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Luginsland

Wilhelm von Polenz: Luginsland - Kapitel 7
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authorWilhelm von Polenz
titleLuginsland
publisherF. Fontane & Co.
printrunZweite Auflage
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Zittelgusts Anna

Der Weber Zittel wohnte in dem belebtesten Teile des Dorfes, dort, wo von alters her Kirche, Pfarrhaus und Schule standen und wo sich neuerdings neben dem Bahnhofe eine Fabrik aufgethan hat. Das kleine Häuschen, welches er bewohnte, gehörte ihm nicht; er hielt Stube und Kammer nur als Mieter inne. Viel Platz brauchte er ja auch nicht, da er Witwer war und nur ein einziges Kind besaß: die zwölfjährige Anna. Ehemals war die Familie freilich stärker gewesen. Im Laufe ein und desselben Jahres waren dem Manne die Frau und zwei blühende Kinder weggestorben, ihn mit dem jüngstgeborenen kränklichen Mädchen allein lassend. Die Gesunden waren gegangen und die Schwächlichen zurückgeblieben.

Zittelgust stammte aus einer Familie, die seit ungezählten Generationen sich den Lebensunterhalt durch Handweberei verdiente. Er war ein langer, hagerer Mann mit schmaler Brust, völlig bartlos, die hohe Stirn über den tiefliegenden Augen setzte sich in eine glänzende Platte fort. Nur im Genick hing ihm von einem Ohr zum anderen ein schmaler ausgefranster Kragen dunklen Haares als letzter Rest ehemaliger Pracht. Der Kopf glich dem eines Gelehrten; aber es war Entbehrung, schlechte Ernährung, Stubenluft, nicht geistige Arbeit, was diesem Gesichte den Stempel der Vergeistigung aufgedrückt hatte.

Man mußte den Mann gehen sehen: die Schultern zusammengezogen, den Kopf geduckt, die Kniee gekrümmt, und man verstand, daß er Armut, Elend und Unverstand vergangener Geschlechter an seinem erschlafften, ausgemergelten, knochenschwachen und bleichsüchtigen Leibe abbüßte.

Zittelgust war als echter Weber abgesagter Feind der frischen Luft. Der muffige Dunstkreis der niederen Holzstube, in der vom frühen Morgen an gegessen, gekocht, gewirkt, getrieben und gespult wurde, bedeutete ihm altgewohntes und geliebtes Lebenselement. Wie etwas Kostbares, ja Geheiligtes, wurde diese Luft gehütet; Thür und Fenster, durch die sie hätte entweichen können, blieben Sommer und Winter hindurch sorgfältig verschlossen.

Man ging den ganzen Tag in Hemdsärmeln, barfuß oder in Holzpantoffeln einher. Stiefel, Rock und Kopfbedeckung, wurden eigentlich nur zum Kirchgang angelegt. Selbst zum Nachbar über die Straße sprang man in dieser unvollkommenen Bekleidung, wenn nicht vorgezogen wurde, das Schiebefenster zu öffnen, das nur so groß war, den Kopf hinauszustecken, um auf diese Weise Neugier und Klatschsucht zu befriedigen und den Bedarf an wissenswerten Ereignissen und Nachrichten einzuziehen.

Der Webersmann war glücklich und zufrieden bei dieser Art Leben. Den Tod seiner Frau und der beiden Kinder hatte er längst verschmerzt. Zittelgust war Philosoph. Sie, hatten eben etwas zeitiger dran glauben müssen, tröstete er sich. Um die Frau grämte er sich noch am meisten; sie fehlte ihm besonders anfangs sehr empfindlich im Hauswesen. Die beiden Kinder aber vermißte er kaum. Sie hatten ihm mehr Not und Sorge gemacht als Freude. Für den Armen fällt es eben schwer ins Gewicht, wieviel Menschen an seinem Tische niedersitzen. Jetzt, wo die Familie klein war, ließ sie sich auch billiger ernähren. Er hatte in den letzten Jahren sogar anfangen können, von seinem Weberverdienst zurückzulegen, woran vordem nicht zu denken gewesen.

Anna, sein einziges überlebendes Kind, machte ihm wenig. Not. Sie war ein kleines, blasses, schmales Ding, der Körper in der Entwicklung stark zurückgeblieben, während das Gesicht mit seinen ausgearbeiteten Zügen den Eindruck der Frühreife hervorrief. Aus großen, verständigen Augen blickte die Zwölfjährige in die Welt, maß kritisch alle Erscheinungen, die in ihren Gesichtskreis traten, mit ihrem altklugen Kinderurteil. Ihr schmaler Mund verzog sich leichter zu einem spöttischen Lächeln, als daß er ein fröhliches Gelächter oder Schreien hätte hören lassen. Denn dieses junge Geschöpf, das nur die Weberstube, ein Stückchen Dorfstraße und die Schulbank kannte, hatte doch ein fertiges Weltbild im Kopfe, war ein kleiner selbstbewußter, spröder, scharf beobachtender und scharf urteilender Mensch.

Jung wie sie war, hatte Anna schon mancherlei durchgemacht. Sie war das Sorgenkind der Mutter gewesen, von ihr verwöhnt und verhätschelt, von den älteren Geschwistern eher scheel als freundlich angesehen und gelegentlich geneckt und gequält. Dann mit einem Male durch der Mutter Tod verwaist und als einziges Kind eine viel wichtigere Person, als vordem.

Sehr bald wurde sich Anna ihrer besonderen Stellung bewußt. Schon in zartem Alter übersah sie ihren Vater. Der Witwer war ängstlich von Natur, ratlos, zaghaft und in allem, was nicht sein Gewerbe betraf, unbeholfen. Er bedurfte der Abwartung und Fürsorge, war gewöhnt, daß ihm jemand das Essen zubereite, sich um seine Kleidung kümmere, alles, was nötig, herbeischaffe und bedenke, während er vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht am Webstuhl saß. und wirkte.

Die kleine Anna nahm nach und nach die Führung des Hauswesens an sich. Große Kochkünste waren eben nicht nötig. Frühmorgens Haferschleim, mittags Kartoffeln und Heringstunke, im besten Falle gab es mal Speck dazu oder Wurst, abends wieder Kartoffeln mit Salz und Schmalz; die übrigen Mahlzeiten wurden mit Butterschnitten und Kaffee bestritten.

Früh, ehe Anna zur Schule ging, setzte sie das Essen, an, schärfte dabei dem Vater ein, daß er gelegentlich nachlege und den Topf rücke. Wenn sie wiederkam, füllte sie dann die Speise um in die große runde Schüssel, aus der sie Tag aus Tag ein gemeinsam aßen. Den trüben und herzlich dünnen, Kaffee trank man dazu aus braunen Henkeltöpfen. Zwar besaß man Teller und Tassen; Blumen waren darauf gemalt, Rosen und Vergißmeinnicht, auch mancher sinnige Spruch in Goldschrift. Wohlverwahrt standen solche Kostbarkeiten im Spind; aber nur zum Staatmachen waren sie da. Auf den Gedanken, dergleichen zum Essen und Trinken zu benutzen, wäre man niemals gekommen.

Bei diesen beiden Menschen drehte sich von früh bis spät alles um die Weberei. Zittelgust arbeitete für einen Fabrikanten, der eine größere Anzahl Handweber beschäftigte.. Da der Weber sich um nichts weiter zu kümmern brauchte als um die Leinewand, die er gerade auf dem Stuhle hatte,, da keine Feldarbeit, keine andere Hantierung ihn abzog, brachte er eine Menge vor sich. Die kleine Anna stellte ihm auch darin eine tüchtige Gehilfin. Zwar zum Wirken war sie zu schwächlich, aber das Treiben und Spulen hatte sie schon früh gelernt. Auch beim Andrehen und Scheren ging sie dem Vater zur Hand, wie beim Aufbäumen der Kette. War aber einmal das Garn verworren oder der Faden gerissen, dann verstand sie es mit ihren geschickten kleinen Fingern, wie niemand anders, das Ganze wieder in Schuß zu bringen.

In allen schwierigen Fragen verließ sich der Vater auf sie. Zittelgust war zwar durchaus nicht etwa dumm, aber die angeborene Ängstlichkeit hinderte ihn häufig, von seinem Verstande Gebrauch zu machen.

Wenn nicht die kleine Anna gewesen wäre, hatte er sich von aller Welt übers Ohr hauen lassen. Aber das Kind war auf dem Posten; Anna paßte auf, daß der Kaufmann den Vater nicht überteure, sie kümmerte sich darum, ob der Fabrikant die entsprechende Menge Garn geliefert habe, und daß dem Weber bei Ablieferung der Leinewand keine ungerechtfertigten Abzüge gemacht würden.

Bei alledem versäumte das Kind seine Schulpflichten nicht. Anna Zittel war eine der besten Schülerinnen der Dorfschule. Sie schrieb eine saubere Handschrift, rechnete fix und konnte ihre Gesangbuchlieder und Bibelsprüche so gut auswendig, daß man sie mitten in der Nacht hätte wecken können, und auf das betreffende Stichwort würde sie Vers oder Lied heruntergeschnurrt haben, wie der Leierkasten sein Stücklein.

Sie war daher ein besonderer Liebling der Lehrer und wurde den anderen Mädchen immer als Beispiel von Fleiß und guten Sitten vorgehalten. Vielleicht war ihr Verdienst nicht so sehr groß; schwächlich wie Anna war, konnte sie an dummen Streichen kaum teilnehmen. Und das Lernen wurde ihr eben leicht.

Anna war sich bewußt, etwas Besonderes zu sein. Mit stiller Verachtung blickte sie auf die anderen, minderbegabten Mädchen herab; die Jungen aber, die auf der anderen Seite der Schulstube saßen, waren ihr wegen ihrer Begriffsstutzigkeit lächerlich und wegen ihrer Unmanierlichkeit ein Greuel.

Sie las gern und war die fleißigste Kundin der Schulbibliothek. Die Bücher, die sie von dort mit nach Haus brachte, pflegte sie abends ihrem Vater vorzulesen. Der hatte, wenn er Tags über am Webstuhle saß, bei seiner mechanischen Tretarbeit Zeit genug, das Gehörte weiter auszugrübeln und zu Ende zu spinnen.

So lebten diese beiden Menschen glücklich und zufrieden mit einander. Zittelgust vermißte das verstorbene Weib kaum noch; seine Anna ersetzte ihm die Lebensgefährtin vollauf. Daß ihn das Töchterchen ein wenig tyrannisierte, empfand er nicht unangenehm; er wollte es gar nicht anders haben.

Der altersgebräunte Webstuhl aber in der Ecke, der nun schon der dritten Generation diente und manches Tausend Ellen Ware geliefert haben mochte, ließ unter dem gleichmäßigen Treten des Webers seinen altmodischen Rhythmus erklingen. Da ratzte das Trittschemelgeschlinge, der Schützen sauste geschäftig hin und her und schlug schlitternd in die Kammer, und die Lade brummte und dröhnte, daß man schon von weitem auf der Dorfstraße des Meisters regen Fleiß an der Melodie erkannte, die sein Webstuhl sang.

Selten kam mal jemand zu Besuch. Bei Zittelgust gabs wenig zu holen, das wußten die Nachbarn. Während Witwer sich sonst oftmals nicht retten können vor dem Ansturm der ledigen Weiber, die ihnen aus Christenliebe helfen und raten wollen in ihrer Einsamkeit, blieb Zittelgust ziemlich verschont von solcher Zudringlichkeit. Er war eben ein armer, dürftiger Schlucker, und keine mannbare Jungfer, keine einsame Wittib riß sich darum, Nachfolgerin zu werden der verstorbenen Frau Zittel.

Nur eine Person kam häufiger ins Haus, das war die Rötschken. Sie war eine Handelsfrau. Ihr Mann besaß draußen am Walde ein Häuschen mit etwas Feld dazu. Die Rötschken hatte kein leichtes Leben. Ihr Mann war ein Bruder Liederlich und Trinker. Sie mußte ihn mitsamt den beiden Kindern erhalten. Wenn sie nicht auf dem Felde arbeitete, dann fuhr sie im Lande umher und handelte mit Schürzenzeug, Haderstoff, Bändern und Leinwandresten, die sie billig aufkaufte und mit Profit loszuwerden suchte. Viel kam dabei nicht heraus: denn was sie etwa auf den Preis schlug, das mußte sie wieder für Eisenbahnfahrt und Schlafquartier an den fremden Orten ausgeben. So kam sie trotz aller Betriebsamkeit auf keinen grünen Zweig, aber sie erhielt sich und die Ihrigen doch wenigstens am Leben.

Mit Zittelgust war die Rötschken von Jugend auf gut bekannt. Sie stammten von einem Jahrgang, hatten in einer Klasse zusammengesessen, waren an einem Ostern konfirmiert worden.

Der Grund, weshalb die Handelsfrau so oft bei ihrem Freunde Zittel einkehrte, war ein praktischer: sie brauchte einen Platz zum Aufstapeln ihrer Ware. Statt die Ballen, Säcke und Stücke bis ans Ende des Dorfes, wo sie wohnte, hinauszuschleppen, ließ sie sie lieber hier in der Nähe des Bahnhofs. Bei Zittelgust war die Ware gut aufgehoben; der Weber nahm auch kein Lagergeld, im Gegenteil, wenn die Handelsfrau müde und hungrig von der Reife zurückkehrte, durfte sie sich in dieser Herberge ausruhen und wärmen, so lange sie wollte, und wenn es der Zufall oder die gute Nase der Rötschken wollte, daß sie in eine Mahlzeit fiel, dann bekam sie reichlichen Anteil von dem, was gerade auf dem Tische stand.

Dafür erzählte sie dann dem Weber, der nie aus seinen vier Pfählen herausgekommen war, wie es draußen in der Welt zugehe, wie schlecht die Menschen seien, welche Schwierigkeiten man habe, sein Geld von den Kunden hereinzubekommen, und welche Listen man anwenden müsse, um ehrlich durchzukommen. Auch die Sehenswürdigkeiten in den Städten wußte sie mit beredtem Munde zu schildern, gelegentlich auch flocht sie mal die Schilderung eines schrecklichen Unglücksfalles ein. Zittelgust hörte ihr mit offenem Munde zu; ihre Besuche bedeuteten ihm willkommene Zerstreuung. Die Rötschken mit ihren Erzählungen ersparte ihm das Halten einer Zeitung.

Lina Rötschke war ein derbes, rotwangiges, kerngesundes Frauenzimmer. Unverdrossen und skrupellos schritt sie durchs Leben. Jede Gelegenheit verstand sie auszunutzen, alles, auch das Geringste zu Rate zu ziehen. Wo hätte sie sonst bleiben sollen mit einem verschuldeten Grundstück, einem Mann, der trank, und Kindern, die noch nicht aus der Schule waren! – Sie hatte neben ihrem Hausierhandel noch einige kleine Nebenbeschäftigungen, die gelegentlich was abwarfen, so das Vermieten von Mägden an Bauern oder von Kindermädchen und Ammen in die Stadt. Auch mit Heiratsvermitteln gab sie sich ab, wenn es gerade in den Gang der Geschäfte paßte. Kurz die Rötschken war eine vielbeschäftigte, vielerfahrene Person, die nicht leicht etwas verblüffte oder ratlos fand.

Anna liebte die Freundin des Vaters nicht. Jedes Butterbrot, jede Tasse Kaffee, welche die Handelsfrau bei ihnen verzehrte, war in Annas Augen unverantwortliche Verschwendung. Daß der Vater so viel Gefallen fand an der Unterhaltung mit der Person, paßte ihr ganz und gar nicht. Anna war eifersüchtig, fühlte sich beeinträchtigt in dem, was sie für ihr alleiniges Recht ansah. Instinktiv witterte das Kind in dieser Frau eine Rivalin und lehnte sich gegen den fremden Einfluß, von dem sie ihr Machtgebiet bedroht sah, auf. Daß die Rötschken allerhand Versuche machte, ihre Freundschaft zu gewinnen, änderte nichts an Annas ablehnendem Verhalten. Das Kind ließ sich so leicht nicht kirren.

In der letzten Zeit klagte die Rötschken oft, wenn sie bei ihrem Freunde Zittelgust einkehrte, über schlechten Geschäftsgang. Auch daheim hatte sie viel Sorge und Not. Der Mann trieb es schlimmer denn je, in der Betrunkenheit schlug er alles kurz und klein. Ihre beiden Kinder, die nun aus der Schule waren, hatte sie in die Stadt gethan, den Jungen als Lehrling, die Tochter als Dienstmädchen. Das bedeutete eine Erleichterung, aber auf der anderen Seite fehlten ihr diese Hände in der Hauswirtschaft und auf dem Felde. Alles blieb da liegen; denn der Trunkenbold von Mann saß in der Schenke und wollte keine Arbeit anrühren.

Eines Tages nun kam die Rötschken in ungewöhnlicher Erregung zu Zittelgust herein. Sie war auf dem Wege zum Standesbeamten und zum Pastor. Ihr Mann war die Nacht zuvor im Säuferdelirium gestorben. Die Trauer der Jungverwitweten war zwar anscheinend nicht groß; immerhin brachte sie anstandshalber ein paar Thränen hervor, wohlbedacht, ihren Vorrat nicht vorzeitig zu erschöpfen. Denn sie brauchte deren noch im Pfarrhause und verschiedenen Freunden und Bekannten gegenüber.

Zum Begräbnis ging Zittelgust selbstverständlich mit. Anna hatte ihm den langschößigen Kirchenrock und den abgeschabten Cylinder ausbürsten müssen. Das Mädchen stand am Fenster, als der Zug vorbeikam. Ihrem Blicke entging nichts. Sie sah die Rötschken hinter dem Sarge schreiten, schwarz angethan, das weiße Taschentuch vor den Augen – wie es sich für die Witwe schickt – der Vater schritt unter den Nachbarn.

Dem Kinde war nicht wohl zu Mute. Ohne daß sie recht den Grund dafür gewußt hätte, sagte ihr eine dunkle Ahnung, daß für sie nunmehr böse Zeiten kommen würden.

Der Vater kam spät heim. Er war in einem Zustande, den sich Anna zunächst gar nicht erklären konnte. Er sang und erzählte allerhand verworrenes Zeug. Bis das Mädchen, als sie ihm den Kirchenrock abnahm, am Geruche merkte, daß er Schnaps getrunken habe. Sie hatten den Hingang des Säufers in der Schenke gebührend gefeiert.

Fortan kam die Rötschken öfters noch als vordem; war sie doch nun verwitwet und in ihrem Thun und Lassen unbehindert.

Nicht bloß um sich ein wenig auszuruhen, ihre Sachen abzulegen und eine Stärkung zu sich zu nehmen, sah man die Handelsfrau jetzt bei ihrem Freunde aus- und eingehen, auch außer der Zeit kam sie, blieb stundenlang; und manchmal sahen neugierige Augen sogar des Abends spät die Witwe das Haus des Witwers verlassen. Man fing an, über die beiden zu sprechen.

Der Weber Zittel begann seine Angewohnheiten völlig zu ändern. Er kaufte sich einen neuen Anzug. Beim Weben trällerte er allerhand lustige Melodieen vor sich hin. Des Abends ging er jetzt häufig aus, und Anna konnte nicht von ihm erfahren, wo er sich dann hinbegebe. Aber in ihrem klugen Kopfe brachte sie seine Ausgänge zusammen mit jener Frau, die sie niemals hatte leiden können.

Ein Gefühl großer Bitterkeit bemächtigte sich der Kindesseele. Die Kleine fühlte sich verdrängt, entthront. Den Vater zu pflegen, stets um ihn zu sein, ihn zu leiten und für ihn zu sorgen, war ihr gutes Recht und ganzes Glück gewesen. Nun wollte ihn ihr eine andere abspenstig machen! –

Anna machte kein Hehl aus dem, was sie empfand. Sie behandelte den Vater barsch und unfreundlich, seit der sich mit der Rötschken so tief eingelassen. Zittelgust hatte dem Kinde gegenüber kein gutes Gewissen. Wenn er des Nachts spät zurückkam, stahl er sich ins Bett wie ein Sünder, um Annas Fragen, wo er gewesen, zu entgehen.

Neun Monate etwa waren verflossen, seit die Rötschken ihren trunkenboldigen Mann beerdigt hatte, da kam sie eines Sonntags frühzeitig, um Zittelgust zum Kirchgang abzuholen. Sie war besonders feierlich angethan in einem lila Kleid, mit einem prächtigen Hut, von dem herab künstliche Blumen nickten, während man Lina Rötschke bisher nur in einfachster Gewandung mit einem Kopftuch in der Kirchfahrt erblickt hatte.

Sie trug ein längliches Paket unter dem Arm, das sie mit feierlicher Miene auf den Tisch niederlegte. Dann rief sie die kleine Anna herbei, die verdutzt in der Ecke gestanden hatte, die ungewohnte Pracht dieses Aufzuges anstaunend.

»Na, kumm ack Madel! Bis ack nich tumm. Hier ha'ch der och was mitgebracht!« hieß es. Da Anna nicht dazu zu bewegen war, entfernte die Rötschken selbst die Hülle von dem Paket. Ein Stück bunten Kleidstoffs kam zum Vorschein. »Das is für dich, Madel, zu an Kleede. Sieh der 's ack an! Da wirst de schiene drin giehn, zur Huxt!« Dabei stieß sie Zittelgust, der verlegen kichernd dabei stand, mit dem Ellbogen an. »Nu ja doch! Se muß doch och mit zur Kirche, wenn der Vater sich a Weib nimmt! Heute is 's erste Aufgebot von der Kanzel, daß de 's nur weeßt!«

Anna sagte kein Wort des Dankes. Steif wie ein Stock stand sie vor dem Kleid, das sie geschenkt bekam.

Dann ging der Vater mit der Rötschken zur Kirche. Sie wollten sich doch der Gemeinde zeigen als Brautpaar und das Aufgebot persönlich mit anhören. Mittags kamen sie nach Haus und nahmen das Essen ein, das Anna gekocht hatte. Dabei gab es allerhand Scherze, verstohlenes Händedrücken, Anstoßen und Streicheln zwischen den Liebesleuten.

Anna saß mit weit aufgerissenen, erstaunten Augen dabei. Die beiden ließen sich durch die Anwesenheit des Kindes nicht in ihren Zärtlichkeiten stören. Nachmittags unternahmen sie einen Ausflug. Anna wurde zu Haus gelassen; es hieß, sie vertrage das weite Gehen nicht.

Es wurde über diese beiden viel im Dorfe hin und her gesprochen. Zwar war es durchaus nichts Ungewöhnliches, daß ein ehrbarer Witwer eine ehrbare Witfrau zum Weibe nahm – was man einmal mit heiler Haut durchgemacht hatte, konnte man schließlich auch ein zweites Mal riskieren. – Trotzdem forderte diese Verbindung das Kopfschütteln der Leute heraus.

Lina Rötschke war bekannt als eine praktische Frau, die das Gras wachsen hörte. Mit ihrem ersten Manne war sie hereingefallen, und nun, wo sie den glücklich los war, nahm sie sich, kaum daß das Trauerjahr um war, einen neuen. Und was für einen! –

Was versprach sie sich eigentlich von dem Weber? Dieser hiefrige, lendenlahme, dürftige Stubenhocker! Eine Frau wie sie, nahm es doch bequem mit einem halben Dutzend von seiner Sorte auf. Und dazu als Anhang das kränkelnde Kind von der ersten Frau. Ordentlich zugreifen würde Anna kaum jemals lernen und dabei wollte sie doch auch gefüttert sein.

So sprachen die Nachbarn weise hin und her. Da sah mans wiedermal, wie die Verliebtheit selbst die gescheitesten Weiber rappelköpfisch machte! –

Die Leute hatten gut reden. Die Rötschken wußte ganz genau, was sie that. Verliebtheit war kaum im Spiele; die lag nicht in ihrer Natur.

Lina Rutschte rechnete so: ihr erster Mann hatte ihr und den Kindern ein Grundstück hinterlassen, das hoch verschuldet war. Der Sohn, der sich an das Stadtleben gewöhnt hatte, bedankte sich dafür, ins Dorf zurückzukehren und dort unter schwierigen Verhältnissen zu wirtschaften; ähnlich hatte sich die Tochter geäußert.

Aber jemand mußte doch sein, der nach Haus, Stall und Feld sah, während die Besitzerin verreist war. Denn die Rötschken gedachte ihren Handel keineswegs aufzugeben; im Gegenteil, jetzt wollte sie das Geschäft in größerem Maßstabe betreiben. Sollte man nun für die kleine Wirtschaft eine Magd annehmen, oder gar einen Knecht? – Das kostete schweres Geld, und dann machten einem die Leute nichts recht, verdarben mehr, als sie schafften, und wenn man sie scharf rannahm, kündigten sie einem womöglich den Dienst auf. Alles das paßte der Rötschken nicht. Sie wollte jemanden haben, der ihr widerspruchslos Gehorsam leistete, der niemals aufmuckte und von dem man nicht befürchten mußte, daß er eines Tages davonlaufe.

Diese Person glaubte sie in dem Weber Zittel gefunden zu haben. Daß er ein Schwächling war, ängstlich und verschüchtert, sah sie natürlich auch. Aber in ihren Augen bedeutete das keinen Fehler. Ihr erster Mann war in seinen guten Tagen ein Riese gewesen an Kraft; gar manchmal hatte sie darunter zu leiden gehabt. Da lobte sie sich den sanften Gust, der würde ihr aus der Hand fressen. Daß er ein Kind mitbrachte in die Ehe, war zwar nicht angenehm; aber schließlich hatte jeder Mensch seine Fehler. Anna war kränklich und würde vielleicht jung sterben; und wenn sie am Leben blieb, konnte man sie beschäftigen mit Weben oder in der leichten Feldarbeit. Einen halben Dienstboten ersetzte einem das Mädel doch, wenn man sie richtig herannahm.

Alles das überschlug die kluge Frau im Geiste, stellte Ziffer gegen Ziffer, Posten gegen Posten. Und das Resultat der Berechnung war, daß ein Plus herauskam für die Verbindung mit Zittelgust.

Nachdem sie sich ihm einmal anverlobt hatte, nahm sie auch sofort alles energisch in die Hand. Die Wohnung, welche der Weber seit vielen Jahren innegehabt hatte, wurde gekündigt; in Zukunft sollte er ja bei ihr wohnen.

Zittelgust fügte sich murrlos in alles. Er war trotz seiner Jahre verliebt bis über die Ohren in die Braut. Ihm hing der Himmel voller Geigen. Nun werde er erst anfangen zu leben, glaubte er. Die Warnungen der Nachbarn wurden von ihm verlacht als müßiges Geschwätz oder boshafte Mißgunst. Und auch die trübe Miene seines Töchterchens beachtete er nicht weiter. Anna verstand wohl nichts davon, sah nicht, daß auch für sie dieser Wechsel ein großes Glück bedeute.

Leichten Herzens nahm er Abschied von allem, was bisher sein Glück ausgemacht, von den vier Wänden, in denen er mit der verstorbenen Gattin Leid und Freud durchlebt hatte.

Anders faßte die kleine Anna die Veränderung auf. Sie hing voll Liebe an dem Raume, der niederen Weberstube, in der sie ihr junges Leben zugebracht, an der ganzen vertrauten Umgebung, dem Stückchen Dorfstraße, das man vor den Fenstern hatte, an allem ringsum. Ihr war zu Mute, als müsse sie eine Reise antreten in ein fernes unbekanntes Land, weil sie diesen Teil des Dorfes verlassen und eine Viertelstunde weiter ziehen sollte.

An alles das aber, was die Rötschken erzählte von ihrem Hause, dem Grasgarten dabei mit den Obstbäumen, den Ziegen im Stalle, den Hühnern und Gänsen, die sie besitze, glaubte Anna einfach nicht. Und als sie es nach einem Besuche in dem neuen Heim doch schließlich mit eigenen Augen sah und nicht mehr wegleugnen konnte, verachtete sie es im Herzen. Ihre Holzstube war doch viel schöner gewesen, als alles, was die fremde Frau besaß. Das Kind war nun mal entschlossen, diese Person zu hassen, von der sie wußte, daß sie ihr und des Vaters Unglück bedeute.

Anna blieb still und verschlossen, klagte nicht, lebte alles das stumm in sich hinein. Was wollte sie thun? Sie war ja ganz in der Hand der Erwachsenen. Keinen Freund besaß sie, niemanden, dem sie ihr Leid hätte klagen dürfen.

Ihre Erholung war die Schule. Dort galt sie etwas, dort konnte sie zeigen, daß auch sie etwas sei. Während die anderen Mädchen ihres Alters bereits von Liebschaften tuschelten, sah sie dem Augenblicke, wo die Schulzeit zu Ende sein würde, mit Bangen entgegen. Denn was sollte dann aus ihr werden? –

Die Hochzeit hatte stattgefunden. Die Rötschken hieß nun Frau Zittel, und ihr Mann war mit der kleinen Anna zu ihr gezogen.

Das Haus lag als letztes des Dorfes oben am Waldrande. Den Kirchturm und die Fabrikesse sah man ganz aus der Ferne. Es war wirklich, als sei man in eine andere Welt versetzt. Hier gab es keine Dorfstraße, nur ein schmaler Feldweg verband das Häuschen mit der übrigen Welt. Zum Schulweg brauchte Anna jetzt eine halbe Stunde Zeit, während sie früher nur über die Straße gesprungen war.

Und gar verändert war das Leben, das sie hier oben führten. Wenn der Tag kaum graute, mußte aufgestanden werden. Die Hausfrau trieb ihre Leute zeitig aus den Federn und stellte sie zur Arbeit an.

Jede Minute war da ausgefüllt. Die Ziegen wollten gefüttert sein, die Eier mußte man zusammensuchen aus den Verstecken, wohin die eigensinnigen Tiere sie gelegt hatten. Und war man in Haus und Hof fertig, dann gings hinaus aufs Feld. Zittelgust, der niemals Hacke und Spaten in der Hand gehabt hatte, sollte bei seinen Jahren noch lernen, Feldarbeit verrichten. Er stellte sich dabei jedoch so hoffnungslos ungeschickt an, daß es die Frau bald aufgab, ihn vor die Egge zu spannen, ihn das Gras mähen oder das Getreide dreschen zu lassen. Nichtmal einen Schubkarren mit dem Jauchenzuber konnte er hinausfahren, ohne umzuwerfen. Schließlich richtete er nur Schaden an. Da war er noch besser hinter dem Webstuhle untergebracht.

Um so mehr wurde die kleine Anna von der Stiefmutter nützlich gemacht. Zu Arbeiten wie: Unkrautjäten, Gießen, Rechen, Heuwenden, Pflanzen, Kartoffelhacken und dergleichen war sie ganz gut zu verwenden. Auch das Besorgen des Kleinviehs hatte sie sehr bald erlernt. Im stillen wunderte sich Frau Zittel, wie geschickt und gelehrig das Kind sei. Nur aus dem Schlaf war sie so sehr schwer zu wecken. Ordentlich angefaßt wollte sie sein, um sie früh wach zu bekommen. Nun, daran ließ es die Stiefmutter nicht fehlen. Eine Dienstmagd konnte nicht schärfer zur Arbeit angehalten werden, als das schwache Kind.

Zittelgust saß also auch im neuen Heim Tag ein Tag aus am Webstuhl. Er war sehr fleißig. Hinter ihm stand seine Frau, die es nicht an aufmunternden Bemerkungen fehlen ließ, wie: wer essen wolle, müsse auch arbeiten, und sie habe keine Lust, einen faulen Mann auf ihrem Puckel durchzuschleppen.

Das Feld lag dicht am Hause. Selbst wenn sie draußen war, konnte die Gattin daher feststellen, ob der Mann daheim auch schön fleißig sei. Wenn dort der Webstuhl mal aussetzte, dann kam sie herbeigeeilt und fragte durchs Fenster: warum er nicht wirke.

Zittelgust fand, daß zwischen seiner ehemaligen Freundin, der Rötschken, und seiner jetzigen Frau ein gewaltiger Unterschied bestehe. Manchmal beschlich ihn ein Ahnen, daß er, als er den Witwerstand aufgegeben, die größte Dummheit seines Lebens begangen habe. Aber er hütete sich wohl, die Gattin von solchen Anwandlungen etwas merken zu lassen. Schlecht genug würde ihm das bekommen sein.

Die besten Zeiten für ihn waren die, wenn seine Frau verreiste. Dann kochte Anna für ihn, und er webte; das erinnerte beide an die schönen Zeiten, wo sie allein miteinander gehaust hatten. Aber selbst aus der Ferne übte die Gestrenge ein unsichtbares Regiment aus über die beiden Menschenkinder. Zittelgust sowohl wie Anna wußten, daß sie zurückgekehrt, mit scharfem Auge feststellen würde, was in ihrer Abwesenheit im Hause vor sich gegangen sei; ob Anna die Tiere gut versorgt und die aufgetragene Arbeit in Garten und Feld richtig ausgeführt habe. Wehe den beiden, wenn sie nach Ansicht der Hausfrau müßig gewesen waren. Dann gab es harte Worte. Und es blieb nicht immer beim Schelten allein. Frau Zittel hatte ein recht leichtes Handgelenk, das sie nicht gern aus der Übung kommen ließ.

Der Herbst kam heran. Die Äpfel und Birnen im Garten reiften. Aber Zittelgust und Anna, die vordem viel davon zu hören bekommen hatten, wie wohlschmeckend solcher Fruchtsegen sei, fanden sich betrogen in ihrer Hoffnung, hiervon etwas zu genießen. Das Obst wanderte zum Händler. Auch die Gänse und Hühner, die man mit soviel Mühe aufgezogen hatte, wurden zu Geld gemacht, statt daß man sie, wie Zittelgust allzukühn geträumt, in der eigenen Pfanne gesehen hätte.

Mit dem Herbst kam die kühlere Witterung, die kurzen Tage und langen Nächte. Ganz anders pfiff der Sturmwind hier oben um den Giebel, als unten im warmen Dorf, wo ein Haus das andere schützte. Anna lag manchmal des Nachts wach in ihrer Kammer und hörte mit Grauen, wie der Wind hohl tönend über das freie Feld gestrichen kam, und wie es im nahen Walde brauste, knackte, heulte und ächzte. Furchtbare Geräusche waren das für das Weberkind, das nur das gemütliche Klappern und Brummen des Webstuhls gewöhnt war. Die freie Natur flößte ihr Bangen ein. Der Wald, in den sie nie den Fuß gesetzt hatte, stellte sich ihrer Phantasie dar als der düstere Sitz einer Horde böser Geister, die es auf sie abgesehen hatten.

Noch Schlimmeres brachte der Winter. Hohe Schneemauern umgaben das kleine Haus, daß man kaum aus den niederen Fenstern blicken konnte. Da mußte die kleine Anna Besen und Schaufel zur Hand nehmen, um Weg und Steg frei zu machen.

Und dabei war sie so furchtbar müde, alle Glieder thaten ihr weh. Am liebsten wäre sie früh gar nicht mehr aufgewacht. Es kam vor, daß Anna in der Schule einschlief vor Ermattung. Schon lange gehörte sie nicht mehr zu den besten Schülerinnen. Sie, die Strebsame, Wißbegierige, war laß geworden, träge und gleichgiltig. Selbst der Konfirmationsunterricht, der nunmehr begonnen hatte, und die Aussicht, zu Ostern aus der Schule zu kommen, änderten daran nichts. Für sie gab's ja keine Hoffnung auf Besserung; ihr Leben würde nach wie vor elend und qualvoll bleiben. Viel besser wäre es gewesen, wenn der Tod sie mitgenommen hätte, als er damals die Mutter und die älteren Geschwister holte.

Wenn sie auf dem Wege zur Schule an dem Hause vorbeischlich, in dem sie vordem gewohnt hatte, dann kam ihr alles, was gewesen war, wie ein Traum vor. Kaum daß sie begreifen konnte, daß sie und die Anna von damals ein und dieselbe Person seien. Wie hatte sich in dem kleinen, einfachen Hause, das ihrer Erinnerung dennoch wie ein Paradies erschien, alles verändert. Hier wohnten jetzt Leute, die aus der Fremde zugezogen waren. Eine Familie mit einem Haufen halberwachsener Kinder, die in die nahe Fabrik auf Arbeit gingen. Laute, wilde Gesellschaft wars. Kein Webstuhl klapperte mehr in der Ecke. Wüst und schmuddelig sahen Wände, Fenster und Gerät aus, wie Anna feststellte, als sie von Neugier getrieben einen Blick in das alte, traute Stübchen warf.

Eines Morgens, als die Stiefmutter sie wie gewöhnlich frühzeitig weckte, vermochte Anna sich nicht vom Lager zu erheben. Es ging nicht, beim besten Willen gings nicht. Ihr Rücken war wie gebrochen.

Die robuste Frau hielt das für Verstellung. Sie wollte Anna mit Gewalt antreiben, riß sie aus dem Bett empor. Aber das hatte nur zum Erfolg, daß sich das Kind mühsam bis zur Thür schleppte und dort ohnmächtig zusammenbrach. Nun mußte Frau Zittel doch einsehen, daß es sich hier nicht bloß um Verstellung handle.

Anna konnte von da ab den weiten Schulweg nicht mehr zu Fuß zurücklegen. Man kam auf folgendes Auskunftsmittel: die Kinder der nächsten Nachbarn spannten sich vor einen Handwagen. Dahinein wurde Anna gesetzt. Leicht war sie ja! So ging es im Galopp, mit menschlichen Pferden, erst den schmalen Feldweg hinab und dann auf der Dorfstraße fort zur Schule. Mit gelblichem Gesicht, verlegen lächelnd, saß Anna in dem kleinen Fahrzeuge. Sie schämte sich, daß ihr Zustand auf diese Weise vor aller Welt offenbar werde.

Aber nach einiger Zeit ging das auch nicht mehr. Anna war zu schwach, das Bett zu verlassen. Lange wurde darüber hin und her beraten, ob man den Doktor holen solle. Wenns nach Zittelgust allein gegangen wäre, hätte man ihn gerufen; der Vater wollte die kleine Anna nicht gern hergeben. Aber er hatte ja nichts zu bestimmen; die Hausfrau regierte, und die war der Ansicht, daß der Arzt zu kostspielig sei. Es wurde versucht, Anna mit allerhand Kräutern, Einreibungen und Mixturen wieder auf die Beine zu bringen.

Frau Zittel war durchaus keine böse Frau; im Grunde ihres Herzens lebte eine gewisse Gutmütigkeit. Sie war gesund und kräftig von Natur, und wie es bei solchen Menschen manchmal der Fall ist, war sie grausam aus reiner Naivetät. Die Krankheit der anderen kam ihr wie Unrecht, zum mindesten wie Dummheit, vor.

Die Kraft hat eben keine Geduld mit der Schwäche. Munter und leichten Sinnes schreitet der Starke über den Schwächling hinweg und empfindet dessen Gebrechen womöglich noch als Beleidigung. Frau Zittel klagte oft ganz ernsthaft, daß sie schön hereingefallen sei bei ihrer zweiten Heirat. Ein Mann, der zu nichts tauge als zum Weben, und dazu ein sieches Kind, das statt Arbeit zu verrichten, welche verursache. Ihr war wirklich ein schweres Kreuz auferlegt vom lieben Gott! –

Schließlich mußte sie sich doch entschließen, den Doktor kommen zu lassen. Es geschah mehr, um das Gerede der Leute zum Schweigen zu bringen, als um Annas willen. Das Dorf sollte kein Recht haben, sie eine böse Stiefmutter zu nennen.

Der Arzt bezeichnete Annas Leiden als ein schweres. Er gab keine Hoffnung, daß das Kind jemals wieder hergestellt werden könne.

Von dem Augenblicke ab, wo feststand, daß es mit der Stieftochter zu Ende gehe, war Frau Zittel die Gutherzigkeit in Person gegen die Kranke. Während man die Lebende hatte verkommen lassen, mußte der Sterbenden jeder Wunsch erfüllt werden, und wäre er noch so unvernünftig gewesen.

Die kleine Anna, deren Bedürfnisse früher die bescheidensten gewesen waren, äußerte mit einem Male Gelüste nach allerhand Leckerbissen. Beim Landvolke sind solche Wünsche eines vom Tode gezeichneten Menschenkindes geheiligt. Die Stiefmutter scheute keinen Weg, keine Kosten, zu schaffen, was Anna heischte.

Für einige Wochen tyrannisierte die Sterbende so das ganze Haus. Ihr Bett war hinuntergeschafft worden in die große Stube, damit sie warm liegen solle. Der Vater mußte nach ihrem Kommando springen, ihr dies und jenes herbeiholen, an ihrem Bette sitzen und ihr vorlesen. Es war, als sei die gute Zeit zurückgelehrt, wo die beiden allein gewesen waren und Anna unumschränkt über ihn geherrscht hatte.

Einmal kam auch der Pastor und betete mit ihr. Von da ab wurde sie stiller, teilnahmloser scheinbar. Es war ihr nun wohl zum Bewußtsein gekommen, daß der liebe Gott ihren Wunsch erfüllen wolle, sie zu sich zu nehmen.

Eines Nachts wurde das Ehepaar Zittel durch anhaltendes Klopfen von der großen Stube her geweckt. Das war das verabredete Zeichen, durch welches die Kranke sich meldete. Die Frau eilte aus der Schlafkammer hinunter. Aber Anna wehrte sie mit ungeduldiger Gebärde ab. Sie wollte den Vater haben.

Mit kundigem Blicke sah die Stiefmutter, daß es hier zu Ende gehe. Das waren die starr in weite Ferne gerichteten Augen, das verlängerte Gesicht, die unruhig arbeitenden Hände, welche die haben, die sich zur letzten Reise anschicken.

Sie eilte in die Kammer zurück und zerrte ihren Mann, der sich eines festen Schlummers erfreute, am Arme. »Gust, wach uff! s' Madel will sterben.«

Zittelgust dehnte und reckte sich. Gähnend fragte er, warum man ihn mitten in der Nacht wecke. Als er endlich begriffen hatte, um was es sich handle, fuhr er hastig in die Hosen und eilte hinab.

Der ungewohnt vergeistigte Ausdruck im Angesicht seines Kindes machte ihm alles klar. Er ließ sich an Annas Lager nieder und fing an zu weinen. Eine Ahnung überkam ihn, daß das Beste, was er auf der Welt besitze, nunmehr unwiederbringlich von ihm genommen werden solle. Er dachte an seine erste Frau und die beiden Kinder, die er schon verloren. Gerade so hatten die auch drein geschaut in ihrem letzten Kampfe.

Doch weinte er eigentlich mehr über sein eigenes trauriges Geschick als über Anna. Daran, die Sterbende aufzurichten und zu trösten, dachte er nicht. Das Kind war selbst in seiner Schwäche noch mutiger und klüger als er. »Weent ack nich, Vater!« sagte sie. »Wenn 'ch nuff kumma und 'ch sah de Mutter, hernachen wer 'ch 'r alles derzahlen.« –

Nach einer Weile fragte sie mit hoher, pfeifender, kaum noch verständlicher Stimme, ob eine Leinewand auf dem Stuhle sei. Zittelgust bejahte; er hatte vor Kurzem erst aufgebäumt. Anna bat ihn durch Zeichen – sprechen konnte sie schon nicht mehr – daß er sich an den Webstuhl setzen möge. Er that es und fing an zu wirken.

Der Stuhl ließ seine bekannte Melodie erklingen. Da ratzte das Trittschemelgeschlinge, der Schützen sauste geschäftig hin und her und schlug schütternd in die Kammer, die Lade brummte und dröhnte.

Das Weberkind lauschte den vertrauten Tönen, wie einer herrlichen Melodie. Ein beseligtes Lächeln huschte leicht über das schneeweiße Gesicht. Allmählich wich alle Spannung aus den Zügen. Das Köpfchen lag nach der Ecke gewandt, wo der Vater saß und webte.

Vom Rhythmus des alten Webstuhls wie von Engelsflügeln emporgehoben, so entfloh die junge Seele aus ihrem ärmlichen Gefängnis.

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