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Luginsland

Otto Roquette: Luginsland - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorOtto Roquette
titleLuginsland
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
year1867
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Luginsland

Auf freien Höh'n den Blick zu weiden
Baut sich der Mensch den Luginsland,
Die Warte, die um Thal und Haiden
Der Anmuth holde Grenzen spannt.
Wie sehr mit deines Glücks Gedanken
Dem engsten Lebenskreis verwebt,
Dich freut's, auch aus geliebten Schranken
Zu schau'n was in die Weite strebt.
Du athmest freier, siehst die Tiefen,
Der Straßen vielgewundnen Lauf,
Und die dich einst zur Ferne riefen
Die Stimmen wachen in dir auf:
Der raschen Jugend kühnes Wagen,
Ihr unbestimmter Drang und Trieb,
Genuß, Enttäuschung und Ertragen,
Was du gehofft, und was dir blieb,
Was finster um dich zog die Kreise,
Was groß dir durch die Seele ging,
Das führt dir die Gedankenreise
Durch ungemeßnen Lebensring.

Doch mag sie auch im Nebel schwinden,
Jedwede Straße führt zurück,
Und willst du nur sie wieder finden,
Bringt sie dich heim zu deinem Glück.
Da siehst du sie von deiner Warte,
Sie mündet in dem alten Thor.
Die Stadt, wo dein das Glück einst harrte,
Blickt heimathlich zu dir empor.
Den Kirchthurm siehst du, dampfumzogen,
Und suchst auf Gassen vielverzweigt,
Wo dir in Abendgoldes Wogen
Der Rauch des eignen Herdes steigt.
Der Schwalbe rufst du ein Willkommen,
Sie baut vielleicht an deinem Dach,
Und siehst, von Freuden hingenommen,
Dem tiefgesenkten Fluge nach.
Die vor dir stehn unüberwindlich,
Die Mächte, Leben, Welt, Natur,
Du liebst sie, wenn darin du kindlich
Erkennst des eignen Daseins Spur.
Wie hochgespannt du deinem Streben
Die kühn gewagten Grenzen ziehst,
Dich lockt's zurück, wo deinem Leben
Die kleinste Welt dein All umschließt.

So, aus des Daseins engsten Gleisen
Winkt dir von ihrem Luginsland
Zu ungemeßnen Lebenskreisen
Empor der Dichtung Führerhand.
Sie malt, das Kleinste dir erweitend,
Das Hüttendorf, die Felsenschlucht,
Darin das Leben hoffend, streitend,
In Leidenschaft sich flieht und sucht.
Des Menschen Glück, des Menschen Ringen,
In aller Tiefen Grund enthüllt,
Läßt sie geläutert wiederklingen,
Von schöner Wahrheit Licht erfüllt.
Mag sie verschwendend auch gestalten
Was in der Farben Reiz erblüht,
Der Dichtung köstlichstes Entfalten
Will rein entsteigen dem Gemüth.
Dahin, aus jeder Weltenferne,
Die ihre Warte rings beschaut,
Lenkt sie zur kleinsten Welt dich gerne,
Die dir im Innersten vertraut;
Wo dir, selbst in des Irrthums Toben,
Verwandter Ton das Herz erschließt,
Wo du versöhnt auch und erhoben
Dein eignes Wesen wiedersiehst.

Wohlauf denn, willst du ihm vertrauen,
Ein Luginsland ist aufgestellt,
Nicht hoch, doch hoch genug, zu schauen
So manch bewegtes Bild der Welt.
Das Beste draus dir zu erbeuten –
Du wirst die Kunst ja selbst verstehn.
Dein Führer hütet sich zu deuten,
Und stört dich länger nicht im Sehn.

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