel Verkehr und Leben zu sein, das fahrende Volk der Wanderstraße sammelte sich dann zur Rast im Schatten. Man sah bunte Mützen, hörte Lachen und Rufen, Klappern mit Tellern und Gläsern, dazwischen die Guitarre und Stimme eines modernen Minnesängers im zerrissenen Rock, dessen Kunst, wenn nicht nach Brot, so doch nach einigen Groschen zu einem Schoppen ging. Dies verrieth seine Nase. – Der Professor suchte seine stille Stube auf, und nahm ein Buch, über das er bald einschlief. Er erwachte von einem Geräusch, sah ein Kaffeegeschirr neben sich auf dem Tisch, und die Kathrin, welche eben lachend aus der Thür schlüpfte und zurückrief: »Die Frau hätte gemeint, es sei nun Zeit.«

Nicht lange, so öffnete der Professor seine Schreibmappe, entfaltete Collectaneen und Hefte, um, wenn nicht schon zu arbeiten, doch sich vorbereitend in die Situation des Arbeitens zu versetzen. Denn auf ein müßiges Feiern hatte er es hier durchaus nicht abgesehen, eine angenehme Ferienarbeit sollte der Situation angepaßt werden. Er war Philolog, pflegte vom Katheder über Griechen und Römer zu sprechen, allein mit dem Herzen lebte er mehr in Forschungen über die sprachlichen und literarischen Alterthümer seines Volkes. Er war ein deutscher Professor, so ganz ein Deutscher, daß er über seinen urdeutschen Namen Hildebrand Wittig eine kindliche Freude hatte. Der deutsche Volksgesang war es, der ihn seit Jahren beschäftigte, und auf diesem Gebiet wiederum fühlte er sich von der reinsten, ursprünglichsten Quelle deutscher Poesie, dem Volkslied, immer mehr angesprochen. So hatte er die Vorarbeiten und Studien zu einem Werkchen über gewisse Erscheinungsformen und Richtungen innerhalb des lyrischen Volksgesangs mit auf Reisen genommen, um in einer ihm werthen Umgebung die Stimmung dafür walten zu lassen. Eben blätterte er in einer größeren gedruckten Liedersammlung, da war's, als dränge wieder jener sanfte Gesang an sein Ohr, den er in vergangener Nacht vernommen. Er horchte auf. Es war dieselbe Stimme, halblaut, bald nur summend, bald die Worte deutlicher erkennen lassend. »Zu Straßburg auf der Schanz, da ging mein Trauern an –« wurde wehmüthig gesungen, so wehmüthig in den hellen sonnigen Tag hinein, so klagend – der Professor sprang auf und ging gegen die Thür, ohne noch auf die Galerie hinauszutreten. Er stand und lauschte. Das Lied wurde abgebrochen, muntere Stimmen sprachen und lachten unbefangen. Plötzlich hub der Gesang wieder an, aber hell und jubelvoll:

»Drunten im Unterland
Da ist's halt fein!
Schlehen im Oberland,
Trauben im Unterland!
Drunten im Unterland
Möcht' ich halt sein!«

Das war nicht dieselbe Stimme. Sie klang naiver, knabenhafter. Eine zweite fiel ein und begleitete die erste mit natürlichem Gehör. Wittig trat hinaus und sah sich um. Da hörte er die Worte: »Und er ist doch zu Haus, sag' ich! Sollst sehen!« Gleich darauf sprang sein gelehrter junger Freund Friedel um die Ecke, sah mit lachenden Augen bald zurück, bald auf den Professor und rief: »Hab' ich's nit gesagt?«

»Bist Du der Sänger?« fragte Wittig.

»Ja, ich und meine Schwester. Da sitzt sie.« Der Knabe deutete die Galerie hinab, dem Professor aber war es, als hörte er im unwilligen Ton die Worte: »Du böser Bub! Gleich komm zurück!« Friedel aber blieb stehen und schien den Gast einzuladen, näher zu treten. Der Professor zögerte, es schien ihm nicht ganz schicklich, hier vorzudringen. Aber dennoch ging er, und blieb an der Ecke der Galerie in großer Ueberraschung stehen.

Hier auf der Hofseite, halb im Schatten der Nußbäume, halb unter den tanzenden Goldlichtern, die durch die Blätter fielen, saß ein junges Mädchen, nähend an einem großen Stück Leinwand und umgeben von Körben voll Linnen. Sie erhob das rosige Gesicht erschrocken, stand auf und blieb in Verlegenheit einen Augenblick stehen. Sie war bis an die Stirn, bis an die prachtvollen goldblonden Flechten, die den Kopf umwanden, erröthet. – Der Professor fühlte sich von ihrer Bestürzung angesteckt, und brachte nur eine verlegene Entschuldigung für seine Dreistigkeit zu Stande. Sie sammelte sich zuerst wieder, lächelte und meinte, der Friedel verdiene, daß man ihm ordentlich den Text lese, er sei gar zu vorwitzig. Dann setzte sie sich wieder an ihre Näharbeit. Sie nöthigte den Professor nicht, Platz zu nehmen, fragte aber mit anmuthiger Schüchternheit, ob es ihm im Hause noch so gut gefalle wie sonst, und zeigte damit, daß sie über ihn unterrichtet sei. Der Professor nahm also nicht Platz, sondern blieb an einen Pfeiler der Galerie gelehnt stehen. Es war ihm willkommen, daß er auf ihre Frage der Notwendigkeit überhoben war, ein Gespräch anzubahnen, denn darin hatte er wenig Uebung. Er brauchte jetzt nur zu antworten und, was ihm auch nicht unangenehm war – er brauchte nicht gleich seinen Rückzug zu nehmen. Die natürliche Unbefangenheit, die dem jungen Mädchen nach der unvermutheten Begegnung wiedergekehrt war, wirkte auch auf ihn zurück. Er richtete jetzt dieselbe Frage an sie, ob sie sich in Frau Rosens Hause wohl fühle?

»O ich –« entgegnete sie mit einem Blicke voll glücklicher Unschuld. »Mir gefällt es, wo ich eine Pflicht und frisch zu schaffen habe. Und gar bei der guten Base, wie sollt' es mir hier nicht von Herzen wohl sein. Sie ist die beste Frau.«

Der Knabe hatte sich, angezogen durch irgend einen Vorgang auf dem Hofe, entfernt. Das Mädchen hob die großen blauen Augen zu Wittig auf und sagte: »Herr Professor, ich hab' Ihnen schon etwas abzubitten.« Er sah sie fragend an, »Die Nuß heut früh hab' ich geworfen. Sie sollte den kleinen Schwätzer treffen, als ein Wink, daß er Sie nicht mit seinem Latein quälte – verzeihen Sie die Thorheit?«

Der Professor lachte, und das junge Mädchen stimmte halb verlegen ein.

»Ei da war meine Sorge unnütz!« rief plötzlich Frau Rose heiter dazwischen, indem sie näher trat. »Ich machte mir schon ein Gewissen, daß ich Sie nicht gleich mit meiner Eva bekannt gemacht habe, Herr Professor. Jetzt ist's ohne mich geschehen, und es ist auch so gut. Wollen Sie heut das Nachtessen mit uns theilen, da können Sie noch genug mit ihr schwätzen. Jetzt aber brauch' ich die Eva. Ein halb Dutzend Studenten wollen Nachtquartier. Komm und hilf der Kathrin, daß sie's ordentlich macht.« – Die Frauen verließen die Galerie, der Professor ging auf sein Zimmer. Da schien ihm ein Gedanke zu kommen. Schnell eilte er vor die Thür und suchte eifrig mit den Augen am Boden umher. Plötzlich fuhr er mit der Hand unter eine Bank und steckte hastig etwas in die Tasche. Es war eine grüne Nuß.

Auch dieser Tag ging mit Gesang, wenn gleich anderer Art, zu Ende. Eva deckte eben den Tisch des gemeinsamen Mahles ab, das man in Frau Rosens Zimmer genommen, als die Hausfrau, die sich einen Augenblick entfernt hatte, zurückkam. »Wer heut gut singen hören will,« rief sie, »der geh' vorn auf die Galerie. Unsere Studenten sind von den Braven, hübsche Leute, es ist eine Freude zuzuhören.« Sie schritt voran, Hildebrand und Eva folgten ihr die Galerie entlang nach der vorderen Seite des Hauses, wo man im Dunkel, gerade über den Sängern saß. Die ließen sich, um den Tisch gereiht, den guten Wein munden, unter Lachen und Gesang, das Licht in der Windglocke auf dem Tisch beleuchtete vergnügte Gesichter und warf hellen Schein hinauf in die Zweige des Nußbaumes. Es waren ein paar gute Naturstimmen unter den fahrenden Gästen, besonders ein wohlklingender Tenor, und sie schienen im gemeinsamen Singen leidlich eingeübt zu sein. Bis auf Einen, der bei bestem Willen nur grauenhafte Töne von sich gab, und dem man den Mund zuhielt und Strafen dictirte, wenn er seine künstlerische Betheiligung nicht lassen konnte.

Eben wurde ein bekanntes niederrheinisches Lied begonnen. Der Vorsänger hub an, der Chor fiel ein und sang zum Schluß den Rundreim:

»Verstohlen geht der Mond auf,
Blau, blau, Blaublümelein,
Durch Silberwölkchen führt sein Lauf,
Rosen im Thal, Mädel im Saal,
      O schönste Rosa!«

»Das ist eine Huldigung für Sie, Frau Rose!« sagte der Professor.

»Ja, wenn es vor dreißig Jahren gewesen wär'!« lachte die Angeredete.

»Er steigt die blaue Luft hindurch,
Blau, blau, Blaublümelein,
Bis daß er schaut auf die Löwenburg.
Rosen im Thal, Mädel im Saal,
      O schönste Rosa!«

O schaue Mond durch's Fensterlein,
Blau, blau, Blaublümelein,
Meine Liebste lock' mit deinem Schein!
Rosen im Thal, Mädel im Saal,
      O schönste Rosa!

Und siehst du mich, und siehst du sie,
Blau, blau, Blaublümelein,
Zwei treu're Herzen sahst du nie!
Rosen im Thal, Mädel im Saal,
      O schönste Rosa!«

»Merkwürdig!« dachte Hildebrand Wittig und schlug in Gedanken seine Collectaneen nach, um Aehnliches oder Gleichartiges aufzufinden, oder das Alter des Liedes zu bestimmen. Es schien ihm verdächtig, fast modern, jedenfalls seit seiner Entstehung durch viele umgestaltende Auffassungen und Ueberlieferungen gegangen. Allein er wurde schnell aus seinen Reflexionen gerissen, da er vernahm, wie seine Nachbarin mit gedämpfter Stimme die Melodie nachsummte, um sie sich einzuprägen. Aber wie ertappt hielt sie plötzlich inne. Der Professor wollte reden, allein vor der Thür erscholl ein lautes Hurrah und Händeklatschen. Er sah hinab. Frau Rose, deren Entfernen er nicht bemerkt hatte, war unten erschienen und wurde mit Jubel empfangen. Es befand sich noch sonst Gesellschaft unten, alte Bekannte und Freunde ihres Kellers aus dem nahen Städtchen, die durch den Gesang und das fröhliche Treiben sich hatten fesseln lassen. Frau Rose ging mit würdevoller Freundlichkeit von einem Tisch zum andern, saß einen Augenblick, sprach ein paar Worte und sah nach dem Rechten.

»Wie lange ist's her, Herr Professor,« begann Eva, »daß Sie da unten mit saßen und sangen?«

»Manchmal ist mir, als läg' eine unendliche Zeit dazwischen. Wenn ich je mitgesungen, so war es damit doch früh vorbei, und ich kam bald beim Sammeln dessen an, was Andere singen. Man genießt nur kurze Zeit, dann beginnt man zurückzulegen, einzuernten, und muß bei eigenem Schaffen dem Genuß Anderer zusehen.«

»So werden Sie doch noch nicht sagen wollen!« meinte Eva. »Kann man nicht das Gute genießen und dabei fein haushälterisch sammeln, damit man lange habe sich zu freuen? Singen ist auch ein Genuß, man kann sich viel Trost ins Herz hinein, und viel Böses von der Seele weg singen.«

»Und welches von beiden thaten Sie gestern Abend und heut Nachmittag? fragte Wittig, und erschrak über seine vorwitzige Frage.

»Wenn ich Sie dadurch gestört habe, Herr Professor,« entgegnete das Mädchen ausweichend, »so ist's mir leid. Gestern Abend dacht' ich, Sie wären von der Reise müd', und schliefen längst. Heut Nachmittag meint' ich, Sie wären ausgegangen. Jetzt muß ich mich wohl in Acht nehmen, und will schweigen so gut es geht.«

Hildebrand betheuerte, daß er durch ihr Singen nicht gestört worden, daß er im Gegentheil große Freude daran gehabt habe, daß er hoffe, sie noch oft zu hören. »Gewiß,« fuhr er fort, »haben Sie einen reichen Schatz von Liedern?«

»O nein,« lachte das Mädchen, »gar nicht! Ich hab' nur, was ich brauchen kann, und Vieles, was ich höre, geht an meinem Ohr vorbei. Ich singe auch nicht, damit man es hören soll, und erschrecke meist, wenn es Jemand vernommen hat, als hätt' ich laut gesprochen, was nur für mich war. Oft hab' ich mir fest vorgenommen, das Singen zu lassen, aber meist weiß ich selbst nicht, daß ich's thu. Ich glaub', es ist eine recht böse Gewohnheit. Sagen Sie mir nur, Herr Professor, woher es kommt, daß manches Lied so ganz und gar auf das paßt, was man gerade denkt, so daß man es selber nicht besser hätte ausdenken können?«

»Weil die Empfindungen der Menschen im Wesentlichen dieselben sind, weil ein in sich vollkommener Ausdruck für Freude oder Schmerz immer das gleiche Verständniß, die Stimmung, den verwandten Ton im Gemüthe hervorrufen wird.«

»Und,« fragte Eva weiter, » Einer weiß die Gedanken so zusammenzufügen, daß die ganze Menschheit sie als die ihrigen wieder erkennt? Vor dem Einen könnt' ich mich fürchten! Mir wär's, als müßt' er mich durch und durch sehen, mir aus der Seele lesen.« Eva schien über ihre eigenen Worte verwirrt zu werden, und schnell fügte sie in lustigem Tone hinzu: »Ei, er wird bei mir nicht viel finden, was der Menschheit dienen kann!«

»Sie können auch sonst beruhigt sein,« sagte Hildebrand heiter, »Solcher giebt es nicht viel, die das gemeinsame Gemüthsleben Aller durchzuempfinden und auszusprechen vermögen. Und was Sie im Lied ergreift oder erfreut, liegt oft in aller Welt und seit langen Zeiten ausgestreut da, so daß der Eine, der es in Worte faßte, nur zuzugreifen brauchte. Es blüht ihm entgegen am Weg, im Wald, im Feld, Tausende übersehen's, wer aber die rechten Augen hat, der findet auch die rechten Blumen zum Strauß. Und oft ist es gar nicht Einer, dem das Lied gelungen, sondern an den schönsten Liedern haben oft Viele geheimnißvoll mitgestaltet, ohne es zu wissen, ohne es zu wollen. So entsteht das Volkslied. Wo, zum Beispiel, haben Sie Ihre Lieder gelernt?«

»Gelernt? Ich hab' sie eben gehört und behalten. Draußen auf dem Feld, von den spinnenden Mägden, auf der Bleiche, Sonntags im Freien, oder auch – hier.« Eva deutete hinab auf die Gesellschaft vor der Thür.

»Vortrefflich!« rief der Professor, »das sind die Stätten und Situationen, wo das Volkslied entsteht, sich ausbildet, mitgetheilt und mitgenommen wird. Was das Gemüth empfindet, klingt plötzlich in Wort und Ton an, Niemand weiß, woher beides gekommen, aber es ist da. Nun nimmt's ein Anderer und singt's, er singt's ausführlicher, und ein Dritter wieder, ein Vierter vielleicht rundet es ab, und plötzlich kann man es im Kreise singen, und weiß nicht, wo es hergekommen ist. Die freie Wanderstraße steht ihm nun offen, es zieht in den Wald, wo der Jäger es singt, es rastet am Brunnen bei den Mägden, es marschirt mit den Soldaten ein und aus, es klingt am Sommerabend im Dorfe, und hat es den tiefsten Grundton des Gemüths, dann tröstet und erleichtert es auch Nachts in der stillen Kammer. Hören Sie nur, was da unten eben für ein wunderliches Lied gesungen wird, es ist, wenn kein Wanderlied, doch ein Lied auf der Wanderschaft, ein unfertiges Lied, das noch seine Schuljahre auf der Landstraße durchmacht!« Man sang unten:

»Viola, Baß und Geigen,
Die müssen alle schweigen
Vor dem Trompetenschall,
      Tunke, tunke, tunke,
Vor dem Trompetenschall.«

Eva lachte. »Hören Sie nur weiter!« fuhr Hildebrand fort, »es kommt allerlei thörichtes Zeug, nur eine einzige Strophe darunter sagt aus, wie man sich die Situation zu denken hat.« Das »thörichte Zeug« wurde denn auch mit leidenschaftlicher Hingabe abgesungen, dann hob der Professor die Hand, wie auf das Folgende hinweisend. Es lautete:

»Leb wohl, du kleines Städtchen,
Leb wohl, mein schwarzbraun's Mädchen,
Leb wohl und denk' an mich.
      Tunke, tunke, tunke,
Leb wohl und denk' an mich!«

»Können Sie sich,« fuhr Wittig fort, »einen Inhalt aus all dem Wust zusammenreimen?«

»Ich glaub', ich kann's!« sagte das Mädchen belustigt. »Es ist ein Soldatenlied. Sie haben getanzt, da müssen sie ausmarschiren, und darum müssen Baß und Geigen vor dem Trompetenschall schweigen. Aber der Abschied aus dem Quartier geht ihnen nicht gar zu sehr zu Herzen.«

Hildebrand schlug vor Freude die Hände zusammen. »Das haben Sie herausgehört? Dann ist das Lied nicht mehr so unfertig. Aber kann es Ihnen gefallen?«

»Es ist nur spaßhaft, sonst nichts.«

»Gewiß. Es kommt mir aber entgegen, um Ihnen an einem, wenn auch rohen Gebilde, das Wachsen und Zusammenschießen des Volksliedes zu zeigen. Wer nur einen einzigen Reim aufzubringen weiß, kann hier eine Strophe zusetzen, und das ist bereits reichlich geschehen, denn seit meiner Studienzeit ist schon allerlei dazu gekommen, was ich damals nicht gehört habe. Was hier mit diesem modernen Machwerk geschehen, das hat sich auch mit vielen der schönsten Volkslieder, die uns zum Herzen sprechen, zugetragen. Die Gedanken und Empfindungen schwebten gleichsam herüber und hinüber in der Luft; wer es verstand, erhaschte sie, und sie wurden zum Wort, zum Ton, zum Lied, das nun seinen Zauber über Alle ausstreute.«

Eva saß schweigend im Dunkel. Hildebrand konnte nicht sehen, wie sie ihre Augen groß und verständnißvoll auf ihn gerichtet hielt, auf ihn, dessen Züge von dem heraufdringenden Lichtreflex beleuchtet waren. Frau Rose kam wieder zu ihnen herauf. Die Sitzung der Gäste unten währte noch geraume Zeit. Erst spät wurde es still.

Hildebrand stand noch bis spät in die Nacht auf der Galerie vor seiner Stubenthür an den Pfosten gelehnt. Er harrte, er hoffte, der leise Gesang aus der Kammer in seiner Nähe werde noch an sein Ohr dringen. Er wartete heut vergebens, es blieb still.

IV.

Von diesem Tag an gehörte der Professor gleichsam zur Familie. Wollte er ihren Mittags- und Abendtisch theilen, so war er immer willkommen, und wie er sich anspruchslos unter den einfachen Menschen gab, kam man ihm, wenn schon mit höchster Verehrung, doch harmlos und vertrauensvoll entgegen. Jeden Morgen beschäftigte er sich eine Stunde mit dem jungen Lateiner, der, sobald seine Schulstunden in der Stadt vorüber waren, nur ungern von seiner Seite wich. – Hildebrand Wittig scheute sich nicht mehr, des Tages ein paarmal seine Nachbarin auf der Galerie aufzusuchen und mit ihr zu plaudern. Diese Plauderstunden, wo möglich unter vier Augen, wurden ihm bald die wichtigsten des Tages. Niemals glaubte er den Typus eines deutschen Mädchens reiner und ausdrucksvoller kennen gelernt zu haben, als in dieser blauäugigen, blonden Eva. Nur ihr Name hätte etwas deutscher sein können, etwa Sieglint, Schwanhild, Hildegunde – aber nein, sie war keine Heldin des epischen Volksgesangs, sie war ein holdanmuthiges Mädchen des Volksliedes, sie mochte immerhin Eva heißen. Bald erschien ihm der Name selbst wie Musik, wie deutsche Melodie. Und das Mädchen kam ihm mit einer unverhüllten Ehrlichkeit, mit einem Vertrauen entgegen, daß auch sein Gemüth sich ihr rückhaltlos öffnete. Sie kannte, wie er gesehen, ihn und seine Verhältnisse schon vor der ersten Begegnung, und schien anzunehmen, daß auch er die ihrigen kenne. Die Freundschaft ihrer Base für den Gast war auf sie mit übergegangen, er gehörte zum Hause. Sie zeigte in ihrem Betragen und ihren Worten, wie das Haus sich durch ihn geehrt fühlte, mit wie argloser Freundschaft man ihn darin willkommen hieß, und nach Gutdünken schalten ließ. Anfangs machte ihm die Anrede an Eva mancherlei Verlegenheiten. Er nannte sie »mein Fräulein,« sie aber lachte und wollte nicht so von ihm genannt werden. In der That paßte die Bezeichnung »Jungfrau« mehr auf sie, als die eines Fräuleins. Sie trug sich auch nicht fräuleinhaft. Zwar ging sie nicht in der Landestracht, aber auch nicht nach der Mode gekleidet, sie folgte darin der einfachen Geschmackswahl ihrer Base, mehr auf nette Sauberkeit, als auf modischen Schnitt sehend. Ihr ganzes Wesen war natürlich, kindlich, unbefangen. Als dem Professor wieder einmal die Worte »mein Fräulein« halb in der Kehle stecken blieben, kam ihm Frau Rose lachend zu Hülfe. »Jetzt ist es aber damit genug!« rief sie. »Wollen Sie das Mädchen nicht schlechtweg bei Namen rufen, so sagen Sie »Muhme Eva,« das zeigt, daß Sie hier zu Hause sein mögen.« Es blieb in der That bei der Anrede »Muhme Eva.«

Des Professors gelehrte Ferienarbeit schien ins Gedränge zu kommen, denn nach vierzehn Tagen war er noch nicht weiter damit, als am ersten. Viel lieber setzte er sich mit einem gedruckten Liederbuche zur Muhme Eva, um ihr daraus vorzulesen und über ihr natürliches Verständniß in Entzücken zu gerathen. Er las ihr auch sonst vor aus den Büchern, die er bei sich hatte, was ihm etwa passend schien, Geschichtliches, Einzelnes aus dem Leben von Poeten, holte sogar Grimms Mährchen herbei. Frau Rose wohnte solchen Sitzungen gern bei, wenn sie sich ein Stündchen abmüßigen konnte, und ließ es nicht an überraschenden Zwischenreden und praktischen Nutzanwendungen fehlen. Zuweilen hob sie die Sitzung auch dictatorisch auf, damit die Gelehrsamkeit ihr Haus nicht zu Schaden kommen lasse.

Hildebrand Wittig lebte alle Poesie einer aufkeimenden Neigung innerlich durch. Von Tag zu Tag fühlte er sich durch Eva mehr gefesselt. Es war das erste mal, daß sein ganzes Gemüth durch weibliche Anmuth im Tiefsten bewegt wurde, und je abgeschlossener, je blinder für Frauenreiz er bisher unter Studien und Arbeiten gelebt hatte, desto mehr empfand er unter so veränderten, glücklichen Umgebungen das Glück einer ersten Liebe. Und durfte er diese nicht begünstigt, hoffnungsvoll wähnen? Das junge Mädchen begegnete ihm mit einer vertrauensvollen Herzlichkeit, daß ihn oft ein beseligender Schreck erfaßte. Gab ihm Frau Rose die Hand, so entzog ihm auch Eva die ihrige nicht, streckte sie ihm sogar freiwillig entgegen. Schalt aber Frau Rose freundschaftlich auf ihn, wie sie das nicht lassen konnte, so nahm Eva Partei für ihn. Und sagte dann die Base lachend: »Ja, Du steckst immer unter einer Decke mit ihm!« dann eiferte die Muhme Eva, sie kenne den Herrn Professor auch, und man dürfe ihm nichts in den Weg legen, wenn er anders denke und thue als andere Leute! – War es zu verwundern, wenn der Gast sich verstanden fühlte und seiner Neigung die Zügel schießen ließ? Eine Veränderung war mit ihm vorgegangen, über die er erstaunt wäre, wenn er darüber hätte reflectiren mögen. Die Arbeit blieb unberührt, die Bücher verstaubten, alle bisherigen Ansichten, Gewohnheiten, sein ganzes Leben der letzten Jahre, war ihm wie ein dumpfer unerquicklicher Traum, aus dem er zum Leben erwachte. Später als bei andern Sterblichen war damit seine Jugend erwacht, er fühlte jugendlich, menschlich, die ganze Seligkeit aufblühenden Gemüthslebens durchjubelte ihn. Er konnte jetzt ausgelassen sein, thörichtes Zeug singen und schwatzen, daß die Frauen oft nicht aus dem Lachen kamen. Und wenn Eva zuweilen stutzte und ihn mit großen Augen fragend ansah, so äußerte doch Frau Rose täglich ihre Freude darüber. Denn sie hatte durchgesetzt, was sie sich vorgenommen, der blasse Ankömmling hatte rothe Wangen in ihrer Kur bekommen und war geworden, wie sie die Leute zum gewöhnlichen Verkehr gern mochte.

Einmal trat sie hinaus auf die Galerie, wo Eva wie gewöhnlich bei der Handarbeit saß, während Hildebrand eifrig las und erklärte. »Heut laßt es aber genug sein mit Euren Nibelungen, und Sie, Herr Professor, schonen Ihre eignen Lungen!« rief sie. »Eva, du mußt einen Gang thun, sie haben drunten Alle die Hände voll zu schaffen, ich kann Keinen missen, und die Bestellung auf der Mühle muß heut gemacht werden. Will der Herr Professor mit, so ist's recht, und auf der Mühle wird er auch willkommen sein.«

Eva erhob sich sogleich, um unter vier Augen die Aufträge der Base in Empfang zu nehmen. Unten harrte inzwischen der Begleiter. Bald erschien Eva in einem breiten Strohhut mit blauem Band, zum Schutz gegen die heiße Augustsonne. »Friedel!« rief sie ins Haus zurück, »willst du mit? Wir gehen nach der Mühle.« Der Knabe sprang vergnügt herbei, der Professor aber war von dieser Aufforderung gar nicht angenehm berührt. Abweisen konnte er gleichwohl den gelehrten Jünger nicht.

Zu Dreien stiegen sie den Felsenpfad hinter dem Hause hinauf. Es war früher Nachmittag, die Sonne brannte auf den schattenlosen Weg. Eva schritt rüstig voran. Oben angelangt auf dem Felsenplateau, nahm sie ein Gewirr von Dorngesträuch und niedrigem Gehölz auf, durch das der Fußweg sich leiser ansteigend schlängelte. Die Höhe war erreicht. Da bog Eva schnell seitwärts einem Abhang entgegen, und rief mit jauchzendem Ausruf: »Da ist die Stadt!« Die Andern folgten. Ueber der Tiefe des prächtig hingebreiteten Landes lag glühender Nachmittagsdunst, aus dem in weiter Ferne die Thürme von Coblenz auftauchten. Mit heller Stimme sang Eva plötzlich:

»Wär' ich ein wilder Falke,
Ich wollt' mich schwingen auf,
Und wollt' mich niederlassen
Vor meines –«

Sie brach ab, erröthete, und bückte sich abgewandt, um eine Blume zu pflücken. »Möchten Sie in der Stadt leben?« fragte Hildebrand überrascht.

»O nein!« entgegnete sie, den Blick dennoch unverwandt wieder in die Ferne gerichtet. Der Knabe hatte sich im Schatten eines Dornbusches niedergeworfen, die Schwester folgte seinem Beispiel und setzte sich zwischen das blühende Haidekraut.

»Und doch,« begann Hildebrand, indem er in ihrer Nähe Platz nahm, »und doch wünschten Sie sich im Liede die Schwingen des Falken? Möchten Sie nicht ein Stückchen hinausfliegen ins Land?«

»Ein Stückchen wohl – aber ich müßt' auch wieder heim können.«

»Wenn Sie aber draußen, weit weg, auch heimisch werden könnten? Es giebt viel Plätze in der Welt, wo man sich zu Haus fühlen kann, wenn man es mit dem Herzen ist.«

»Ich bin's da unten bei der guten Base, und anderswo würd' ich's nie mehr.«

»Und Sie sind doch erst seit Kurzem da, Muhme Eva, hatten schon vorher eine Heimath, die Sie verließen! Wenn Jemand zu Ihnen sagte, komm –«

»Friedel, lauf, hol mir von den rothen Blumen da!« – Der Knabe sprang davon. Eva, die einen Kranz zu winden angefangen hatte, ließ ihre Hände ruhen und sagte, indem Sie den Freund treuherzig ansah: »Sie sollen Alles erfahren, lieber Herr Professor, ganz gewiß! Aber noch lassen Sie es ruhen – wenn Sie's auch gemerkt haben! Bald wird Alles gut!« Ihre Augen glänzten, ihre Wangen waren lebhaft geröthet. Friedel kam mit den Nelken gesprungen, die sie ihrem Kranze einfügte, heiter scheltend, daß er sie so kurz am Stiel abgepflückt habe.

Hildebrand schwieg pochenden Herzens. Durfte er sich ihre Worte zu seinen Gunsten deuten? Oder sprach sich darin nur das Vertrauen gegen den Freund aus, bei dem sie keine Wünsche vermuthete, keine Hoffnungen zu enttäuschen fürchtete? Hildebrand Wittig, ungeübt in Augen und Herzen tiefer zu forschen, arglos und hoffnungsreich in seiner Liebe, hätte aufjauchzen mögen vor Freude über ihre Verheißung. Er hätte die Hände, die an dem Kranze flochten, küssen mögen, er hielt sich kaum zurück, bezaubert von dem Anblick des anmuthigen Mädchens, das hier zwischen Blumen, Laub und Sonnenschein auf der Höhe thronte.

Der Kranz war fertig, Eva erhob ihn betrachtend. Eben wollte Hildebrand danach greifen, da schleuderte sie ihr Werk schon mit kräftigem Schwung hinaus und bog sich vor, um seinen Weg zu verfolgen. In breitem Bogen senkte sich der Kranz in die Tiefe, und blieb im Wipfel einer Buche hangen. Eva klatschte jubelnd in die Hände und rief: »Was ich mir gedacht, trifft ein!«

»Und was war's? Was trifft ein?« fragte ihr Begleiter gespannt.

Sie aber sang, ausweichend: »Bald gras' ich am Neckar, bald gras' ich am Rhein –«

»Es ist aber genug hier gerastet!« sprach sie dann sich erhebend. »Wir vergessen ganz, daß wir in Geschäften nach der Mühle gehen.«

Das Felsenplateau, über das unsere Wanderer schritten, senkte sich nach einer halben Stunde Wegs zu einer waldigen Schlucht. Hier lag die Mühle, deren Rad ein schäumender Bach trieb, in der Tiefe eingeklemmt. Nach der heißen Wanderung kam die schattige Kühle um so erquickender entgegen. – Die Müllersleute hießen ihre Gäste willkommen, Mann und Frau, die alte Großmutter im Lehnstuhl, und die älteste Tochter Brigitte, die der Professor noch als Kind gekannt hatte. Das Wohnzimmer zeugte von einer Wohlhabenheit, die sich sogar manche städtische Vortheile zu Nutze gemacht hatte. Die Gäste mußten sich mit Wein, Milch, Honig und Brot bewirthen lassen, und nachdem Eva ihr Geschäft mit dem Müller abgethan, saß man plaudernd im Kreise.

Die Brigitte war ein sehr hübsches Mädchen geworden, mit neugierigen dunklen Augen, die keine Secunde ruhig auf einem Fleck verweilten, Sie ging mit mehr zierlicher Auffälligkeit gekleidet, als sie in ihrer Einsamkeit nöthig hatte. Ueber diese Einsamkeit aber klagte sie sehr ungehalten. Es käme so selten ein Mensch in ihre Thalschlucht, daß man darin, wie sie sich ausdrückte, »versauern« könne. Sie band kecken Muthes mit dem Professor an, lachte viel, und hielt ihre forschend beobachtenden Augen in fortwährender Bewegung zwischen ihm und seiner Begleiterin. Mit ihr schien sie befreundet, sie hatte ihr allerlei zuzuflüstern, und konnte dann des Kicherns kein Ende finden, obgleich Eva wenig auf ihre Koketterie einging. Auch den Professor behandelte sie als alten Bekannten, und erinnerte ihn an allerlei Streiche, die er auf der Mühle als Student begangen haben sollte, deren er sich aber beim besten Willen nicht erinnern, noch auch sich dieselben zutrauen konnte. Nach ihren Darstellungen hatte er es darin immer mit ihr selbst zu thun, neckend, herausfordernd, in burschikoser Weise huldigend, während sie sich die Rolle der Abwehrenden, vergeblich Umworbenen zurecht phantasirte. Dabei sah sie Eva halb mit triumphirenden halb mit prüfenden Blicken an, wie um den Eindruck ihrer Schilderungen aus den Mienen der Freundin zu lesen. Eva lächelte dazu ein wenig ungläubig. – Darauf begann die Brigitte ein anderes Frag- und Antwortspiel, obgleich aus ihrem inquisitorischen Verfahren zu entnehmen war, daß sie bereits genügend über des Gastes Verhältnisse unterrichtet sei. Er sollte ihr Rede stehen über die Universitätsstadt, wo er lebte, über seinen Verkehr und Umgang, Geselligkeit und Vergnügen. So wenig für sie Anziehendes Wittig darüber mittheilen konnte, so genügte ihr dies Wenige doch, von Neuem in ihre Klagen über Einsamkeit und Verlassenheit von der Welt auszubrechen. Sie schalt ihn, daß er, nach seiner eignen Aussage, sich wenig am gesellschaftlichen Treiben betheilige, fand eine solche Zurückgezogenheit unbegreiflich, endlich unglaublich. Er wolle den Unschuldigen spielen, meinte sie lachend, aber wenn sie einmal in seinem Wohnort nachfragte, da würde es anders klingen! denn er sei immer ein lustiger Vogel gewesen! Schließlich ging es gar über seine Wohnung her – wieviel Stuben er habe, was er an Miethe zahle, und so weiter. Hildebrand hatte bereits in Eva's Gesichtszügen eine leise Mißbilligung bemerkt, sowohl über Brigittens zudringliche Fragen, so wie über seine anfangs arglose Auskunft. Er wurde zurückhaltender, wich der Fragerin aus, nicht ohne feinen Spott und Ironie.

Die Stunde mahnte zum Aufbruch. Als die Gäste sich nicht länger halten lassen wollten, erklärte Brigitte, sie werde sie ein Stück begleiten. Das war nicht abzulehnen. Man nahm nicht denselben Weg, sondern ging von der Mühle talabwärts der breiteren Straße zu, die sich nach dem Wirthshause langsam absenkte. Brigitte fing unterwegs erst recht an, Possen zu treiben. Sie behauptete, der Professor habe sie mit Blumen geworfen, und warf ihn wieder. Es kam sie plötzlich eine Furcht an, allein nach Hause zu gehen. Friedel erbot sich, sie zurückzubegleiten. »Was hätt' ich an dir, du Knirps?« rief sie lachend. »Dich stecken sie zuerst in den Sack!« Hildebrand, obgleich widerwillig, fühlte jetzt die Verpflichtung, in das Anerbieten seines ritterlichen Schülers einzutreten. Brigitte lachte noch mehr. »Damit das arme Ding, die Eva in den Sack gesteckt wird?« rief sie. »Nein, das kann ich nicht verantworten, und Sie, Herr Professor, sind mir ein schöner Cavalier! Ich find' schon allein nach Haus und fürcht' mich nicht, bringen Sie der Base ihre Schutzbefohlene nur sicher heim!« Unaufgefordert versprach sie einen baldigen Besuch, und nahm lachend den Rückweg.

Schweigend gingen Hildebrand und Eva eine Weile nebeneinander hin. Er machte eine nicht sehr beifällige Bemerkung über die Müllerstochter. »Sie ist gar sehr verwöhnt,« entgegnete Eva, »und hat nichts erlebt, man muß ihr viel zu Gut halten.« – Sie hatten nur noch ein kurzes Stück Wegs zu wandern. Die Dämmerung war hereingebrochen, und Eva beschleunigte ihre Schritte. Sie schien nicht mehr so unbefangen, gab kurze Antworten, und nahm die Hand ihres Brüderchens, das, wie sie auch gegen seine Versicherung behauptete, müde sein müsse. »Endlich sind wir zu Haus!« rief sie, wie erleichtert, als man an der Schwelle der schönen Rosa ankam.

Auch Hildebrand hatte während des Rückweges nur wenig gesprochen, um so lebhafter waren seine Gedanken geschäftig. Lange blieb er in seinem Zimmer ohne Licht, bald ausruhend, bald im Halbdunkel auf und niederschreitend. Immer sah er im Geiste das junge Mädchen zwischen Blumen und Sonnenschein auf der Höhe sitzen, immer noch glaubte er, ihre Stimme zu hören, die sich wie reine Natursprache in sein Herz schmeichelte. Ihre Worte, ihre Freude beim Anblick der fernen Stadt, ihre vertrauensvolle Vertröstung auf Eröffnungen, waren ihm heut zum erstenmal nicht ganz deutlich gewesen, und eine gewisse Beängstigung ging neben dem Gefühl seines Glückes her. Diese aber schwand mehr und mehr. Aus Eva's Blicken, gegenüber den zudringlichen Fragen Brigittens, hatte er eine Warnung gelesen, es war eine verschwiegene Sprache, die sie während dieser Stunden mit einander geführt, aus dem vertrauensvollen Gefühl stiller Gemeinsamkeit heraus. Das war ihm eine innere Verheißung, die über alle Bedenken triumphirte. Schon malte sich seine Phantasie mit der Macht einer ersten, blinden und zuversichtlichen Liebe eine goldne Zukunft aus – ein Haus, ein Weib, ein namenloses Glück! Ein Leben, himmelweit verschieden von seinem bisherigen, aber schon so ganz mit allen seinem Wünschen verwachsen, daß die Vergangenheit wie ein grauer, umrißloser Nebel erschien, in welchen kein Weg mehr zurückführte. – Endlich hielt er es nicht mehr in der Einsamkeit seines Zimmers aus. Er wär' im Stande gewesen, sich sofort von Eva eine Entscheidung über sein Leben zu holen. Allein sie war von der Base in der Wirthschaft angestellt worden, und für ihn unsichtbar. Auch Frau Rose hatte alle Hände voll zu thun. Hildebrand wollte Menschen sehen und sprechen, er ging in die Wirthsstube.

Nicht gewöhnliche Gäste waren angekommen, ein Trupp Engländer, zwar nicht von der vornehmsten Art, aber doch mit dem ganzen Hochmuth Albions »umgürtet.« Auch eine Dame befand sich dabei, als unternehmende Fußreisende gekleidet, dabei nicht einnehmenden Wesens, starkknochig, Mundöffnung und Nasenbildung von sehr ausgesprochenem englischen Typus. Bei näherer Betrachtung hätte man ihr Schriftstellerei wohl zugetraut. Die Gesellschaft schien über die Wohlfeilheit deutschen Reiselebens, auf die sie speculirt, wieder einmal enttäuscht, accordirte und feilschte um einen Kreuzer mehr oder weniger, und da es nicht gelang umsonst zu zehren, schalt man auf das nichtsnutzige Deutschland und seine habsüchtigen Eingebornen. Es wurde Thee verlangt. Von allen Leistungen der »schönen Rosa« war nun freilich der Thee die schwächste. Frau Rose wußte das selbst, sie verstand sich nicht darauf, belehrt durch frühere Erfahrungen, und war unglücklich über das Verlangen. Sorgsam legte sie selbst Hand an – und sah das Getränk als ungenießbar in die Küche zurückwandern. Sie entschuldigte sich, bot Anderes dafür, worin ihr Haus excellirte. Als aber auch das bemäkelt, und sie mit geringschätziger Hoffahrt von einem langbeinigen, jungen Herrn Rüpel angefahren wurde, riß ihr die Geduld, und sie erklärte offen, daß ihr Haus gern auf die Ehre verzichte, solchen Gästen zu dienen. Unten im Städtchen sei ein Gasthof, der freilich etwas theurer, dafür aber an unartige Reisende auch mehr gewöhnt sei! – Hildebrand bewunderte die gemeßne, fast vornehme Haltung, in der sich selbst der Aerger und Groll der Hausfrau aussprach. Ihr Betragen erschien durchaus im Vortheil gegen das der Gäste. Indessen blieben diese, thaten sich in ihrer Landessprache mit Bemerkungen gütlich, und tranken von dem Wein der »schönen Rosa,« bei dem sie sich (auch die Lady) nicht übel befanden.

Hildebrand hatte sich zu einem Kreise von Herren gesellt, alten Kunden des Hauses aus dem Städtchen, die er bereits durch ihren fast täglichen Besuch kennen gelernt hatte. Da vernahm er draußen die lauten Worte: »Wohnt Herr Professor Wittig hier?«

»Ja freilich!« sagte die aufwartende Kathrin.

»Kann auch ich zu Nacht hier unterkommen?«

»Ja freilich!«

»Der Professor zu Hause?«

»Ja freilich!«

»So melden Sie mich ihm, oder ich lasse ihn bitten herauszukommen. Mein Name ist Wilda

Wittig sprang überrascht auf. Er hatte den Gefährten längst vergessen, seinen Besuch nicht mehr erwartet, jetzt empfand er bei feinem unvermutheten Eintreffen eine Art von Schreck. Doch eilte er hinaus, ihn zu begrüßen. Während Herr von Wilda heiter und neckend seinen Einzug nahm, trat Frau Rose zu den Freunden.

»Ah, die Chatelaine der Burg!« rief der neue Gast – »mir verehrungsvoll bekannt seit den Tagen, da ich in einer bunten Mütze hier einsprach! Ich selbst werde nicht so glücklich sein, in der Erinnerung der schönen Rosa fortgelebt zu haben, wie mein beneidenswerther Freund, der Professor?«

Frau Rose erinnerte sich seiner in der That nicht. »Wenn Sie aber ein Freund unseres Herrn Professors sind,« sagte sie, »so thut mir's um so mehr leid, Ihnen kein gutes Zimmer mehr geben zu können. Die Engländer haben Alles mit Beschlag belegt. Warum kommen Sie auch so spät vor Nacht!«

»Ja, wie das?« erhob plötzlich die Kathrin ihre Stimme. »Wir können doch einen Freund vom Herrn Professor nicht wegschicken? Lieber setzen wir die englische Lady auf die Straß', so eine wüste Person wie sie ist!«

»Gratulire zu dem Ansehn, worin Sie hier stehen, und das sogar Ihren Freunden zu Gute kommt, Herr Professor!« lachte Wilda. »Nein, nein, um meinetwillen soll keine Lady auf die Straße gesetzt werden, ich nehme mit einem Kämmerchen fürlieb. Vor Allem etwas zu trinken und zu essen, das Uebrige wird sich finden.«

Frau Rose schritt mit der Kathrin davon, die Männer, da der Abend kühl war, ins Wirthszimmer. Von den britischen Gästen saßen augenblicklich nur zwei an ihrem Tische, lesend und notirend. Wilda bemerkte sie nicht. Er plauderte, war wortreich und heiter, und ließ sich Speise und Wein munden. Um so stiller war Wittig. Den unruhigen jungen Weltmann jetzt in diesem Hause zu sehen, vielleicht auf längere Zeit, bedrückte ihn, er sah voraus, daß sein bisher ungestörter Verkehr mit Eva nun zu Ende gehe. Er bereute von Herzen die übereilte Einladung auf dem Schiffe, und auf das beseligende Gefühl des Glückes, das ihn noch vor einer Stunde erfüllte, kam das einer ärgerlichen Verstimmung. Herr von Wilda beobachtete ihn von der Seite, ohne sich in seinem heiteren Geplauder stören zu lassen. Der Professor kam ihm philiströser als jemals vor.

Da erhob sich ein entsetzlicher Lärm im Hause, während die Lady mit einem ihrer Adjutanten determinirten Schrittes ins Zimmer trat, und den beiden andern eine erzürnte Mittheilung machte. Draußen währte der Wortwechsel fort, man hörte die Wuthausbrüche einiger Söhne Albions, dazwischen die ereiferten Stimmen der Kathrin und des Christian.

»Was ist das?« rief Wilda, die englische Gruppe betrachtend.

»Vielleicht Ihre Lady, der Sie nachreisten?« meinte der Professor.

»O wie malitiös, Professorchen!« lachte Herr von Wilda. »Die aber und ihr Gefolge ist mir allerdings nicht ganz fremd, und ich setze mich besser mit dem Rücken gegen Altengland, um nicht wieder zum Schiedsrichter aufgerufen zu werden.« Er wechselte schnell seinen Platz. »Es war gestern, wo ich diese interessanten Gentlemen in einem Kreuzfeuer von Beleidigungen, hier gegen einen Führer, dort gegen einen Fährmann, kennen lernte, die beide ihnen zu viel Geld abgenommen haben sollten. Es handelte sich um ein paar Pfennige. Ich wurde zu Hilfe gerufen, suchte die erhitzten Parteien zu trennen, und hatte darauf das Glück, auf dem Dampfschiffe ihrer Unterhaltung gewürdigt zu werden. Den Einen halt' ich für einen Schneider, den langen Dandy dort, der eben herein tritt. Aber – was fällt mir ein! Der Streit wird doch nicht um meiner Unterkunft willen im Hause hervorgerufen sein?« Er ging hinaus, Wittig folgte ihm. Es war in der That so. Man hatte zwar nicht die Lady auf die Straße setzen, aber doch, um für den neuen Gast Raum zu gewinnen, vier Unterthanen Ihrer Majestät von England in ein Zimmer zusammenthun wollen, was wider den Vertrag war. Herr von Wilda nahm Frau Rosen bei Seite, und erklärte, daß er unter solchen Umständen auf das Quartier verzichte. Und da ihm eine Wiedervereinigung mit jenen auch nicht anmuthig erschien, gab er seinen Entschluß kund, in dem Gasthofe unten im Städtchen ein Nachtlager aufzusuchen. Frau Rose war ihm dankbar und reichte ihm die Hand, dem Professor aber fiel gradezu ein Stein vom Herzen. Mit einer gewissen Hast bestärkte er Herrn von Wilda in seinem Entschluß, er konnte ihn nicht eilig genug aus dem Hause bekommen. »Es ist Mondschein,« rief er, »ich begleite Sie noch bis zum Gasthofe, und sehe, wie Sie unterkommen.« Er nahm den Arm des Auswandernden, und schärfte dem Knecht ein, mit dem Köfferchen sogleich zu folgen.

V.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Schon in der Frühe zogen die fremden Vögel aus, das Haus stand wieder gesäubert und man athmete frei auf. Hildebrand saß mit seinem Schüler, der sich auch am Sonntag die gelehrten Studien nicht wollte nehmen lassen, bei der lateinischen Grammatik. Da stürmte es die Treppe hinauf, und ins Zimmer trat Herr von Wilda. »Das gesteh ich!« rief er. »Am schönsten Morgen eingepfercht sitzen und Gelehrsamkeit tractiren! Lassen Sie Ihren Adepten laufen, und kommen Sie hinaus! Ich schlage vor, wir fahren nach Ems, und genießen da unsern Sonntag.«

Dem Professor wäre das schon recht gewesen, allein er hatte Eva seit dem gestrigen Heimweg nicht gesehen, und erschrak bei dem Gedanken, sie heut den ganzen Tag nicht zu Gesicht zu bekommen. Er suchte allerlei Ausflüchte. »Nun dann,« fuhr Wilda fort, »so speisen Sie bei mir unten im Gasthofe, und Nachmittag suchen wir unsern Spaß im Städtchen. Es sind bereits allerlei Vorbereitungen zum Schützenfest da, mit Tanz, Spiel im Freien und so weiter, und kann bunt werden.« – Wittig hatte auch dazu keine rechte Lust. »Nun aber etwas muß doch vorgenommen werden,« rief Wilda lachend, »wir können doch nicht den ganzen Tag auf Ihrem Zimmer sitzen! Nur frisch für's Erste vor die Thür, wo ich ein Frühstück schon bestellt habe, dabei können wir unsern Schlachtplan entwerfen!«

Vor der Thür empfing sie Frau Rose, schon im vollen Sonntagsstaat. Sie entschuldigte sich bei Wilda wegen der gestrigen Vorgänge, und nahm als gewiß an, daß er heut in ihr Haus einziehen werde, das Zimmer für ihn sei schon bereit. Hildebrand war unglücklich darüber, athmete aber leichter, als Herr von Wilda erklärte, er könne nur noch den Sonntag hier zubringen, und wünsche in seinem Quartier zu bleiben, um morgen mit dem Frühsten gleich in der Nähe des Dampfschiffes zu sein. Frau Rose schien unzufrieden, wurde aber bald durch die liebenswürdige Verbindlichkeit des Gastes gewonnen, so daß sie lachend sich in ein neckendes Geplauder mit ihm verstrickte.

Widerwillig ließ sich der Professor nach dem Städtchen fortführen, und doch nicht ohne Erleichterung, denn ein dunkles Gefühl machte ihm die Gegenwart des Gefährten im Hause der schönen Rosa unheildrohend. Herr von Wilda hatte all seinen Humor nöthig, um den Schweigsamen zu unterhalten, und fand, daß der Professor in der Einsamkeit seines Seitenthales vor Langerweile selbst langweilig geworden sei. Er bekannte ihm das ganz unumwunden bei Tische. Hildebrand nahm sich zusammen, denn der Vorwurf verdroß ihn doch etwas, und wurde gesprächiger. Bald darauf vermißte Wilda mit, einiger Bestürzung seine Brieftasche. Er erinnerte sich, sie vor der Thür Frau Rosens in der Hand gehabt zu haben. Sie konnte dort liegen geblieben sein. Es lag ihm viel daran, er wurde unruhig und beschloß, sogleich den Rückweg zu machen und nachzuforschen. Wittig sollte unten bleiben. Der aber machte den Gegenvorschlag, er selbst wollte gehen, Wilda sollte bleiben. Man complimentirte, und endlich waren Beide auf dem Wege, Wilda voll Anerkennung für des Professors freundschaftliche Höflichkeit, dieser innerlich schäumend, und den Zwischenfall verwünschend. Man kam mit raschen Schritten an, man fragte vor der Thür, im Hause, endlich auf dem Hofe.

Da rief eine helle Stimme von der Galerie: »Guten Tag, Herr Professor!« Wittig zuckte zusammen und sah auf. Brigittens hübsches Köpfchen nickte herunter. »Heut hat man also nicht das Vergnügen, Sie zu sprechen?« fuhr sie fort. »Wenn alte Freunde auftreten, müssen die neuen natürlich zurückstehen. Wir haben auch etwas gefunden, was Ihnen vermuthlich gehört!« Sie hielt schalkhaft eine Brieftasche in die Höhe.

»Gesegnet seien die schönen Hände!« rief Wilda, mit einem Gruß näher tretend. »Die Brieftasche gehört mir – darf ich bitten?« Er streckte die Arme aus, dem Wurf entgegensehend.

»Keineswegs! Das wär' bequem!« lachte Brigitte. »Wer sein Eigenthum zurück will, mag sich wenigstens zu uns herauf bemühen.«

»Mit Vergnügen!« Wilda sprang in die Thür und verschwand im Hause.

Nun war's geschehen! Das profane Auge war ins Allerheiligste gedrungen. Eine Regung unbändiger Wuth stieg in Hildebrands Herzen auf. Aber es galt Fassung. Schnell ging er dem Eindringling nach, und traf auf der Treppe mit Frau Rose zusammen, die auf der Galerie den Kaffeetisch anzuordnen ging.

Schon waren Wilda und Brigitte in lustigem Streit über die Brieftasche, die Jener nur unter gewissen Bedingungen zurückerhalten sollte. Das übermüthige Mädchen hatte an dem neuen Gast ihren Mann gefunden, und befand sich in ihrem Lebenselement. Frau Rose lud die Herren zum Bleiben ein, was ihr keine Mühe machte, da Wilda im Augenblick seines Eintritts Ems, Vogelschießen, Tanz im Freien nebst dem »und so weiter« vergessen hatte, und sich überrascht in das angenehmste Sonntagsvergnügen versetzt fühlte. Die Unterhaltung war sehr lebhaft und lustig, wurde aber vorwiegend von Wilda, Brigitte und Frau Rose geführt.

Freilich entging es dem Professor nicht, daß Herr von Wilda sich mit großer Artigkeit an Eva wendete, daß seine Augen mit sichtbarem Interesse auf ihr ruhten, daß er sie stets in das Gespräch zog, und nur durch Brigittens Herausforderungen wieder von ihr abgezogen ward. Aber auch die Müllerstochter schien Herrn von Wilda sehr zu gefallen. Sie wechselte zuweilen in ihrem Gespräch zwischen diesem und Hildebrand, sagte jedoch endlich von dem schweigsamen Professor, er sei »unter die Fische gegangen,« – Eva zeigte sich wie immer, anmuthig und mädchenhaft, sie wich der heiteren Stunde nicht aus, gab Antwort, konnte lachen, und sorgte für die Kaffeetassen der Gesellschaft. Zuweilen ließ sie, leise beobachtend, die Blicke über Brigitte und Wilda streifen, und der Professor las darin ein mißbilligendes Urtheil. Dann wieder verstand er, wenn ihre Augen die seinigen trafen, was sie ihm schweigend mittheilte, und dies stille Einverständniß tröstete ihn in der grollenden Verstimmung, die sein Gemüth beherrschte. Es stand ihm in dieser Stunde fest, er mußte bald, schnell zu einer Entscheidung kommen, denn diese peinvolle innere Situation war ihm unerträglich.

Nachdem man lange auf der Galerie eng genug zusammengepfercht gesessen hatte, wurde ein Spaziergang vorgeschlagen und angetreten. Frau Rose überließ die Jugend ihrem Stern, und blieb zu Haus. Man nahm wieder den Felsenweg hinter dem Hause, und erstieg den Felsenrücken, der die umfassendste Aussicht bot. Hildebrand wich nicht von Eva's Seite, mußte es aber dulden, daß Wilda, so oft Brigitte ihn irgend frei ließ, ihr zur andern Seite ging. Seine Eifersucht fing jedoch an, sich mächtiger in ihm zu erheben, als er auf einem Fußwege, zwischen Gestrüpp und Buschwerk von Eva abkam, und an Brigittens Seite gedrängt wurde. Und Wilda und Eva schienen in ein so angelegentliches Gespräch zu gerathen, schienen ihm mit solcher Hast vorwärts zu eilen, daß er fast außer sich gerieth. Endlich blieb Eva stehen, um die Nachfolgenden zu erwarten. Die Gesellschaft war zu dem Platze gelangt, wo Wittig mit seiner Begleiterin erst vor Kurzem am blumigen Abhang gerastet hatte.

Er warf sich auch dießmal, wiewohl in sehr verschiedener Stimmung, ins Gras, und die Uebrigen folgten seinem Beispiel. »Eva, sing' Eins!« rief Friedel. Da Wilda laut in den Wunsch mit einstimmte, und Hildebrand ihn in seinen Augen lesen ließ, sann und wählte Eva nicht lange, sondern begann:

»Warum bist du denn so traurig,
Da ich aller Freuden voll?
Meinst, ich könnte dich vergessen?
Du gefällst mir gar zu wohl!

Morgen muß ich von dir reisen,
Abschied nehmen mit Gewalt,
Lustig singen schon die Vögel
Draußen in dem grünen Wald.

Sitzen da zwei Turteltauben
Droben auf dem grünen Ast;
Wo sich zwei Verliebte scheiden,
Da verwelket Laub und Gras.

Laub und Gras das mag verwelken,
Aber treue Liebe nicht.
Kommst mir wohl aus meinen Augen,
Doch aus meinem Herzen nicht.«

Eva schien bei der ersten Strophe selbst ein wenig zu stutzen über die Wahl ihres Liedes, war aber rasch gefaßt, und sang es frisch zu Ende. Es hat eine getragene Melodie, die durch schleppenden Vortrag einen kläglich melancholischen Eindruck hervorbringen kann, allein die Sängerin wußte in richtiger Empfindung des Inhalts das Zeitmaß zu beschleunigen, so daß der Gesang, besonders gegen den Schluß, einen ganz verändert freudigen Charakter annahm.

Wilda, die Blicke unverwandt auf Eva gerichtet, hörte mit wachsendem Interesse und Erstaunen zu. Als sie geendet, rief er: »Lorelei! Wahrhaftig, Lorelei!« Sogleich begann er das Heine'sche Gedicht zu citiren, und declamirte es bis zum Schluß. »Dank, wunderbare Jungfrau Lorelei!« fuhr er fort. »Weißt du auch, was du mit deinem Singen gethan?«

Lorelei! Lorelei! bebte und hallte es in Hildebrands Herzen wieder, bis in die tiefste Seele schlitternd, mit »wundersamer, gewaltiger Melodei.« Und dabei stieg eine Regung von Haß in ihm auf gegen den Genossen, der im Anschaun des halb eingeschüchterten Mädchens versunken, sich gleich ergriffen und gefesselt zeigte. Er hätte ihn anpacken und in die Tiefe schleudern mögen. Ein Neuling in inneren Kämpfen, unerfahren, daher innerlich noch unbeholfen, fühlte Wittig, wo er widerstandslos geträumt und gehofft, sich plötzlich einem Conflict Auge in Auge, der sein ganzes Wesen mit erbitterter Empörung füllte. Sie wirbelte ihm vom Herzen zum Kopf empor, und mühsam nur erzwang er die Besonnenheit zu äußerer Haltung.

Brigitte, die während Eva sang, Possen getrieben, dem Professor einen welken Zweig unter den Rockkragen gesteckt, und Herrn von Wilda verstohlen mit einem langen Grashalm zu kitzeln versucht hatte, begann jetzt: »War die Lorelei nicht eine Zauberin?«

»Gewiß, eine Zauberin!«

»Die die Männer durch ihren Gesang anlockte, daß sie auf dem Rhein die Fahrt verloren und an den Felsen zu Grunde gehen mußten vor der bösen Hexe? Eva, Du kannst Dir gratuliren zu dem hübschen Namen!« Brigitte lachte laut auf.

Eva erhob sich. »Es ist auch unrecht, mich so zu nennen!« sagte sie leise, und streifte den Professor mit einem ängstlich scheuen Seitenblick. Sie ahnte, daß etwas in ihm vorging; wie mächtig es in ihm arbeitete, ahnte sie freilich nicht. Sie zwang sich zur Heiterkeit, und mahnte zum Aufbruch. –

Am Abend dieses Tages, als die Männer sich zu einem Schoppen Wein niedersetzten, begann Herr von Wilda: »Jetzt, mein werther Freund, ist die Stunde zu gegenseitigen Ergießungen gekommen, und so muß ich Ihnen vor Allem bekennen, daß Sie für mich einer der unbegreiflichsten Menschen sind. Zwar begreiflich im höchsten Grade ist es, eine Reise hierher zu machen, sich in diesem Hause einzuquartieren, denn es birgt einen kostbaren Schatz! Einen Schatz, der die magnetische Kraft zu haben scheint, andere Schätze herbeizuziehen! Denn unsere schöne Müllerin ist in ihrer Art auch ein gar flimmerndes und strahlenschießendes Kleinod. Aber diese Muhme Eva! Das Mädchen ist bezaubernd. Wär' ein Mensch im Innern krank, wär' er ausgetrocknet und halb erdrückt von Lebenserfahrung, hier müßte er gesund werden, gedeihen, zur Freude, zu neuem Leben erwachen! Aber Sie – Unbegreiflicher, wohnen nun wer weiß wie lange hier, und ich finde Sie nur mürrischer und verdroßner als jemals!«

Hildebrand wollte antworten, aber innere Erregung erstickte die Worte. Er zuckte die Achseln und schwieg.

»Wären Sie nicht mein alter Genosse Hildebrand Wittig,« fuhr Wilda fort, »der, so viel ich weiß, von Heimlichkeiten und Liebeshändeln immer weit entfernt war, so würd' ich glauben: der Schalk hat recht gut gewußt, warum er sich ein Seitenthal aufsuchte! Er wußte auch wohl, warum er mich gestern so hastig aus dem Hause haben wollte, und es ist ihm höchst störend, daß ich heute doch wie ein Marder in den Taubenschlag gedrungen bin, höchst störend – und er hat ganz Recht. Sie aber gehören nun einmal zu einer absonderlichen Menschenart. Ich freilich zähle nur zu der gewöhnlichen, und so gesteh' ich, daß diese Muhme Eva mir's angethan hat, und daß es mir ein sehr lohnender Versuch scheint, dieses holdanmuthige Gemüth tiefer zu ergründen.«

Das Wort zuckte wie ein Blitz in die tobende Erregung des Hörers. Er fuhr auf: »Sie werden diesen Versuch unterlassen! Ich verbiete ihn!« Seine Stimme bebte, die Rede klang scharf und schneidend.

»Oho!« rief Wilda verwundert, den Aufgeregten groß ansehend. »Darf ich fragen, was Sie zu diesem Verbot berechtigt?«

»Ich bin diesem Hause befreundet, darf nicht dulden, daß –«

»Sehr schön!« unterbrach ihn Wilda. »Sie stellen sich als Cherub mit dem flammenden Schwert vor die Pforte. Wenn nun aber die sorgsam Behütete trotz des Wächters nicht abgeneigt wäre, einem Eindringling Gehör zu geben?«

Hildebrands Faust ballte sich, jede Nerve seines Körpers war gespannt, und mit mühsam gedämpfter Stimme rief er: »Herr von Wilda, nicht weiter! Ich – liebe dieses Mädchen, ich will es – heirathen!«

»Was? Sie? Heirathen–?« Wilda setzte das Glas ab, das er eben zum Munde führen wollte. Der spöttische Zug, der bis dahin durch sein Gesicht gegangen, wich einem ungeheuchelten Erstaunen. »Heirathen! Professor – das ist unerwartet!«

»Sie hören es, und werden sich danach richten?«

Wilda schwieg einen Augenblick. »Nun dann,« begann er, »gesteh' ich, daß ich Sie bisher nur zu necken beabsichtigte. Denn daß Sie in das Mädchen bis über die Ohren verliebt sind, haben Sie heut Nachmittag gar nicht verbergen können. Gerade aus Ihrem verdroßnen Wesen, das zu den Blicken, die Sie auf Muhme Eva warfen, im Gegensatz stand – gerade aus diesem unstäten Wesen merkt' ich's. Und wenn Sie es etwa unserer schönen Müllerin zu verbergen beabsichtigten, so waren Ihre Bemühungen vergeblich. Ich für meine Person muß jedoch gestehen, daß ich Sie bis zum Heirathsplan noch nicht gediehen glaubte. Daher meine Ueberraschung. Und Muhme Eva ist einverstanden? Und Frau Rose –?«

Den Professor ärgerte die Bezeichnung »Muhme Eva« in Wilda's Munde, und erregt wie er war, fuhr er auf: »Ich habe Ihnen darüber keine Rechenschaft abzulegen!«

»Hm!« machte Wilda mit Ruhe. »Wer verlangt Rechenschaft? Ein wenig Vertrauen aber wär' hier von Anfang an am Platze gewesen. Sie würden mich dann weniger leichtfertig gefunden haben. Und dann – muß ich Ihnen sagen, daß der Ton, worin Sie mit mir reden, gar nicht schön ist. Ich dächte, wir könnten uns ohne Heftigkeit unterhalten.« Er streckte versöhnlich die Hand aus. »Also – meinen Glückwunsch, Herr Professor!«

Wittig nahm sich zusammen. »Verzeihung!« sagte er abgebrochen – »den kann ich noch nicht annehmen! Doch – ich hoffe – wenn ich dem jungen Mädchen meine Wünsche ausspreche – sie wird sie erfüllen.«

Wilda neigte, wie in Uebereinstimmung, den Kopf, und flüsterte halblaut: »So so!« In Gedanken aber sagte er: »Dacht' ich's doch! Er hat noch kein Jawort! Hat noch nicht einmal gesprochen! Armer Mann, Du stehst vor einem Erlebniß!« – Er erhob sich. »Nun, ein Glückwunsch ist unter solchen Umständen um so mehr angebracht, und Sie dürfen ihn wohl annehmen. Doch Sie werden müde sein – denn in der That es ist spät geworden. Gute Nacht, Herr Professor!«

»Sie reisen morgen früh?« fragte Hildebrand.

Um Wilda's Mund spielte ein sehr ironisches Lächeln. »Ich denke noch in dieser angenehmen Gegend zu verweilen,« sagte er belustigt. »Auf Wiedersehen, Herr Professor!«

Wittig folgte ihm ein paar Schritte bis auf die Landstraße, und sah dem im Dunkel Verschwindenden nach. Er fühlte selbst nur zu sehr, wie unliebenswürdig er heut gewesen; er hätte seine letzte Frage, die ihm beziehungslos auf die Lippen gekommen war, zurücknehmen mögen; er empfand den Spott aus Wilda's letzten Worten, er war mit dem Verlauf des letzten Tages, war mit sich selbst in tiefster Seele unzufrieden. In dieser unerquicklichsten aller Stimmungen wollte er sein Zimmer aufsuchen, da hielt ihn Frau Rose noch einmal fest.

»Ein Wörtlein in Ruhe, Herr Professor!« sagte sie. »Wir haben uns noch kaum guten Abend gesagt.« – Er mußte sich zu ihr setzen. »Jetzt sagen Sie,« fuhr sie mit einer gewissen Heimlichkeit fort, »wie gefällt Ihnen die Brigitte?«

»Die Brigitte? Wie so?«

»Ei, so in ihrer ganzen Person.«

»Ein hübsches Mädchen – sehr übermüthig scheint sie mir, sehr unstät.«

»Ja, das kann man sagen. Das ist sie noch. Aber das giebt sich, das wird durch das Leben mit der Zeit eingeschränkt. Sonst hätten Sie nichts an ihr auszusetzen?«

»Ich? Aber, Frau Rose, wozu diese Inquisition?«

Frau Rose lachte. »Nur keine Angst! Auf Sie ist's nicht abgesehen! Aber ich will Ihnen sagen, weßhalb ich frage. Ich denke, die Brigitte wird einmal meine Schwiegertochter werden. Sie, Herr Professor, stehen unserm Hause nah genug, mir kommt's drauf an, Ihre Stimme zu hören. Was meinen Sie dazu?«

Hildebrand zögerte mit der Sprache. »Sie wissen,« begann er, »daß ich Ihren Sohn gar nicht kenne, also nicht urtheilen kann, ob die Brigitte zu ihm paßt. Ob aber das Mädchen in Ihr Haus passen werde, Frau Rose, darüber hege ich Zweifel. Sie ist ein Flattergeist, klagt immer über Einsamkeit bei ihren Eltern, möchte hinaus, um nach Vergnügen zu haschen.«

»Ach, lieber Herr!« unterbrach ihn die Hausfrau, mit begütigendem Tone. »Das ist ja doch natürlich! So ein junges Ding sitzt nicht gern da eingeklemmt in der Schlucht. Denn auf der Mühle ist es, wenn man das Räderbrausen abrechnet, wahrhaftig gar zu still und einsam. Wenn daher die Brigitte einmal herauskommt, da schäumt die Lustigkeit bei ihr über. Von Herzen aber halt' ich sie für ganz brav. Ich bin auch so ein übermüthiges Ding gewesen, nachher hat sich's wohl geben müssen. Und – ziehen will ich sie mir wohl! Auch denk' ich, nimmt sie meinen Julian gern. Sie hat mich erst heut wieder nach ihm gefragt, sogar nach seiner Wohnung, Straße, Nummer und Alles.«

»Und Ihr Sohn hat das gleiche Interesse?«

»Ich zweifle gar nicht. Vor einem Jahre, eh' er den Soldatenrock anzog, war er viel auf der Mühle, und die Brigitte ebenso oft bei uns, und ich dachte, es würde schon damals in Richtigkeit kommen. Nun, wenn's noch nicht geschehen ist –«

»Dann – sein Sie auf Ihrer Hut,« wollte Wittig sagen, allein er besann sich und sagte: »Dann wird's zur rechten Zeit schon kommen. Wir reden noch davon. Gute Nacht, Frau Rose!« Es war ihm unbehaglich, in dieser Sache den Vertrauten oder Rathgeber zu spielen, zumal heut, wo er so viel mit sich selbst zu thun hatte. Er brach die Sitzung ab, und begab sich auf sein Zimmer.

VI.

Eine Woche verging. Der Professor wurde durch Herrn von Wilda durchaus nicht belästigt. Dieser sprach zwar ein paarmal im Hause vor, plauderte mit Frau Rose, die den Gutgelaunten stets willkommen hieß, sandte durch sie Grüße an Wittig, und ließ ihm sagen, er wolle ihn in seinen Studien nicht stören, stehe aber zu Diensten, wenn er Gesellschaft bedürfe. Man wollte Herrn von Wilda in dieser Zeit häufig auf dem Weg nach dem Mühlengrunde gesehen haben.

Hildebrand hätte in diesen Tagen wohl Gelegenheit gefunden, sich seiner jungen Hausgenossin zu erklären, aber so sehr es ihn drängte, der Augenblick schien ihm nie geeignet, und auch das geeignete Wort wollte nicht über seine Lippen. Das Gefühl, die Gelegenheit wieder und wieder versäumt zu haben, trug nicht dazu bei, seine Stimmung zu erhöhen. Zwar ließ sich nicht verkennen, daß Eva behutsamer geworden, daß eine gewisse Befangenheit an Stelle ihres rückhaltlosen Vertrauens getreten war. Sie saß jetzt seltner auf ihrem Platz auf der Galerie, sie suchte ihren kleinen Bruder in der Nähe zu halten, und war sie dennoch allein mit Hildebrand, dann lag in ihren Blicken etwas wie bittende Abwehr, oder sie lenkte, gesprächiger als sonst, die Unterhaltung auf die entlegensten Dinge. Gleichwohl würde sich dem gequälten Liebenden der Moment wohl geboten haben, ihr sein Herz auszuschütten, wenn er aus seiner Selbstqual zur That hätte kommen können. Immer lag ihm der Name Lorelei im Sinne, immer die Worte jenes Heine'schen Liedes. Er liebte Heine's Poesie gar nicht, und noch weniger die moderne Loreleisage und ihre poetischen Versionen, um so mehr ärgerte er sich, seine Phantasie in diesem Kreise gefangen zu sehen. »Den Schiffer im kleinen Schiffe ergreift es mit wildem Weh, er sieht nicht die Felsenriffe, er sieht nur hinauf in die Höh –,« das klang bei Tag und Nacht, im Wachen und im Traume vor seinem Gehör. Und Eva hatte so gar nichts von einer Lorelei! Sie war die blauäugige Treuherzigkeit und Ehrlichkeit selbst. Manchmal, wenn sie sich scheuer gegen ihn erwies, dachte er ganz richtig, daß es ihr angst werden müsse vor seinem Wesen, und dann trat der feste Wille bei ihm auf, den Aengsten ein Ende zu machen. Nur daß dann gewöhnlich ein Hinderniß zugleich mit auftrat, bald in Gestalt des jungen Lateiners, bald in der derberen der biedern Magd Kathrin, die in wirthschaftlichen Dingen kam, bald als ein Ruf Frau Rosens, bald auch als ein freiwilliges pressirtes Aufbrechen Eva's. Die Lage des Professors wurde nur verzweifelter, seine Stimmung unerquicklicher.

Dies konnte sämmtlichen Hausgenossen nicht verborgen bleiben, man sah ihn mit befremdeten Blicken an. Frau Rose äußerte einmal: »Unser Herr Professor ist wie ein Weinberg, der auf verschiedenen Lagen trägt. Die auf der Mittagsseite gibt eine prima Sorte, die von der Abendseite läßt man stehen, wenn man sie einmal gekostet hat.« Die wackere Frau war selbst ganz mißmuthig über ihres Gastes Aussehen und Betragen. Sie mocht' es nicht sehen, daß Jemand »Gesichter mache,« forschte vergeblich nach dem Grund, und fing an zu besorgen, Hildebrand werde ihr wieder krank werden. –

Eines Nachmittags, fast gegen Abend, kam der Müller mit seiner Tochter im leichten Wägelchen aus der Stadt gefahren, und hielt, wie er pflegte, vor dem Wirthshaus der schönen Rosa an. Brigitte sprang sogleich ins Haus, und erklärte Frau Rosen, daß sie die Nacht bei ihr bleiben werde, da sie die »liebe Base« so lange nicht gesprochen habe. Diese war einverstanden, der Vater aber wollte nichts davon wissen. Brigitte bedeutete ihn, daß sie sich bei Eva nothwendig Rath und Hülfe holen müsse bei einer weiblichen Arbeit. Sie habe Alles dazu mitgebracht. Die Base redete zu, der Müller aber verweigerte die Erlaubniß. Brigitte suchte die Rechte des verzogenen Kindes geltend zu machen, bat, machte Possen, schmollte, brachte es bis zu Thränen, und als diese nichts fruchteten, stampfte sie mit dem Fuße und erklärte, sie wolle und werde heut nicht aus diesem Hause gehen. Dem sonst wohl nachgiebigen Vater war jedoch heut durch nichts beizukommen, und obwohl er keinen Grund aussprach, wollte er seine Einwilligung um keinen Preis geben. Als er sich den Ausbrüchen der Tochter gegenüber selbst zur Heftigkeit steigerte, und sie am Arm nahm, um sie mit Gewalt zum Wagen zu führen, gab auch Frau Rose Brigitten gute Worte, sich zu fügen, sie solle ein ander mal auf ein paar Tage kommen. Das half nur wenig, denn das eigensinnige Mädchen hatte sich in den Kopf gesetzt, gerade heut zu bleiben, und geberdete sich wie außer sich. Fast mit Gewalt mußte der Vater sie in den Wagen heben und entführen. Frau Rose schüttelte doch bedenklich den Kopf, als sie die vom heftigsten Zorn Entstellte dahinfahren sah.

Um dieselbe Stunde schritt Hildebrand nach dem Städtchen hinunter, um irgend einen kleinen Einkauf für seine Bedürfnisse zu machen. Er sah auf dem Rhein Dampfschiffe vorüberfahren, und überdachte seufzend die Zeit, die er hier verlebt, und die nun bald zu Ende gehen sollte. »Mit welchen Empfindungen wird das Schiff mich wieder forttragen? Gehoben von höchstem Glück, oder –?« Er mochte den Gegensatz nicht ausdenken. Länger als er gewollt, streifte er umher. Es war Abend geworden, der Mond stand voll am Himmel. Hildebrand wählte nicht die breite Straße zum Heimweg, sondern einen näheren Pfad, durch die Weinberge, die sich terrassenförmig hoch emporstuften. Unzählige kleine Treppchen, führten hier im Zickzack zwischen den Rebengärten hindurch. Der Weg war nicht der bequemste, zumal bei Nacht, allein der Professor hatte ihn einmal eingeschlagen, kannte ihn von manchem Gange her, und hoffte ihn, zumal bei Mondschein, wohl zu finden.

Er mochte das erste Drittheil des Wegs zurückgelegt haben, als er etwas wie Tritte und das Herabrollen kleiner Steine in der Nähe zu vernehmen glaubte. Er blieb stehen und sah sich um. Nichts zu erblicken. Er stieg weiter. Da tauchte eine hohe Männergestalt vor ihm auf, um bald wieder seitwärts von den Rebenpflanzungen verdeckt zu werden. Wer konnte das sein? Es schoß dem nächtlichen Wanderer durch den Kopf, Herr von Wilda mache hier einen Spaziergang. Er trat in den Schatten, leiser auftretend, lauschend und spähend. Um so lauter klopfte sein Herz.

»Wohin des Wegs?« fragte plötzlich eine wohlklingende Stimme, aber mit gebieterischem Tone. Die Gestalt, aus einem Seitenwege hervortretend, stand dicht vor ihm.

»In mein Quartier. Ich wohne da oben im Wirthshause,« entgegnete Hildebrand.

Das Mondlicht fiel dem Fremden ins Gesicht. Wittig sah eine schlanke Jünglingsgestalt in militärischer Haltung vor sich stehen, sah in angenehme Züge, aber in ein paar Augen, welche feindliche Blicke auf ihn schossen. Das Gesicht war ihm fremd, und doch kam ihm vor, als müsse er es irgendwo schon gesehen haben.

»Vorüber! Bis auf Weiteres!« sagte der Fremde, indem er zur Seite trat, um dem Professor Platz zu machen.

Hildebrand stutzte. »Darf ich fragen,« begann er, »wer mir auf diesem sonst wenig betretenen Wege begegnet?«

»Ich habe noch nicht nach Ihrem Namen gefragt!« rief der Fremde barsch. »Wenn Sie diesen Weg betreten – – doch gehen Sie, er steht Ihnen frei!«

Der junge Mann brach seine Rede kurz ab, und da er hier noch besser Bescheid zu wissen schien als der Professor, bog er in den Schatten, wo er verschwand.

Sonderbar berührt von dieser Begegnung kam Hildebrand zu Hause an. Er blieb ohne Licht in seinem Zimmer. Es war noch nicht spät, aber die Abende brachen eben schon früher herein. Im Hause schien noch viel Verkehr zu sein. Eine Weile stand die fremde Gestalt vor Wittigs Phantasie, bis sie von der anmuthigeren des geliebten Mädchens verdrängt wurde. Da hörte er leichte Tritte an seiner Thür über die Galerie huschen. War es Eva? Wenn sie's war, dann sollte mit ihr der entscheidende Moment gekommen sein. Er sprang auf, öffnete – sie war's, sie kam eben wieder zurück von der vorderen Galerie und wollte vorüber huschen. »Eva!« rief er, und hielt ihre Hand fest. Sie erschrak. »Herr Professor,« stotterte sie, »was wünschen Sie? Ich – habe Eile!«

»Theures, geliebtes Mädchen!« rief er, sie nur fester haltend. Was er weiter sprach, wußte er selbst nicht, aber er sagte Alles, was er auf dem Herzen hatte.

Eva bebte, und suchte ihre Hand aus der seinen loszumachen. »O mein Gott!« sagte sie bestürzt und traurig. »So mußte es dennoch geschehen! Nein, nein, sprechen Sie nicht weiter, lieber Herr Professor! Ich gehöre nicht mehr mir selbst, bin mit Herz und Seel' und Willen gebunden, so fest, als wär's durch heiligen Eidschwur! Es ist mir schrecklich, daß ich's Ihnen sagen muß. Sie wissens nun – sonst nur noch Einer auf der Welt. Sammeln Sie sich – Sie werden ja ruhig werden! Was hätt' ich Ihnen sein können in Ihrer ganz andern Welt? Gehen Sie – vergessen Sie's! Ich kann ja nicht anders!« Eva sprach hastig, athemlos, endlich erstickten Thränen ihre Stimme. Sie eilte fort.

Hildebrand stand da, wie vom Blitz getroffen. Allen Zweifeln und Schwankungen, aber auch aller Hoffnung war nun ein Ziel gesetzt. Eine Minute hatte hingereicht, was Monate langsam zusammengeträumt und gesponnen, schnell zu zerreißen und zum erschütternden Ende zu bringen. Der Enttäuschte schwankte in sein Zimmer zurück. Nichts war ihm übrig geblieben, als ein letztes Aufbäumen der Leidenschaft im Herzen, und ein Ringen nach Fassung. Denn das fühlte er und sagte er sich mitten im aufgewühlten Chaos seiner Empfindungen, wenn er zu hoffen aufhören mußte, dann mußte auch ein fester männlicher Wille die Wogen des Schmerzes, des Grolls, der selbstanklägerischen Erkenntniß seiner Blindheit, aller leidenschaftlichen Regung, beruhigen und zur Ordnung zwingen. Er war da, dieser Wille, aber noch hatte er einen harten Kampf zu bestehen, noch stellte ihm verzweifelte Erbitterung einen Feind gegenüber, einen Feind, der glücklicher sein sollte als er, jenen, der Eva's Liebe besaß, an den sie, wie sie sagte, gekettet war mit Herz und Seel' und Willen. Wer konnte dieser Beneidenswerthe, Hassenswerthe sein? Herr von Wilda? Oder der Fremde, dem Wittig in den Weinbergen begegnet? Immer mehr neigte er sich dieser Annahme zu. Aber welchen Namen trug dieser Fremde, den Hildebrand sich nicht entsinnen konnte bei hellem Tageslicht je im Hause gesehen zu haben? Lange grübelte Wittig nach, ließ alle erdenkliche Persönlichkeiten durch seine Erinnerung gehen – bis auf eine, die er zwar denken konnte, die aber nicht in seiner Erinnerung stand.

Den Stunden der Aufregung folgte eine tiefe Abspannung, aber nicht jene erlösende, schlafbringende, sondern jener verworrene Zustand zwischen dem Bedürfniß nach Ruhe und den Nachwehen inneren Sturmes. Da bebt und zittert es noch in allen Nerven, die Sinnenwahrnehmung ist qualvoll geschärft und richtet sich gegen allen Willen mit gespannter Beobachtung auf das Gleichgültige und Nichtige. Die Mücke, die über dem Haupte durch die Dunkelheit schwebt und kreist, singt eine förmliche klagende Melodie; der Holzwurm im alten Schranke nagt immer verbissener; der alte Hofhund an der Kette hat beim Bellen einen sonderbaren, nie bemerkten Ansatz. Stiller wird es im Hause, die Thüren werden geschlossen, aber die vordere hat eine andere Art zu dröhnen als die Hofthür, deren Schlüssel auch schwerer geht. Er muß verrostet sein. Mitternacht ist vorüber, die Luft trägt den Schall der Thurmuhr, den sonst nicht hörbaren, heut deutlich aus dem Städtchen herauf. Und immer stiller ward es. Hildebrand saß immer noch in die Ecke des alten Sophas gedrückt, schlaflos, mit den Gedanken bald über die Trümmer seines zerfallenen Glückes schweifend, bald am Zufälligen haftend.

Eben wollten ihm die Augen zufallen, da glaubte er in der Nähe eine männliche Stimme zu hören. Er fuhr auf, sein Herz klopfte plötzlich lauter. Er täuschte sich nicht, er hörte sprechen. Ohne zu überlegen, eilte er zur Thür, öffnete und horchte hinaus. Eine mühsam gedämpfte Männerstimme sprach, dazwischen Eva, leise, flüsternd, begütigend. Wittig hörte seinen eigenen Namen. Mit Gewalt zog es ihn fort, die Galerie entlang, und an die Wand gedrückt spielte er die unschöne Rolle des Lauschers.

»Ich will diesen Professor nicht länger im Hause wissen,« sagte der Mann, »und werde Mittel finden, ihn zu vertreiben. Die Mutter weiß nicht, was sie thut, diesen Eindringling und Schleicher zu begünstigen.«

»Du thust ihm Unrecht, wahrhaftig Unrecht!« entgegnete Eva.

»Natürlich!« rief die andere Stimme erbittert, »ich wußte, daß du ihn vertheidigen würdest. Darum aber bin ich hier! Ich will wissen, wie ich mit dir dran bin, wenn ich nicht schon zu viel weiß!«

»Heimlich, in der Nacht, und ohne Erlaub!« unterbrach ihn Eva. »Wenn es auskommt, Julian, so kurz vor deiner Entlassung, du fällst in Strafe! O die drei Wochen hättest du noch abwarten können, hättest so viel Zuversicht auf mich haben sollen –«

»Und wären's drei Tage, drei Stunden vor meiner Entlassung gewesen, ich hätte mich aufgemacht, dich und ihn zur Rede zu stellen. Ein Schurke wär' ich, wenn ich auf den Brief zurückblieb, und die Sache weiter gehen ließ!«

»Auf welchen Brief? So hat man mich bei dir angeschwärzt?«

Julian stockte einen Augenblick. Dann begann er: »Eva, ich kann nichts Verstecktes leiden – ja, ein Brief hat mir Alles verrathen! Daß du mit dem Professor – stündest, wie es nicht sein sollte, daß dein Betragen den schlimmsten Verdacht rechtfertige –«

»Julian! Julian! Und du hast es geglaubt? Und wem hast du mehr geglaubt als mir? Von wem ist der Brief?«

»Er ist mit verstellter Hand geschrieben, kein Name drunter. Aber so wenig mag ich dir ein Geheimniß aus meinen Gedanken machen, daß ich dir sage – ich vermuthe, die Brigitte schrieb ihn.«

Eva schien aufzuathmen. »Die Brigitte! Ja so! Ja dann –! Du weißt doch wohl, Julian, daß die Brigitte viel Grund hat, mir böse zu sein? Du selbst hast mir gestanden, daß du einst geglaubt hast, sie zu lieben. Bis ich ins Haus deiner Mutter kam. Daran laß mich dich erinnern. Du warst grade auf Urlaub hier. Wir gewannen uns so bald lieb – ach Julian, warum sagten wir's nicht längst deiner Mutter? Siehst du, daß du das nicht wolltest, war dennoch eine Heimlichkeit, und daraus ist jetzt deine Eifersucht entstanden, das mich in tiefster Seele kränkt.«

»Eva, ich bin tiefer gekränkt als du, daß ein Verdacht gegen dich möglich war! Siehst du, wenn du – du falsch wärst, dann gäb' es nichts mehr für mich, auf das ich bauen könnte! Eine Wuth faßt mich bei dem Gedanken an, daß ich mich selbst nicht mehr kenne. Als ich vorher durch die Weinberge heraufkam, begegnete mir ein Mensch. Er sagte, er wohne hier im Hause, und sicher war es der Professor. Mir fuhr es durch alle Sinne, ich hätte ihn erdrosseln, erwürgen, mit Füßen treten mögen –«

»Julian, um Gotteswillen! Wie redest du!«

»Aber ich hielt mich, fragte nicht nach seinem Namen, wollte erst dich hören. Eva, du sagst mir, daß du ihn nicht magst – ich will es glauben, weil du es sagst! Aber, daß er dir nachstellt, kannst du das leugnen? Die Mutter hat ihn verwöhnt, ihm zu viel Rechte im Hause gewährt, und du hast ihm Gelegenheit gegeben, seine Pläne gegen dich zu nähren. Er muß aus dem Hause!«

»Er wird gehen, Julian, freilich wird er gehen, du brauchst nicht drum zu sorgen. Es ist möglich, daß ich zu vertrauensvoll gegen ihn gewesen bin, aber er ist – ach, ich weiß ja, du wirst neuen Grund zur Eifersucht finden, wenn ich ihn vertheidige. Dennoch thu ich's, denn du thust ihm Unrecht. Er ist kein Schleicher, keiner, der böse Pläne ausdenkt. Er ist ein braver, gelehrter und grundguter Mann, der auch dir, wenn du ihn kenntest, wie ein Freund sein würde. Er gehörte bald zum Hause, und seinem Gespräch hörte ich zu, wie dem eines Lehrers, oder Bruders, dessen Geist weit über meinen hinaus reicht. Es war auch nicht eine Spur an ihm zu erkennen, daß er mich liebte, und daher gewann ich ein solches Vertrauen zu ihm, daß ich drauf und dran war, ihm meine Liebe zu dir zu bekennen. Aber mit Angst wurd' ich gewahr, daß er mich bald mit andern Blicken ansah –«

»Also doch!« fuhr Julian auf.

»So sei doch nur ruhig, und höre weiter!« beschwichtigte Eva. »Ich mochte eine Weile noch nicht dran glauben, und konnte nicht aufhören, ihm freundlich zu begegnen. Kein Wort, das mich hätte kränken können, kam über seine Lippen, er blieb immer der brave, edle Mann, zu dem man Vertrauen behalten konnte. Endlich ward es mir an seinem Betragen klar, ich mußte ihm aus dem Wege gehen, nicht aus Furcht vor ihm, sondern um ihn zu schonen. Ich sah's ihm an, er war unglücklich, er ahnte, daß ich ihm nichts zu bieten habe, oder er schwankte, ob er ein so geringes Mädchen, wie mich, sich in seinem künftigen Leben denken könne. So ging es fort bis heut. Vor wenigen Stunden trat er vor mich, gestand mir seine Liebe und – kurz, ich sollte sein Weib werden –«

»Eva! Eva! Das – das sagte er?«

»Das wollte er von mir! Ich aber sagte ihm, daß mein Herz und meine Hand nicht mehr mein sei! Julian, dir gehör' ich, du weißt es! Wenn du mich noch liebst, so glaube mir, daß ich mit ganzer Seele nur für dich lebe, daß ich kein anderes Glück im Leben weiß, als mit dir! Nun weißt du Alles. Schilt mich noch, wenn du mußt, aber hör' auf, mir zu mißtrauen. Und nun geh' zurück in die Stadt, mich ängstet's, daß du ohne Urlaub fortgegangen, es kann ein Unheil daraus entstehen!«

Schon schien Julian überzeugt und für Eva's Bitten nachgiebig gestimmt, als er plötzlich, seine Aufmerksamkeit nach unten richtend, ausrief: »Horch! Was ist das? Was sagst du dazu? Kommt das zu dir?«

Ein Rauschen des Nußbaums an der Ecke der Galerie wurde gehört, aber nicht ein Rauschen von Windeswehen. Dann ein leises Knarren in den Aesten, als stiege Jemand hinauf. Sich in den Schatten drückend, und doch halb vorgebogen, athemlos, lauschte Hildebrand; lautlos, gespannt die beiden Andern. Und jetzt ragte ein männlicher Kopf über die Brüstung der Galerie. Julian, von wildem Jähzorn fortgerissen, sprang vor, holte mit geballter Faust aus – ein gewaltiger Schlag – ein Krachen in den Aesten, der schwere Fall eines Körpers am Boden – dann tiefe Stille.

Das Alles ging so schnell, so plötzlich vor sich, daß ein Zuspringen Hildebrands nicht möglich war. Entsetzt über den Vorgang stand er einige Secunden wie betäubt. Da hörte er Eva's von Schreck fast erstickte Stimme: »Julian! Was hast du gethan!«

»Deinen Herrn Professor heimgeschickt!« rief dieser, dessen Brust schwer zu athmen schien.

»Er kann's ja nicht sein, Julian! Du hast dich, mich, uns Alle ins Verderben gebracht!«

Hildebrand trat schnell hervor. »Der Professor Wittig bin ich!« rief er. »Ich weiß, was Sie mir vorwerfen, habe Alles gehört. Wer dort hinabgestürzt ist – vielleicht kenn' ich ihn. Jetzt retten Sie sich! Fort, eh' man Lärm macht! Ich nehme, wenn der Fall im Dunkeln Zeugen gehabt, Alles auf mich! Nur fort!«

»Gott sei Dank!« flüsterte Eva. »Siehst du, Julian, wie falsch dein Verdacht war! O du hast vielleicht einen Menschen getödtet

Julian, bestürzt über seine rasche That, wie über seine Täuschung, stand sprachlos. Hildebrand drängte ihn zur Flucht, wiederholte sein Erbieten, das Schlimmste zu vertreten.

»Folg' ihm!« bat Eva. »Der Christian hat dich eingelassen, er weiß um unsern Verkehr, er hilft den Gestürzten fortschaffen. Er ist vielleicht zu retten – rette dich nur auch, eh' Lärm entsteht, daß du unentdeckt nach der Stadt kommst!«

Hildebrand hörte nichts mehr, er schlüpfte hinunter, so leise als möglich, fand die Hofthür offen, und Christian, den Knecht, bereits bei dem Gestürzten. In ihm erkannte er, wie eine Ahnung ihm gesagt, Herrn von Wilda, der für todt dalag. »Um Jesu willen, Herr Professor, was ist da geschehen?« sagte Christian, am Boden knieend.

»Frisch, angefaßt, Christian! Er muß hinweg, eh' Lärm im Haus entsteht. Wir tragen ihn durch die Weinberge hinunter in seine Wohnung, in den Gasthof!«

Der Knecht, zu bestürzt, um zu widerstreben, griff zu, und beide trugen den Körper fort. Mit wenigen Schritten waren sie in den Rebenpflanzungen. Aber es war ein beschwerliches Tragen, die vielen im Zickzack laufenden schmalen Treppchen hinab. Nach hundert Schritten mußten sie die Last absetzen. Hildebrand ließ sich nieder, nahm das Haupt des Verunglückten auf den Schoß, und untersuchte seine Brust.

»Ist es denn wirklich der Herr von Wilda?« fragte Christian. »Wie ist es denn zugegangen?«

»Habt Ihr gesehen, was sich zugetragen?« fragte Wittig zurück.

»Nichts, gar nichts! Ich hatte den Julian eingelassen – nun, Sie wissen's jetzt auch, Herr Professor – und hielt mich im Hause. Da hör' ich einen Sturz vom Baume, ich denke, bei Gott, der Julian ist's – und komm' und sehe –«

»Schweigt, Christian, schweigt!« Hildebrand hatte in seiner aufopfernden Dienstfertigkeit bisher nur den einen Gedanken gehabt, Julian die Flucht zu ermöglichen, jetzt aber, da er mit dem Körper eines anscheinend Getödteten Nachts auf einem Schleichwege saß, überkam ihn das Bewußtsein, als Hehler eines Mordes sich in die entsetzlichste Mitschuld verwickelt zu haben. Er fragte sich, ob es nicht besser sei, den Verunglückten ins Haus zurückzutragen, auf geradem Wege zum Arzt zu eilen, und mit schleuniger Hülfe zu retten, was noch zu retten sei. Christian hatte von Julians rascher That nichts gesehen; wenn sonst Niemand im Haus erwacht war, konnte Wilda irgendwo auf dem Wege einen unglücklichen Fall gethan haben, und wenn Genesung möglich war, mochte Wilda's wie Julians Schuld noch zum leidlichen und versöhnlichen Austrag gebracht werden. Aus diesen Gedanken, die ihn rasch durchkreuzten, wurde er geweckt durch eine Bewegung des Unglücklichen in seinen Armen. Auch Hildebrand athmete auf.

»Wo sind wir denn?« fragte Wilda mit matter Stimme.

»Wie geht es Ihnen, Herr von Wilda?

»Ach, Sie sind es, Professor? Wie ist mir denn? Was machen wir hier unter freiem Himmel?«

»Sie haben sich Schaden gethan, sind gefallen –«

»Ich erinnere mich – ja – darum der Schmerz in der Seite.«

»Wir werden Sie hineintragen ins Haus –«

»Ich bitte – nein! Ich wünsche in meine Wohnung zu gelangen, und hoffe auf die Füße zu kommen. Ihren Arm–!«

Wilda erhob sich mit Anstrengung, und suchte, auf Hildebrands Arm gestützt, zu gehen. Allein bei der Enge und Schmalheit der steinernen Stiegen, die für zwei nebeneinander Gehende nicht Raum boten, wurde der Weg höchst mühevoll. Wittig verwünschte innerlich hundertmal seinen Einfall, diese Schleichwege einzuschlagen. Erschöpft brach Wilda endlich wieder zusammen. Es war keine Zeit zu verlieren. Die beiden Andern hoben ihn auf, und trugen ihn fort, so gut es ging. Wittig pries den Augenblick, da sie sich nach allen Hindernissen und fortwährendem Aufenthalt, endlich dem Ausgang des Weinbergs und der Fahrstraße näherten.

»Lassen Sie mich noch einen Augenblick nieder!« begann Wilda. »Da ich denn doch nicht auf freien Füßen, wie ein vernünftiger Mensch, in meinen Gasthof einziehen kann, und ich Aufsehen vermeiden möchte, so wär' es gerathen, an eine andere Unterkunft zu denken.«

»Denken Sie doch vor Allem an Ihr Leben, Ihre Gesundheit!« sagte Wittig. »Es muß zum Arzt geschickt werden –«

»Hier in diesem Neste? Ich denke, wir machen uns gleich auf nach Coblenz und gehen zu dem besten. Wenn Sie Ihrer Güte die Krone aufsetzen wollen, so bestellen Sie für mich Extrapost.«

In diesem Augenblick bemerkte der Professor, wie Christian in seinem Rücken mit einem Vierten einige Handbewegungen wechselte, dann aufstand und mit ihm flüsterte. Es war Julian. Christian kam zurück. »Es soll Alles geschehen,« sagte er, »aber hier können Sie nicht liegen bleiben. Wir wissen schon eine Herberge, wo Sie inzwischen unterkommen.«

Wilda mußte sich gefallen lassen, daß man ihn forttrug. Wenige Schritte hinter ihm folgte Julian. – In der Nähe der Landstraße stand eine Art von Winzerhäuschen. Es gehörte zu Frau Rosens Grund und Boden, und wurde nur im Sommer und Herbst von ein paar Tagelöhnern bewohnt, welche die Aufsicht über die Weinberge hatten. Hier pochte Christian an, um bald darauf die Uebrigen einzulassen. Wilda wurde auf ein Lager gebracht und blieb mit Hildebrand allein, während im Vorderraume eine eifrige Berathung stattfand.

»Wie befinden Sie sich, Herr von Wilda?« begann Wittig.

»Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, lieber Herr,« meinte Wilda. »Eigentlich in der verwünschtesten Lage, aber für diese Lage immer noch gut genug. Denn daß Sie sich meiner so freundschaftlich annehmen würden, konnt' ich kaum erwarten. Nun aber vor Allem jetzt die Versicherung und mein Ehrenwort, daß ich auf meiner nächtlichen Himmelsleiter durchaus nicht in Ihr Gehege habe kommen wollen. Meine Lage entschuldigt oder gebietet vielmehr eine Indiscretion – hören Sie! Ich hatte ein erstes entschiedneres Stelldichein mit – der schönen Müllerin verabredet. Nachmittags sprach ich sie im Fluge in der Stadt, sie wollte oben bei Frau Rosen übernachten, ich beabsichtigte gegen Abend auf Besuch zu kommen, mich zu verspäten, und endlich auch im Hause zu bleiben. Aber eine andere Verspätung kam meiner Absicht zuvor. Nahe Bekannte, Damen darunter, erschienen im Gasthofe als Durchreisende, hielten mich auf, es war kein Loskommen möglich. Spät erst konnt' ich mich aufmachen, um mein Wort zu lösen. Ich fand die Thür verschlossen und kam auf den abenteuerlichen Einfall, auf Diebswegen einzudringen. Der Empfang ist Ihnen bekannt.«

Er schwieg einen Augenblick, wie um eine Gegenrede Wittigs abzuwarten. Da dieser nichts erwiederte, fuhr Wilda fort: »Sie finden ohne Zweifel meine Sache sehr unmoralisch, und da ich selbst dabei zu Falle gekommen bin, hätte auch ich die Pflicht, den reuigen Sünder zu spielen. Ja, ich gestehe, daß ich es um der schönen Müllerin willen für einen sehr geschickten Handstreich des Zufalls anerkenne. Es war keine himmelstürmende Leidenschaft, die mich zu ihr zog, obgleich es so aussah, – aber wenn Einem so ausdrucksvoll entgegengekommen wird, so wär' es fast eine Unhöflichkeit gewesen zu widerstreben – sie ist doch zu Nacht oben?«

Wittig, der einen Theil des Auftritts zwischen Brigitte, ihrem Vater und Frau Rose mit angesehen hatte, erzählte, was er wußte.

»Also reine Kletterstudien um ein leeres Nest!« rief Wilda fast lachend über sein Mißgeschick. »Das Mädchen kann von Glück sagen. Nun aber, lieber Freund, eröffnen Sie mir gefälligst, wer jenen höchst nachdrücklichen Faustschlag auf mein immer noch taumliges Haupt führte?«

»Ich selbst that es,« entgegnete Hildebrand nicht ohne Stocken, »ich ließ mich durch Eifersucht hinreißen –«

Wilda erhob sich ein wenig vom Lager und sah den Sprecher verwundert an. Ein Zug von Humor ging auch jetzt noch durch sein Gesicht. »Ihre Freundschaftlichkeit überschreitet wirklich das gewöhnliche Maß, lieber Herr!« sagte er. »Aber dieß machen Sie mir nicht weis! Ihre Hände kenn' ich, und selbst wenn Sie dieselben zur Faust ballen, eine solche Wucht – ich will Sie keineswegs mit diesem Zweifel verletzen – eine solche Wucht bringen Sie nicht zu Stande! Nein, Professorchen – unter uns: Ich habe zu meiner Ueberraschung ein ganz anderes Menschenkind neben der – liebenswürdigen Lorelei stehen sehen. Meine Baumfahrt brachte mehr unvermuthete Erfahrungen als ich mir träumte – vielleicht auch Ihnen.«

Wilda sank, vom Sprechen erschöpft, auf das Lager zurück. Hildebrand wollte ihm schon seine eigenen Erfahrungen mittheilen, da trat Julian ein mit der Nachricht, daß ein Wagen bereit sei. »Haben Sie Postpferde?« fragte Wilda, sich ermannend.

»Nur ohne Frage fort!« rief Julian.

»Ich wünsche in Coblenz nach dem Hotel zum Falken –«

»Wird sich Alles finden! Angefaßt, wenn der Herr nicht gehen kann!«

»Sagen Sie mir, Professor, wer ist der energische junge Mann, der den Reisemarschall für uns macht?«

»Sie werden es erfahren. Jetzt ohne Zögern fort, wir müssen vor Tagesanbruch in der Stadt sein.«

Wilda wurde hinausgeführt und in einen leichten Landwagen zwischen Heubündel gehoben. Neben ihm nahm der Professor Platz, während Julian sich neben den, den Einspänner lenkenden Knecht schwang. Noch ein paar Flüsterworte zwischen Julian und Christian, dann machte dieser sich auf den Heimweg, während der Wagen durch die Nacht rollte.

VII.

Eva hatte inzwischen qualvolle Stunden der Angst durchlebt. Zwar durfte sie über das Zerwürfniß mit dem Geliebten beruhigt sein, denn Julian hatte das mit aller Jugendgluth von ihm geliebte Mädchen stürmisch ans Herz geschlossen und einen Versöhnungskuß auf ihre Lippen gedrückt, ehe er davon eilte. Bebend sah Eva, wie Christian und Wittig den von Julian Erschlagenen – so malte ihre Angst es sich aus – rasch und heimlich in die Rebenpflanzungen forttrugen; bebend, auf das Furchtbarste gefaßt, sah sie den Geliebten auf demselben Wege verschwinden! bebend lauschte sie, ob ein Geräusch im Hause vernehmbar werde? Jetzt – man öffnete ein Fenster auf der vorderen Seite des Hauses, wo die Base schlief – Frau Rose selbst mochte erwacht sein! Dem beängstigten Mädchen stockte der Athem, krampfhaft hielt sie sich an der Galerie fest. Sie dachte nicht daran, in ihr Zimmer zu entfliehen, sie rang nur nach Fassung, dem Unvermeidlichen zu begegnen. Aber das Fenster wurde wieder geschlossen, und es blieb still.

Wer war der Unglückliche, den man, von Julians Hand getroffen, forttrug? Ihr argloses Gemüth wußte auf Niemand zu schließen, und diese Ungewißheit quälte sie nur noch mehr. Und wie wird man den Gefallenen in Sicherheit bringen? Wie wird Julian unentdeckt nach der Stadt, wie der Professor wieder heim kommen? Aber wie –? Darf es denn unentdeckt bleiben? Muß, wenn der Unglückliche todt ist, nicht Alles gräßlich ans Tageslicht? Eva hätte laut aufschreien mögen vor Jammer. Sie faltete die Hände zu inbrünstigem Gebete – ach, konnte, durfte sie beten? Sie die Mitwisserin, die Mitschuldige eines Verbrechens? Verzweifelnd preßte sie die Hände vor das Gesicht. Aber sie faltete sie doch wieder, und ihr ganzes Gemüth quoll empor im Gebete. So stand sie lange draußen, regungslos in der Nacht, die Augen unverwandt in die dunkle Höhe gerichtet. Um Abwendung des Unheils von dem Geliebten betete sie, um das Leben des von ihm Getroffenen, und alle Sühne und Strafe wollte sie auf ihr eignes Haupt herabbeten. Sie zögerte nicht, sich alle Schuld allein zuzumessen. Ihr unverantwortliches Betragen gegen Wittig sollte alle Wirrsale, alle peinigenden Ereignisse herbeigeführt haben. Wie erstarrt blieb sie Stunden lang auf der Galerie, umweht von dem immer kühleren Hauche der Nacht, der schon das Herannahen des Morgens verkündete.

Da werden Tritte vernehmbar. Eine Gestalt kommt vorsichtig aus den Weinpflanzungen. Christian ist's. Eva erwacht aus ihrer Erstarrung. Sie wirft die Schuh ab und eilt auf Strümpfen die Treppe hinab. Von Christian erfährt sie zu neuem Schreck, daß es Herr von Wilda sei, der hier zu Falle gekommen, zugleich aber die erlösende Nachricht, daß er nicht todt sei, daß man ihn, dem Anschein nach unbemerkt, habe fortbringen können. – Als Eva auf leisen Sohlen in ihr Stübchen zurückgeschlichen war, brach die Spannung, in der sie sich mit Gewalt aufrecht erhalten hatte, ihre Kräfte, und mit einem Strom von Thränen sank sie auf ihr Lager nieder. Sie konnte, nachdem die furchtbarste Last ihrer Befürchtungen hinweggenommen, sich in lindernden Thränen erleichtert fühlen, aber immer blieb ihr noch ein Maß von Befürchtungen, das in engerem Kreise ihr Gemüth quälte. Wird Julian mit dem Opfer seines Jähzorns sicher nach der Stadt kommen? Wird sein Entweichen ohne Urlaub ruchbar werden? Und der Professor –! Was soll sie der Base sagen, wenn der Hausgenosse morgen fehlt? Ja, dieß Verheimlichen der nächtlichen Vorgänge vor Frau Rosen erschien dem rathlosen Mädchen bald das Peinigendste. Bald sagte sie sich, daß sie schweigen müsse, um der Sicherheit der Freunde willen, bald wieder zweifelte sie, ob sie schweigen dürfe, und endlich überkam sie immer wieder die drohende Beängstigung, ob sie bei ihrem mahnenden Gewissen es werde zu Stande bringen, sich zu verstellen, der guten Base gefaßt entgegenzutreten. Kein Schlaf kam auf ihre Augen, unentkleidet saß sie auf ihrem Bett, lauschend und bebend vor jedem Geräusch, das ein Erwachen der Hausgenossen und das Leben des Tages im Hause ankündigte. Und als der Morgen ihr ins Fenster sah, erblickte er ein blasses, verwachtes und verweintes Mädchengesicht. – Eva erhob sich, um ihr Haar, ihren Anzug zu ordnen. Ein tiefer Seufzer aus der gepreßten Brust war ihr Morgengruß. Sie fühlte sich so schwer, so bedrückt, als solle sie für Schuld und Missethat vor den Richter geführt werden.

Im Hause ward es lebendiger. Eva hörte die Stimme der Base, die Stimme ihres Bruders, der wie gewöhnlich schon früh nach dem Professor fragte. Dann wurden Tritte auf der Treppe vernehmbar, Frau Rose trat ins Zimmer. Eva fuhr zusammen, ein Schauer überlief sie.

»Was muß ich hören!« begann die Base gleich, »wir haben zu Nacht Diebe um das Haus herum gehabt? Der Christian hat mir's schon erzählt. Mir war's auch so, als hört' ich was, und machte das Fenster auf, konnte aber nichts weiter merken, und meinte, ich hätt' mich getäuscht. Und du bist auch unten gewesen –? Aber, um Gottes willen, was ist das? Eva, Mädchen, wie siehst du aus?« Sie blickte erschreckt in Eva's verstörtes Gesicht. »Bist du krank, Kind?« fuhr sie fort, »was ist mit dir vorgegangen?«

Eva fühlte die Unfähigkeit, zu heucheln, die Thränen stürzten ihr aus den Augen, und unter krampfhaftem Weinen bekannte sie der Base Alles – Alles! Ihre Liebe zu dem Sohne des Hauses, ihren und Julians geheimen brieflichen Verkehr, vermittelt durch Christian; Julians nächtliches Erscheinen, seine Eifersucht und rasche Gewaltthat gegen Herrn von Wilda; des Professors Neigung und Bekenntniß; die Flucht der Männer unter Christians Mithilfe – Frau Rose traute ihrem Gehör nicht. Das war zu viel auf einmal, selbst für die sonst robuste Frau. Die Knie wankten ihr, sie mußte sich setzen. Eva sank vor ihr nieder, barg die Thränen in ihrem Schooß, und sah endlich wie hülfeflehend zu ihr auf.

Frau Rose war im ersten Augenblick ebenso rathlos wie das weinende Mädchen. Sie legte die Hand auf Eva's Kopf, in ihren Blicken war Güte zu lesen, und doch starrten die Augen entsetzt in das Gesicht der Augenzeugin einer That, die für den Sohn die schlimmsten Folgen befürchten ließ. Sie wußte nicht, wo sie die Gedanken haften lassen sollte – des Professors Neigung und Aufopferung – Wilda's nicht zu rechtfertigendes Betragen gegen ihr Haus – die geheime Verbindung der Kinder, das Alles kreiste eine Weile in ihr durch alle Stadien der Ueberraschung, des Schreckes, der Furcht, bis endlich die Besorgniß um ihren Sohn als den Hauptpunkt ihrer Gedankenthätigkeit sich geltend machte. Sie erhob sich schnell, schritt auf die Galerie und rief nach Christian. Er kam, und mußte vor Allem eine ernstliche Strafrede über seine lügnerischen Mittheilungen aushalten. Der gutmüthige alte Sünder war sehr bestürzt, fühlte sich aber erleichtert, als Frau Rose gebot, sofort anzuspannen. »Ich fahre nach der Stadt,« rief sie, »will selber zusehen, was daraus geworden ist! Du nimmst die Schlüssel, Eva, und besorgst das Haus. Jetzt ist nichts mit Weinen und bloßen Aengsten gethan, wir müssen den Kopf oben behalten.«

Durch Eva's Herz ging ein unsägliches Trostgefühl, und über ihre Züge flog wieder ein hellerer Glanz. Sie konnte nicht anders, sie mußte der guten Base um den Hals fallen. Frau Rose drückte sie mütterlich ans Herz. »Es wundert mich gar nicht,« sagte sie, »daß der Julian dich liebt, wenn ich gleich nichts davon gemerkt habe. Und wenn mit Gottes Hülfe sich Alles zum Guten wendet, dann sollt ihr euch haben, denn eine liebere Tochter könnt' ich doch nie ins Haus bekommen! Aber komm, laß das Weinen sein, es giebt zu schaffen, daß ich bei Zeiten fort kann!«

Wir aber verlassen das Haus, noch ehe seine Herrin den Wagen besteigt, und begeben uns vor ihr nach der Stadt. Wir treten in ein Junggesellenzimmer, welches zeigt, daß der Besitzer keineswegs in ärmlichen Verhältnissen lebt. Auf dem Sopha, vor einem Tische, worauf noch das Kaffeegeschirr steht, sitzt unser Freund, der Professor Wittig, und blättert zerstreut in der Zeitung; in der Kammer nebenan aber Julian am Bett eines Kranken, und bewacht dessen Schlaf. Jetzt erhebt er sich, zieht die Thüre leise hinter sich zu, und sagt zum Professor: »Er schläft ganz ruhig.« Julian nimmt einen Stuhl und setzt sich vor seinen Gast. »Ich kann von großem Glück sagen,« beginnt er, »daß wir unbemerkt in mein Quartier gelangt sind, daß Alles noch so gut abgelaufen ist. Viel hab' ich dabei freilich immer noch zu büßen. Durch meine Schuld hat Herr von Wilda beim Fallen eine Rippe gebrochen – freilich macht der Arzt kein bedenkliches Gesicht dazu, und verspricht baldige Genesung, aber ich behalte doch das häßliche Gefühl, eine Rohheit begangen zu haben. Und auch Ihnen gegenüber, Herr Professor, fühl' ich mich schuldig. Ich habe viel auf dem Herzen, lassen Sie's klar zwischen uns werden!«

»Das soll es!« entgegnete Wittig. Das entschieden männliche Wesen Julians hatte den besten Eindruck auf den Professor gemacht. Es bleibt dahingestellt, ob er unter weniger gewaltsam zusammenstoßenden Verhältnissen, nicht ein feindliches oder bitteres Gefühl gegen den jungen Mann genährt hätte, der seine schönsten Hoffnungen vernichtete, allein wie es einmal stand, konnte er nicht umhin, Wohlgefallen an ihm, und Wohlwollen für ihn zu fassen. Nicht daß Hildebrands Herz bereits ruhig gewesen wäre, noch lebte darin das Bild des anmuthigen Mädchens fort, aber sein Wille, eine hoffnungslose Liebe zu besiegen, hatte gesiegt. »Ich habe in einer großen Täuschung gelebt, lieber Julian,« sagte er, »in einer Täuschung, nicht meiner Neigung, wohl aber meiner Beobachtung, meiner Menschenkenntniß. Was ich mir in Eva's Betragen zu meinen Gunsten deutete, das Alles, sehe ich jetzt wohl, wies darauf hin, daß ihr Herz einem Andern gehörte, daß Sie der Glückliche waren, daß Eva nichts für mich hatte, als arglos kindliches Vertrauen zu einem Hausgenossen, der in der freundschaftlichen Gunst Frau Rosens stand. Doch auch dafür will ich dankbar sein. Eine Ueberzeugung aber muß ich aus diesem Conflict davontragen, um mit ungetrübtem Antheil an Frau Rosens Haus zurückdenken zu können, die Ueberzeugung, daß der Mann, dem Eva ihre Neigung geschenkt, diese reine Natur versteht, achtet und zu bewahren sucht, daß er die Absicht hat, sie so glücklich zu machen, als sie es verdient!«

»Wenn Sie, Herr Professor,« entgegnete Julian, »wenn Sie, wie Sie sagen, heut Nacht mein Gespräch mit Eva gehört haben, die Ausbrüche meiner Eifersucht, die Drohungen, die ich gegen Sie, als meinen Nebenbuhler, ausstieß, so werden Sie jene Ueberzeugung vielleicht nicht daraus schöpfen wollen. Und dennoch ist sie daraus zu entnehmen. Ich hatte mich zwar schwer gegen Eva verblenden lassen – allein nehmen Sie meine Entfernung, das Geheimhalten unserer Verbindung – oh, ich will mich gern auch darin schuldig bekennen! Ihnen aber, den ich kurze Zeit so bitter gehaßt habe, den ich jetzt um so höher schätze und verehre, Ihnen sprech' ich es aus, daß dieses Mädchen mir theurer ist als die ganze Welt, daß Eva allein mir das Opfer versüßt, im Hause »zur schönen Rosa« der Nachfolger meiner Mutter zu werden, ja daß es mir durch die Hoffnung auf ihren Besitz als kein Opfer mehr erscheint.«

Der Professor reichte Julian ohne Worte die Hand, und einige Minuten lang saßen sie schweigend bei einander. Dann begann Wittig. »Sie übernehmen nicht gern die Wirthschaft in dem Hause oben?«

»Ich habe mich nur mit Ueberwindung mit dem Gedanken abgefunden,« sagte Julian. »Meine Neigungen und meine Schulbildung, worin die Mutter mir ziemlich freie Hand ließ, gingen auf andere Ziele. Der Kaufmannstand oder ein industrieller Zweig wären mir angenehm gewesen. Man wußte mir die Ueberzeugung beizubringen, daß ich als einziger Sohn und Erbe eines alten und guten Geschäftes andere Pflichten zu erfüllen hätte. Ich gab nach, wenn auch mit schwerem Herzen. Doch bleibt mir die Aussicht, jene Pflichten mit meinen Neigungen noch in Einklang zu bringen. Ich hoffe mit der Zeit die Cultur unserer Weinberge und das damit zusammenhängende Geschäft, das sich viel mehr und besser ausbeuten läßt, zur Hauptsache zu machen. Die Gastwirthschaft, für die ich leider nicht den geringsten Beruf fühle, mag den Frauen überlassen bleiben. Es soll das bei meinem, nur zu früh verstorbenen Vater der gleiche Fall gewesen sein, und das Haus hat sich dabei und seitdem nicht übel befunden. Ja, es soll mir an Eva's Seite auch lieb und werth werden. Und Sie, Herr Professor, werden darin, als alter Gast und Freund, hoffentlich noch oft bei uns einkehren!«

Die jungen Männer sprachen noch eine Weile fort. Da steckte die Aufwärterin den Kopf herein mit den Worten: »Die Frau Mutter ist angekommen, kann sie eintreten?« Julian und der Professor sprangen auf. Schon stand Frau Rose in der Thür, erschöpft von Aufregung und mit einem Gesicht, welches sagte, daß sie auf das Schlimmste gefaßt sei. Als sie jedoch das Kaffeegeschirr behaglich auf dem Tische stehen sah, die Cigarren der Männer, gleichsam als Friedensopfer, dampfen sah, gab ihr dieser Anblick eine solche Beruhigung, daß ihre Mienen sich aufklärten, und sie zum Gruß nur die Worte rief: »Na, Gott sei Dank!«

Wie Frau Rose empfangen ward, wie ihre Hauptbesorgnisse schwanden, wie sie jedem der drei jungen Männer eine ernstlich mütterliche Strafrede hielt (es waren Worte, die eine historische Aufzeichnung wohl verdienten!) wie sie endlich die geeigneten Vorrichtungen traf zur besseren Verpflegung des Kranken – das müssen wir leider übergehen. Wir überspringen sogar einen Zeitraum von vier Wochen, um noch einige Vorgänge aus der Geschichte der Personen, die uns bisher beschäftigt haben, mitzutheilen.

VIII.

Es war an einem sonnigen Octobertage in Baden-Baden, als der Professor Wittig mit seinem Freunde, Herrn von Wilda, auf einem weniger besuchten Wege in eifrigem Gespräch dahinschritt. Letzterer war vollständig genesen, und seit den letzten vier Wochen fast unzertrennlich an des Professors Seite geblieben. Die gemeinsamen Erlebnisse bildeten heut, am Tage vor ihrem Abschied, noch einmal das Gespräch.

»Wir haben,« begann Wilda, »seit wir uns vor zwei Monaten auf dem Schiffe wiederfanden, Erfahrungen gemacht, die, denk' ich, in unserm Leben eine gewisse Epoche abschließen. Sie kennen aus Immermanns Münchhausen die leidenschaftliche Neigung der jugendlichen Emmerentia für den Nußknacker. Wie es kein Mädchen gibt, das nicht irgend einmal sich in einen Nußknacker verliebt hätte, in welcher Gestalt ihr das Idol immer erschienen sein möge, so gibt es keinen Jüngling, der nicht einmal einer Lorelei anheimgefallen wäre, oder in irgend einer Erscheinung eine solche erblickt hätte. Unsere Phantasie macht uns selbst die Götzen und Zaubergestalten zurecht, die wir anbeten oder in deren Schlingen wir fallen, und oft hangen wir mit Wünschen und Hoffen an nichts als der eignen Täuschung. Sie, lieber Freund, wurden durch eine holde Täuschung erst zum Jüngling, Ihre Lorelei ist aber auch ein Wesen, das in seiner schönen reinen Natur den allernatürlichsten Zauber ausübt, jenen ächten und sittlichen einer jugendlich reinen Zuneigung. Sie haben nichts zu bereuen, und haben männlich überwunden. Jetzt können Sie ruhig den Bitten Julians nachgeben, und noch einen kurzen Besuch bei der schönen Rosa machen. Julian schreibt, daß er nach Hause zurückgekehrt, daß Eva seine erklärte Braut sei, daß die Verlobten und ihre Mutter den dringenden Wunsch hegen, Sie nach all den Fährlichkeiten noch in diesem Herbst wiederzusehen. Also reisen Sie! Aber eine Prophezeihung gebe ich Ihnen noch auf den Weg. Sie werden sich sehr bald verheirathen!«

»Warum nicht gar!« rief Hildebrand, eher belustigt als unangenehm berührt durch diese Voraussagung. »Wie kommen Sie darauf?«

»Der Gedanke ist Ihnen einmal nahe getreten. Sie werden sich zu Hause unter Ihren Büchern bald unbehaglich fühlen. Und da Sie doch einmal den alleinseligmachenden Glauben an Bücherwesen und Junggesellenstand verloren haben, werden Sie nicht mehr die Augen vor dem ›ewig Weiblichen‹ schließen. Ueberdieß eignen Sie sich vortrefflich für den Ehestand, das hab' ich auf meinem Krankenlager an Ihnen kennen gelernt, mein treuer Pfleger!«

»Sie werden es natürlich finden,« entgegnete der Professor, »wenn ich vier Wochen nach so ernsten Erfahrungen, mich noch nicht mit Gedanken und Aussichten befreunden kann, wie Sie sie aussprechen. Daß Sie dieselben aber aussprechen (setzte er nicht ohne Schalkheit hinzu), beweist mir, daß Sie für sich selbst schon recht vertraut mit Combinationen für die Zukunft sind. Ich habe nicht umsonst gestern im Hause Ihres Onkels Ihr verwandtschaftliches Entgegenkommen gegen die schöne Cousine beobachtet.«

»Wahrhaftig? Seht mir den Menschenkenner!« rief Wilda vergnügt. »Und wenn ich nun bereits Pläne gemacht hätte, was würden Sie sagen?«

»Ich würde folgendermaßen sprechen: Mein lieber Wilda, Sie haben vermuthlich unendlich viel dumme Streiche gemacht, aber es wäre sehr rathsam, wenn der letzte, für Sie übel abgelaufene, auch wirklich der letzte derartige Versuch bliebe. Ich habe Sie schließlich mit all Ihren Thorheiten und Tollheiten sehr lieb gewonnen, aber ich würde Sie allerschließlichst noch lieber gewinnen und höher schätzen, wenn Sie sich zusammennehmen und mehr Inhalt in Ihr Leben bringen wollten. Sie haben von Ihrem jüngsten gloriosen Abenteuer her keine Neigung zu überwinden, können daher gar nicht schnell genug eine Gelegenheit ergreifen, die Sie in die Lage bringt, dumme Streiche pflicht- und charaktervoll aus Ihrem Kreise zu verbannen. Treffen also Ihr Herz und die Gunst der Verhältnisse einmal zusammen, so greifen Sie zu, denn es ist vielleicht Gefahr im Verzuge!«

»Bravo! Bravo! Ein neuer Daniel!« rief Wilda. »Professorchen, Sie haben Recht, und unsere Ansichten stimmen zum Entzücken zusammen! Also – ein Bekenntniß! Mein Oheim wünscht seit lange eine Verbindung zwischen seiner Tochter und mir. Die schöne Cousine hat mir immer gefallen, allein das Behagen war nicht gegenseitig – vielleicht mit Grund. Noch vor einem Jahre benahm sie sich auffallend spröde, ablehnend, ja gleichgültig gegen mich, so daß ich müde und ärgerlich wurde, und zum Tort andere Wege ging. Jetzt sehe ich sie hier in Baden wieder, finde sie schöner als je, dazu liebenswürdig, und von einer so herzlichen Zuvorkommenheit, daß ich ganz ernstlich gesonnen bin, mich für immer in ihre Fesseln zu begeben. Ich weiß in der That jetzt, daß ich sie liebe, und – hoffentlich nicht ohne Gegenliebe. O ich Unwürdiger! Aber wissen Sie, was ich thun will? Ich erzähle ihr ganz unverhüllt den wahren Sachverhalt meiner letzten Affaire, und nimmt sie mich dann noch, nun dann Glück auf! Sie besuchen uns dann auf meinen Gütern, bringen Ihre Frau mit – ja doch, nicht gleich, aber bald, hoffentlich bald! Nun aber kommen Sie, bei meinem Onkel wartet man wohl schon mit dem Thee auf uns.« –

Zwei Tage darauf schritt Hildebrand Wittig den wohlbekannten Weg nach dem Wirthshause zur schönen Rosa hinauf. Sein Herz fing an heftiger zu klopfen, als er die Nußbäume wiedersah, und die Fenster, hinter welchen er so viel geträumt und gehofft hatte. Allein er bezwang sich, und betrat festen Trittes die ersten Stufen der Rampe vor der Thür. Ein lautes Jauchzen scholl ihm aus dem Hause entgegen, und sein lateinischer junger Freund sprang mit Jubelgeschrei auf ihn zu. Julian flog die Treppe herab in seine Arme, und Frau Rose kam und hatte vor Freude feuchte Augen, und endlich führte Julian ihm seine Braut entgegen. Eva stand erröthend vor ihm, verschönt vom Gefühl des Glückes, in allem Reiz der Jugend und Anmuth, und doch ging in diesem Augenblick ein leiser schmerzlicher Zug durch ihr Gesicht. Aber sie faßte sich schnell, und sah den Professor treuherzig an, mit Augen, die um Verzeihung zu bitten schienen. »Gott grüß Sie tausendmal!« sagte sie. »Wir werden nie vergessen, was Sie für uns gethan haben!« Der Empfang wurde dem Freunde des Hauses durch Julian und dessen Mutter möglichst erleichtert, man wetteiferte, ihm Freundschaft und Herzlichkeit zu erweisen.

Abends, als der Professor mit Frau Rose ein Plauderstündchen hielt, worin alle Ereignisse der letzten Zeit noch einmal durchgesprochen wurden – denn die wackere Frau hatte dazu noch kaum Gelegenheit gehabt, und der Gast mußte jetzt aushalten – da begann dieser: »Es ist, als sollte ich in Ihrem Hause von Zeit zu Zeit etwas durchzuleben haben, was meine ganze Natur erschüttert, um sie umzugestalten und von Neuem zu befestigen. Vor neun Jahren eine gefährliche Krankheit, vor Kurzem eine innere Erfahrung, die nur noch bedeutsamer in mein Leben eingreift. Dießmal kann ich nur wenige Tage hier zubringen, denn meine Ferienzeit ist abgelaufen. Damit aber unsere Verbindung eine regsamere und dauernde bleibe, so gebt mir diesen da mit – er nahm Friedel am Arme – und ich will sehen, ob ich einen Gelehrten oder sonst was Tüchtiges aus ihm machen kann.«

Und so geschah es. Begleitet von den Wünschen und Grüßen aller Hausbewohner reiste er mit seinem Zögling ab. Und als er daheim wieder seine Manuscripte und Bücher aufschlug, und an sein Werk über das Volkslied ging, dachte er: Es waren gründliche Studien, die ich inzwischen für das Volkslied gemacht habe! Wie anders tritt mir der Inhalt dieser Poesie jetzt entgegen, da ich aus jenen ursprünglichen Quellen geschöpft habe, die ihnen ewig gültigen Werth geben, an den Quellen der Natur, der Menschlichkeit, der eignen Erfahrung von tieferem Glück und tieferem Schmerz. Das Leben selbst ist die Bedingung aller Dichtung, aller Bildung, und die Gelehrsamkeit wird zum wesenlosen Schatten, wenn sie sich hochmüthig lossagt von den allgemeinen Urquellen und Zielen menschlicher Entwicklung.

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